Ich ken­ne kei­nen Kom­po­nis­ten, der rea­le Todes­angst, das läh­men­de Grau­en vor dem Nichts, so erschüt­ternd, so schmerz­lich schön und form­voll­endet in Musik gesetzt hät­te wie Franz Schu­bert. Bereits mit 19 Jah­ren hat­te er Mat­thi­as Clau­di­us’ Gedicht „Der Tod und das Mäd­chen“ ver­tont und sie­ben Jah­re spä­ter in sei­nem vor­letz­ten „Streich­quar­tett“ zu einer gewal­ti­gen Schre­ckens­vi­si­on aus­ge­wei­tet: Wer jetzt die neue, kon­ge­nia­le Inter­pre­ta­ti­on des jun­gen Chia­ros­cu­ro Quar­tets hört, bekommt einen star­ken Ein­druck von Schu­berts Gefühls­la­ge in jener Zeit, und zugleich erlebt er eines der größ­ten Kam­mer­mu­sik­wer­ke aller Zei­ten. Mit his­to­ri­scher Sen­si­bi­li­tät, mit Darm­sai­ten und fah­lem, vibra­to­lo­sem Strich ent­wer­fen die vier exzel­len­ten Strei­cher­so­lis­ten unter der Lei­tung der rus­si­schen Top-Pri­ma­ria Ali­na Ibragi­mo­va ein wahr­lich gespens­ti­sches Bedro­hungs­sze­na­rio, das end­lich die emo­tio­na­le Power, huma­ne Wahr­haf­tig­keit und musi­ka­li­sche Grö­ße die­ses ein­zig­ar­ti­gen Werks auf­flam­men lässt. Dage­gen wirkt das ähn­lich aus­drucks­stark und gebün­delt vor­ge­tra­ge­ne „g-Moll-Quar­tett“ des 17-jäh­ri­gen Schu­bert wie ein lei­den­schaft­li­cher, jugend­lich-unge­stü­mer Appell an das Leben.

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Attila Csampai
Attila Csampai ist Chefrezensent bei crescendo. Als gebürtiger Budapester lebt er seit 1957 in München, und studierte hier Musikwissenschaft. Seit 1974 schreibt er Schallplattenkritiken in allen wichtigen Fachzeitschriften. Seine Essays, seine Werkkommentare und vor allem sein zahlreichen Musikbücher sind legendär. 32 Jahre lang war er Musikredakteur und Live-Moderator beim Bayerischen Rundfunk. Seine CD-Sammlung umfasst mehr als 30.000 Alben.

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