Para­dox genug: Bis heu­te steht die vier­ak­ti­ge, zwei­ein­halb Stun­den lan­ge „ori­gi­na­le“ Bal­lett­mu­sik zu Shake­speares Romeo und Julia, die Ser­gei Pro­kof­jew 1936 voll­ende­te, im Schat­ten der drei spek­ta­ku­lä­ren Orches­ter­sui­ten. Jetzt hat War­ner eine Modell-Auf­nah­me der 52-tei­li­gen Bal­lett­mu­sik auf drei 180g-Vinyls wie­der auf­ge­legt, die André Pre­vin 1973 in Lon­don mit dem Lon­don Sym­pho­ny Orches­tra pro­du­zier­te und die bis heu­te nichts ein­ge­büßt hat von ihrer betö­ren­den Far­ben­pracht, ihrer spie­le­ri­schen Fri­sche und ihrem dra­ma­ti­schen Feu­er. Man staunt vor allem über die sti­lis­ti­sche Viel­falt Pro­kof­jews, der hier stän­dig die Hal­tung wech­selt zwi­schen Klas­si­zi­tät, Moto­rik, Lyris­mus und Gro­tes­ke. Allein für das tra­gi­sche Lie­bes­paar erfin­det er mehr als 20 ver­schie­de­ne The­men, die das Werk leit­mo­ti­visch durch­zie­hen. So konn­te der damals 44-jäh­ri­ge Musik­di­rek­tor des Lon­don Sym­pho­ny Orches­tra des­sen unglaub­li­che Spiel­kul­tur punkt­ge­nau und rhyth­misch swin­gend auf­blü­hen las­sen und die Hand­lung im rich­ti­gen Kon­text prä­sen­tie­ren. Auch die Klang­qua­li­tät der Auf­nah­me ist exzel­lent, so dass sie selbst nach 45 Jah­ren kei­ne Kon­kur­renz fürch­ten muss. 

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Attila Csampai
Attila Csampai ist Chefrezensent bei crescendo. Als gebürtiger Budapester lebt er seit 1957 in München, und studierte hier Musikwissenschaft. Seit 1974 schreibt er Schallplattenkritiken in allen wichtigen Fachzeitschriften. Seine Essays, seine Werkkommentare und vor allem sein zahlreichen Musikbücher sind legendär. 32 Jahre lang war er Musikredakteur und Live-Moderator beim Bayerischen Rundfunk. Seine CD-Sammlung umfasst mehr als 30.000 Alben.

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