Die Rheinland-PfalzBurgen-Oase & Europakultur

Nibelungenfestspiele Worms
Foto: Bernward Bertram

Die Vermittlung von Kunst und Geschichte wird in der Pfalz ganz großgeschrieben.

Fröh­lich Pfalz!“ ist mehr als ein Ope­ret­ten­jauch­zer. Bei der Fra­ge nach sei­nen bevor­zug­ten Orten in Worms, Spey­er, Trier, Koblenz und Neu­stadt an der Wein­stra­ße mit den umlie­gen­den Dör­fern schwimmt Micha­el Wer­ner vom Ver­band „Roman­tic Cities“ etwas. Sogar für ihn ist die end­gül­ti­ge Ent­schei­dung eine kaum zu bewäl­ti­gen­de Hür­de. In die­ser Kul­tur- und Genuss­re­gi­on in der Nähe zu den Zen­tren Mann­heim und Lud­wigs­ha­fen oder zur Stu­den­ten­me­tro­po­le Hei­del­berg kon­zen­trie­ren sich euro­päi­sche Geschich­te und Iden­ti­tät. Monu­men­te aus Römer­zeit, Völ­ker­wan­de­rung, Mit­tel­al­ter, Refor­ma­ti­on und Gegen­wart eröff­nen ein fas­zi­nie­rend schil­lern­des Geschichts­pan­ora­ma von sel­te­ner Dich­te.

Am bes­ten ver­schafft man sich einen Über­blick von oben, vom Höhen­zug des Ham­ba­cher Schlos­ses. 200.000 Besu­cher genie­ßen jähr­lich den wun­der­ba­ren Blick auf die Wein­la­gen. Weit reicht das Pan­ora­ma nach Osten in die Rhei­ni­sche Ebe­ne, an kla­ren Tagen bis zum Oden­wald im Nor­den und bis zum Schwarz­wald im Süden. Mit Wein iden­ti­fi­ziert sich Rhein­land-Pfalz eben­so wie mit sei­nen 500 Bur­gen, Schlös­sern und Rui­nen. Das gan­ze Jahr über rei­hen sich auf den Wein­gü­tern und im größ­ten zusam­men­hän­gen­den Wald­ge­biet Deutsch­lands Musik, Kunst und Fes­te. Der Kreis­lauf beginnt beim Früh­lings­er­wa­chen zum Man­del­blü­ten­fest in Gim­mel­din­gen und mün­det auf dem belieb­ten Fein­schme­cker­treff Kuni­gun­den­markt in Neu­stadt und dem Weih­nachts­markt Koblenz ins lebens­freu­di­ge Fina­le. Höhe­punk­te fal­len vor allem in den dort immer gol­de­nen Herbst nach der Wein­le­se, das w.i.n.e.FESTival etwa. Weit leuch­ten­der Glanz­punkt ist die Wahl der pfäl­zi­schen und deut­schen Wein­kö­ni­gin im Saal­bau von Neu­stadt. Davor, zum Erleb­nis­tag der Deut­schen Wein­stra­ße im August, fei­ern Ein­hei­mi­sche und Gäs­te die sagen­haf­te Kul­tur­land­schaft: 85 Kilo­me­ter sind an die­sem Tag für alle Motor­fahr­zeu­ge tabu.

Es ist nur eine Sei­te der Pfalz, wür­de man die­se Idyl­le mit den mil­den Tem­pe­ra­tu­ren als nörd­li­che Alter­na­ti­ve zu Süd­ti­rol wahr­neh­men. An Rhein, Neckar und Mosel agiert der höchs­te Anteil aller Mit­glie­der im Ver­band Deut­scher Prä­di­kats­wein­gü­ter. In Holz­fäs­sern gereif­te Edelsor­ten wie Spät­bur­gun­der und der Ries­ling, König der deut­schen Weiß­wei­ne, wir­ken iden­ti­täts­stif­tend. Aber es wäre falsch, in die­ser Genuss­re­gi­on mit medi­ter­ra­nem Ein­schlag die durch erle­se­ne Ver­an­stal­tun­gen beleb­ten Traum­or­te dar­über zu ver­ges­sen. Seit 30 Jah­ren ver­an­stal­tet die Lan­des­stif­tung Vil­la Musi­ca Kon­zer­te mit Welt­klas­se-Inter­pre­ten und deren Meis­ter­schü­lern. Der Kul­tur­som­mer Rhein­land-Pfalz führt zu male­ri­schen Orten und auch Spu­ren einer beweg­ten Indus­trie­ge­schich­te.

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Nibelungenfestspiele
Foto: Rudolf Uhrig

Bei den Worm­ser Nibe­lun­gen­fest­spie­len para­die­ren Pro­mi­nen­te und Star­lets auf dem roten Tep­pich durch ein Spa­lier Schau­lus­ti­ger zur Pre­mie­re. Dabei stellt sich die Fra­ge nach Dich­tung und Wahr­heit die­ser deut­schen Mord­ge­schich­te vor der ein­drucks­vol­len Tota­le des Worm­ser Doms jedes Jahr anders. Jetzt dräut hoch­mit­tel­al­ter­li­che Kon­kur­renz und eigent­lich sind es zu vie­le Jubi­lä­en für ein ein­zi­ges Bun­des­land, die ihre Schat­ten vo­rauswerfen: Die Dom­stadt Spey­er hul­digt Robin Hood und Richard Löwen­herz. Der nor­man­ni­sche König und sein Trou­ba­dour Blon­del fühl­ten sich in Deutsch­land viel woh­ler als auf den rau­en bri­ti­schen Inseln. An kaum einem Ort wird der Puls der Zeit so spür­bar wie auf der Reichs­burg Tri­fels, auf deren Rui­ne erst seit Mit­te des 20. Jahr­hun­derts wie­der Mau­ern ste­hen.

Tri­fels und das Ham­ba­cher Schloss, 1832 Ziel­punkt der bis dahin größ­ten Demons­tra­ti­on für Pres­se­frei­heit und des­halb ein Trä­ger des Euro­päi­schen Kul­tur­er­be-Sie­gels, gehö­ren zur Pfalz genau­so wie die Spu­ren des Worm­ser Reichs­tags 1521, bei dem Luthers Kri­tik zur auto­no­men Kon­fes­si­on erstark­te. Die Römer­stadt Trier ehrt den poli­ti­schen Theo­re­ti­ker Karl Marx zum 200. Geburts­tag. Egal ob dort an der Por­ta Nigra, wo es in den Füh­run­gen um das stren­ge Leben in einer römi­schen Legi­on geht, oder auf der Fes­tung Ehren­breit­stein am Deut­schen Eck, dem Tor zum Welt­erbe Obe­res Mit­tel­rhein­tal: Die Ver­mitt­lung von Kunst und Geschich­te wird in der Pfalz ganz groß­ge­schrie­ben. Auf Burg Tri­fels, wo er in ehren­vol­ler Haft war, erlebt man Die Befrei­ung des Richard Löwen­herz als exzel­len­tes Kabi­nett­stück­chen des jun­gen Gen­res „Muse­ums­dra­ma“. Eisen­ket­ten klir­ren schau­rig, und der Dar­stel­ler fächert die schier unent­wirr­ba­ren Ran­kü­nen bes­tens ver­ständ­lich auf. Ein ver­gleich­ba­res Kabi­nett­stück lie­fert Pfar­rer Micha­el Land­graf in Neu­stadt: Als „Dru­cker­meis­ter“ kreist er bei sei­nen Füh­run­gen um weni­ger bekann­te Kapi­tel der Refor­ma­ti­on. Kern­the­men des Ver­fas­sers des his­to­ri­schen Romans Der Pro­tes­tant sind Zacha­ri­as Ursi­nus, Ver­fas­ser des Hei­del­ber­ger Kate­chis­mus, und das vogel­ähn­li­che Fabel­we­sen Elwe­trit­sche, die katho­lisch-pro­tes­tan­ti­sche Stifts­kir­che und die Ver­le­gung der Uni­ver­si­tät von Hei­del­berg nach Neu­stadt.

Es gibt kaum ein mehr ent­spann­tes Erle­ben der geer­de­ten und dabei so hei­te­ren Schön­heit die­ser Regi­on als den 30-minü­ti­gen Spa­zier­gang vom Ham­ba­cher Schloss Rich­tung Süden zur Aus­flugs­wirt­schaft Zeter Berg­haus mit Blick in die Ebe­ne. Das ist zu jeder Jah­res­zeit gut, sogar im Novem­ber­ne­bel, was den abge­dank­ten Bay­ern­kö­nig Lud­wig I. in die Idyl­le sei­ner Pfäl­zer Vil­la Lud­wigs­hö­he gezo­gen hat­te: Die bis in die jüngs­te Gegen­wart stim­mungs­voll und ehr­lich bewahr­te Ein­heit von land­schaft­li­chem Reiz, mil­dem Kli­ma und Savoir-viv­re.

 

Tipps, Infos & Adressen

Musik & Kunst

Jüdi­sches Erbe am Rhein: www.schum­staedte.de  |  Kon­zer­te Vil­la Musi­ca: www.villamusica.de  |  Karl-Marx-Aus­stel­lung im Rhei­ni­schen Lan­des­mu­se­um Trier: www.karl-marx-ausstellung.de (bis 21.10.18)  |  Richard-Löwen­herz- und Robin-Hood-Aus­stel­lung im His­to­ri­schen Muse­um der Pfalz Spey­er: www.museum.speyer.de  (bis 15.5. bzw. 3.6.18)  |  Nibe­lun­gen­fest­spie­le vor dem Worm­ser Dom: www.nibelungenfestspiele.de  |  Thea­ter im Saal­bau Neu­stadt a. d. W.: www.neustadt.eu/Tourismus-Wein/Stadthalle-Saalbau

Foto: Hotel Pala­ti­na

Essen & Trinken

Emp­feh­lun­gen, Qua­li­täts­kri­te­ri­en, Koch­re­zep­te fin­det man bei Culi­na­ry Heri­ta­ge Pfalz: www.culinary-heritage.com  |  Im VDP sind die Prä­di­kats­wein­gü­ter ver­eint: www.vdp.de  |  Ein Restau­rant im Wein­dorf Muss­bach mit klas­si­scher Spei­se­kar­te (Blut­wurst und Sau­ma­gen) und schö­nem Gast­gar­ten unter Bäu­men. In den Neben­räu­men mit Gale­rie und Biblio­thek sit­zen Kar­ten­spie­ler wie vor 30 Jah­ren. Hier waren sie alle, von Anne­lie­se Rothen­ber­ger bis Eri­ka Köth: www.eselsburg.de  |  Weih­nachts­märk­te gibt es etwa in Koblenz oder Neu­stadt a. d. W.: www.neustadt.eu

Übernachten

Idea­ler Start­punkt zwi­schen fast allen bedeu­ten­den Aus­flugs­zie­len ist Neu­stadt an der Wein­stra­ße: Hotel Pala­ti­na ver­bin­det heu­ti­ge Exklu­si­vi­tät und tra­di­ti­ons­be­wuss­te Gast­lich­keit. Wer ein idyl­li­sches Domi­zil in einem der ein­ge­mein­de­ten Wein­dör­fer bevor­zugt, wohnt etwa im klei­nen Wein­ho­tel Mug­ler in Gim­mel­din­gen. Ein pit­to­res­ker Ort ist das Alte Ruder­haus am Rhein­ufer in Worms und am Rhein­rad­weg. Wer es urba­ner mag, liegt im Dom­ho­tel im Herz der Innen­stadt von Worms rich­tig.
www.hotel-palatina.com  |  www.weingut-mugler.de  |  www.altes-ruderhaus.de  |  www.dom-hotel.de

 

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Roland H. Dippel brennt für Kontraste im groß(artig)en wie im klein(formatig)en Musik-, Tanz- und Konzert-Theater. Auf Entdeckungsreisen zu idyllischen Nischen und verwegenen Momenten folgt er freudig apollinischen Verheißungen und dionysischen Lockrufen. Boulevard, Belcanto, Brauchtum, ästhetische Exzesse in Literatur und Kunst sind Ziele seiner realen und fiktiven Abenteuer-Streifzüge. Er schätzt greifbare Bücher mehr als E-Books.

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