Wer noch letz­te Zwei­fel dar­an heg­te, dass Johann Sebas­ti­an Bach der moderns­te Kom­po­nist aller Zei­ten ist und eine nie­mals ver­sie­gen­de spi­ri­tu­el­le Kraft­quel­le, der soll­te sich das Bach-Debüt-Album des noch kaum bekann­ten islän­di­schen Pia­nis­ten Víkin­gur Ólafs­son besor­gen: Es ist eine tief emp­fun­de­ne Traum­rei­se durch alle Sphä­ren des Bach’schen See­len­kos­mos, klug zusam­men­ge­fügt aus ori­gi­na­len und spä­ter bear­bei­te­ten Kla­vier­stü­cken, die ein­dring­lich bele­gen, dass Bachs Musik durch ihre Offen­heit über Jahr­hun­der­te hin­weg immer neue Zugän­ge zu sei­nem Kos­mos gewährt hat: Ólafs­son ist ein ech­ter Bach-Magi­er, der mit sei­ner phä­no­me­na­len Anschlags­kul­tur sei­nem Stein­way gera­de­zu orgel­haf­te Far­ben­pracht und eine Plas­ti­zi­tät abtrotzt, wie ich es so noch nicht gehört habe: Als wür­den sich hier alle pia­nis­ti­schen Bach-Les­ar­ten der letz­ten 100 Jah­re zu einer neu­en kom­pro­miss­los kla­ren und trotz­dem tief beseel­ten Klang­re­de ver­dich­ten. Zugleich ist es ein mar­kan­tes Plä­doy­er für die Kom­ple­xi­tät der kür­ze­ren Kla­vier­stü­cke Bachs, so eines ver­ges­se­nen Juwels wie die „Aria varia­ta alla manie­ra ita­lia­na“.

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Attila Csampai
Attila Csampai ist Chefrezensent bei crescendo. Als gebürtiger Budapester lebt er seit 1957 in München, und studierte hier Musikwissenschaft. Seit 1974 schreibt er Schallplattenkritiken in allen wichtigen Fachzeitschriften. Seine Essays, seine Werkkommentare und vor allem sein zahlreichen Musikbücher sind legendär. 32 Jahre lang war er Musikredakteur und Live-Moderator beim Bayerischen Rundfunk. Seine CD-Sammlung umfasst mehr als 30.000 Alben.

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