WILLKOMMEN IN DER NEUEN KLASSIK-WOCHE,

heu­te unter ande­rem mit viel zu vie­len sexu­el­len Über­grif­fen, mit Coro­na und dem Angst-Virus – und mit einem neu­en Buch von Rudolf Buch­bin­der. 

WAS WAR

Pláci­do Dom­in­go – nur einer von vie­len Künst­lern, die der­zeit unter Sexis­mus-Ver­dacht ste­hen

VIEL ZU VIELE EINZELFÄLLE

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Es war irgend­wie kei­ne gute Woche – erst die neu­en Mel­dun­gen rund um Pláci­do Dom­in­go: Nach­dem die Rechts­an­wäl­te der „Ame­ri­can Guild of Musi­cal Artists“ ihren Abschluss­be­richt vor­ge­legt und Pláci­do Dom­in­go der sexu­el­len Über­grif­fe und des Macht­miss­brauchs beschul­digt hat­ten, bat der Tenor offi­zi­ell um Ent­schul­di­gung bei sei­nen Opfern, um dann eine wei­te­re Erklä­rung nach­zu­schie­ben: Sei­ne Bit­te um Ent­schul­di­gung sei kein Ein­ge­ständ­nis der Vor­wür­fe, son­dern drü­cke ledig­lich sein Bedau­ern aus. Die Opern­welt reagier­te gespal­ten: Spa­ni­ens Kul­tur­mi­nis­te­rin riet davon ab, Dom­in­go auch wei­ter­hin ein­zu­la­den, die Deut­sche Oper laviert wei­ter, nur Salz­burgs Fest­spiel­prä­si­den­tin Hel­ga Rabl-Stad­ler stellt sich wie­der hin­ter Dom­in­go. Und dann war da noch die Geschich­te um den Solo-Cel­lis­ten der Wie­ner Phil­har­mo­ni­ker, der frist­los ent­las­sen wur­de: von der Musik­uni­ver­si­tät und nun auch aus dem Opern­or­ches­ter. Wegen Miss­brauchs sei­ner Posi­ti­on. Es hieß, Opern­di­rek­tor Domi­ni­que Mey­er hät­te zunächst kein Inter­es­se an einer Auf­klä­rung des Falls gehabt, was der aller­dings bestrei­tet. Und dann berich­te­te die TAZ noch über die Arbeit am Film „DAU. Nata­sha“, über das geschei­ter­te Ber­li­ner DAU-Pro­jekt, in des­sen Pari­ser Vari­an­te der Penis von Teo­dor Cur­r­ent­zis zu sehen war. Es geht um das Füh­rungs­team um Regis­seur Ilja Chrscha­now­ski, das sek­ten­haf­te Struk­tu­ren auf­ge­baut und beson­ders Frau­en immer wie­der ernied­rigt haben soll. Ach ja – und Sieg­fried Mau­ser hat sei­ne Haft­stra­fe auch noch nicht ange­tre­ten, spielt statt­des­sen Katz und Maus mit den deut­schen Straf­be­hör­den und will sei­ne Stra­fe nun in Öster­reich antre­ten. Mit ande­ren Wor­ten: Es hört ein­fach nicht auf! Kunst und Kul­tur schei­nen ein Eldo­ra­do für sexu­el­le Über­grif­fe und Macht­miss­brauch zu sein. All das sind kei­ne Ein­zel­fäl­le mehr, all das liegt am Sys­tem. In allen wei­te­ren Debat­ten muss es dar­um gehen, die­ses Sys­tem neu zu struk­tu­rie­ren und bes­ser zu regu­lie­ren. Es ist ein­fach zu viel pas­siert!       

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Beethoven bewegt BR-KLASSIK

Ent­de­cken Sie den Kom­po­nis­ten in Pod­casts, Kon­zer­ten, im TV, Radio und online.
Ein gan­zes Jahr – immer neu – immer über­ra­schend!

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DEUTSCHE MEIDEN KONZERTE WEGEN CORONA

Der Virus-Wahn geht wei­ter. Letz­te Woche wur­den auch in Japan weit­ge­hend alle Groß­ver­an­stal­tun­gen und damit Gast­spie­le aus­län­di­scher Orches­ter abge­sagt. Die Schweiz ver­bie­tet Groß­ver­an­stal­tun­gen mit mehr als 1.000 Besu­chern – was Insti­tu­tio­nen wie die Zür­cher Oper ver­an­lasst, ihr für 1.200 Besu­cher aus­ge­leg­tes Haus nur noch für 900 Zuschau­er zu öff­nen, um den Spiel­be­trieb irgend­wie auf­recht zu hal­ten. Beson­nen­heit in Zei­ten gro­ßer Hys­te­rie! Die macht beson­ders den deut­schen Kon­zert­ver­an­stal­tern zu schaf­fen, wie die nmz berich­tet: „‚Wir beob­ach­ten bereits seit eini­gen Tagen einen erheb­li­chen Ein­bruch bei den Kar­ten­ver­käu­fen, und Inha­ber von Kar­ten ver­su­chen zuneh­mend, die­se gegen Erstat­tung des Ein­tritts­gel­des zurück­zu­ge­ben‘ sagt Prof. Jens Michow, geschäfts­füh­ren­der Prä­si­dent des Bun­des­ver­ban­des der Kon­zert- und Ver­an­stal­tungs­wirt­schaft (BDKV) e. V. Sofern wir zukünf­tig Ver­an­stal­tun­gen auf­grund behörd­li­cher Anord­nun­gen aus­fal­len las­sen müs­sen, droht zahl­rei­chen Ver­an­stal­tungs­un­ter­neh­men der wirt­schaft­li­che Kol­laps‘.“ 

BRANDENBURG: VERBESSERUNGEN FÜR FREIE MUSIKER

Ab sofort gel­ten im Land Bran­den­burg Hono­rar-Min­dest­stan­dards für frei­schaf­fen­de Musi­ke­rin­nen und Musi­ker in Pro­jek­ten und Insti­tu­tio­nen mit musi­ka­li­schen Eigen­pro­duk­tio­nen. Das Land stellt für die­se bun­des­weit neue Rege­lung bis zu 100.000 Euro bereit, berich­tet der Blog „Orchesterlan(D)“. Nach zwei Jah­ren soll das Modell über­prüft wer­den. Dazu passt die Nach­richt, dass im Bran­den­bur­ger Nach­trags­haus­halt noch 2,2 Mil­lio­nen Euro für das Staats­thea­ter Cott­bus bereit­ge­stellt wur­den.

WAS IST

Eine end­lo­se Geschich­te: Was der Umbau der Komi­schen Oper in Ber­lin kos­ten wird – nie­mand weiß Genau­es.

TRAUERSPIEL KOMISCHE OPER 

Kol­le­ge Fre­de­rik Hans­sen vom Tages­spie­gel hat sich herr­lich fest­ge­bis­sen an der Debat­te um die Reno­vie­rung der Komi­schen Oper. „Nichts als eine ‚Ver­mu­tung‘“ sei die Sum­me von 227 Mil­lio­nen Euro, „die der­zeit genannt wird, wenn es um die Sanie­rung der Komi­schen Oper geht“, schreibt Hans­sen. Das habe Ber­lins Senats­bau­di­rek­to­rin Regu­la Lüscher am Mon­tag bei einer Anhö­rung im Kul­tur­aus­schuss des Abge­ord­ne­ten­hau­ses gesagt. Hans­sens Text erklärt auch, war­um öffent­li­che Bau­ten wie etwa die Elb­phil­har­mo­nie immer wie­der ihre Kos­ten­rah­men über­zie­hen: „Wir sol­len sehr früh Aus­sa­gen zu den Kos­ten machen, obwohl wir es gar nicht kön­nen“, beschreibt Lüscher das Dilem­ma der Ber­li­ner Stadt­ent­wick­lungs­ver­wal­tung. Und dann ist da noch die Absur­di­tät der Archi­tek­ten-Aus­schrei­bung: „‚Rund 80 000 Arbeits­stun­den hat­ten die Teil­neh­mer da bereits inves­tiert‘, erklär­te Macken­roth. Des­halb befürch­tet die Archi­tek­ten­kam­mer, dass es zu Scha­den­er­satz­for­de­run­gen der Betrof­fe­nen kom­men könn­te. Und zwar in Höhe von bis zu zehn Mil­lio­nen Euro.“ Wird die Komi­sche Oper ein Trau­er­spiel wie der Ber­li­ner Flug­ha­fen?

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Royal Opera House:
„Fidelio“ mit Jonas Kaufmann im Kino!

Lise David­sen und Jonas Kauf­mann. Live am 17. März.
Alle Kinos und Ter­mi­ne: rohkinotickets.de

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2,2 PROZENT FÜR DIE KLASSIK

Nach Zah­len der Jah­res­bi­lanz des Bun­des­ver­ban­des Musik­in­dus­trie macht die Klas­sik im gesam­ten Plat­ten­markt gera­de mal 2,2 Pro­zent aus. Die neue Sta­tis­tik fasst der Ver­band so zusam­men: „Die Ein­nah­men aus Musik­ver­käu­fen und Erlö­sen aus dem Strea­ming­ge­schäft wuch­sen um 8,2 Pro­zent. In Sum­me kamen sie auf 1,623 Mil­li­ar­den Euro. Nach den zwei mini­mal rück­läu­fi­gen Vor­jah­ren 2017 und 2018 folgt der viert­größ­te Musik­markt der Welt damit 2019 wie­der der seit eini­gen Jah­ren klar posi­ti­ven glo­ba­len Ent­wick­lung. Zu dem Umsatz­zu­wachs haben meh­re­re Fak­to­ren geführt: die Dyna­mik des Audio-Strea­mings (+27,0%), ein gegen­über dem Vor­jahr nahe­zu hal­bier­ter Rück­gang der Umsät­ze mit CDs (-10,5%) sowie ein Plus von 13,3 Pro­zent bei Vinyl-Schall­plat­ten. Audio-Strea­ming als füh­ren­des Markt­seg­ment kommt nun­mehr auf einen Anteil von 55,1 Pro­zent am Gesamt­um­satz, gefolgt von der CD (29,0%), Down­loads (6,2%) und Vinyl (4,9% Umsatz­an­teil).“

STREAMEN SIE MIT

Und ja, an die­ser Stel­le mache ich gern Wer­bung in eige­ner Sache: Das neue Ange­bot, exklu­siv für Leser und Abon­nen­ten der CRESCENDO PRE­MI­UM-Aus­ga­be: Mit der Naxos-App kön­nen Sie fast 150.000 Klas­sik-Alben in Pre­mi­um-Sound­qua­li­tät anhö­ren – kos­ten­frei für die Lauf­zeit einer Aus­ga­be bzw. Ihres Abon­ne­ments.

PERSONALIEN DER WOCHE

Zoff mit Yuja Wang – nach­dem unter ande­rem Klas­sik-Blog­ger Nor­man Leb­recht der Pia­nis­tin einen Auf­tritt mit Son­nen­glä­sern als „effekt­ha­sche­risch“ vor­ge­wor­fen hat­te, ließ sie ihre Fans wis­sen: Sie sei am Flug­ha­fen von Van­cou­ver auf ernied­ri­gen­de Wei­se ver­hört wor­den, die Son­nen­bril­le hät­te sie getra­gen, um ihre Trä­nen zu ver­ber­gen. +++ Kul­tur­ma­na­ger Jan Hen­ric Bogen zieht sich von sei­nem Pos­ten als Inten­dant des Kurt Weill Fes­tes Des­sau zurück. Von 2021 an steht Ger­hard Kämp­fe zur Ver­fü­gung, der das Fes­ti­val schon ein­mal in Über­gangs­zei­ten gelei­tet hat. +++  Zum ers­ten Mal nach 20 Jah­ren wird das Orches­ter der MET wie­der auf Tour gehen – gemein­sam mit Musik­chef Yan­nick Nézet-Ségu­in ste­hen Eng­land, Frank­reich und Deutsch­land auf dem Tour­plan für 2021. +++ Tom Mus­troph besuch­te für die NZZ eine Pro­be des rus­si­schen Regis­seurs Kirill Serebren­ni­kow, der zwar wie­der arbei­ten, aber sein Land noch nicht ver­las­sen darf. +++ Diri­gent Car­lo Riz­zi unter­brach eine Auf­füh­rung von Ver­dis „Sizi­lia­ni­sche Ves­per“ an der Welsh Natio­nal Ope­ra gleich zwei Mal, um das Publi­kum über den Stör­fak­tor Mobil­te­le­fon auf­zu­klä­ren. +++ Bay­reuths neu­er „Ring“-Regis­seur Valen­tin Schwarz hat das Dresd­ner Publi­kum mit Offen­bachs „Ban­di­ten“ gegen sich auf­ge­bracht – in sei­ner letz­ten Insze­nie­rung vor den Fest­spie­len wur­de er an der Staats­ope­ret­te herr­lich laut aus­ge­buht. +++ Mit 87 Jah­ren starb der Arzt und Enkel von Richard Strauss, Chris­ti­an Strauss, der sich ener­gisch für das Erbe sei­nes Groß­va­ters ein­setz­te.

IN EIGENER SACHE

Beschäf­tigt sich in sei­nem neu­en Buch „Der letz­te Wal­zer“ mit Beet­ho­ven: Rudolf Buch­bin­der

Der letz­te News­let­ter sorg­te für aller­hand Rück­mel­dun­gen – und sie waren grund­ver­schie­den. Beson­ders die Über­le­gung, Vor­stel­lun­gen mit so genann­ten „Star-Sän­gern“ an der Wie­ner Staats­oper teu­rer zu machen, sorg­te für Dis­kus­sio­nen. Wäh­rend ein west­deut­sches Opern­haus sich mel­de­te und mich dar­auf auf­merk­sam mach­te, dass hohe Gagen in der Regel eh von Spon­so­ren über­nom­men wür­den, poch­ten Stim­men aus der Wie­ner Staats­oper dar­auf, dass Spit­zen­ga­gen auf einen „Betrag unter 15.000 Euro gede­ckelt“ sei­en – Spon­so­ren wür­den für Mehr­kos­ten nicht auf­kom­men! Genaue Anga­ben woll­te man nicht machen. Das ist scha­de, da die Geheim­nis­krä­me­rei eine kon­struk­ti­ve Debat­te über die von Steu­ern finan­zier­ten Gehäl­ter unter­wan­dert. Gegen dyna­mi­sche Ein­tritts­prei­se wür­de man sich in Wien den­noch aus­spre­chen. Schon allein, weil die Fra­ge, wie im Fall einer Absa­ge und eines Ein­sprin­gers mit dem höhe­ren Preis umge­gan­gen wer­den sol­le, unge­löst sei. Zum ande­ren, weil höhe­re Ein­nah­men der Opern dazu füh­ren könn­ten, dass die „Star-Sän­ger“ sel­ber von den höhe­ren Ein­nah­men pro­fi­tie­ren woll­ten.

Viel­leicht erlau­ben Sie mir noch, auf eine Publi­ka­ti­on hin­zu­wei­sen, für die ich mich in den letz­ten Mona­ten regel­mä­ßig mit dem Pia­nis­ten Rudolf Buch­bin­der getrof­fen habe – gemein­sam mit ihm habe ich an sei­nem Buch „Der letz­te Wal­zer“ gear­bei­tet, das nun im Amal­thea Ver­lag erscheint. 33 Geschich­ten über Buch­bin­ders Beet­ho­ven, über die „Dia­bel­li-Varia­tio­nen“ und über das Kla­vier­spiel. Wie sich unse­re Kon­ver­sa­tio­nen ange­hört haben, lässt sich unter ande­rem hier nach­hö­ren.

In die­sem Sin­ne: hal­ten Sie die Ohren steif

Ihr

Axel Brüg­ge­mann

brueggemann@crescendo.de        

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Axel Brüggemann
Axel Brüggemann glaubt, dass Musik das Leben verändern kann. Darüber hat er zunächst bei der WELT am SONNTAG geschrieben, bei der er auch Textchef war. Später schrieb er für die FAS und die Jüdische Allgemeine. Heute ist der ehemalige crescendo-Chefredakteur hauptsächlich fürs Fernsehen tätig: für arte, ZDF und SKY. Für seine Bayreuth-Moderationen wurde er für den Grimme-Preis nominiert. Brüggemanns Dokumentarfilme suchen stets nach dem Zusammenhang von Musik und Mensch.

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