Ein Anruf bei Sabine Ruchlinski von KulturRaum e.V. Kulturelle Grundversorgung

Ein Anruf bei Sabine Ruchlinski, Vorstandsmitglied von KulturRaum München. Hier wird ähnlich wie bei „Tafeln“ gearbeitet – nur dass statt Lebensmitteln kostenfreie Tickets für Kulturveranstaltungen vermittelt werden.

crescendo: Frau Ruchlinski, was hat es mit KulturRaum München auf sich?

Sabi­ne Ruch­lin­ski: Kul­tur­Raum Mün­chen ist ein Ver­ein, der 2011 gegrün­det wor­den ist und sich der kul­tu­rel­len Teil­ha­be von Men­schen mit gerin­gem Ein­kom­men ver­schrie­ben hat, indem Kar­ten für Ver­an­stal­tun­gen ver­mit­telt wer­den. Das pas­siert via per­sön­li­cher Tele­fon­ge­sprä­che.

Wie kam es zur Initiative?

Die Idee kommt von der Jour­na­lis­tin Chris­ti­ne Kraus­kopf aus Mar­burg. Selbst bin ich über das Pro­jekt Kul­tur­Le­ben Ber­lin dar­auf gesto­ßen. Ich habe am Thea­ter gear­bei­tet und fand die Idee, nicht ver­kauf­te Plät­ze an Men­schen zu geben, die sie sich nicht leis­ten kön­nen, total über­zeu­gend. In Mün­chen gab es das noch nicht, und es fan­den sich meh­re­re Men­schen zusam­men, um einen Ver­ein zu grün­den.

Wie wird das angenommen?

Sehr gut! Wir haben inzwi­schen rund 10.000 Gäs­te, die wir errei­chen, dar­un­ter 3.000 Ein­zel­gäs­te und der Rest über sozia­le Ein­rich­tun­gen, die als Grup­pen Kul­tur­ver­an­stal­tun­gen besu­chen. Wir haben inzwi­schen noch zusätz­li­che Ange­bo­te für bestimm­te Ziel­grup­pen ent­wi­ckelt, zum Bei­spiel Kul­tur­pa­ten für Men­schen, die Beglei­tung brau­chen, wie Geflüch­te­te oder Men­schen mit Behin­de­rung, ein Pro­jekt für Jugend­li­che, „Kul­tur­Kick“, und „Kul­tur­Kin­der“.

Spüren Sie eine Hemmschwelle bei den Leuten, die sich melden?

ANZEIGE



Nein, weil wir ganz eng mit sozia­len Ein­rich­tun­gen zusam­men­ar­bei­ten. Das heißt, die Gäs­te müs­sen sich nicht bei uns aus­wei­sen, son­dern wir ver­trau­en den über 420 Ein­rich­tun­gen vom Alten-Ser­vice­zen­trum über Mut­ter-Kind-Ein­rich­tun­gen, Ein­rich­tun­gen für Geflüch­te­te bis hin zu psy­cho-sozia­len Wohn­grup­pen. Die­se Sozi­al­part­ner bestä­ti­gen auf der Anmel­dung, dass die Gäs­te berech­tigt sind.

Erreichen Sie kulturelle „Erstkontakte“ oder eher Menschen, die Erfahrung damit haben?

Bei­des! Wir haben sehr vie­le Rent­ner, die schon immer kul­tur­in­ter­es­siert gewe­sen sind und die sich auf­grund ihrer Mini-Ren­te kei­nen Kul­tur­be­such mehr leis­ten kön­nen, tat­säch­lich errei­chen wir aber auch Men­schen, die noch nie in einem Thea­ter oder klas­si­schen Kon­zert gewe­sen sind. Von denen bekom­men wir oft auch sehr schö­ne tele­fo­ni­sche Rück­mel­dun­gen.

Besteht die Gefahr, dass Kultureinrichtungen das Projekt als „Füller“ für schlecht verkaufte Vorstellungen missbrauchen?

Vie­le stel­len uns inzwi­schen lang­fris­tig Kar­ten zur Ver­fü­gung, weil sie das Pro­jekt unter­stüt­zen und die Ziel­grup­pe errei­chen wol­len. So sit­zen unse­re Gäs­te auch in aus­ver­kauf­ten Ver­an­stal­tun­gen und auf sehr guten Plät­zen. Wir haben aber eine erhöh­te Nach­fra­ge an Kino-,
Zir­kus- und Musi­cal­kar­ten, die wir am wenigs­ten bekom­men.

Was gibt es aktuell für Besonderheiten?

Vie­le! Etwa eige­ne Kon­zer­te, die jun­ge Geflüch­te­te und Nicht-Geflüch­te­te im Pro­jekt „Mix­Muc“ orga­ni­sie­ren, einen Lese­kreis und einen Kalen­der „Eintritt.frei“ für alle Bür­ge­rin­nen und Bür­ger, nicht nur unse­re Gäs­te, in dem wir alle Ver­an­stal­tun­gen in Mün­chen sam­meln, die kos­ten­los sind – das sind unge­fähr 300 im Monat!

Wei­te­re Infos unter: www.kulturraum-muenchen.de

 

Vorheriger ArtikelPizza mare e monti speciale
Nächster ArtikelWagners heiliger Gral
Maria Goeth
Sie ist eine "eierlegende Wollmilchsau" des Opern- und Konzertbetriebs: Maria Goeth wirkte als Dramaturgin, Regisseurin und Kuratorin, aber auch als Moderatorin, Gastspielleiterin und Inspizientin. Festanstellungen führten sie u.a. ins Orchestermanagement der Bayerischen Staatsoper, als Konzertdramaturgin ans Theater Heidelberg und ins Projektmanagement von „Jugend musiziert“. Darüber hinaus übernimmt die promovierte Musikwissenschaftlerin immer wieder Lehraufträge an der LMU München. Seit 2016 arbeitet Maria Goeth bei CRESCENDO, seit 2017 ist sie Leitende Redakteurin.

Artikel kommentieren

Please enter your comment!
Please enter your name here