Sophy Roberts reist auf der Suche nach vergessenen Klavieren durch Sibirien und bringt eine Fülle an Geschichten aus den unendlichen Weiten. 

Ich unternahm Abstecher in Territorien, von denen ich nicht annahm, dass mich Klaviere dahin führen würden, reiste von meinem Heim in England aus weiter und weiter auf der Jagd nach einem Instrument, das ich nicht einmal spiele“, beschreibt Sophy Roberts ihre Fahrten durch Sibirien in eigenem Erstaunen darüber, wie sehr ihr Vorhaben sie packt. Ein deutscher Freund im Orchon-Tal gab ihr die Idee ein. „Wir müssen eines der vergessenen Klaviere für sie finden“, flüsterte er ihr nach einem Konzert der mongolischen Pianistin Odgerel Sampilnorow auf einem modernen, aber maroden Yamaha-Stutzflügel zu. 

Eisenbahnstation in Irkutsk
Blick auf den nächtlichen Bahnhof von Irkutsk, das im 19. Jahrhundert als Paris Sibiriens galt
(Alle Fotos des Beitrags: © Michael Turek)

Damit begann Roberts’ dreijährige Suche und ihre wachsende Begeisterung für das Land, seine Menschen und ihre Geschichten. Auf abenteuerlichen Wegen kamen Klaviere in die Weiten Sibiriens. 

Sophy Roberts und Michael Turek unterwegs in der Transsibirischen Eisenbahn
Die Autorin Sophy Roberts und der Fotograf Michael Turek in der Transsibirischen Eisenbahn

Roberts sichtet Zollpapiere im staatlichen russischen Marinearchiv von St. Petersburg und stößt auf ein Clavichord, das im 18. Jahrhundert auf Schlitten, Booten und Pferden quer durch Sibirien geschafft wurde. Ihr Buch berührt viele Aspekte. Es ist eine Musikgeschichte, eine Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, aber auch eine politische Geschichte, die an dunkle Vergangenheiten erinnert. Von der Strafexilierung im 17. Jahrhundert über die Verbannung bis zu den sowjetischen Gulags spannt sich der Bogen. 

Leonid Kaloshin
Leonid Kaloschin war Flugnavigator bei der Aeroflot, ehe er im Altai das spirituelle Herz Russlands entdeckte. Wie er dazu kam, Klaviere in den Altai zu schaffen, erzählt Sophy Roberts in ihrem Buch.

Eine Fülle an Wissen und Erlebnissen breitet Roberts aus. Jeder, den sie trifft, weiß etwas zu erzählen. Sie folgt den Spuren und kommt von einem zum anderen. Als sie in Tomsk einen Klavierstimmer befragt, bringt dieser sie zur Tomsker Musikschule, wo sie wiederum von einer Klavierlehrerin erfährt, die einen Bechstein-Flügel zu Hause hat. Der Flügel kam während des Zweiten Weltkriegs für einen Sack Kartoffeln in den Ort. Überall im Land verstreut findet Roberts Klaviere. In verschlafenen Dörfern erzeugen sie nach wie vor Musik. 

Ein Klavier im sibirischen Chaberowsk
Ein Klavier von Lépold Stürzwage im Haus der Familie des Philanthropen Chidirow in Chabarowsk

Wie solche Instrumente überhaupt in diese verschneite Wildnis kamen, das sind Geschichten über die innere Stärke von Gouverneuren, Verbannten und Abenteurern“, resümiert sie. „Dass sie überlebt haben, ist Zeugnis des Bedürfnisses nach Trost im menschlichen Geist.“

Sophy Roberts: „Sibiriens vergessene Klaviere“ (Zsolnay Verlag)

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Das „flüchtige Ereignis“ in crescendo anzukündigen, ist die Aufgabe von Dr. Ruth Renée Reif: Als Erleben-Redakteurin spürt sie mit detektivischem Eifer packende, hören- und sehenswerte Veranstaltungen für uns auf. Dr. Ruth Renée Reif studierte in Wien Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte und ist seit ihrer Promotion 1987 in München als freie Journalistin und Publizistin tätig. Zu ihren Veröffentlichungen zählen eine Biografie über die Sängerin Karan Armstrong, ein historisches Porträt der Stuttgarter Philharmoniker sowie zahlreiche Gespräche mit Musikern, Schriftstellern und Philosophen.