Schwarze Tenöre auf den Konzert- und Opernbühnen – noch immer eine Seltenheit 

Die westliche klassische Musik ist elitär und weiß. Diesen Eindruck gewinnt, wer in den Annalen hiesiger Opernhäuser blättert. Tatsächlich aber ist dies nur der Schein, den Intendanten und Veranstalter erwecken, indem sie ausschließlich weiße Künstler engagieren. Die christlichen Missionare vermochten mit ihren primitiven Liedern und dem Harmonium die Musikkulturen der Afrikaner zu zerstören. Die Musikalität aber kann man Menschen weder rauben noch zerstören. Und so war es nur eine Frage der Zeit, bis den Sklavenfamilien auch beeindruckende Operntenöre entsprossen.

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Thomas Hayes singt Du bist die Ruh’, das Franz Schubert nach Friedrich Rückerts Gedicht komponierte.

Einer der ersten, der mit Arienabenden hervortrat, um der Welt zu zeigen, dass Farbige ebenso klassische Musik singen können, war der 1823 in Philadelphia geborene Tenor Thomas Bowers. „The Colored Mario“ wurde er aufgrund der wundervollen Kraft und Schönheit seiner Stimme in Anlehnung an den italienischen Tenor Giovanni Matteo Mario genannt. Als der erste afroamerikanische klassische Sänger, der internationale Bekanntheit erlangte, gilt der Tenor Roland Hayes, der 1887 als Sohn ehemaliger Sklaven zur Welt kam. Seine Konzerttournee, die er 1920 unter finanziellen Schwierigkeiten mit dem Pianisten Lawrence Benjamin Brown nach England unternahm, wurde so erfolgreich, dass er in der Wigmore Hall auftreten konnte und sogar eine Einladung zu einem Auftritt vor King George V. und Queen Mary im Buckingham Palast erhielt.

George Shirley
Sang über ein Jahrzehnt dramatische Partien auf der Bühne der Metropolitan Opera: George Shirley

Auch der Sprung auf die Bühne der Metropolitan Opera blieb nicht aus. Als erster afroamerikanischer Tenor, der Hauptrollen an dem berühmten Haus erhielt, wird George Shirley angesehen. Über ein Jahrzehnt sang er lyrische ebenso wie dramatische Partien in Opern von Mozart, Verdi, Puccini, Strauss und Wagner. Als Sprungbrett hatten ihm die unter dem Intendanten Rudolf Bing ab 1954 jährlich an der Metropolitan Opera veranstalteten Gesangswettbewerbe gedient. Der Tenor Vinson Cole gewann 1977 den Wettbewerb. Er sang im Laufe seiner Karriere u.a. an der Oper von San Francisco, der Pariser Nationaloper, der Mailänder Scala sowie an Opernhäusern in Berlin, Wien und bei den Salzburger Festspielen. Der Bass-Bariton Thomas Stimmel zitiert ihn in seiner Diplomarbeit Apartheid im klassischen Gesang zur Frage, warum Intendanten ein Problem hätten, schwarze Männer als Helden und Liebhaber zu besetzen, mit einer Beschreibung der Angst vor der romantischen Paarung schwarzer Mann – weiße Frau.

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Derek Lee Ragin singt die Arie Rompo i lacci aus der Oper Flavio von Georg Friedrich Händel

Der neue Zugang von Regisseuren zur Barockoper und zeitgenössische Werke bieten schwarzen Countertenören zunehmend ein Betätigungsfeld. Derek Lee Ragin etwa, der für den Soundtrack von Gérard Corbeaus Film Farinelli seine Stimme lieh, trat in Glucks Orfeo ed Euridice sowie in Ligetis Le Grand Macabre bei den Salzburger Festspielen auf. Auch John Holiday (Titelfoto des Beitrags), der im Dezember 2021 sein Debüt an der Metropolitan Opera gibt, hat sein Repertoire auf barocke und zeitgenössische Werke ausgerichtet. Serge Kakudji aus der Demokratischen Republik Kongo sang an der Königlichen Oper in Versailles, der Nationaloper von Montpellier und am Teatro Real in Madrid Partien von Monteverdi, Händel, Gluck und Cavalli und wirkte 2014 an der Uraufführung des von ihm mitkonzipierten Projekts Coup fatal bei den Wiener Festwochen mit.

Noah Stewart
Noah Stewart und Julia Bullock in Peter Sellars Inszenierung von Henry Purcells Opernfragment The Indian Queen am Teatro Real in Madrid
Zu sehen unter: foyer.de
(Foto: © Lavier de Real, Teatro Real)

Bahnbrechend war 2013 Peter Sellars’ Inszenierung von Henry Purcells Fragment The Indian Queen mit Noah Stewart als Don Pedro de Alvarado am Teatro Real. Geschafft hat es auch Lawrence Brownlee. Nach seinem Debüt an der Metropolitan Opera 2007 und Auftritten in Wien, Mailand, Berlin, Madrid und Tokio wurde er 2014 mit Juan Diego Flórez und Javier Camarena zu den „Drei Tenören“ gezählt, die „ein neues Zeitalter der hohen Männerstimmen“ repräsentieren. 2021 gehörte er zu den Mitwirkenden von Thomas Hampsons Projekt A Celebration of Black Music.

Russell Thomas als Idomeneo
Russell Thomas als Idomeneo an der Seite von Ying Fang als Ilia in Peter Sellars Inszenierung bei den Salzburger Festspielen 2019
(Foto: © Ruth Walz / Salzburger Festspiele)

Als einer der gefragtesten Sänger seiner Generation wird gegenwärtig Russell Thomas gehandelt, der bereits an der Deutschen Oper Berlin, an der Oper Frankfurt und bei den Salzburger Festspielen zu erleben war. Seit Januar 2021 ist er Artist in Residence der Los Angeles Opera. In der Spielzeit 2023/24 soll diese Residenz mit der Uraufführung einer Oper, die Joel Thompson über Thomas’ Leben komponiert, ihren krönenden Abschluss finden.

Mehr zu den Großen Tenören unter: CRESCENDO.DE 

Mehr zum Mythos vom hohen C unter: CRESCENDO.DE

Fotos: Shervin Lainez

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Das „flüchtige Ereignis“ in crescendo anzukündigen, ist die Aufgabe von Dr. Ruth Renée Reif: Als Erleben-Redakteurin spürt sie mit detektivischem Eifer packende, hören- und sehenswerte Veranstaltungen für uns auf. Dr. Ruth Renée Reif studierte in Wien Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte und ist seit ihrer Promotion 1987 in München als freie Journalistin und Publizistin tätig. Zu ihren Veröffentlichungen zählen eine Biografie über die Sängerin Karan Armstrong, ein historisches Porträt der Stuttgarter Philharmoniker sowie zahlreiche Gespräche mit Musikern, Schriftstellern und Philosophen.

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