Überdimensionale, düstere Bücherwände umgrenzen einen kargen Raum, der den Eindruck hermetischer Abgeschlossenheit vermittelt. An der Bayerischen Staatsoper verlegt der polnische Regisseur Krzysztof Warlikowski die mythenumwobene Geschichte der lüsternen Königstochter Salome, die aus Rache den Kopf Johannes des Täufers verlangt, in ein Versteck verfolgter Juden während der NS-Zeit. Die Eingeschlossenen, die einander auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sind, führen die Fin-de-Siècle-Oper nach dem gleichnamigen Drama von Oscar Wilde als „Theater auf dem Theater“ auf.

Was Warlikowski damit sagen will, ist allerdings nicht selbsterklärend und bleibt sogar nach der Lektüre des Programmhefts noch kryptisch. Weder geht es ihm um das Fantasieprodukt Femme fatale noch um die Leidensgeschichte des Predigers, der bei Wilde Jochanaan heißt. Sein Ansatz, der „Frage der Macht über Leben und Tod“ in einer imaginären Auseinandersetzung intellektueller Juden mit Strauss‘ Werk nachzugehen, führt unweigerlich auf Abwege. Warlikowski, der etwa an Theateraufführungen im Warschauer Ghetto denkt, überfrachtet sein Konzept mit derart vielen Einfällen aus unterschiedlichen Quellen, dass daraus kein schlüssiges Ganzes entstehen will.

An den Anfang setzt er einen im Original nicht vorkommenden szenischen Prolog mit einer Kabarettaufführung, untermalt von einer historischen Aufnahme des ersten Stücks aus Gustav Mahlers „Kindertotenliedern“, dirigiert von Bruno Walter. Dies mag als Anspielung darauf verstanden werden, dass der jüdische Dirigent nach der Machtergreifung Hitlers 1933 zur Emigration gezwungen war, während Strauss kurz darauf Präsident der Reichsmusikkammer wurde. 

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In einem Interview verweist Warlikowski außerdem auf Joseph Loseys im Zweiten Weltkrieg spielenden Film „Monsieur Klein“, der eine Kabarettszene enthält, in der ein klischeehaft dargestellter Jude zu Mahlers Musik einer deutschen Witwe Schmuck stiehlt. Er beschreibt außerdem eine Szene aus dem Film „Der Nachtportier“ von Liliana Cavani, in der ein SS-Offizier einer Gefangenen im KZ einen Karton mit dem Haupt eines Mannes übergibt.

Warlikowskis Versuch, Strauss‘ Oper mit dem Schicksal der Juden während des Holocausts zu verbinden, wirft viele Fragen auf, die durch das Bühnengeschehen nicht beantwortet werden. Der Bezug zu „Salome“ kommt abhanden. Dass die Neuproduktion der Bayerischen Staatsoper nicht vollends zum Fiasko gerät, ist den hervorragenden Sängern und nicht zuletzt dem Staatsorchester unter Leitung von Generalmusikdirektor Kirill Petrenko zu verdanken. Petrenko arbeitet das Klangschwelgerische der Strauss’schen Partitur ebenso wie deren groteske Züge meisterhaft heraus.

In ihrem Rollendebüt gibt Marlis Petersen eine kindlich-laszive Salome, die sie stimmlich wie darstellerisch souverän interpretiert. Wolfgang Koch beeindruckt als religiöser Eiferer Jochanaan und lässt die Ambivalenz dieser Gestalt hervortreten. Überzeugend sind auch Wolfgang Ablinger-Sperrhacke als der seine Stieftochter begehrende Herodes, Michaela Schuster als seine Frau Herodias und Pavol Breslik als Hauptmann Narraboth, der sich aus Verzweiflung über die Aussichtslosigkeit seiner Liebe zu Salome das Leben nimmt. Warlikowski lässt die Oper nicht nur mit dem Tod Salomes enden, sondern er erfindet einen kollektiven Suizid. Eine Anspielung auf den Freitod verfolgter Juden oder auf deren Ermordung im KZ? Das irritierte Publikum reagiert am Premierenabend der Münchner Opernfestspiele mit lautstarken Buhs für die Regie und verdientem Jubel für Sänger und Orchester. 

Die Premiere fand am 27. Juni 2019 statt. Die Fotos zeigen Szenen aus Krzysztof Warlikowskis Inszenierung (©Wilfried Hösl). 

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