Architektur wie Musik ringen um die perfekte, die „goldene“ Proportion. Die beiden Künste standen sich deshalb in vielen Jahrhunderten besonders nahe – und inspirierten sich gegenseitig.

Wenn es um gro­ße Bau­wer­ke geht, dann liebt man den Pau­ken­schlag, die gro­ßen Töne. „Sin­fo­nie aus Stahl und Glas“, hieß es über die Ham­bur­ger Elb­phil­har­mo­nie. Und auch Bau­meis­ter selbst sind über­wäl­tigt. Wenn er sei­ne Pina­ko­thek der Moder­ne mit Musik ver­glei­chen müss­te, so Ste­fan Braun­fels, Enkel eines Kom­po­nis­ten, im Inter­view, dann mit einer Bruck­ner-Sin­fo­nie. Umge­kehrt emp­fand Fer­ruc­cio Buso­ni 1921 sei­ne Fan­ta­sia con­trappun­tis­ti­ca für zwei Kla­vie­re wie eine Kathe­dra­le, und lie­fer­te neben der Par­ti­tur eine archi­tek­to­ni­sche Skiz­ze dazu. „Musik ist sehr nah an dem, wie ich Archi­tek­tur ver­ste­he“, sagt Dani­el Libes­kind, und meint damit nicht nur gemein­sa­me Begrif­fe wie „Fuge“. „In bei­dem geht es um Pro­por­tio­nen, Exakt­heit, Schwin­gun­gen, Akus­tik. Schon die alten Grie­chen wuss­ten, dass die Län­gen­ver­hält­nis­se vi­brierender Sai­ten in einer Har­mo­nie die glei­chen sind wie im Gol­de­nen Schnitt bei Pro­por­tio­nen.“ Und sprach damit Pytha­go­ras an, der vor mehr als 2.500 Jah­ren am Mono­chord, einer Art Zither, ent­deck­te, dass Töne gemes­sen wer­den kön­nen. Brach­te man zwei Sai­ten zum Schwin­gen, von denen die eine halb so lang war wie die ande­re, dann war der Ton der kür­ze­ren Sai­te um eine Okta­ve höher als der der län­ge­ren. Stan­den die Sai­ten­län­gen im Ver­hält­nis 2:3, dann erklang eine Quin­te und bei 3:4 eine Quar­te. Kei­ne Schrif­ten sind von Pytha­go­ras erhal­ten, aber sein Glau­be, der Kos­mos sei mit einer Har­mo­nie von Zah­len durch­zo­gen und las­se sich durch Zah­len abs­tra­hie­ren, präg­te die fol­gen­den Epo­chen.

Als Vitruv um 100 v. Chr. sein Trak­tat De archi­tec­tu­ra libri decem her­aus­gibt, ver­langt er vom Archi­tek­ten sogar, „etwas von Musik“ zu ver­ste­hen „damit er über die Theo­rie des Klan­ges und die mathe­ma­ti­schen Ver­hält­nis­se der Töne Bescheid weiß“.

Tempelanlagen von Paestum
Foto: M. Bösch
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Nicht nur die anti­ken Bau­meis­ter unter­war­fen ihre Bau­ten har­mo­ni­schen Pro­por­tio­nen, wie die grie­chi­schen Tem­pel­an­la­gen von Paes­tum (um 540 v. Chr.) zei­gen. Auch im christ­li­chen Mit­tel­al­ter und der Renais­sance blei­ben Musik und Archi­tek­tur „Schwes­tern“ im Geis­te – wie Le Cor­bu­si­er es spä­ter for­mu­lie­ren wird –, ver­bun­den durch ein mys­ti­sches Zah­len­ver­hält­nis: den Gol­de­nen Schnitt. Ihm zufol­ge wer­den, sei es in einer Fuge von Bach oder in einem Kir­chen­raum, zwei Grö­ßen als har­mo­nisch emp­fun­den, wenn der klei­ne­re Teil sich zu dem Grö­ße­ren so ver­hält wie der Grö­ße­re zur Sum­me bei­der. Mathe­ma­tisch aus­ge­drückt heißt das 1:1,618. Ent­deckt hat­ten Theo­re­ti­ker dies in der Archi­tek­tur der Natur. Ob beim Blät­ter­auf­bau des Gän­se­blüm­chens oder beim Men­schen: Über­all fan­den sie ähn­li­che Pro­por­tio­nen. Sogar der Bauch­na­bel eines Men­schen gehorcht die­ser „pro­por­tio divina“ und liegt nicht mit­tig, son­dern bei exakt 61,8 Pro­zent der Kör­per­grö­ße, wie übri­gens auch der Quer­bal­ken des christ­li­chen Kreu­zes. Die rei­ne pytha­go­rei­sche Quin­te 2:3 kommt übri­gens dem Gol­de­nen Schnitt bereits nahe, die klei­ne Sex­te mit 5:8 noch mehr.

Frap­pie­rend, wie sehr die­se Zah­len­pro­por­tio­nen im Bewusst­sein der schöp­fe­ri­schen Men­schen damals ver­an­kert waren, so auch bei Guil­lau­me Dufay (1400–1474). Man könn­te mei­nen, er hät­te beim Kom­po­nie­ren sei­ner Motet­te Nuper rosar­um flo­res zur Wei­he des Flo­ren­ti­ner Doms 1436 den Bau­plan vor sich gehabt. Auf­ge­baut, so David Fal­lows, ist das Werk „auf zwei tie­fe­ren Stim­men … die vier­mal mit ver­schie­de­ner Geschwin­dig­keit in einem Län­gen­ver­hält­nis von 6:4:2:3 auf­tre­ten – das ent­spricht dem Ver­hält­nis von Schiff, Vie­rung, Apsis und Höhe der Kup­pel im Dom“.

Umge­kehrt folg­te die Archi­tek­tur immer auch den Erkennt­nis­sen der Musik­theo­rie. Als unter ande­rem Gios­ef­fo Zar­li­no in Le isti­tu­zio­ni armo­ni­che (1558) die Ter­zen und Sex­ten für har­mo­nisch und kon­so­nant erklär­te, fan­den sie sich auch in den Vil­len-Ent­wür­fen des Andrea Pal­la­dio (1508–1580) wie­der. 1567 schreibt Pal­la­dio zu sei­ner Kathe­dra­le von Bre­scia: „Die Pro­por­tio­nen der Stim­men sind Har­mo­ni­en für das Ohr, die­je­ni­gen der räum­li­chen Maße für das Auge. Sol­che Har­mo­ni­en geben uns ein Gefühl der Beglü­ckung, aber nie­mand weiß, war­um, außer dem, der nach den Ursa­chen der Din­ge forscht.“ Nur weni­ge Jahr­zehn­te spä­ter wid­met sich der As­tronom Johan­nes Kep­ler (1571–1630) den Geset­zen, die die Pla­ne­ten bewe­gen, und den Har­mo­ni­en des Welt­alls.

In jener Zeit reist der jun­ge Hein­rich Schütz nach Vene­dig zu Gio­van­ni Gabrie­li (1557–1612). Auf den gegen­über­lie­gen­den Empo­ren von San Mar­co expe­ri­men­tie­ren sie mit Klang­grup­pen, las­sen sie mit- und gegen­ein­an­der musi­zie­ren. Aus dem Hoch und Tief, dem Fern und Nah ent­wi­ckelt sich nicht nur das baro­cke Con­cer­to-gros­so-Prin­zip, son­dern auch die akus­ti­sche Wahr­neh­mung des Rau­mes, die bis heu­te eine gro­ße Rol­le spielt. Tief beein­druckt kehrt Schütz zurück und kom­po­niert 1619 sei­ne Psal­men Davids. Obwohl in den Par­ti­tu­ren jener Zeit jeder Hin­weis fehl­te, ord­net er an, die Chö­re „an unter­schied­li­chen Ört­hern“ zu pos­tie­ren.

Skizze zu Luigi Nonos „Il Prometeo“Nicht weit von San Mar­co liegt die Renais­sance­kir­che San Loren­zo von 1595. Fast 400 Jah­re spä­ter, 1984, wur­de hier Lui­gi Nonos Il Pro­me­teo urauf­ge­führt. In einer drei­stö­cki­gen Holz-Arche, die Archi­tekt Ren­zo Pia­no in das Got­tes­haus hat­te ein­bau­en las­sen. „Die Stim­men wis­per­ten durch das Gebälk hin­durch wie Geister­klän­ge aus der Lagu­ne“, erin­nert er sich.

Über­haupt lieb­te die Nach­kriegs­avant­gar­de die Expe­ri­men­te mit Klang­räu­men. Für die Welt­aus­stel­lung in Osa­ka 1970 ließ Karl­heinz Stock­hau­sen ein Kuge­lau­di­to­ri­um errich­ten in Anleh­nung wohl an die Visio­nen von Alex­an­der Skrja­bin, der 1914 von einer im Was­ser getauch­ten Klang­ku­gel mit zwölf Toren in Indi­en träum­te – einem Tem­pel vol­ler Far­ben, Klän­ge und Düf­te. In Stock­hau­sens Kon­zert­ku­gel aller­dings saß das Publi­kum auf einem Git­ter­rost­bo­den, aus dem elek­tro­akus­tisch ver­frem­de­te Klän­ge dran­gen.

Prä­gend für Stock­hau­sen war der Bau­haus­ar­chi­tekt Le Cor­bu­si­er (1887–1965), der selbst aus einer Musi­ker­fa­mi­lie stamm­te. Musik und Archi­tek­tur waren für ihn „Zeit und Raum“, die bei­de „vom Maß“ abhin­gen, wes­halb er 1951 den „Modulor“ ent­wi­ckel­te, ein mathe­ma­ti­sches, am Men­schen ori­en­tier­tes Pro­por­ti­ons­sys­tem. 1956 beauf­trag­te ihn Phil­ips mit dem Pavil­lon zur EXPO 1958 in Brüs­sel. Ein Poè­me élec­tro­ni­que schweb­te Le Cor­bu­si­er vor. Zu den Bild­pro­jek­tio­nen der Archi­tek­tu­riko­ne erklan­gen Edgard Varè­ses (1883–1965) ver­frem­de­te Klän­ge, der sie dank Phil­ips’ tech­ni­scher Inno­va­tio­nen rea­li­sie­ren konn­te. Über 350 Laut­spre­cher wan­der­te der Ton durch den Raum, den ein Assis­tent von Le Cor­bu­si­er gebaut hat­te: Ian­nis Xen­a­kis. „Der Com­pu­ter des Pro­me­theus“ stand über sei­nen Nach­ruf 2001 in der FAZ, weil er ein Mann von drei Bega­bun­gen war: Inge­nieur, Archi­tekt und Kom­po­nist. Sei­nem Ziel, Archi­tek­tur­ent­wür­fe mit Musik­par­ti­tu­ren zu ver­bin­den, ver­dankt der Brüs­se­ler Pavil­lon auch sei­nen Hyper­bel-Scha­len-Look, der wie über­di­men­sio­na­le Glis­san­di aus sei­nem Orches­ter­stück Méta­sta­sis (1953/54) wirkt.

Philips’ Pavillon von Le Corbusier zur EXPO in Brüssel 1958
Foto: Wou­ter Hagens

So eng ver­zahnt waren Musik und Archi­tek­tur prak­tisch schon lan­ge nicht mehr gewe­sen. Denn im 18. und frü­hen 19. Jahr­hun­dert beschäf­tig­te das The­ma vor allem die Phi­lo­so­phen: Fried­rich Schel­ling präg­te die Meta­pher „erstarr­te Musik“ für Archi­tek­tur. Kol­le­ge Scho­pen­hau­er tat die­se gleich als „Witz­wort“ ab, wie er das wohl auch bei den in zeit­ge­nös­si­schen Mul­ti­me­dia­kon­zep­ten stra­pa­zier­ten Begrif­fen wie „Klang-Skulp­tur“ oder „Ton-Archi­tek­tur“ getan hät­te.

Der psy­cho­lo­gi­sche Aspekt, der erst­mals 1819 mit Karl Wil­helm Fer­di­nand Sol­ger auf­kam, rückt in den Vor­der­grund: „Die Archi­tec­tur ver­setzt das Gemüth ganz nach außen; die Musik zieht die Man­nig­fal­tig­keit des äuße­ren Lebens in das Inne­re des Gemüt­hes hin­ein.“ Hec­tor Ber­li­oz ahnt dies und insze­niert sei­ne Gran­de Mes­se des Morts (1837) im Pari­ser Inva­li­den­dom: Aus allen Ecken der Kathe­dra­le, allen vier Him­mels­rich­tun­gen schal­len sie, die vier Blech­blä­ser­chö­re des gewal­ti­gen Wer­kes.

Das Zeit­al­ter des Forte­for­tis­si­mo, der gro­ßen Orches­ter, war ange­bro­chen. Da kam die Erfin­dung des Schiffs­bau­ers John Scott Rus­sell gera­de recht. Der hat­te 1838 die Geset­ze der Strö­mungs­leh­re auf die Akus­tik über­tra­gen. Sei­ne Berech­nun­gen wur­den 1889 im Audi­to­ri­um Buil­ding in Chi­ca­go umge­setzt.

Heu­te braucht der Klang kei­nen Raum mehr, gibt es Ton­stu­di­os und syn­the­ti­sches Echo. Den­noch wer­den wei­ter Kon­zert­sä­le gebaut. „Kann ein Archi­tekt die klas­si­sche Musik ret­ten?“, frag­te sich 2011 die New York Times bei der Eröff­nung von Frank Gehrys New World Cen­ter in Mia­mi. Eine Fra­ge, die Le Cor­bu­si­er nicht ver­stan­den hät­te, war ihm doch die Archi­tek­tur Musik und die Musik Archi­tek­tur.

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Teresa Pieschacón Raphael
„Bis zum Lorbeer versteig' ich mich nicht. G'fallen sollen meine Sachen!“ (J. N. Nestroy) findet Teresa Pieschacón Raphael. Sie hält es mit J. Pulitzers Devise: „Schreibe kurz – und sie werden es lesen. Schreibe klar – und sie werden es verstehen. Schreibe bildhaft – und sie werden es im Gedächtnis behalten.“ In Bogotá wuchs sie auf, in Tübingen und Wien studierte die Enkelin des Komponisten Günter Raphael (1903–1960) Musikwissenschaft und Philosophie und verfiel dem Journalismus. Sie lebt heute als freie Musik- und Kulturpublizistin in München. Ihre Reportagen, Interviews und Konzertprogrammhefte erscheinen in unterschiedlichsten Medien: vom ARTE Magazin bis zur Vogue, von Brigitte bis zur Wirtschaftswoche, vom Dortmunder Konzerthaus bis zu den Salzburger Festspielen… und seit über zehn Jahren bei crescendo.

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