Sabine DevieilheAlles, nur keine Diva!

Sabine Devieilhe
Foto: Marc Ribes

Sie wirkt wie die französische Antwort auf die junge Diana Damrau. Sopranistin Sabine Devieilhe ist eine der bemerkenswertesten Sängerinnen, die in den letzten Jahren auf die großen Bühnen der Welt katapultiert wurden. Sie gräbt sich lieber tief in die Noten, als Allüren zu pflegen.

crescendo: Sie haben als Cellistin mit der Musik angefangen, hat das Ihr Singen beeinflusst?

Sabi­ne Devi­eil­he: Das Cel­lo­spiel hat mir mit­ge­ge­ben, wie man ein bestimm­tes Gewicht füh­len muss, um einen schö­nen Klang zu pro­du­zie­ren – selbst bei einer leich­ten Stim­me wie mei­ner. Auf dem Cel­lo braucht man schließ­lich auch für die leich­tes­te Melo­die in den höchs­ten Regis­tern ein bestimm­tes Mini­mum von Bogen­druck auf der Sei­te. Und genau die­ses Gewicht ist so wich­tig für die Unter­stüt­zung einer sehr leich­ten Stim­me. Bis heu­te den­ke ich beim Sin­gen an mei­nen rech­ten Arm, den Bogen, und die­ses Gefühl von Stüt­ze, die der Arm und der gan­ze Kör­per beim Cel­lo­spiel brau­chen. Lei­der war ich nie so gut auf dem Cel­lo, wie ich es hät­te sein wol­len. Der Bogen wur­de nie ganz zur natür­li­chen Erwei­te­rung mei­nes Arms, des­halb bin ich auch kei­ne Cel­lis­tin mehr. Erst mit dem Sin­gen konn­te ich genau das musi­ka­lisch errei­chen, was ich mir vor­stel­le – viel Arbeit und eine gute Tech­nik vor­aus­ge­setzt. Und ein genau­es Sich-Zuhö­ren.

Sie sind in der Alten Musik gleichermaßen zu Hause wie in der Oper des 20. Jahrhunderts. Macht der Blickwinkel aus dem Barock einen Unterschied in der musikalischen Herangehensweise?

Ja. Ich glau­be, wir kön­nen nicht Mozart ent­de­cken, ohne Bach zu ken­nen. Genau­so kön­nen wir nicht Debus­sy ver­ste­hen, ohne Rameau erfasst zu haben. Aber his­to­risch infor­mier­te Auf­füh­rungs­pra­xis hin oder her, das Wich­tigs­te ist es, den beab­sich­tig­ten musi­ka­li­schen Effekt zu ver­ste­hen. Wie sol­len zum Bei­spiel die ers­ten, vom Fagott gespiel­ten Noten von Stra­win­skys Le Sacre du Prin­temps klin­gen? Auf einem moder­nen Instru­ment geht das heu­te ein­fach. Es soll aber furcht­bar oder zumin­dest bit­ter und selt­sam klin­gen. Es wur­de absicht­lich für die damals höchs­ten vom Fagott spiel­ba­ren Töne geschrie­ben. Des­halb lie­be ich es, mich in die Par­ti­tu­ren rich­tig ein­zu­gra­ben. Denn auch als Sän­ge­rin geht es nicht um die­ses Kli­schee von der Diva, die ein­mal auf die Büh­ne rauscht, ihr Bes­tes gibt und mit flie­gen­den Fah­nen wie­der abschwirrt. Ver­ste­hen Sie mich nicht falsch: Ich bin ein gro­ßer Fan von Divas, schö­nem Klang als Selbst­zweck, hoher Gesangs­kunst und Star­ruhm. Aber das bin nicht ich! Ich ver­su­che alles, um zu ver­ste­hen, wel­chen Effekt der Kom­po­nist gewollt hat – und die­sen dann auf der Büh­ne umzu­set­zen.

Auf Ihrem aktuellen Album „Mirages“ wenden Sie sich der französischen Musik zu. Gibt es nationale Unterschiede in der Musik und speziell im Gesang?

Für mich lag es nach zwei Alben mit Rameau und Mozart jetzt wie­der nahe, fran­zö­si­sche Musik auf­zu­neh­men. Nicht nur weil ich Fran­zö­sin bin, son­dern weil ich glau­be, dass ich eine sehr fran­zö­si­sche Stim­me habe. Ich fin­de mich ein wenig in den alten fran­zö­si­schen Sän­gern wie­der – beson­ders denen, die in der Kolo­ra­tur­tra­di­ti­on ste­hen. Mado Robin zum Bei­spiel oder Lily Pons. Ich habe die­sen Stim­men seit mei­nen frü­hes­ten Anfän­gen als Sän­ge­rin gelauscht. Und nach­dem ich die­ses Reper­toire sin­gen kann, war die Wahl klar.

Wenn ich auf Fran­zö­sisch sin­gen kann, ist es, als dürf­te ich demons­trie­ren, wie man in der fran­zö­si­schen Tra­di­ti­on die Stim­me in den Kör­per“

Was genau macht denn eine typisch französische Sopranstimme aus?

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Ich glau­be, das hat etwas mit der Leich­tig­keit der Stim­me zu tun, aber auch damit, wie wir die Voka­le for­men. Gera­de sin­ge ich Bach in Wien mit haupt­säch­lich deut­schen Kol­le­gen, da habe ich den direk­ten Ver­gleich. Ihnen fällt es natür­lich prin­zi­pi­ell leicht, Deutsch aus­zu­spre­chen, aber sie set­zen die Voka­le im Mund, ihrem Instru­ment, ganz anders an. Ein fran­zö­si­scher Sän­ger wür­de das nie so machen. Des­we­gen fin­de ich es so wun­der­bar, über­all in der Welt in unse­rer Spra­che zu sin­gen. Wenn ich auf Fran­zö­sisch sin­gen kann, ist es, als dürf­te ich demons­trie­ren, wie man in der fran­zö­si­schen Tra­di­ti­on die Stim­me in den Kör­per legt und an den Text schmiegt. Die Voka­le müs­sen ganz klar sein und die Stim­me über den gan­zen Ton­raum ihre Leich­tig­keit bewah­ren.

Zwangsläufig denke ich da an Debussys Pelléas et Mélisande, wo der Text die Melodie geradezu diktiert…

Rich­tig. Aber das fängt schon bei Rameau an, bei dem der Text die Far­be der Musik bestimmt. Über­haupt glau­be ich, dass fran­zö­si­sche Kom­po­nis­ten wie Debus­sy, aber eben auch Léo Deli­bes, durch das Orches­ter etwas über die Far­ben der Voka­le und des Tex­tes aus­sa­gen kön­nen. Mög­li­cher­wei­se bin ich des­halb so in fran­zö­si­sche Musik ver­liebt. Im Deut­schen kommt dem viel­leicht Richard Strauss am nächs­ten: Wie Ber­li­oz weiß er, wie man durch geschick­te Orches­trie­rung die Bedeu­tung des Tex­tes her­vor­he­ben kann.

Ein Komponist, der außerhalb Frankreichs leider kaum bekannt ist und noch seltener gespielt wird, ist Charles Koechlin. Ihn haben Sie auch mit auf Ihr neues Album genommen…

Koech­lin ist ein wun­der­ba­rer Kom­po­nist. Er schreibt sehr atmo­sphä­ri­sche, sinn­li­che Musik. Stim­mungs­mu­sik, die nicht so sehr beschreibt, son­dern nur ein Bild sug­ge­riert. Wie sich Mes­sia­en zu Jack­son Pol­lock ver­hält, wo Musik explo­diert und zu Far­be wird, ver­hält sich Koech­lin viel­leicht zu Mark Roth­ko: gro­ße Flä­chen von ein, zwei Far­ben, in die man sich fal­len las­sen muss. Wenn Koech­lin kom­po­niert, steckt er bis zu den Ell­bo­gen in Far­be.

Ist es schwierig, als frischgebackene Mutter auf Tour zu sein?

Rei­sen mit einem klei­nen Kind ist nicht wirk­lich ein­fach. Ich bin des­halb gar nicht mehr oft auf Tour. Seit der Geburt mei­nes Soh­nes letz­tes Jahr habe ich mich haupt­säch­lich auf Oper kon­zen­triert. Das sind dann immer etwa sechs, sie­ben Wochen an einem Ort. Da kann ich mir ein Apart­ment mie­ten und mit mei­nem Jun­gen zusam­men sein. Ich gehe so in mei­ner neu­ge­fun­de­nen Mut­ter­rol­le auf, dass ich gar nicht dar­an den­ken könn­te, auf Kon­zert­tour­ne­en zu gehen, wo er dann zu Hau­se bei der Nan­ny blei­ben müss­te. Mit Oper hin­ge­gen lässt sich das gut arran­gie­ren, zumin­des­tens die nächs­ten drei Jah­re – dann kommt die Schu­le.

Mirages (MP3-Download)


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