Robert MeyerRotzfrech muss die Operette sein!“

Robert Meyer
Foto: Dimo Dimov

Robert Meyer ist Schauspieler und Direktor der Volksoper Wien. Wir sprachen mit dem Publikumsliebling über Operette heute.

crescendo: Herr Meyer, können Sie sich noch an Ihre erste Begegnung mit der Operette erinnern?

Robert Mey­er: Das war in Salz­burg, wo ich wäh­rend des Stu­di­ums am Mozar­te­um am Lan­des­thea­ter auf­ge­tre­ten bin – in einer Ope­ret­ten­rol­le, mit der vie­le Schau­spie­ler begon­nen haben: als Pic­co­lo im Wei­ßen Rössl.

Haben Sie nicht auch Kindheitserinnerungen an das Genre?

Die sind gemischt. Ich bin im tiefs­ten baye­ri­schen Land auf­ge­wach­sen, ergo war ich lan­ge in kei­nem Thea­ter, son­dern wir haben sel­ber Thea­ter gespielt und im Chor gesun­gen. Ein Aus­flug des Kir­chen­cho­res hat uns gleich in die Oper geführt, zu Fide­lio an der Baye­ri­schen Staats­oper. Außer­dem hat­ten wir zu Hau­se lang kei­nen Fern­se­her, haben aber sonn­tags immer das Wunsch­kon­zert im Radio gehört – und da gab es wirk­lich meis­tens Ope­ret­ten­me­lo­di­en, bestellt für den Geburts­tag von Groß­müt­tern, Tan­ten und so wei­ter. Hast du dort oben ver­ges­sen auf mich und was auch immer – da hat man natür­lich mit­ge­summt. Aber so wie bei man­chen Regis­seu­ren, die Omas Schall­plat­ten mit­ge­hört und sich schon als Kin­der in die Musik ver­liebt haben – so war das nicht bei mir. In den 70ern gab es dann in ZDF und ARD Ope­ret­ten­ver­fil­mun­gen mit Rudolf Schock, Inge­borg Hall­stein und ande­ren Stars. Ich muss zuge­ben, dass mich das total abge­schreckt hat. Ich dach­te, Ope­ret­te sei das Fades­te auf Got­tes Erd­bo­den! Erst spä­ter wur­de ich bekehrt – als ich gese­hen habe, dass das auch anders geht.

Als Nestroy-Darsteller waren Sie immerhin Singen gewöhnt …

Ja, ich bin gott­lob in einer Zeit ans Burg­thea­ter gekom­men, als dort für Nes­troy-Cou­plets noch ein rich­ti­ges Orches­ter im Gra­ben gespielt hat, mit Diri­gent. Spä­ter wur­de es modern, das durch eine Com­bo zu erset­zen, durch einen Kamm­blä­ser oder was auch immer – eigent­lich scha­de. Dann, hier an der Volks­oper, war mein Ein­stieg auf der Büh­ne wie­der das Wei­ße Rössl, aller­dings schon der schö­ne Sigis­mund. Der San­cho im Mann von La Man­cha kam dazu, der Frosch in der Fle­der­maus, bekannt­lich eine rei­ne Sprech­rol­le, und der Njegus in der Lus­ti­gen Wit­we, der einen Satz in einem Sex­tett zu sin­gen hat, der aber nicht sehr feh­len wür­de …

Sie sind jetzt seit zehn Jahren Direktor der Volksoper Wien, haben hier schon viele Rollen verkörpert. Hat es ein mitspielender Prinzipal leichter?

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Ob er es leich­ter hat, weiß ich nicht. Aber ich bin über­zeugt, dass die Bezie­hung zu den Künst­lern, zu Chor und Bal­lett, zur Tech­nik und allen hin­ter der Büh­ne eine ande­re ist, wenn man auch auf der Büh­ne steht. Mit prak­tisch allen Solis­ten habe ich in die­sen zehn Jah­ren schon ein­mal gespielt. Ich emp­fin­de mich dann als Kol­le­ge unter Kol­le­gen und den­ke, ich wer­de auch so behan­delt. Es kam nie vor, dass mich jemand in einer Pro­be zur Sei­te genom­men hat, um etwas von mir als Direk­tor zu bekom­men.

Ich dach­te, Ope­ret­te sei das Fades­te auf Got­tes Erd­bo­den!

Die Volksoper ist in Wien das Haus für Operette – was ist wunderbar an diesem Auftrag, was ist schwierig?

Das Schö­ne an der Volks­oper sind die vier Spar­ten: Oper, Ope­ret­te, Musi­cal und Bal­lett. Die Ope­ret­te ist dabei eine beson­ders tol­le Auf­ga­be. Das Wich­ti­ge dabei ist, dass man Ope­ret­te heu­te viel sprit­zi­ger, fre­cher, fri­vo­ler, las­zi­ver machen muss als sei­ner­zeit – ich bin über­zeugt, das Gen­re ver­langt das. Wenn man das tut, kommt auch das Publi­kum wie­der. Leu­te, von denen man glaubt, sie gin­gen nicht in die Ope­ret­te – die Jün­ge­ren näm­lich. Bei Ope­ret­te darf man kei­ne Scheu haben – sonst wäre sie tot. Rotz­frech, so muss sie sein!

Trotzdem: Eine eigene musikgeschichtliche Zukunft hat das Genre ja nicht …

Das Musi­cal ist die his­to­ri­sche Fort­set­zung der Ope­ret­te, das ist ein­fach so. Wir spie­len die klas­si­schen Stü­cke aus den 40er- bis zu den 60er-Jah­ren – mit eini­gen spä­te­ren Aus­nah­men bis hin zu unse­rer Urauf­füh­rung Vival­di. Gera­de das klas­si­sche Musi­cal ist musi­ka­lisch groß­ar­tig – und teil­wei­se außer­or­dent­lich schwer. Die wun­der­ba­ren Melo­di­en von My Fair Lady kann natür­lich nahe­zu jeder zwit­schern, da sind wir wie­der beim Wunsch­kon­zert, aber die spä­te­ren Stü­cke haben es oft in sich. In Swee­ney Todd habe ich mit­ge­spielt, das ist eher zeit­ge­nös­si­sche Oper: Wehe, man rutscht da mal in einem Quar­tett oder Sex­tett aus!

In älterer Musik wird oft versucht, das Repertoire mit vergessenen Stücken zu erweitern. Auch manche Operetften waren zu ihrer Zeit sehr erfolgreich und sind trotzdem verschwunden.

Manch­mal fragt man sich, war­um ein nament­lich noch irgend­wie bekann­tes Stück nie­mand mehr spielt. Schaut man es sich dann genau­er an, kommt man oft drauf: Das hat sei­nen Grund! Nes­troy hat 83 Stü­cke geschrie­ben, gespielt wer­den unge­fähr ein Dut­zend. Ich besit­ze meh­re­re Gesamt­aus­ga­ben und habe die durch­ge­ackert. Da liest man dann einen guten ers­ten Akt, einen groß­ar­ti­gen, ja fabel­haf­ten zwei­ten Akt – und plötz­lich einen drit­ten, der ins Boden­lo­se abstürzt! Weil der Autor offen­bar unter Zeit­druck einen Schluss hin­ge­schlu­dert hat. Schon kann man das gan­ze Stück ver­ges­sen. Da gibt es in der Ope­ret­te etli­che Par­al­le­len: Bei man­chen Wer­ken ist es gut, dass sie dort lie­gen, wo sie lie­gen.

Also Vorsicht bei Ausgrabungen?

Eher ja. Es gibt da oft gro­ße musi­ka­li­sche Schön­hei­ten, bei denen aber der Text nicht nach­kommt. Das kann für eine kon­zer­tan­te Auf­füh­rung gut sein, aber eine Insze­nie­rung wird da schwie­rig.

Die Vergangenheit der Operette, die an der Volksoper gepflegt wird, ist ohnehin außerordentlich reich, hat sich in verschiedene Richtungen ausdifferenziert – Paris, Wien, Berlin …

Dazu muss ich eine Geschich­te erzäh­len: Mei­ne ers­te Sai­son steht bevor und Heinz Haber­land ruft mich an, der mitt­ler­wei­le ver­stor­be­ne Regis­seur und Inten­dant. Er fragt, womit ich begin­nen wer­de. Mit Offen­bach, sage ich. Kur­ze Pau­se. „Um Got­tes Wil­len – wel­ches Stück?“ Ich: Orpheus in der Unter­welt. Noch län­ge­re Pau­se. Und dann schallt es aus dem Hörer: „Das ist ja ent­setz­lich! Robert! Offen­bach in Wien geht über­haupt nicht! Und Orpheus schon gar nicht!“ – Gott sei Dank hat­te er unrecht, die Pro­duk­ti­on wur­de ein gro­ßer Erfolg und kommt wie­der auf den Spiel­plan. Auch bei Stü­cken wie Linckes Frau Luna oder Kün­ne­ckes Vet­ter aus Dings­da gab es Befürch­tun­gen, sie wür­de viel­leicht in Wien nicht ankom­men – denks­te! Gera­de die Ber­li­ner Ope­ret­te hat etwas Fri­vo­les, was die Leu­te hier ganz gern haben. Und das Wie­ner Reper­toire sowie­so, Fle­der­maus, Lus­ti­ge Wit­we, Csár­dás­fürs­tin, Grä­fin Mari­za und so wei­ter. Und ich geste­he: Ich tre­te auch ganz ger­ne mit auf.

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Walter Weidringer
Walter Weidringer lebt und arbeitet als Musikwissenschaftler, Journalist und Kritiker in Wien. Seit seiner Mittelschulzeit schreibt und spricht er über Musik und ihre Interpretation: in Büchern, Zeitungen, Zeitschriften, Programmheften, bei Vorträgen und im Radio. Fit hält er sich damit, beim Eintragen in die Datenbank seiner CD-Sammlung nie mehr als drei Laufmeter im Rückstand zu sein.

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