Willkommen in der neuen Klassik-Woche,

die­ses Mal mit einem end­gül­ti­gen Haken hin­ter Din­ge, die uns schon viel zu lan­ge beglei­tet haben (z.B. die Oster­fest­spie­le Salz­burg), und mit aller­hand Neu­em … vor allen Din­gen aber mit der Emp­feh­lung eines ganz beson­de­ren Albums von Mar­lis Peter­sen.

WAS IST

So soll es aus­se­hen: das neue Volks­thea­ter für Ros­tock

NEUES VOLKSTHEATER FÜR ROSTOCK?

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Nach 30 Jah­ren Debat­te wird es nun kon­kret: Mehr als acht Stun­den hat die Jury über die Ver­ga­be des Neu­baus der mit 110 Mil­lio­nen Euro geplan­ten Spiel­stät­te, des neu­en Ros­to­cker Volks­thea­ters, bera­ten. Am Ende setz­te sich der Ent­wurf mit Sky­bar des Büros Hascher Jeh­le Asso­zi­ier­te GmbH aus Ber­lin durch.

REVISION IM FALLE MAUSER

Wir haben viel über den Fall des ehe­ma­li­gen Prä­si­den­ten der Münch­ner Musik­hoch­schu­le, Sieg­fried Mau­ser, berich­tet. Nun steht eine Revi­si­ons­ver­hand­lung an. Mau­ser wur­de wegen sexu­el­ler Nöti­gung in drei Fäl­len ver­ur­teilt. Die Süd­deut­sche Zei­tung ist sicher, dass Mau­ser beim Bun­des­ge­richts­hof eine höhe­re Stra­fe als beim Münch­ner Land­ge­richt droht. Die Bun­des­an­walt­schaft sieht inzwi­schen den Vor­wurf der Ver­ge­wal­ti­gung erfüllt – und das wür­de bedeu­ten, dass sich Mau­sers Bit­te, ihm die Frei­heit zu las­sen, even­tu­ell nicht erfül­len wird. Alex­an­der Strauch debat­tiert der­weil wei­ter über die Fest­schrift zu Mau­sers Geburts­tag, an der sich unter ande­rem Peter Slo­ter­di­jk, Nike Wag­ner, Peter Gül­ke und Jörg Wid­mann betei­ligt haben und zeigt: dass es unter der jun­gen Genera­ti­on durch­aus Musi­ker gibt, die ihre Bei­trä­ge zurück­ge­zo­gen haben.       

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Am 28. September in Mannheim:
Finale des 4. Progressive Classical Music Awards.
Ihre Stimme zählt!

Urauf­füh­rung der Preis­trä­ger­wer­ke mit anschlie­ßen­dem Publi­kums­vo­ting.
Sei­en Sie dabei, wenn Musik­ge­schich­te geschrie­ben wird – direkt vor Ort oder per Live­stream.

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SALZBURG UND ZDF UND THIELEMANN

Seit Wochen waren die Recher­chen hin­ter den Kulis­sen der Salz­bur­ger Oster­fest­spie­le Teil die­ses News­let­ters, eben­so wie die Infor­ma­ti­on, dass Chris­ti­an Thie­le­mann sich wohl nicht gegen Niko­laus Bach­ler durch­set­zen wird. Nach aller­hand Schlamm­schlach­ten auf allen Sei­ten (gele­ak­te Pro­gramm­plä­ne, instru­men­ta­li­sier­te Jour­na­lis­ten und nächt­li­che SMS an Kri­ti­ker) sind die Wür­fel nun gefal­len: Thie­le­mann soll 2022 noch den Lohen­grin diri­gie­ren, von 2023 an soll Niko­laus Bach­ler allein die Geschäf­te füh­ren – Thie­le­mann und die Staats­ka­pel­le Dres­den müs­sen Salz­burg ver­las­sen. Die­se Ent­schei­dung scheint Thie­le­mann in sei­nem Urlaub auf Sylt kalt erwischt zu haben. Wäh­rend Bach­ler gegen­über der New York Times sag­te: „The Dra­ma is Over“, schick­te Thie­le­mann unter ande­rem Jür­gen Kes­ting von der FAZ in die Spur, um von sei­ner Erschüt­te­rung zu berich­ten. Kes­ting, der die Salz­bur­ger Poli­ti­ker frei nach Karl Kraus bereits als „Polit­ban­di­ten­ge­sell­schaft“ beschimpft hat­te, wirft Bach­ler nun mit eben­falls erschre­ckend his­to­risch kon­no­tier­tem Voka­bu­lar eine „Macht­er­grei­fung“ vor. Wie auch immer: Bach­ler setzt zukünf­tig auf wech­seln­de Orches­ter (angeb­lich wur­den bereits Gesprä­che mit dem Mari­in­ski, dem Gewand­haus und den Ber­li­ner Phil­har­mo­ni­kern geführt. Ob er die Ber­li­ner als eines der Wech­sel-Orches­ter in Salz­burg haben wol­le, wur­de Bach­ler von der New York Times gefragt, wor­auf er ant­wor­te­te: „Das wäre mein gro­ßer Wunsch.

Auch eine ande­re Mel­dung die­ses News­let­ters ist inzwi­schen erneut bestä­tigt: Die Mor­gen­post in Dres­den hat wei­ter­re­cher­chiert (Print­aus­ga­be) und bestä­tigt, dass sich auch das ZDF von 2020 an von Chris­ti­an Thie­le­mann und der Staats­ka­pel­le für das Sil­ves­ter­kon­zert tren­nen will. Hier will man eben­falls zurück zu jenem Orches­ter, das die Dresd­ner einst ersetzt haben: zu den Ber­li­ner Phil­har­mo­ni­kern. Das Tra­gi­sche für Thie­le­mann: Bei der Orches­ter­ab­stim­mung über die Ver­trags­ver­län­ge­rung votier­ten vie­le Musi­ker für ihn, weil mit ihm Salz­burg und die ZDF-Über­tra­gun­gen garan­tiert schie­nen. Wer sich den­noch mit Chris­ti­an Thie­le­mann beschäf­ti­gen möch­te – das SZ-Maga­zin hat ein umfang­rei­ches Inter­view mit ihm ver­öf­fent­licht, ganz ohne aktu­el­len Anlass.

WAS WAR 

Phil­ip Ven­ab­les‘ „4.48 Psy­cho­sis“ am Opern­haus des Jah­res in Stras­bourg

OPER DES JAHRES: STRASBOURG

Lot­te Tha­ler ist in der FAZ begeis­tert von Phil­ip Ven­ab­les‘ Musik­dra­ma nach Sarah Kane 4.48 Psy­cho­sis: „Ven­ab­les‘ Musik, die sich syn­kre­tis­tisch zwi­schen Pop und Kam­mer­mu­sik bewegt und von Richard Baker hell­wach diri­giert wird, ist nicht nur Krank­heits­be­fund, son­dern auch The­ra­pie: nach einem letz­ten Hass- und Gewalt­aus­bruch gibt sie mit Kin­der­lied und Bach­zi­tat der Hoff­nung und dem Mit­lei­den Raum.“ Pas­send dazu die Nach­richt, dass die Opé­ra natio­nal du Rhin in Stras­bourg von der Zeit­schrift Opern­welt zum Opern­haus des Jah­res gewählt wur­de – wenn auch mit tra­gi­schem Bei­geschmack: als post­hu­me Ehrung der viel zu früh ver­stor­be­nen Inten­dan­tin Eva Klei­nitz.   

AUF UNSEREN BÜHNEN  

Mar­ti­na Wohl­that beju­belt in der NZZ die Ensem­ble­leis­tung bei der Bas­ler Pre­mie­re von Lui­gi Nonos Al gran sole cari­co d’a­mo­re, schreibt aber auch: „Die Bas­ler Insze­nie­rung von Sebas­ti­an Baum­gar­ten ist ein far­bi­ges Plä­doy­er für Geschicht­lich­keit – unter die gros­sen Tableaus mischt sich zuwei­len aber auch ein Zuviel an klein­tei­li­ger Hand­lung.“ +++ Uwe Fried­rich beju­belt in Fazit von Deutsch­land­funk Kul­tur das Rosen­ka­va­lier-Diri­gat von Yoel Gamzou in Bre­men und vor allen Din­gen die Beset­zung in die­ser stark gestri­che­nen Auf­füh­rung: Nadi­ne Leh­ner als Feld­mar­schal­lin, Patrick Ziel­ke als Ochs und Natha­lie Mit­tel­bach als Octa­vi­an. +++ Lesens­wert dass Inter­view, das VAN mit dem Prä­si­den­ten des Deut­schen Büh­nen­ver­eins,Ulrich Khuon, über Macht­ge­fü­ge und sexu­el­le Über­grif­fe an deut­schen Büh­nen geführt hat. Sein Ver­hal­tens­co­dex ist sim­pel: „Eigent­lich sind die Gren­zen ganz ein­fach dadurch abge­steckt, dass die oder der ande­re ›ja‹ oder ›nein‹ sagt. Wenn sie oder er ›nein‹ sagt, ist das zu respek­tie­ren, fer­tig.“ +++ „Macht­frei“ ist auch das Mot­to des Staats­thea­ters Augs­burg. Des­sen Inten­dant André Bücker sagt der Augs­bur­ger All­ge­mei­nen: „Die Zeit der Thea­ter­fürs­ten ist vor­bei.“ +++ Wenn Sie die­se Woche in die Pari­ser Oper gehen wol­len – dann haben Sie Pech: Im Zuge des fran­zö­si­schen Ren­ten­streiks fällt die Tra­via­ta am 24. Sep­tem­ber aus.

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PERSONALIEN DER WOCHE

Klar­heit für Wien und Mai­land: zwi­schen 1. März und 30. Juni wird Domi­ni­que Mey­er sowohl die Staats­oper in Wien, als auch die Sca­la in Mai­land lei­ten. Letz­te­re wird er dann an Bog­dan Roščić über­ge­ben. Sein Vor­gän­ger an der Sca­la, Alex­an­der Perei­ra, ist bereits fix in Flo­renz bestä­tigt. +++ Die Gei­ge­rin Anne-Sophie Mut­ter wird mit dem „Nobel­preis“ für Musik aus­ge­zeich­net, dem japa­ni­schen Pra­emi­um Impe­ria­le, der mit 126.000 Euro dotiert ist. +++ Nun gibt es auch Pro­tes­te gegen Pláci­do Dom­in­go an der MET: Mit­glie­der des Cho­res sol­len sich beschwert haben, dass der Sän­ger in Ver­dis Mac­beth an ihrem Haus auf­tre­ten soll. +++ Wir hat­ten an die­ser Stel­le bereits über den anste­hen­den Ver­kauf des Land­sit­zes von Hans Wer­ner Hen­ze berich­tet – nur durch das Enga­ge­ment des Bun­des könn­te die Vil­la in eine Stif­tung umge­wan­delt wer­den. Ein The­ma, dem sich nun auch der WDR wid­met. +++ Noch ein­mal zur Opern­welt-Umfra­ge: „Da ist eine neu­gie­ri­ge, moti­vie­ren­de, zugleich rigo­ros auf Qua­li­tät bestehen­de Künst­le­rin am Werk, die beses­sen am Klang zu fei­len pflegt und doch, wenn es dar­auf ankommt, los­las­sen kann“, erklär­te die Jury den Preis für Joana Mall­witz als Diri­gen­tin des Jah­res. +++ Die Pia­nis­tin Dina Ugor­ska­ja hat am 17. Sep­tem­ber ihren Kampf gegen den Krebs ver­lo­ren – der BR ruft ihr rüh­rend nach.  

WAS LOHNT

Hat ein groß­ar­ti­ges neu­es Album her­aus­ge­bracht: Mar­lis Peter­sen

Mar­lis Peter­sen hat frü­her in einer Cover­band in Bier­zel­ten Whit­ney-Hous­ton-Songs gesun­gen. Und das sagt viel über sie aus: Boden­stän­dig mit unglaub­li­cher Röh­re – und den­noch irgend­wie: sphä­risch! Die­ses Spiel­jahr ist Peter­sen, eine lei­den­schaft­li­che Schwä­bin, die in Wien und Grie­chen­land wohnt, Artist in Resi­dence bei den Ber­li­ner Phil­har­mo­ni­kern – was bereits in Kirill Petren­kos Auf­takt-Neun­ter ein­drück­lich zu ver­neh­men war. Und mit Dimen­sio­nen hat die Vor­zei­ge-Lulu ein drei­tei­li­ges CD-Pro­jekt vor­ge­legt, das nach den Alben Welt und Anders­welt mit dem Album Innen­welt beschlos­sen wird. Stü­cke von Franz Liszt, Richard Strauss und Johan­nes Brahms ste­hen auf dem Pro­gramm – und zwar voll­kom­men ohne Kitsch! Aber auch Trou­vail­len von Hans Som­mer, Karl Weigl und Gabri­el Fau­ré, die Pia­nist Ste­phan Mat­thi­as Lade­mann strö­men lässt. Peter­sen gelingt es, nicht nur in ihrer Titel­aus­wahl, Räu­me des Jen­seits zu beschrei­ben, sie kann sie auch inner­halb ihrer Stim­me öff­nen: irgend­wo in den inne­ren Span­nungs­fel­dern ihrer Bögen, die sich in unend­li­chen Farb­spek­tren auf­fä­chern. Eso­te­risch? Viel­leicht ein biss­chen. Aber man kann dem gan­zen Pro­jekt auch voll­kom­men ratio­nal begeg­nen – und wird den­noch weg­ge­be­amt.  

In die­sem Sin­ne, hal­ten Sie die Ohren steif

Ihr

Axel Brüg­ge­mann

brueggemann@crescendo.de

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Axel Brüggemann
Axel Brüggemann glaubt, dass Musik das Leben verändern kann. Darüber hat er zunächst bei der WELT am SONNTAG geschrieben, bei der er auch Textchef war. Später schrieb er für die FAS und die Jüdische Allgemeine. Heute ist der ehemalige crescendo-Chefredakteur hauptsächlich fürs Fernsehen tätig: für arte, ZDF und SKY. Für seine Bayreuth-Moderationen wurde er für den Grimme-Preis nominiert. Brüggemanns Dokumentarfilme suchen stets nach dem Zusammenhang von Musik und Mensch.

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