Für ServusTV moderiert Opernlegende und Kulturexperte Ioan Holender die Sendung „kulTOUR mit Holender“. Wir durften ihn beim Dreh begleiten.

Noch einmal huscht eine rührige Assistentin herbei und fährt dem Grand­seigneur mit dem Kamm durchs wallende graue Haar. Der rückt sich die elegante dunkelrote Krawatte zurecht, bevor seine unverwechselbare, sonor rollende, bis heute mit rumänisch angehauchtem R artikulierende Stimme anhebt wie ein tiefer, unaufhaltsamer Strom. Die durchdringenden grünblauen Augen leuchten wach aus den Gesichtszügen mit den markanten breiten Lippen und den kleinen Lachfalten in den Augenwinkeln. 82 Jahre ist Ioan Holender nun alt und vielleicht eines der letzten Musterexemplare aus der Generation jener großen, mächtigen Theatermänner. Das weiß er, und dazu steht er – auch in einer Zeit, in der eine heftige Debatte um eben diese Machtmenschen herrscht. „Ich bekenne mich absolut zur autokratischen Führung eines Opernhauses“, betont er. Man müsse sich der Verantwortung stellen und Einfluss auf alles nehmen – vom Bühnenpförtner und den Toiletten bis zur Künstlerbesetzung. „Letztendlich kommt es nur auf zwei Dinge an: Was man spielt und mit wem man spielt – und das kann nur der Leiter bestimmen!“ 19 Jahre lang war Holender Direktor der Wiener Staatsoper – länger als jemals eine Person zuvor.

Seit Ende seiner Amtszeit wirkt er unter anderem als Berater für die Metropolitan Opera – „wie das eben so ist, wenn man in einer solchen Position war und es nicht mehr ist, dann wird man Berater“, lacht er. Daneben hat er seine eigene Sendung „kulTOUR mit Holender“ bei ServusTV. Hierbei lässt ihm der Geschäftsführer des Senders, Red-Bull-Milliardär Dietrich Mateschitz, alle Freiheit der Welt: „Wenn Sie es gerne machen, wird es gut sein!“ Und so porträtiert Holender mal Künstlerpersönlichkeiten wie Zubin Mehta, Christian Gerhaher oder Teodor Currentzis, mal Institutionen wie die Opernhäuser von Tirana oder dem Oman oder das neue Kulturzentrum in Peking. Dabei ist für ihn nicht immer die Qualität entscheidend, sondern die spannenden Geschichten, die hinter den Personen und Gebäuden stecken und die neben Opernfans vor allem auch die breite Mehrheit des Fernsehpublikums erreichen sollen – eine „Quadratur des Kreises“, wie Holender selbst bemerkt, aber dieser Herausforderung stellt er sich gerne.

Gerade hat er eine Folge an der Staatsoper Stuttgart abgedreht – von Max Reinhardt zu Recht als „schönstes Opernhaus der Welt“ bezeichnet, wie Holender findet. Der monumentale, 1912 eröffnete Doppeltheaterbau mit Opern- und Schauspielhaus von Max Littmann sei etwas ganz Besonderes. Holender sprach unter anderem mit Opernintendant Jossi Wieler und Chefdramaturg Sergio Morabito – Letzterer wechselt ab 2020 in gleicher Funktion an die Wiener Staatsoper, also an Holenders ehemalige Wirkungsstätte. Außerdem haben Wieler und Morabito in den vergangenen Jahren als gefeiertes Regie-Duo im besten Sinne die Stuttgarter Musikwelt aufgewirbelt. Und natürlich kommt bei Holenders Stuttgart-Porträt auch das legendäre Stuttgarter Ballett nicht zu kurz – insbesondere die 1971 von John Cranko gegründeten Ballettschule –, daneben weitere Kulturspielstätten wie die Liederhalle oder das Architekturjuwel Wilhelma Theater. In Gebäuden, in denen Menschen Musik machen, herrsche oft eine ganz besondere Atmosphäre, beobachtet Holender. Diese zu vermitteln, gelingt der Kulturautorität ganz ausgezeichnet. Da muss man nachträglich fast froh sein, dass die politischen Unruhen im kommunistischen Rumänien Holender einst zum Abbruch seines Studiums und später zur Auswanderung zwangen, woraus seine Karriere in der Hochkultur geboren wurde – ansonsten wäre Holender Ingenieur für Dampfmaschinen geworden!

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Maria Goeth
Sie ist eine "eierlegende Wollmilchsau" des Opern- und Konzertbetriebs: Maria Goeth wirkte als Dramaturgin, Regisseurin und Kuratorin, aber auch als Moderatorin, Gastspielleiterin und Inspizientin. Festanstellungen führten sie u.a. ins Orchestermanagement der Bayerischen Staatsoper, als Konzertdramaturgin ans Theater Heidelberg und ins Projektmanagement von „Jugend musiziert“. Darüber hinaus übernimmt die promovierte Musikwissenschaftlerin immer wieder Lehraufträge an der LMU München. Seit 2016 arbeitet Maria Goeth bei CRESCENDO, seit 2017 ist sie Leitende Redakteurin.

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