Das Staatstheater Augsburg bringt mittels Virtual-Reality-Brille virtuelle Opernwelten ins Wohnzimmer. Intendant André Bücker hat für die Spielzeit 2020/2021 sogar eine eigene Digitalsparte ins Leben gerufen.

Vorne die in Halbschatten getauchten schroffen Silhouetten einer postapokalyptischen Großstadt mit tiefen, düsteren Straßenschluchten. Von links und rechts nähern sich hagere, in lange tiefschwarze Gewänder gehüllte Gestalten – ihre Kapuzen tief in die Gesichter gezogen – haben sie überhaupt welche oder sind es Untote? Der Blick zurück öffnet sich auf eine ganze Phalanx dieser Gestalten unter dem kalt flackernden Neonlicht asiatisch anmutender Leuchtreklamen…

André Bücker, Intendant des Staatstheaters Augsburg mit der Virtual-Reality-Brille
Schwelgt in virtuellen Opernwelten: André Bücker, der Intendant des Staatstheaters Augsburg, mit der Virtual Reality-Brille
(Foto: © Jan-Pieter Fuhr)

Ein bizarrer Alptraum? Nein, man befindet sich mitten in der Unterwelt aus Christoph Willibald Glucks Orfeo ed Euridice und zwar mittels Virtual-Reality-Brille – ja, diese ein bisschen wie schwarz getönte Taucherbrillen anmutenden Kästchen, die man sonst nur von Computerspiel-Freaks kennt. André Bücker, Intendant des Staatstheaters Augsburg, hat für seine Inszenierung der Gluck-Oper mehrere hundert solcher Brillen angeschafft. Mehrmals katapultiert er damit das Publikum während der laufenden Oper in virtuelle Parallelwelten. Noch nie wurde VR-Technik in diesem Umfang im künstlerischen Bereich eingesetzt! Und dadurch, dass jeder Zuschauer seinen Blick rundum individuell richten kann, hat jeder auch ein einzigartiges Erlebnis. „Die Virtual Reality Sequenzen sind so reich und vielfältig gestaltet, da reicht einmal gucken nicht, man kann gar nicht alles erfassen“, verrät Bücker. „Man taucht in eine andere Dimension ein.“

André Bücker: »Wir haben originär für den digitalen Raum neu produziert, ein Repertoire für Virtual-Reality-Brillen aufgebaut.«

Als die Premiere im Mai 2020 wegen COVID-19 zunächst verschoben werden musste, steckten die Augsburger nicht den Kopf in den Sand, sondern trieben die Sache im Gegenteil mit Hochdruck voran: Sie produzierten weitere digitale Virtual-Reality-Formate in 360°-Perspektive. „Das war unglaublich aufregend“, schwärmt Bücker. „Wir haben künstlerischen Output generiert, der nicht darin bestand, irgendwelche Wohnzimmervideos zu machen oder alte Aufführungen zu streamen, sondern haben originär für den digitalen Raum neu produziert, ein Repertoire für VR-Brillen aufgebaut.“ Neben dem Musiktheater ist dabei auch Tanz und Schauspiel vertreten – etwa Nikolai Gogols Tagebuch eines Wahnsinnigen oder eine Choreographie zu Maurice Ravels Boléro.

Orfeo ed Euridice als virtuelle Opernwelt
Christoph Willibald Glucks Oper Orfeo ed Euridice als virtuelle Opernwelt
(Foto: © Heimspiel GmbH und Christian Schläffer)

Und damit diese brandneuen Inhalte auch zu ihren Zuschauern kommen, wurde kurzerhand mit einem ortsansässigen Lieferservice kooperiert. Für ein paar Stunden können sich die Augsburger eine VR-Brille mit ihrer Wunschproduktion ins Haus liefern lassen. Das Interesse war riesig! „Jeder weiß, dass es solche Brillen gibt, aber die wenigsten haben es je ausprobiert“, weiß Bücker. „Es gab eine riesige Neugier!“ Mit dem Lieferservice kann man sich im Prinzip gleich noch die Flasche Wein und das Essen mitbringen lassen – oder eine Stofftasche vom Staatstheater Augsburg. Darüber hinaus kann man sich über die Website des Theaters die Produktionen aber auch weltweit in die eigene VR-Brille holen.

André Bücker: »Wir machen wirkliches Digital-Theater, eine spannende Form, die mit den Mitteln des Theaters auf digitalem Wege produziert.«

Bücker hat in den letzten Jahre immer wieder mit digitalen Mitteln gearbeitet, mit Programmierern, mit Videotechnik und aktuell eben mit Virtual Reality. Bei letzterer kooperiert das Theater mit Heimspiel GmbH, einer Augsburger Produktionsfirma für Film, Design, Animation, 3D und Audio. Der nächste Schritt war ein logischer: „Nachdem wir so viel Know-how gesammelt, so viel Hardware und Software angeschafft hatten, sollte das der Grundstein sein, um weiter auf diesem Gebiet zu entwickeln, zu forschen und künstlerisch tätig zu sein. Das habe ich immer als den Auftakt zu einer fünften Sparte bezeichnet“, so Bücker. Seit September hat er sich deshalb Tina Lorenz als Projektleiterin für Digitale Entwicklung ins Haus geholt. Sie ist nicht nur erfahrene Dramaturgin, sondern wurde auch im Chaos Computer Club, der legendären europäischen Hacker-Vereinigung, sozialisiert und ist Expertin in Sachen digitales Theater.

Probenfoto zu Orfeo ed Euridice
Probenfoto zu Orfeo ed Euridice am Staatstheater Augsburg
(Foto: © Jan-Pieter Fuhr)

Im kommenden halben Jahr werden wir in jedem Monat eine Premiere in unserer Digitalsparte haben“, kündigt Bücker an. Dass er dabei in Konkurrenz zur Film- oder Computerspiel-Industrie tritt, fürchtet er nicht: „Wir machen wirkliches Digital-Theater, eine spannende Form, die mit den Mitteln des Theaters auf digitalem Wege produziert. Da gibt es zwar Elemente des Gamings oder Films, aber das Fundament ist das Theater. Ich verspreche mir davon neue, interessante Perspektiven für das Publikum.“

André Bücker: »Die Virtual-Reality-Brille setzt man auf, und das Ding spielt. Man muss keinen Knopf drücken, man muss sich nicht ins WLAN einwählen und kein Kabel einstecken.«

Dabei ist für Bücker die größtmögliche Barrierefreiheit absolut zentral: „Auch Menschen, die nicht mal ihr Smartphone richtig bedienen können, sollen damit klarkommen! Wir wollen die Leute frustfrei an die Technik heranführen! Bei den VR-Brillen ist es so: Man setzt sie auf, und das Ding spielt. Man muss keinen Knopf drücken, man muss sich nicht ins WLAN einwählen und kein Kabel einstecken – das funktioniert absolut zuverlässig“, begeistert sich Bücker. Lediglich für Epileptiker ist die VR-Technologie leider nicht geeignet.

Orfeo ed Euridice am Staatstheater Augsburg
Christoph Willibald Glucks Oper Orfeo ed Euridice als virtuelle Opernwelt
(Foto: © Heimspiel GmbH und Christian Schläffer)

Aber läuft man dabei nicht Gefahr, dass die Technik zum Selbstzweck wird? Braucht Theater Geschmacksverstärker? Im Orfeo sind Unterwelt, Elysium und die finale Lösung durch Gott Amor ästhetisch völlig unterschiedlich gestaltet – inklusive einer interessanten interpretatorischen Überraschung, die man klassisch-analog nicht hätte erzählen können. Das ist der Punkt, der Bücker interessiert: „Es geht nicht um technische Gimmicks, sondern um dramaturgische Gedanken, die dem technischen Einsatz zu Grunde liegen. Das Publikum wird im wahrsten Sinne des Wortes in eine neue Dimension gebracht – eine Verschmelzung zwischen Live-Theater, Live-Musik, Live-Sängern und animierter 360°Grad-Realität.“

Kann es passieren, dass das Digitale irgendwann dem Live-Ereignis das Wasser abgräbt? „Das hat man, als das Fernsehen aufkam, ja auch schon befürchtet“, lacht Bücker. „Das Theater ist durch gar nichts zu ersetzen! Das will auch niemand! Aber es gibt interessante, spannende Weiterführungen! Die können, dürfen und sollen alle nebeneinander existieren wie unterschiedliche Genres!“

Aufführungstermine von Orfeo ed Euridice am Staatstheater Augsburg: 5., 10. und 22. Dezember 2020. Termine für 2021 befinden sich in Planung.
Weitere Informationen zu Orfeo ed Euridice am Staatstheater Augsburg unter: staatstheater-augsburg.de
Weitere Informationen zum Bestellservice vr-theater@home unter: staatstheater-augsburg.de 

Und weitere Beiträge zum Thema Digitalisierung in der Kunst auf CRESCENDO.DE:
Die Experimentellen Filmkunstwerke zum Thema Oper auf der digitalen Plattform 3e Scène der Pariser Oper 

Foto Titelbild: Heimspiel GmbH und Christian Schläffer

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Maria Goeth
Als Fünfjährige schockverliebte sie sich in den Klang einer Mozart-Kassette. Seit dem brennt Maria Goeth für den Opern- und Konzertbetrieb und schlüpfte dort schon in fast jede erdenkliche Rolle: Sie wirkte als Dramaturgin, Kuratorin und Konzertdesignerin aber auch als Regisseurin, Sprecherin und Musikmanagerin. Festanstellungen führten sie u.a. ins Orchestermanagement der Bayerischen Staatsoper, als Konzertdramaturgin ans Theater Heidelberg und ins Projektmanagement von „Jugend musiziert“. Darüber hinaus übernimmt die promovierte Musikwissenschaftlerin immer wieder Lehraufträge an der LMU München. Seit 2016 arbeitet Maria Goeth bei CRESCENDO, seit 2017 ist sie Leitende Redakteurin.