Daniel Hope trifft Sascha Goetzel Rosenkavalier in Istanbul

Wie ist es, die großen Klassiker der Musik zum ersten Mal in der Türkei aufzuführen? Unser Kolumnist sprach mit Sascha Goetzel, Leiter des Borusan Istanbul Philharmonic Orchestra.

Daniel Hope: Seit 2008 bist du Chef des Borusan Philharmonischen Orchesters in Istanbul. Wie fühlt sich das an?

Sascha Goe­tzel: Die­se Ener­gie, die Istan­bul hat, die­ser Schmelz­t­igel zwi­schen Ost und West, spie­gelt sich auch bei den Musi­kern wider. Es ist ein sehr jun­ges, unglaub­lich ambi­tio­nier­tes und lern­wil­li­ges Orches­ter. Musi­ka­lisch hat­ten wir von Anfang an eine sehr inti­me, ener­ge­ti­sche Ver­bin­dung. Das hat bis heu­te gehal­ten. Wenn man nach so vie­len Jah­ren noch die­ses Feu­er, die­se Lei­den­schaft in der Musik und den Lern­wil­len spürt, ist das für einen musi­ka­li­schen Lei­ter das Schöns­te, was es gibt.

Wie ist es, wenn du ein großes Werk des klassischen Repertoires dort aufführst? Viele Leute hören die hier gängigen Werke dort ja zum ersten Mal.

Vor vier Jah­ren führ­ten wir im Rah­men des Beet­ho­ven-Fes­ti­vals die Mis­sa solem­nis auf. Die­ses für uns so bedeu­ten­de Stück war in der Tür­kei noch nie auf­ge­führt wor­den. Ich hat­te ein etwas mul­mi­ges Gefühl im Magen, weil es einer­seits ein unglaub­lich spi­ri­tu­el­les Stück ist, ande­rer­seits auch sehr lan­ge dau­ert. Aber das Kon­zert wur­de wun­der­bar auf­ge­nom­men, das Publi­kum jubel­te fre­ne­tisch. Es ist ein Pri­vi­leg, so ein Stan­dard­werk einem Publi­kum zum ers­ten Mal prä­sen­tie­ren zu dür­fen!

Oder ver­gan­ge­nes Jahr spiel­ten wir den Rosen­ka­va­lier. Den erst­mals zu hören, ist auch für das Publi­kum eine gro­ße Leis­tung. Man sitzt vier Stun­den da, hört end­lo­se Gir­lan­den und Melo­di­en … Natür­lich ist es für uns West­eu­ro­pä­er wun­der­schön, aber man muss sich eben vor­stel­len, man hört es zum ers­ten Mal.

Die­se Ener­gie, die Istan­bul hat, die­ser Schmelz­t­igel zwi­schen Ost und West, spie­gelt sich auch bei den Musi­kern wider“

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Wir ver­su­chen jedes Jahr, ein oder zwei sol­cher Stü­cke ein­zu­bau­en. Das Schö­ne ist, dass auch die ande­ren tür­ki­schen Orches­ter die­se Pro­gram­ma­tik über­neh­men. So schafft man einen nach­hal­ti­gen Bei­trag zum Kul­tur­le­ben und nicht nur ein Event, um Publi­kum zu fan­gen.

Du dirigierst bereits in der dritten Saison auch an der Wiener Staatsoper. Hoffst du, auch Oper in Istanbul zu etablieren?

Das hoff­te ich von Anfang an. Es gibt hier eine gro­ße Opern­tra­di­ti­on durch Ley­la Gen­cer, die gro­ße tür­ki­sche Diva, die an der Mai­län­der Sca­la im Ver­gleich zur unnach­ahm­li­chen Maria Cal­las zwar nur die zwei­te war, aber eine gro­ße ita­lie­ni­sche Opern­tra­di­ti­on in die Tür­kei brach­te. Ich bin der Mei­nung, dass ein Spit­zen­or­ches­ter immer auch Oper spie­len muss. Des­halb habe ich von Anfang an ein­mal im Jahr kon­zer­tant – oder wie man so schön sagt: „semi-sta­ged“ – Oper gemacht. Letz­tes Jahr mit dem Rosen­ka­va­lier wag­ten wir uns dann zum ers­ten Mal an eine „ful­ly-sta­ged“, also sze­ni­sche Ver­si­on. Das Orches­ter ent­wi­ckelt dadurch eine ganz ande­re Hör­ge­wohn­heit: Zum Beglei­ten der Sän­ger ist unheim­li­che Sen­si­bi­li­tät not­wen­dig. Wort und Musik zusam­men bil­den eine neue Kunst­form. Das schult das Orches­ter. Für die­sen noch immer sehr jun­gen Klang­kör­per ist das eine wun­der­ba­re Her­aus­for­de­rung.

Wort und Musik zusam­men bil­den eine neue Kunst­form“

Wir beide haben mit dem Violinkonzert von Gabriel Prokofiev und Mark-Anthony Turnages Doppelkonzert nun schon zum zweiten Mal ein Werk der Neuen Musik mit dem Borusan zur Uraufführung gebracht. Wie wichtig ist es, Neue Musik zum Leben zu erwecken?

Auf­trags­wer­ke sind wahn­sin­nig wich­tig, denn ich bin der Mei­nung, dass sich klas­si­sche Musi­ker immer auch mit der zeit­ge­nös­si­schen Musik befas­sen müs­sen und nicht nur das Reper­toire spie­len soll­ten, das schon in den letz­ten 300 Jah­ren gespielt wor­den ist. Zeit­ge­nös­si­sche Kom­po­nis­ten stel­len über ihre Musik ein Abbild unse­rer Umge­bung her, sowohl der mensch­li­chen als auch unse­rer Umwelt. Manch­mal beschwe­ren sich Leu­te: „Das klingt wie Müll!“ Dann ant­wor­te ich: „Schau­en Sie sich doch ein­mal um, wie viel Müll in unse­rer Welt her­um­liegt!“ Ein Orches­ter, das kei­ne Auf­trags­wer­ke spielt, ist für mich kein Orches­ter unse­rer Zeit!

Wie siehst du die Zukunft der Musik in der Türkei?

Im Moment scheint sie mir sta­bil. Die Musi­ker in den Staats­or­ches­tern haben alle gesi­cher­te Ver­trä­ge. Wir selbst sind anders, weil wir durch den tür­ki­schen Misch­kon­zern Boru­san rein pri­vat finan­ziert wer­den. Wir haben das Bud­get für die nächs­ten drei, vier Jah­re fix – inklu­si­ve wun­der­ba­rer Solis­ten und Pro­gram­me. Unse­re Arbeit ist also erst ein­mal gesi­chert!

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