War Beethoven Revolutionär oder politischer Opportunist? – lautet eine der Fragen, denen die Ausstellung „Beethoven – Welt.Bürger.Musik“ in der Bundeskunsthalle nachgeht. Kuratiert von Agnieszka Lulinska und Julia Ronge, verortet sie den Künstler Beethoven und seine Werke in seiner Epoche und zeigt in Kooperation mit dem Beethoven-Haus Bonn, in welchem historischen Umfeld Beethoven seine Kompositionen schuf. Dabei nimmt sie auch den kulturhistorischen Kontext seiner Lebens- und Wirkungsgeschichte in den Blick.

Eine Miniaturbühne mit den Figuren zu Beethovens Oper „Fidelio“, wie sie in der Zeit des Biedermeiers
in Form von Ausschneidebögen verkauft wurde

(Foto: © Beethoven-Haus Bonn)

Beethoven war beim Sturm auf die Bastille 18 Jahre alt. Er begeisterte sich für die Ideen der Revolution, der Forderung nach Gedankenfreiheit, Demokratie und Aufklärung. Seine Mäzene und Gönner aber suchte er in den höchsten Adelskreisen. Es gelang ihm, außergewöhnliche Persönlichkeiten für sich einzunehmen und ihre Unterstützung zu gewinnen. Schon seine Reise nach Wien 1792 wurde von Graf Waldstein bezahlt. Und die Empfehlungen des Grafen öffneten dem 22-jährigen Beethoven die Tore der Wiener Paläste und Palais. Beethoven wurde in Wien der Liebling der Salons.

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Beethoven liebte dieses Porträt von Willibrord Joseph Mähler, das ihn mit der arkadischen Leier
in der Hand zeigte. Er hatte es bis zu seinem Tod bei sich.

(Foto: © Wien Museum)

Es lebten damals viele Reiche und Aristokraten in Wien. Sie kamen in die Stadt, weil sie Privilegien und Ämter vom Kaiser wollten oder vor der Französischen Revolution flohen. Zu Beethovens Förderern gehörten auch Diplomaten wie Graf Anton Apponyi von Nagy-Apponyi oder Johann Georg von Browne, der im Dienste des zaristischen Russlands stand. Beethoven scharte viele junge Menschen um sich. Ignaz Schuppanzigh, der Leiter des Quartetts beim Fürsten Karl Lichnowsky und spätere Leiter des Quartetts von Graf Andrei Kirillowitsch Rasumowski, war sechs jünger. Auch unter Beethovens Mäzenen befanden sich einige, die jünger waren als er. Fürst Franz Joseph Maximilian von Lobkowitz, der mächtigste Mäzen in Wien, war zwei Jahre jünger.

Zudem war es Mode, Musiker oder Komponisten persönlich zu kennen. So veranstalteten Adelige private musikalische Soireen. Sie engagierten Musiker und spielten bisweilen sogar selbst mit. Kaiser Franz I. etwa spielte bei seinen Streichern die Erste Geige. Beethoven verstand es, sich dieses Bedürfnis nach Bildungsmusik, die auf hohem Niveau gepflegt wurde, zunutze zu machen. Er hatte SchülerInnen aus höchsten Adelskreisen. So erteilte er etwa den Töchtern von Anna Gräfin Brunswik de Korompa, den Komtessen Therese und Josephine, Klavierunterricht.

Im böhmischen Heilbad Teplitz bei Prag unternahmen Beethoven und Goethe 1812 einen
gemeinsamen Spaziergang. Das Bild zeigt die Reproduktion einer Radierung von Emile Pierre Pichard

(Foto: © Beethoven-Haus Bonn)

Die Ausstellung folgt in fünf Stationen dem Leben Beethovens. Sie zeichnet seine Lebenssituationen nach und verschränkt sie mit dem musikalischen Werk. 250 Exponate aus der Sammlung des Beethoven-Hauses und von weiteren europäischen Leihgebern illustrieren einzelne Themenkreise wie „Beethovens Sicht auf sich selbst“ oder „Frezundschften“. Dabei geht es den Kuratorinnen vor allem darum, den Menschen hinter dem Komponisten sichtbar werden zu lassen. So ist ein Themenkreis Beethovens „Geschäftlichen Strategien“ gewidmet.

Gustav Leopolds Radierung von Beethovens Wohn- und Musikzimmer im Wiener
Schwarzspanierhaus nach einer Zeichnung von Johann Nepomuk Hoechle

(Foto: © Wien Museum)

Beethoven lebte als freischaffender Komponist in Wien. Er komponierte unentwegt, und es gelang ihm dank seiner Kontakte, Förderer für die Veröffentlichung seiner Werke zu gewinnen. Bereits 1795 begann er, seine Kompositionen kontinuierlich mit Opuszahlen zu versehen. Das war wichtig für die Vermarktung seiner Werke. Denn es vereinfachte die Identifizierung und erschwerte Raubdrucke. Beethoven hatte einen Sinn für das, was er wert war und begründete eine neue Einstellung des Künstlers gegenüber sich und seinem Werk. Seine Einkünfte in Wien waren beträchtlich und das Selbstvertrauen, das er ausstrahlte, war so enorm, dass Haydn ihn den „Großmogul“ nannte.

Beethovens letzter Flügel: ein Hammerklavier Des Klavierbauers Conrad Graf
(Foto: © Beethoven-Haus Bonn)

Die Ausstellung widmet sich auch Beethovens Umgang mit seiner Ertaubung und all seinen weiteren Krankheiten. Zu sehen gibt es dazu das Autograf des sogenannten „Heiligenstädter Testamentes“. In jenem langen Brief, den Beethoven am Ende seines Kuraufenthalts in Heiligenstadt 1802 an seine Brüder Kaspar Karl und Johann verfasste, den er jedoch nie abschickte, offenbarte er seine Ertaubung und damit die Ursache dessen, was ihn so menschenfeindlich erscheinen ließ.

Das Autograf von Beethovens Brief an Heinrich von Struve, der 1795 als Diplomat
nach Russland abkommandiert wurde

(Foto: © Beethoven-Haus Bonn)

Zum ersten Mal im Original zu sehen ist der vom Beethoven-Haus jüngst erworbene Brief Beethovens an Heinrich von Struve, der 1795 als Diplomat nach Russland gehen musste. Beethoven bemitleidete den Freund aus Bonner Zeit, dass er „jezt in dem Kalten Lande [sei], wo die Menscheit noch so sehr unter ihrer Würde behandelt wird“. Er fragte sich, wann der Zeitpunkt komme, „wo es nur Menschen geben wird“, zweifelte jedoch daran, dass dieser glückliche Zeitpunkt in naher Zukunft an allen Orten der Welt eintreten werde – „das werden wir nicht sehen, da werden wohl noch Jahrhunderte vorübergehen“.
Zu sehen sind auch Autografen der Partituren, Und in einer Hörecke kann man das entsprechende Musikstück auch anhören.

Weitere Informationen zur Ausstellung „Beethoven – Welt.Bürger.Musik“ in der Bundeskunsthalle: www.bundeskunsthalle.de

Zur Ausstellung erscheint im Verlag Wienand ein Katalog in Form eines Bildbandes: www.amazon.de

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Ruth Renée Reif
Das „flüchtige Ereignis“ in crescendo anzukündigen, ist die Aufgabe von Ruth Renée Reif: Als Erleben-Redakteurin spürt sie mit detektivischem Eifer packende, hören- und sehenswerte Veranstaltungen für uns auf. Ruth Renée Reif studierte in Wien Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte und ist seit ihrer Promotion 1987 in München als freie Journalistin und Publizistin tätig. Zu ihren Veröffentlichungen zählen eine Biografie über die Sängerin Karan Armstrong, ein historisches Porträt der Stuttgarter Philharmoniker sowie zahlreiche Gespräche mit Musikern, Schriftstellern und Philosophen.

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