Perfekte Fassade oder innere Klangschönheit? Die Frage nach der Priorität wird bei jedem Neubau eines Konzerthauses heftig diskutiert.

Perfekte Fassade oder innere Klangschönheit? Die Frage nach der Priorität wird bei jedem Neubau eines Konzerthauses heftig diskutiert.

Die Elbphilharmonie hat neue Maßstäbe gesetzt. In jeder Hinsicht. Optisch, akustisch und finanziell. Sie wurde mit dem Ziel geplant, ein neues Wahrzeichen der Stadt und ein „Kulturdenkmal für alle“ zu schaffen. Zumindest die Sache mit dem Wahrzeichen ist voll aufgegangen. Man muss sich tatsächlich nicht für Musik interessieren, um die „Elphi“ – fast 800 Millionen Euro schwer – beeindruckend zu finden. 110 Meter ragt sie in die Höhe. Der Unterbau aus Ziegel, Resten eines alten Kaispeichers, der Oberbau ein Kunstwerk aus Glas, Stahl und Beton.

Und doch lässt dieses Prunkstück auch Raum für Diskussionen. Denn qua definitionem ist ein Konzertsaal dafür da, dass die Musik gut klingt. Er soll den Schall verstärken und verbessern – wie ein begehbarer Resonanzraum. Schauen wir nach Dresden: Akustisch überzeugen konnte der 1969 gebaute Dresdner Kulturpalast eigentlich nie. Jetzt aber, fast 50 Jahre später, hält man ihn sogar für „die bessere Elbphilharmonie“. Fünf Jahre lang wurde saniert, der Konzertsaal völlig neu gestaltet und im April 2017 wieder eingeweiht. Etwa 100 Millionen Euro hat man sich die Neugestaltung des Kulturpalasts am Altmarkt kosten lassen, laut Eigenwerbung „ein Haus der Künste und des Wissens: Der neue Dresdner Kulturpalast weist in die Zukunft“.

In der 40. Reihe hört man noch gut, aber die Musiker schrumpfen zum Ameisentheater“

Ob er auch ein Touristenmagnet wird wie die Elbphilharmonie? Wenn, dann eher nicht, weil er optisch überzeugt. Der als sozia­listisch-klassizistischer Ensemblebau geplante Quader wirkt im Stil der internationalen Moderne fast schon schmucklos. Der Konzertsaal aber wurde, was die Akustik betrifft, zur großen Überraschung. Schon erste Orchesterproben stimmten die Verantwortlichen euphorisch. Der angestrebte „warme Dresdner Klang“ war von dem niederländisch-deutschen Akustikbüro Peutz erzielt worden.

Als zurzeit führender Fachmann für Konzertsaal-Akustik gilt der Japaner Yasuhisa Toyota. Jüngere Großprojekte waren die Konzertsäle in Katowice (2014), Paris (2015) und eben Hamburg (2016). Toyota war auch der verantwortliche Akustiker für die Suntory Hall in Tokio (1986), die Walt Disney Concert Hall in Los Angeles (2003) oder das Konzerthaus in Kopenhagen (2009).

In München wird seit Jahren über die Notwendigkeit eines neuen Konzertsaals gestritten. So ein Konzertbau ist ja keine Kleinigkeit, sondern eine millionenteure und städtebaulich oft einschneidende Entscheidung. Siehe Hamburg. Überhaupt hat man den Eindruck, das äußere Erscheinungsbild sei der wichtigere Aspekt – was für den Großteil der Bevölkerung vermutlich auch stimmt, denn dieser wird den neuen Bau eher von außen denn von innen erleben. Die Frage muss erlaubt sein: Wie stark kann die Fassade auch über mindere akustische Qualität „hinwegschönen“? Denn die Saalakustik bildet ein heikles Thema, zumal die oft neuartige und gewagte Architektur immer wieder andere Herausforderungen stellt.

Wie stark kann die Fassade auch über mindere akustische Qualität hinwegschönen?“

Im 19. Jahrhundert war das alles noch einfacher. Der für seine Akustik vielfach bewunderte Goldene Saal des Wiener Musikvereins entstand 1870 ohne jede akustische Expertise. Man folgte einfach dem traditionellen Modell der „Schuhschachtel“ oder „Zigarrenkiste“: Der Saal ist ein länglicher Quader mit der Bühne am schmalen Ende. Viele Konzertsäle jener Zeit, die bis heute für ihre gute Akustik bekannt sind, beherzigen dasselbe Prinzip: das Concertgebouw in Amsterdam (1887), die Tonhalle in Zürich (1895), die Symphony Hall in Boston (1900). Auch bei Neubauten dient der Goldene Saal noch immer als Vorbild, etwa beim Konzerthaus Berlin am Gendarmenmarkt (1984), beim Konzertsaal im KKL Luzern (1998) und beim Konzerthaus Dortmund (2002). Physiker aus Finnland haben aktuell nachgewiesen, dass die „Schuhschachtel“-Bauweise eine besondere akustische Dynamik besitzt – vor allem dank der Schallreflexion der Seitenwände. Der Nachteil dieser Bauform ist ein optischer: Man mag in der 40. Reihe noch gut hören, aber die Musiker schrumpfen zum Ameisen­theater. Da kann man gleich vor einer HiFi-Anlage sitzen.
Und die „Schuhschachtel“ hat ernsthafte Konkurrenz bekommen – erstmals durch die Berliner Philharmonie (1963), im Volksmund einst „Zirkus Karajani“ genannt. In Berlin hat man versucht, alle Zuhörerplätze möglichst nahe an die Bühne zu rücken, indem man die Reihen rundum terrassenartig nach oben zog und die Bühne Richtung Saalmitte verlegte. Diese Bauform wurde als „Weinberg“-Prinzip bekannt. Sie liegt heute vielen Neubauten von Konzertsälen zugrunde, auch den aktuellen Philharmonie-Projekten in Dresden und Hamburg.

Der Trend geht dabei zu immer steileren Rängen, als wolle man die konventionelle „Schuhschachtel“ hochkant stellen, aber auch zu immer voluminöseren, „runderen“ Sälen. Das lässt an die modernen Fußballarenen denken: Auch dort sind die Besucher recht steil und relativ nahe überm Spielfeld platziert. Nun kann man zwar ein Fußballspiel aus jeder Richtung betrachten, aber Orchestermusiker spielen nur in eine Richtung: zum Dirigenten hin. Daher hat auch der Rundum-„Weinberg“ seine optischen Grenzen – denn wer will den Musikern zwei Stunden lang von oben auf den Hinterkopf schauen?

Optik und Akustik sollten also Hand in Hand gehen. Und Architekten ziehen beim Neubau eines Konzertsaals professionelle Akustiker hinzu. Schließlich ist, wie der der Physiker Donald E. Hall schreibt, „akustische Planung mindestens ebenso sehr Kunst wie Wissenschaft“.

1 COMMENT

  1. Sehr interessanter Artikel! Letztlich ist es so: die Besucher haben den „Klang“ ihrer Halle im Ohr, das Auge „hört“ auch mit, wenn man vom Konzerthaus beeindruckt ist, und in fast allen Sälen hört man nicht, was auf der Bühne von sich gegeben wird, sondern, was der Saal daraus macht (durch Reflektionen von Wänden, Decke und Boden, durch Absorption etwa durch die Besucher und Interferenzen). Die Elbphilharmonie verändert sehr wenig von dem, was auf der Bühne geschieht. Es wird wenig vermischt, und man hört eben alles. Das hat viele Musiker erschreckt, nicht aber die großen Könner, die sofort die Gefahren und vor allem Möglichkeiten erkannt haben, z. B. Muti mit dem Chicago Symphony, Metzmacher mit den Wienern, Jansonss dreimal mit dem BRSO, seine Münchner Kollegen Gergiev, Petrenko, Nézet Séguin, Nelsons, Blomstedt, Gilbert usw. Daneben gibt es Gott sei Dank andere wunderbare Konzertsäle in D! Aber auch andere, weshalb man es in München nun dringend macht. Am Ende bleibt viel Subjektives und auch der Geschmack. So sollte es auch sein

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