Willkommen in der neuen Klassik-Woche,

heu­te mit einer Publi­kums­kri­tik, der Fort­set­zung der Debat­te über Mäd­chen in Kna­ben­chö­ren und aller­hand Klas­sik-Per­so­na­li­en.

WAS IST 

Frank Cas­torfs Ber­li­ner Insze­nie­rung von Ver­dis La for­za del desti­no

REDEN WIR ÜBER BENEHMEN!

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Die Pre­mie­re von Frank Cas­torfs La for­za del desti­no beschreibt Ulrich Amling im Tages­spie­gel als eher lang­wei­li­ge Ange­le­gen­heit. Und den­noch kam es zum Skan­dal, als auf der Büh­ne plötz­lich lite­ra­ri­sche Tex­te vor­ge­le­sen wur­den, u.a. von Hei­ner Mül­ler. „Was wäre gesche­hen“, fragt Amling, „wenn statt des schil­lern­den Exo­ten Ron­ni Maciel (der seit über zehn Jah­ren in der Stadt lebt) zum Bei­spiel der im Publi­kum sit­zen­de Ulrich Mat­thes die Mül­ler-Ver­se gespro­chen hät­te? Wäre auch er von der Büh­ne gefegt wor­den?“ 

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SINGER PUR mit Vokalmusik aus den Kulturen der Welt

Geist“ ver­bin­det Men­schen über kul­tu­rel­le und reli­giö­se Gren­zen hin­weg. SINGER PURs neu­es Album Hori­zons – Der Geist weht, wo er will ver­eint spi­ri­tu­el­le Musik aus ver­schie­de­nen Welt­re­li­gio­nen und Kul­tu­ren.

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MÄDCHEN IM KNABENCHOR?

Bereits vor eini­gen Wochen haben wir an die­ser Stel­le berich­tet, dass eine Mut­ter in Ber­lin klag­te, damit ihre Toch­ter bei Kna­ben­chö­ren vor­sin­gen darf und even­tu­ell auch auf­ge­nom­men wer­den kann. Nun hat der Leip­zi­ger Tho­man­er­chor reagiert, sich dem Recht gebeugt und will das Mäd­chen vor­sin­gen las­sen. Mei­ne Mei­nung dazu habe ich in einem frü­he­ren News­let­ter bereits aus­ge­brei­tet. Damals bekam ich eine Mail der Mut­ter, der Anwäl­tin Susann Bräck­lein, – und viel­leicht ist es gut, ihren Stand­punkt hier noch ein­mal klar zu machen, um die eige­ne Mei­nungs­bil­dung zu beflü­geln (hier redet sie auch auf Klas­sik Radio). Und das schrieb sie mir: „Sehr geehr­ter Herr Brüg­ge­mann, ich bin über Ihren Bei­trag in cre­scen­do zu Mäd­chen /Staats- und Dom­chor gestol­pert. (…) Gern kann ich ver­su­chen, Ihrer Rat­lo­sig­keit abzu­hel­fen, weil ich das Ver­fah­ren betrie­ben habe. Zen­tral geht es um die gleich­be­rech­tig­te För­de­rung von Mäd­chen, was man von einer Uni­ver­si­tät viel­leicht erwar­ten kann. Es geht nicht um indi­vi­du­el­le Beset­zungs­ent­schei­dun­gen, auch wenn das Kurio­si­tä­ten­ka­bi­nett hier vor­zugs­wei­se den Ver­gleich zur Kla­ge in die Damen­um­klei­de­ka­bi­ne, das Frau­en­haus und den Frau­en­park­platz bemüht, wenn man das The­ma so anfas­sen möch­te, um Schen­kel­klop­fer zu pro­du­zie­ren oder ein Lächeln, wie Ihr Godunow-Ver­gleich nahe legt.

Es geht um kos­ten­freie Aus­bil­dung (Stimm­bil­dung, Ensem­ble­un­ter­richt), was z.B. für eine Kar­rie­re als prof. Chor­sän­ger aber auch für ande­re musi­ka­li­sche Beru­fe von Bedeu­tung ist, weil dies in der Regel im Kin­des­al­ter und nicht mit dem Abitur beginnt. Hier besteht ein gene­rel­les Ungleich­ge­wicht zum Nach­teil von Mäd­chen. Der pas­sen­de Par­al­lel­ver­gleich wäre wohl: Darf die staat­li­che Bal­lett­schu­le ein Geschlecht aus (ver­meint­lich) küns­ter­li­schen Grün­den von der Aus­bil­dung aus­schlie­ßen, nur weil die Geschlech­ter unter­schied­lich sind? Könn­te man ab mor­gen Jun­gen od. Mäd­chen aus­schlie­ßen, weil die unäs­the­tisch sind, jdfs. nach der küns­ter­li­schen Visi­on des Lei­ters?“

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Christian Tetzlaff meets Robin Ticciati

Chris­ti­an Tetzlaff, Robin Tic­cia­ti und das Deut­sche Sym­pho­nie-Orches­ter Ber­lin prä­sen­tie­ren zwei der bedeu­tends­ten Meis­ter­wer­ke der Musik­ge­schich­te: die Vio­lin­kon­zer­te von Beet­ho­ven und Sibe­li­us.

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WAS WAR

Das Beet­ho­ven-Haus in Bonn öff­net sei­ne Tore wie­der.

ROŠČIĆS UMSTRITTENE WIEN-PLÄNE

Der desi­gnier­te Wie­ner-Staats­opern-Inten­dant und der­zei­ti­ge Schall­plat­ten-Mana­ger Bog­dan Roščić erklär­te öster­rei­chi­schen Zei­tun­gen, dass er sei­ne ers­te Sai­son zum gro­ßen Teil mit Über­nah­men von ande­ren Häu­sern bestrei­ten wol­le, unter ande­rem mit der Pari­ser Tra­via­ta-Insze­nie­rung von Simon Stone. Außer­dem soll Bar­rie Kos­ky in Zukunft eine grö­ße­re Rol­le an der Staats­oper spie­len. Kos­ky hat­te 2005 Wag­ners Lohen­grin insze­niert. „Die Erfah­rung war offen­bar so, dass Bar­rie ein lebens­lan­ges Trau­ma davon­ge­tra­gen hat“, sagt Roščić, „das wer­den wir gemein­sam auf­ar­bei­ten.“ Außer­dem soll Franz Wel­ser-Möst (der hat­te sich mit dem aktu­el­len Direk­tor Domi­ni­que Mey­er zer­strit­ten) an den Ring zurück­ge­holt wer­den, und das Opern-Orches­ter soll ver­mehrt mit Teo­dor Cur­r­ent­zis auf­tre­ten. Pikant, da die Wie­ner Phil­har­mo­ni­ker sich immer wie­der gegen die Zusam­men­ar­beit mit dem grie­chi­schen Exzen­tri­ker weh­ren. Roščićs Plä­ne kamen in der Pres­se gespal­ten an – zu wenig Eige­nes, zu wenig Neu­es, zu wenig Span­nen­des. Ein biss­chen lus­tig, genau das aus den Federn jener Jour­na­lis­ten zu lesen, die gleich­zei­tig mit pro­vin­zi­el­ler Lei­den­schaft einer Ent­schei­dung bei den Salz­bur­ger Oster­fest­spie­len am 17. Sep­tem­ber ent­ge­gen­schrei­ben und alles dafür tun, dass sich das ewig Gest­ri­ge mit Chris­ti­an Thie­le­mann gegen jenen Inten­dan­ten durch­setzt, der in Mün­chen tat­säch­lich inno­va­ti­ves Opern­thea­ter gemacht hat, Niko­laus Bach­ler – aber viel­leicht muss man das alles auch gar nicht ver­ste­hen. 

ERÖFFNUNG DES BEETHOVEN-HAUSES

Seit vor­ges­tern ist die Dau­er­aus­stel­lung in Beet­ho­vens Geburts­haus wie­der geöff­net – ande­re Berei­che des Muse­ums wer­den noch reno­viert. Die offi­zi­el­le Wie­der­eröff­nung des Beet­ho­ven-Hau­ses ist im Rah­men eines Fest­akts am 16. Dezem­ber geplant – danach wer­den auch wei­te­re Muse­ums­räu­me für die Besu­cher zugäng­lich sein: ein Musik­zim­mer für Kon­zer­te, eine Schatz­kam­mer mit Ori­gi­nal-Manu­skrip­ten sowie ein Bereich für Wech­sel­aus­stel­lun­gen.

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PERSONALIEN DER WOCHE

Dass Ste­phan Pau­ly von der Alten Oper in Frank­furt zum Wie­ner Musik­ver­ein wech­selt, war an die­ser Stel­le exklu­siv zu lesen – nun ist auch klar, wer Pau­ly in Frank­furt nach­folgt. Mar­kus Fein, der­zeit Lei­ter der Fest­spie­le Meck­len­burg-Vor­pom­mern, tritt sein neu­es Amt am 1. Sep­tem­ber 2020 an. „Zu sei­nen Auf­ga­ben wird auch gehö­ren, neue Ziel­grup­pen zu erschlie­ßen und jün­ge­re und mitt­le­re Genera­tio­nen stär­ker als bis­her ans Haus zu bin­den“, sag­te Frank­furts Ober­bür­ger­meis­ter Peter Feld­mann. +++ In einem Kon­zert in Paju, nahe der Gren­ze von Nord­ko­rea, appel­lier­te der US-Cel­list Yo-Yo Ma für Frie­den und Ver­ständ­nis. +++ Es ist schon merk­wür­dig, dass der Spie­gel eine Geschich­te über eine Sony-Mit­ar­bei­te­rin, die berich­tet, bei einer „Wet­ten dass…?“-Pro­duk­ti­on von Pláci­do Dom­in­go ange­fasst wor­den zu sein, mit dem Satz beginnt: „Har­te Bele­ge für angeb­li­che Avan­cen des Welt­stars gibt es nicht.“ Der­weil sor­gen Aus­zü­ge aus der aktu­el­len Bio­gra­fie von Bri­git­te Fass­ba­en­der im Netz für Auf­se­hen, in der sie schreibt, dass Dom­in­go eine Wert­her-Auf­füh­rung aus­ge­nutzt haben soll, um sie zu küs­sen. Die Los Ange­les Times berich­tet, dass der Sän­ger sich aus den lau­fen­den Geschäf­ten des Opern­hau­ses her­aus­hal­ten wür­de, bis die Ermitt­lun­gen abge­schlos­sen sei­en. +++ Richard Con­rad, der von Joan Suther­land als Tenor ent­deckt wur­de und eine welt­wei­te Kar­rie­re fei­er­te, starb im Alter von 84 Jah­ren.

Vie­le Debat­ten in einer kur­zen Woche – und das Schöns­te ist: All­mäh­lich beginnt auch die Kon­zert- und Opern­sai­son wie­der. Viel­leicht sehen wir uns bei die­ser oder jener Auf­füh­rung – bis dahin: hal­ten Sie die Ohren steif.

Ihr

Axel Brüg­ge­mann

brueggemann@crescendo.de


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Axel Brüggemann
Axel Brüggemann glaubt, dass Musik das Leben verändern kann. Darüber hat er zunächst bei der WELT am SONNTAG geschrieben, bei der er auch Textchef war. Später schrieb er für die FAS und die Jüdische Allgemeine. Heute ist der ehemalige crescendo-Chefredakteur hauptsächlich fürs Fernsehen tätig: für arte, ZDF und SKY. Für seine Bayreuth-Moderationen wurde er für den Grimme-Preis nominiert. Brüggemanns Dokumentarfilme suchen stets nach dem Zusammenhang von Musik und Mensch.

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