Samuel Mariño aus Caracas verfügt über eine natürliche Sopranstimme und war die größte Überraschung bei den Gluck-Festspielen in Bayreuth. Unter dem Titel „Care pupille“ hat er sein Debüt-Album mit Barock-Arien vorgelegt.

Dieser schwarzgelockte junge Kerl aus Venezuela mit der glockenhellen Stimme war die dritte Überraschung an einem denkwürdigen Abend im Juli 2019 bei den Internationalen Gluck-Festspielen in Bayreuth: Im Markgräflichen Opernhaus waren alle im Lauf der Zeit angedunkelten Übermalungen entfernt worden und die feine, pastellfarbene warme Farbigkeit über dem Holz schimmerte wieder trotz aller Gebrauchsspuren, die die Jahrhunderte hinterlassen haben.

Die größte Überraschung

Ein veritabler Sopranist: Samuel Mariño (Foto und Foto oben: Olivier Allard)

Wie schön, dass ausgerechnet in diesem 1748 erbauten wunderbaren Barocktheater Christoph Willibald Glucks Antigono, uraufgeführt 1756 in Rom, also im Geburtsjahr Mozarts, nach über 250-jährigem Dornröschenschlaf zu neuem Leben erwachte. Doch die dritte und vielleicht größte Überraschung – nach Spielstätte und Werk – war ein 25-jähriger Sänger: Neben Valer Sabadus und Terry Wey, zwei renommierten Countertenören in Altlage, trat ein veritabler Sopranist auf: Samuel Mariño. Der hatte zwar schon bei den Händel-Festspielen in Halle im Jahr zuvor als Alessandro in Berenice von sich reden gemacht, aber diese deutsche Erstaufführung einer frühen Gluck-Oper mit ihm war doch etwas Besonderes.

Samuel Mariño: »Die Partie des Demetrio war vielleicht das Komplizierteste, was ich bis dahin gesungen hatte.«

Samuel Mariño erzählt: „Ich hab‘ mich natürlich unglaublich gefreut, als der Dirigent, Michael Hofstetter, mich fragte, ob ich unter all diesen berühmten Sängern dabei sein mag, dachte aber, na, das wird eine kleine Rolle sein. Wie bin ich erschrocken, als ich die Noten sah und wie groß und schwer die Partie des Demetrio ist – vielleicht das Komplizierteste, was ich bis dahin gesungen hatte. Das ist wie die Königin der Nacht – aber mit fünf Arien und einem Duett! Als ich dann noch erfuhr, dass der Sänger des Demetrio nach der Uraufführung seine Stimme verlor, war ich schon etwas panisch.“

Strahlend brillant in der Höhe

Doch nach anfänglicher leichter Nervosität, die die hohen Töne ein wenig zu sehr vibrieren ließ, ging alles gut. Wie Samuel da filigran seelenvoll in den leisen Tönen und strahlend brillant in der Höhe sang, verzauberte und entzückte die Zuhörer allesamt. Nur schade, dass das Ganze eine konzertante Aufführung war – gerne hätte man Samuel Mariño auch als Singschauspieler erlebt. Zwei Arien aus diesem Antigono, der für den Bayerischen Rundfunk mitgeschnitten wurde, sind auf dem fulminanten Debüt-Album des jungen Venezolaners enthalten. Daneben weitere Arien aus Gluck-Opern (darunter La Corona und Il Tigrane) sowie Ausschnitte aus Berenice, Arminio und Atalanta, die Georg Friedrich Händel für den jungen Sopran-Kastraten Gioacchino Conti komponierte; der nannte sich „Gizziello“ aus Verehrung für seinen Lehrer Domenico Gizzi.

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Bis zum hohen C der weiblichen Soprane

Schon damals war die ganz hohe Männerstimme eine Seltenheit, so ist es unter ganz anderen physischen Bedingungen auch heute. Dass Mariño – wie vor ihm Jörg Waschinski, Arno Raunig oder zuletzt der Koreaner Vince Yi – in so hoher Lage, die bis zum hohen C oder D der weiblichen Soprane reicht, singen kann ohne zu falsettieren, ist bei ihm eine Laune der Natur. Denn dank einer natürlicherweise nur halb erfolgten Mutation hörten die Stimmbänder und der Kehlkopf auf zu wachsen.

Samuel Mariño

Samuel Mariño: »Ich lernte meine Stimme lieben – in jeder Hinsicht!«

Für einen 14-jährigen Jungen in der Pubertät, der gerade aufs Gymnasium kommt, wo alle Jungs auf ihre zunehmend hörbare Männlichkeit stolz sind, war das ein Desaster: „Ich bin gehänselt, ja richtig gemobbt worden wegen meiner superhellen Stimme, und um etwas daran zu ändern, ging ich zu einem Facharzt für Phoniatrie. Ich wollte einfach reden wie alle anderen. Doch hat die Therapie, mit der ich tiefer sprechen lernen sollte, einfach nur wehgetan. Eine Operation – sozusagen das Gegenteil einer Kastration – wollte ich aber auch nicht.“ Dieser Arzt war dann aber auch derjenige, der zu ihm sagte: „Junge, damit kannst Du großartig Barockmusik singen!“ Samuel war verblüfft und sagte nur: „Bitte, was ist das?“ Also erklärte ihm der Arzt, dass im 18. Jahrhundert für Kastraten wunderschöne Musik komponiert worden war. „Nun lernte ich meine Stimme lieben – in jeder Hinsicht!“, erinnert sich Mariño.

Tausende Zitronenkuchen für ein Studium in Paris

Samuel Mariño buk Tausende Zitronenkuchen für sein Gesangsstudium in Paris
Barbara Bonney wurde seine Lehrerin und Mentorin: Samuel Mariño
(Foto: © Olivier Allard)

Wie aber sollte er den Plan, professioneller Sänger zu werden, verwirklichen, so ganz ohne finanzielle Mittel? Da bedurfte es erst einmal der Beherrschung des Konditoren-Handwerks, speziell der Verfertigung unwiderstehlicher Zitronenkuchen. Der Verkauf von mehreren Tausend davon war nötig, damit der 18-Jährige nach seinem Unterricht in Venezuela das Geld für ein Flugticket zusammenbekam, um in Paris studieren zu können. Eine Lehrerin von der Sorbonne hatte ihn in seiner Heimatstadt Caracas gehört und war überzeugt, dass er als Sänger nur in Europa weiterkommen würde. Vier Monate hat es gedauert, bis das Geld zusammengebacken war, obwohl er am Ende über 40 Kuchen pro Tag in seiner kleinen Küche mit nur einem Ofen hergestellt und verkauft hatte: „Ich musste jeden Morgen um vier Uhr aufstehen, um das Pensum zu schaffen!“

Samuel Mariño

Samuel Mariño: »Die Musik steht im Mittelpunkt, dann kommen Ausdruck und Gefühle!«

Dann ging alles sehr schnell, und der nächste Glücksfall trat ein, als die renommierte Sopranistin Barbara Bonney auf ihn aufmerksam und seine Beraterin, Lehrerin und Mentorin wurde. Und so, wie diese sich nach ihrer glanzvollen Karriere mit dem Retro-Shop „Bonney & Kleid“ in Salzburg einen Traum erfüllte, weiß Samuel schon heute: „Wenn ich mal 50 bin und den Stab an die jüngere Generation übergebe, dann gründe ich mein eigenes Restaurant!“ Aber erst einmal ist die Musik das Zentrum im Leben des jungen Sängers: „Die steht im Mittelpunkt, dann kommen Ausdruck und Gefühle, erst ganz zuletzt denke ich an meine Stimme. So war es auch bei den Kastraten!“

Maria Malibran als Vorbild

Wählte sich Maria Malibran als Vorbild: Samuel Mariño
Hat sein nächstes Album schon in Planung: Samuel Mariño
(Foto: © Olivier Allard)

Auch wenn er froh ist über all die Sänger und Sängerinnen von Alfred Deller in den 1950-ern bis Philippe Jaroussky und Cecilia Bartoli, die deren Repertoire wieder bekannt gemacht haben, nennt er als Vorbilder Legenden wie Maria Malibran im 19. Jahrhundert oder Maria Callas. Nicht selten wird Samuel Mariños bewegliche, flirrend exaltierte Stimme auch mit der von Simone Kermes verglichen. Eine Assoziation, die ihm gefällt, nicht nur, weil er ihre Stimme und ihre musikalische Gestaltung außerordentlich schätzt, sondern „weil sie, glaube ich, genau so verrückt ist wie ich!“ Maria Malibran („Die Diva des 19. Jahrhunderts“) und Farinelli („Der ‚primo uomo‘ des 18. Jahrhunderts“) inspirierten ihn zu seinem schon fest geplanten nächsten Album.

Samuel Mariño

Samuel Mariño: »Ich möchte Mozart in der Tradition der Kastraten singen.«

Gerne würde er auch bald eine der Partien singen, die Mozart für Kastraten komponierte, wie Idamante im frühen Idomeneo und Sesto in seiner letzten Oper La clemenza di Tito. Und er betont: „Ich möchte das dann allerdings auch in der Tradition der Kastraten machen, mit den entsprechenden Verzierungen“, verrät aber auch mit einem Lachen: „Für die Koloraturen der Arie „Tornate sereni“ aus La Sofonisba auf der CD inspirierten mich die Disney-Prinzessinnen in den alten Filmen, die waren ja lyrische Koloratursoprane!“

Wenn alles gutgeht, singt Samuel Mariño im September die Titelpartie in Teseo am Opernhaus in Halle, wo die Produktion gerade bei den dortigen Händel-Festspielen abgesagt werden musste. Und bei den nächsten Gluck-Festspielen 2021 kommt die Titelpartie in Glucks Orfeo ed Euridice: „Da singe ich dann die Verzierungen, die von Pauline Viardot, der Schwester von Maria Malibran, überliefert sind!“ Man darf gespannt sein, wie aufregend das klingen wird.

Georg Friedrich Händel und Christoph-Willibald Gluck: „Care pupille“, Samuel Mariño, Händelfestspielorchester Halle, Michael Hofstetter (Orfeo)
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