Der ECHO ist Vergangenheit. Viele hat diese Nachricht gefreut. Unser Autor befürchtet, dass eine Chance verpasst wurde, nachhaltig gegen Antisemitismus zu kämpfen.

Wie bigott waren Hohn und Spott im Netz, als die Pho­no-Aka­de­mie end­lich ange­kün­digt hat­te, den ECHO – und damit auch den ECHO JAZZ und den ECHO Klas­sik – abzu­sa­gen. Die Absa­ge kam viel zu spät und war, wie ich fin­de, auch eine grund­le­gend fal­sche Reak­ti­on auf den Eklat bei der Ver­lei­hung des ECHO Pop, als die Musi­ker Farid Bang und Kol­le­gah mit uner­träg­li­chen Sät­zen wie die­sem auf­tra­ten: „Mach wie­der mal ’nen Holo­caust, komm an mit dem Molo­tow.“

Das wirk­lich Knif­fe­li­ge an der aktu­el­len Debat­te ist weni­ger die Fra­ge, ob man gegen der­ar­ti­ge Aus­fäl­le pro­tes­tie­ren soll – natür­lich! was denn sonst? –, son­dern, wie man einen Pro­test gegen Anti­se­mi­tis­mus und Ras­sis­mus orga­ni­sie­ren kann, der sel­ber nicht popu­lis­tisch, son­dern nach­hal­tig ist.

Genau die­sen Weg hat die Pho­no-Aka­de­mie mit der Absa­ge des ECHO nun aller­dings ver­passt, eben­so wie vie­le Künst­ler oder Kri­ti­ker des ECHO, denen es nur um Scha­den­freu­de oder um Häme zu gehen schien. Wie vie­le sinn­vol­le Reak­tio­nen wären mög­lich gewe­sen? Ein Sym­po­si­um über Ras­sis­mus, Anti­se­mi­tis­mus und Gewalt in der Musik, öffent­li­che, selbst­kri­ti­sche Debat­ten über die Wir­kung von Musik auf die Gesell­schaft, his­to­ri­sche Ein­ord­nun­gen, eine ernst­haf­te Debat­te dar­über, wo die Kunst­frei­heit beginnt und ob sie über­haupt irgend­wo auf­hört, Streit­ge­sprä­che über das Span­nungs­feld von Kom­merz und Kunst. Was wäre es für ein Zei­chen gewe­sen, beim ECHO Klas­sik ein Pro­gramm mit soge­nann­ter „ent­ar­te­ter Musik“ auf­zu­füh­ren und das The­ma zum Leit­mo­tiv in der gro­ßen Fern­seh­show zu erhe­ben! Ja, es hät­te vie­le Mög­lich­kei­ten gege­ben, nur eine Reak­ti­on wäre falsch und fei­ge gewe­sen: den Kopf in den Sand zu ste­cken und so zu tun, als sei nichts pas­siert. Sich zu ver­ste­cken und dar­auf zu hof­fen, dass der Sturm der Empö­rung irgend­wann von allein abflaut. Lei­der hat die Pho­no-Aka­de­mie aber genau das getan. Damit wur­de die Chan­ce ver­passt, den Eklat für eine öffent­li­che Debat­te zu nut­zen, den eige­nen Feh­ler zu erken­nen, zu ver­ste­hen und öffent­lich zu kor­ri­gie­ren.

Wie bigott waren Hohn und Spott im Netz, als die Pho­no-Aka­de­mie end­lich ange­kün­digt hat­te, den ECHO abzu­sa­gen“

ANZEIGE



Natür­lich gab es bereits im Vor­feld kei­nen ein­zi­gen akzep­ta­blen Grund dafür, dass die Pho­no-Aka­de­mie einen anti­se­mi­ti­schen Song aus­zeich­net – aus­ge­rech­net am Gedenk­tag für die Opfer des Holo­caust. Es ist uner­träg­lich genug, dass Farid Bang und Kol­le­gah mit der­ar­ti­gen Tex­ten so vie­le Fans errei­chen. Dass ein öffent­li­ches Gre­mi­um, das so ziem­lich alle Musik-Labels in Deutsch­land ver­tritt, der­ar­tig wider­wär­ti­gen Tex­ten nun auch noch eine Platt­form bie­tet, ist schlicht­weg unver­ständ­lich.

Ich per­sön­lich bin dem ECHO lan­ge ver­bun­den. Seit Jah­ren schrei­be ich das ECHO Klas­sik-Maga­zin, habe zunächst im Auf­trag der Pho­no-Aka­de­mie in den letz­ten Jah­ren für cre­scen­do Back­stage-Inter­views mit dem Preis­trä­gern geführt. Und, um ehr­lich zu sein, mir hat all das gro­ßen Spaß gemacht. Ich habe mich immer frei gefühlt – und wir haben hin­ter den Kulis­sen so manch pro­vo­kan­tes Gespräch über Poli­tik, Glau­ben und den Markt geführt. Die von mir kon­zi­pier­te und pro­du­zier­te CD-Rei­he „Der Klei­ne Hör­saal“ wur­de eben­falls mit dem ECHO Klas­sik aus­ge­zeich­net – und damals habe ich mich durch­aus über die­se Aus­zeich­nung gefreut. Am Ende hal­te ich es mit Tho­mas Quast­hoff, der mir kürz­lich in einer Knei­pe sag­te: „Ich fin­de das, was beim ECHO pas­siert ist, unak­zep­ta­bel und habe auch dage­gen pro­tes­tiert, mei­ne ECHOS aber habe ich nicht zurück­ge­ge­ben, die ste­hen in einem völ­lig ande­ren Kon­text.“

Es ist doch Quatsch zu glau­ben, dass der ECHO so etwas wie der Nobel­preis der Musik sei. Das war nie sein Anspruch und sein Auf­trag. Der ECHO wur­de von der Pho­no-Aka­de­mie ver­lie­hen – also vom Inter­es­sen­ver­band der Ton­trä­ger­indus­trie. Das allein ist erst ein­mal nicht schlimm. Gegen einen Preis, der jene fei­ert, die ihn ver­lei­hen, ist nichts ein­zu­wen­den. Im Gegen­teil: Der ECHO und der ECHO Klas­sik sind auch des­halb wich­tig, weil sie eine Art Bran­chen­fest sind, weil sich hier jedes Jahr Künst­ler, Major- und Inde­pen­dent-Labels tref­fen, gemein­sam Stra­te­gi­en ent­wi­ckeln und sich aus­tau­schen. Und all das wird aus­führ­lich vom Fern­se­hen beglei­tet – als Fest der Musik­bran­che. Das kann man kri­ti­sie­ren. Aber es ist seit Jah­ren so gewe­sen. Jeden Applaus nach dem Aus des ECHO, dass die­ser „fal­scher Preis“ end­lich abge­schafft wird, ver­ste­he ich nicht. Noch ein­mal: Es ist nicht der Feh­ler des ECHO gewe­sen, dass eini­ge in ihm einen voll­kom­men ande­ren Preis gese­hen haben, als er es in Wirk­lich­keit war.

Tat­säch­lich aber hat sich nun gezeigt, dass das pure Mar­ke­ting ein Struk­tur­feh­ler des Prei­ses war“

Tat­säch­lich aber hat sich nun gezeigt, dass das pure Mar­ke­ting ein Struk­tur­feh­ler des Prei­ses war. Es war eben nie wirk­lich wich­tig, was auf der Büh­ne statt­fand. Es ging nicht um Inhal­te, son­dern um die Fei­er an sich. Weder beim ECHO Pop noch beim ECHO Klas­sik stan­den die span­nends­ten Preis­trä­ger im Ram­pen­licht, son­dern die popu­lärs­ten oder jene, auf die man sich bei den Labels geei­nigt hat­te – auch das wur­de immer wie­der kri­ti­siert. Die Prä­sen­ta­ti­on der ein­zel­nen Auf­trit­te war kein Poli­ti­kum, son­dern mehr oder weni­ger gelun­ge­ne Unter­hal­tung. Der ECHO hat sich nie als Ver­an­stal­tung ver­stan­den, in der es um Inhal­te geht, son­dern um die Bran­che an sich. Seit jeher sieht der ECHO so aus, wie die Bran­che sich sel­ber sehen woll­te. Viel­leicht ist es die­ser Ansatz, der die­ser Ver­an­stal­tung nun auf die Füße gefal­len ist. Denn in die­sem Selbst­bild hat schon der kleins­te Hauch von Anti­se­mi­tis­mus nichts zu suchen.

Das ist das Erschre­cken­de: Aus­ge­rech­net die Aus­zeich­nung von Farid Bang und Kol­le­gah wur­de von einem Gre­mi­um ver­lie­hen, das für die gesam­te Plat­ten­in­dus­trie steht. So hat der ECHO den Mit­glie­dern der Pho­no-Indus­trie einen Bären­dienst erwie­sen. Er hat die Bran­che an sich auf ein Ter­rain gestellt, auf dem wohl die wenigs­ten Künst­ler und Pro­du­zen­ten ste­hen wol­len: im ras­sis­ti­schen Aus. Natür­lich ver­wun­dert es – und ist beklem­mend –, dass nie­mand der Mit­glie­der der Pho­no-Aka­de­mie wirk­lich dage­gen pro­tes­tiert hat.

Bereits die Ver­su­che nach der ers­ten Kri­tik, die eige­ne Ent­schei­dung zu ver­tei­di­gen, wirk­ten eher hilf­los und – mit Ver­laub – dumm. Zunächst ver­such­te man, den Ethik­rat – ein­ge­setzt von der Aka­de­mie selbst – in die Ver­ant­wor­tung zu neh­men. Spä­ter wur­de argu­men­tiert, dass man die künst­le­ri­sche Frei­heit – auch rech­ter Musik – als Indus­trie­ver­band ver­tei­di­gen müs­se. Das ist natür­lich tota­ler Quatsch! Zei­len wie „Mein Kör­per defi­nier­ter als von Ausch­witz-Insas­sen“ kön­nen mit bes­tem Wil­len nicht als Kunst durch­ge­hen, son­dern sind und blei­ben purer, blan­ker Anti­semitismus.

Dass der ECHO nun voll­kom­men abge­schafft wer­den soll, war der letz­te gro­ße Feh­ler in einem schlech­ten Kri­sen­ma­nage­ment der Pho­no-Aka­de­mie“

Die Erklä­rung, dass der ECHO nun voll­kom­men abge­schafft wer­den soll, war der letz­te gro­ße Feh­ler in einem schlech­ten Kri­sen­ma­nage­ment der Pho­no-Aka­de­mie. Wel­che Erneue­rungs­kraft traut man jenen Mana­gern noch zu, die nichts getan haben, um die öffent­li­che Debat­te zu len­ken, zu för­dern und zu ermög­li­chen? Jenen Leu­ten, die den Kopf in den Sand gesteckt haben, statt aktiv die Kri­tik zu debat­tie­ren? Die Pho­no-Aka­de­mie ist sich in all ihren Hand­lun­gen treu geblie­ben: bloß kei­ne Posi­tio­nie­rung, bloß kein Inhalt! Und hat damit auch das letz­te Stück­chen Ver­trau­en aufs Spiel gesetzt. Ich per­sön­lich kann mir inzwi­schen kaum noch vor­stel­len, wie eine Neu­erfindung des Musik­prei­ses unter Obhut der Pho­no-Aka­de­mie aus­se­hen könn­te.

Der Druck auf die Ver­an­stal­ter ist auch des­halb gewach­sen, weil die Musi­ker plötz­lich sel­ber gehan­delt haben. Sie haben ihren ECHO aus Pro­test zurück­ge­ge­ben: zunächst Peter Maffay und Mari­us Mül­ler-­Wes­ten­ha­gen, dann auch Klaus Voor­mann. Auf­fäl­lig dabei, wie vie­le Klas­sik­künst­ler gehan­delt haben: Enoch zu Gut­ten­berg, Igor Levit oder das Notos Quar­tett – das ers­te Ensem­ble, das den Mut zu die­sem kon­se­quen­ten Schritt hat­te. Irgend­wann wur­de die Rück­ga­be zu einer all­ge­mei­nen Bewe­gung. Und auch hier waren die Reak­tio­nen im Netz eher grenz­wer­tig: Die ECHO-Rück­ga­be wur­de zum „run­ning gag“ – einem Witz, der gera­de beim The­ma Anti­se­mi­tis­mus fehl am Platz scheint.

Ich habe die Argu­men­ta­ti­on all jener Künst­ler ver­stan­den, die ihren Preis zurück­ge­ge­ben haben, und ihr Zei­chen des Pro­tests geschätzt. Auf der ande­ren Sei­te ist es eine recht ein­fa­che Ges­te, einen Preis zurück­zu­ge­ben, der sowie­so im Stu­dio­re­gal ver­staubt. Mir per­sön­lich impo­nier­te die Hal­tung eines Sän­gers wie Cam­pi­no mehr: Er war der ein­zi­ge Künst­ler, der noch am Abend der Auf­füh­rung auf offe­ner Büh­ne sei­nen Pro­test ange­mel­det hat – und gleich­zei­tig sei­nen ECHO ent­ge­gen­nahm. Cam­pi­no hat gezeigt, dass die Ankla­ge nicht die Ver­nich­tung braucht, son­dern dass eine wirk­li­che Debat­te nur dann geführt wer­den kann, wenn man das Gegen­über als sol­ches akzep­tiert – nicht Farid Bang und Kol­le­gah, wohl aber die Pho­no-Aka­de­mie.

Wenn das Ende des ECHO auch das Ende der Debat­te über Anti­se­mi­tis­mus sein soll­te, wäre das fatal“

Das Gefähr­li­che am Anti­se­mi­tis­mus ist nicht nur der anti­se­mi­ti­sche Song an sich, son­dern der kol­lek­ti­ve Umgang mit ihm. Anti­se­mi­tis­mus in der Kunst per se als Kunst zu legi­ti­mie­ren, ist, als wür­de man einen rea­len Mord im Thea­ter unge­sühnt las­sen, da er ja auf der Büh­ne, also im Raum der Kunst, statt­ge­fun­den hat. Die­se Argu­men­ta­ti­on ist nicht nur dumm, son­dern auch fei­ge.

Der ECHO und der Streit um den ECHO ist ein Momen­tum unse­rer Zeit, in dem wir zei­gen kön­nen, wie ernst wir es wirk­lich mit dem Kampf gegen Anti­se­mi­tis­mus in Deutsch­land mei­nen. Ich bin der fes­ten Über­zeu­gung, dass die­ses Zei­chen nur lang­fris­tig gesetzt wer­den kann. Dass wir gut bera­ten wären, kei­ne Fron­ten zu ver­här­ten, son­dern Türen zu öff­nen, um auch jene wie­der ins Boot des mensch­li­chen und ver­nünf­ti­gen Han­delns zu holen, die einen Feh­ler gemacht haben – dazu hät­te auch die Pho­no-Aka­de­mie gehört.

Nun ist der ECHO – und mit ihm der ECHO Klas­sik – abge­schafft. Doch letzt­lich war er, und gera­de der ECHO Klas­sik, auch eine Mög­lich­keit, Öffent­lich­keit für Musik zu schaf­fen. Was glau­ben die­je­ni­gen, die sich nun so freu­en, denn? Dass in Zukunft an Stel­le des ECHO Klas­sik Neue Musik im Haupt­pro­gramm des Fern­se­hens gesen­det wird? Wahr­schein­lich wird es eher auf einen Sen­de­platz weni­ger für die Klas­sik her­aus­lau­fen und statt­des­sen der „Musi­kan­ten­stadl“ gezeigt.

Es hät­te dar­um gehen müs­sen, eine glaub­haf­te Alter­na­ti­ve zum ECHO zu schaf­fen. Es hät­te dar­um gehen müs­sen, Streit- und Debat­ten­kul­tur zu eta­blie­ren, statt auf den eige­nen Faux­pas zu reagie­ren, indem man sich unsicht­bar macht. All das wäre gera­de unter dem Namen ECHO glaub­haft gewe­sen. Aber die­ser Name ist nun Ver­gan­gen­heit. Es ist ein Trug­schluss, dass die Pro­ble­me mit ras­sis­ti­scher, frau­en­feind­li­cher, gewalt­ver­herr­li­chen­der und anti­se­mi­ti­scher Musik dadurch beho­ben sind, dass der ECHO als Preis abge­schafft wur­de. Wenn das Ende des ECHO auch das Ende der Debat­te über Anti­se­mi­tis­mus sein soll­te, wäre das fatal! Der­zeit ste­hen wir, was den Musik­preis betrifft, vor einen wei­ßen Blatt Papier. Es ist nicht klar, wer das Heft in die Hand neh­men wird. Aber uns soll­te bewusst sein, dass die­ses lee­re Blatt nur eine Sei­te aus einem sehr dicken Buch ist, das vie­le Sei­ten vor­her hat­te und dem vie­le Sei­ten fol­gen wer­den.

 

Vorheriger ArtikelDas malerische Herz der Steiermark
Nächster ArtikelKlarinetten-Kriege
Axel Brüggemann
Axel Brüggemann glaubt, dass Musik das Leben verändern kann. Darüber hat er zunächst bei der WELT am SONNTAG geschrieben, bei der er auch Textchef war. Später schrieb er für die FAS und die Jüdische Allgemeine. Heute ist der ehemalige crescendo-Chefredakteur hauptsächlich fürs Fernsehen tätig: für arte, ZDF und SKY. Für seine Bayreuth-Moderationen wurde er für den Grimme-Preis nominiert. Brüggemanns Dokumentarfilme suchen stets nach dem Zusammenhang von Musik und Mensch.

Artikel kommentieren

Please enter your comment!
Please enter your name here