Willkommen in der neuen Klassik-Woche,

heu­te geht es unter ande­rem um zu wenig Geld, um zu weni­ge Wor­te und um zu schlech­te Kri­ti­ker.

Was ist

Ric­car­do Muti Seit‘ an Seit‘ mit dem Chi­ca­go Sym­pho­ny Orches­tra

Reden wir erst ein­mal über Geld. Wenn Musi­ker demons­trie­ren, wer­den sie in der Regel nicht laut, son­dern ver­stum­men: In den USA streikt der­zeit das Chi­ca­go Sym­pho­ny Orches­tra. Dabei wird kaum ein ame­ri­ka­ni­sches Ensem­ble bes­ser bezahlt. Das nied­rigs­te Musik­er­ein­kom­men liegt bei 159.000 Dol­lar. Aber gerin­ge­re Ticket­ver­käu­fe und schwie­ri­ge Spon­so­ren-Akqui­se drü­cken auf die Kos­ten. Jetzt geht es um einen ver­nünf­ti­gen Pen­si­ons­plan. Chef­di­ri­gent Ric­car­do Muti muss auf der einen Sei­te das „Board“ glück­lich machen, lässt aber kei­ne Zwei­fel an sei­ner Soli­da­ri­tät: „Als Musik­di­rek­tor stel­le ich mich hin­ter die Musi­ker. Sie machen kei­nen Job, son­dern haben eine Mis­si­on.“ Etwas schwüls­tig und im For­tis­si­mo droht er: „Die gan­ze Welt schaut gera­de auf Chi­ca­go.

Viel­leicht schaut ja auch der anony­me Opern­sän­ger, der jüngst in der Zeit für Auf­se­hen sorg­te, als er vor­rech­ne­te, dass er als Solist an einem gro­ßen deut­schen Haus schlech­ter lebe als ein Stu­dent: „Die Ver­tei­lung inner­halb des Sys­tems Oper funk­tio­niert nicht sau­ber, das Gehalts­ge­fäl­le ist unglaub­lich groß. Da sind die Tech­ni­ker, die ver­gleichs­wei­se gut ver­die­nen, die Orches­ter­mu­si­ker, die auch rela­tiv ordent­lich ver­die­nen, und die Cho­ris­ten, die an vie­len Thea­tern mehr ver­die­nen als jun­ge Solis­ten. (…) Es gibt eine Art Solo-Pre­ka­ri­at am Thea­ter.“ Der Sän­ger ist inzwi­schen übri­gens als Unter­neh­mens­be­ra­ter tätig – wohl nicht für ein Opern­haus.

ANZEIGE



Noch schlech­ter als einem Sän­ger geht es bei Euro­wings neu­er­dings den Gei­gern. Flie­gen mit Instru­ment ist für sie nur noch im „Smart Tarif“ mög­lich. Ob ein „very smart“-Tarif für Diri­gen­ten und Regis­seu­re geplant ist, weiß man nicht.

Und wie war das noch mit dem Thea­ter als mora­li­sche Anstalt? Vor zwei Wochen habe ich Nike Wag­ner an die­ser Stel­le um Stel­lung­nah­me gebe­ten. Ich woll­te wis­sen, war­um sie ihrem Freund, dem ver­ur­teil­ten Sexu­al­straf­tä­ter Sieg­fried Mau­ser, eine pri­va­te Mail von Kom­po­nist Moritz Eggert wei­ter­ge­lei­tet hat. Auch der Bon­ner Gene­ral­an­zei­ger wur­de hell­hö­rig. Es kam aber nur eine lau­war­me Distan­zie­rung vom Beet­ho­ven­fest (sie­he letz­ter News­let­ter). Nun wächst der öffent­li­che Druck, und Wag­ner hat tat­säch­lich eine ver­schro­be­ne Pres­se­mit­tei­lung ver­schickt. Dar­in hat sie sich sel­ber einen Maul­korb ver­passt und erklärt, in der Öffent­lich­keit nichts mehr über Mau­ser sagen zu wol­len. Ganz neben­bei ließ die Inten­dan­tin des Beet­ho­ven­fes­tes in Bonn noch wis­sen: „Selbst­ver­ständ­lich sind mir die gro­ßen Ver­diens­te der #Metoo-Bewe­gung bewusst. Die Opfer sexu­el­ler Gewalt haben dadurch eine Stim­me erhal­ten.“ Lei­der nicht die von Nike Wag­ner. Inzwi­schen hat auch Jan Brach­mann in der FAZ unse­ren Dis­kurs auf­ge­nom­men und sieht die Göt­ter­däm­me­rung für Nike Wag­ner vor­aus: mäßi­ges Pro­gramm, schlech­te Aus­las­tungs­zah­len, mora­lisch angreif­bar. Ihre Wie­der­wahl 2020 scheint immer unwahr­schein­li­cher. Wir blei­ben dran.

Dani­el Baren­bo­im hat eben­falls kei­ne Lust mehr zu reden. Das Pro­gramm der Staats­oper in Ber­lin wur­de die­ses Mal nicht auf einer läs­ti­gen Pres­se­kon­fe­renz mit ner­vi­gen Nach­fra­gen bekannt­ge­ge­ben, son­dern schnö­de im Inter­net ver­öf­fent­licht. „Was für eine ver­ta­ne Chan­ce“, fin­det Fre­de­rik Hans­sen vom Tages­spie­gel (dazu bit­te auch die Anmer­kung über den Klas­sik-Jour­na­lis­mus von Die­ter David Scholz am Ende die­ses News­let­ters lesen!).

Nach­dem sich das Con­cert­ge­bouw Orches­tra wegen angeb­li­cher sexu­el­ler Über­grif­fe von Danie­le Gat­ti getrennt hat und er den Ring in Bay­reuth 2020 wohl auch nicht diri­gie­ren wird, öff­net die Staats­ka­pel­le Dres­den ihm jetzt die Tür zur Reha­bi­li­ta­ti­on – sie hat ihn für die nächs­te Sai­son enga­giert.

Stellt sich die Fra­ge, wie mora­lisch wir sein müs­sen, soll­ten oder dür­fen. In der Lite­ra­tur sind „Moral­klau­seln“ in Ver­trä­gen wie­der gang und gäbe. Wird ein Künst­ler zum Gegen­stand eines Skan­dals, droht der Raus­wurf. Mer­edith Haaf wägt in der Süd­deut­schen Pro und Con­tra die­ses Umgangs mit Künst­lern ab.

Wer wird an der Opé­ra Bas­til­le auf Sté­pha­ne Lissner fol­gen? Der steht nicht nur als Direk­tor in der Kri­tik, son­dern auch, weil er in einer TV-Unter­hal­tungs­show dar­an geschei­tert ist, berühm­te Opern­ari­en zu erken­nen. In Frank­reich kur­sie­ren Namen von aller­hand fran­zö­si­schen Inten­dan­ten, aber auch Diri­gent Marc Min­kow­ski wird genannt, und Wiens schei­den­der Staats­opern­di­rek­tor Domi­ni­que Mey­er soll sich eben­falls in die War­te­schlan­ge gestellt und die Ellen­bo­gen aus­ge­fah­ren haben. Lissners gro­ßer Wurf für die Sai­son 2019 ist übri­gens ein neu­er Ring von Calix­to Biei­to unter Lei­tung von Phil­ip­pe Jor­dan.

Was war

Sonya Yon­che­va freut sich auf ihr zwei­tes Kind

Zuge­ge­ben, die Pari­ser Oper ist zum Abrei­ßen häss­lich: pom­pös, aber eng und gänz­lich unprak­tisch. Ähn­lich den­ken die Stutt­gar­ter über ihre Lie­der­hal­le. Nun for­dert die Kon­zert­haus-Initia­ti­ve den Neu­bau einer Stutt­gar­ter Phil­har­mo­nie. SWR-Mana­ger Felix Fischer dämpft aller­dings die Erwar­tun­gen: Eine Eröff­nung wäre frü­hes­tens 2030 rea­li­sier­bar, sagt er. War­um eigent­lich? Ein Kon­zert­haus ist doch kein Bahn­hof!

Im Feuil­le­ton die­se Woche gro­ße Ver­beu­gun­gen vor zwei Legen­den: „Sän­ge­ri­sches Genie“, schwärmt Jür­gen Kers­t­ing in der FAZ über Ceci­lia Bar­to­li, die in Nea­pel ein Bel­can­to-Pro­gramm gesun­gen hat: „Das Publi­kum ver­fällt zuneh­mend in Rase­rei.“ Und in Wien gab der alte Hau­de­gen Leo Nuc­ci sich an einem Lie­der­abend die Ehre und führ­te trotz sei­nes Alters „ein sin­gu­lä­res Niveau von San­ges­kunst“ vor, wie Wal­ter Gür­tel­schmied fest­stellt. Ein unver­gess­li­cher Abend mit Senio­ren­be­tei­li­gung auch an der Met: Als Alek­san­drs Anto­nen­ko als Sam­son mit­ten in der Vor­stel­lung auf­ge­ben muss­te, sprang spon­tan der 65-jäh­ri­ge Gre­go­ry Kun­de ein – und begeis­ter­te das Publi­kum. Andre­as Dre­sen spricht in der Abend­zei­tung über sei­ne Fan­ciu­l­la-del-West-Insze­nie­rung an der Baye­ri­schen Sta­s­a­ts­oper, die für Mar­co Frei in der NZZ aber vor allen Din­gen ein Erfolg für Diri­gent James Gaf­fi­gan und Sopran Anja Kam­pe war. Alt­meis­ter­lich und nicht ganz stim­mig fand Tages­spie­gel-Kri­ti­ker Fre­de­rik Hans­sen Hän­dels Poros in der Insze­nie­rung von Har­ry Kup­fer an der Komi­schen Oper. Am Thea­ter an der Wien wur­de die Diri­gen­tin Oksa­na Lyniv für ihre Inter­pre­ta­ti­on von Tschai­kow­skys Die Jung­frau von Orleans gefei­ert. In Wei­mar wur­de die neue Tos­ca von Haus­herr Has­ko Weber als „Sex and Crime“-Story im Kir­chen­staat beju­belt (mit Alik Abdu­kayu­mov als Scar­pia und Cami­la Ribe­ro-Sou­za als Tos­ca).

Hin­ter der Zei­tungs-Pay­wall hat sich Flo­ri­an Zin­ne­cker für die Zeit durch den Dschun­gel der eben­falls kos­ten­pflich­ti­gen Strea­ming­diens­te geschla­gen – und fragt am Ende: „Wer soll das alles hören?“ Eine Fra­ge, die man sich auch bei Sony stellt – bald aller­dings an neu­er Loca­ti­on. Einst hat­te die Fir­ma ihren Haupt­sitz im Sony-Cen­ter in Ber­lin, dann wie­der in Mün­chen, und nun zie­hen 300 Mit­ar­bei­ter in den Stadt­teil Schö­ne­berg. „Ber­lin ist das kul­tu­rel­le und krea­ti­ve Epi­zen­trum Deutsch­lands“, sagt Sony-Music-Vor­stands­chef Patrick Mushatsi-Kare­ba, „ich freue mich sehr, in ein moder­nes Gebäu­de in einer der leben­digs­ten und begehr­tes­ten Gegen­den der Stadt umzie­hen zu kön­nen.

Nach kur­zer, schwe­rer Krank­heit ist die Kos­tüm­bild­ne­rin Rena­te Schmit­zer gestor­ben, Det­lef Bran­den­burg hat ihr schön nach­ge­ru­fen. Das SWR-Orches­ter ver­bin­det für Roger Nor­ring­ton zum 85. die Eroi­ca und Hap­py Bir­th­day. Und noch etwas Schö­nes: Die Sän­ge­rin Sonya Yon­che­va muss­te Ter­mi­ne in den letz­ten Wochen absa­gen. Nun erklärt sie den Grund: Sie erwar­tet ihr zwei­tes Kind, und wir freu­en uns mit ihr!

Was lohnt

Phil­ip­pe Jarouss­ky auf den Spu­ren von Fran­ces­co Caval­li

Der Kom­po­nist Fran­ces­co Caval­li ver­stand das Opern­haus in Vene­dig als Ort für alle Men­schen! Und wenn Cou­ter­te­nor Phil­ip­pe Jarouss­ky auf sei­ner neu­en Auf­nah­me Ombra mai fu nun durch 15 Opern Caval­lis singt, wird klar, was das bedeu­tet: Kein mensch­li­ches Gefühl war die­sem Kom­po­nis­ten fremd. Und kein mensch­li­ches Gefühl, das Jarouss­ky nicht in Klang bet­ten kann! Beglei­tet vom äußerst klu­gen Ensem­ble Arta­ser­se und den Gesangs­part­ne­rin­nen Marie-Nico­le Lemieux und Emö­ke Baráth ist hier Musik zu hören, die mit­ten im Leben steht und dau­ernd in den Him­mel blickt. Lesen Sie dazu auch das gro­ße Inter­view in der druck­fri­schen CRESCENDO Aus­ga­be.

Sel­ten hat jemand ein Buch von mir so ver­ris­sen wie der Jour­na­list Die­ter David Scholz. Seit­her stal­ke ich ihn auf Face­book! Und da hat er nun einen wirk­lich guten Punkt gemacht: „Lie­be Kolleg(Inn)en, ich muss es jetzt doch mal los­wer­den“, fängt sein Post an. „Ich fin­de es degou­tant, pro­vin­zi­ell und klein­ka­riert, wenn eini­ge von Euch alles an Opern­pre­mie­ren, was im Sen­de­ge­biet oder Ver­brei­tungs­ge­biet des Print­me­di­ums her­aus­kommt, grund­sätz­lich hoch­ju­beln, toll fin­den, für wich­tig oder hörens­wert erach­ten. Was soll das? Geht in die Poli­tik, mei­net­we­gen. Aber das hat mit unab­hän­gi­gem, kri­ti­schem Jour­na­lis­mus nichts zu tun. Das ist Hof­be­richt­erstat­tung, Pres­se­ar­beit, aller­dings auf der fal­schen Sei­te. Schämt Euch. Ihr bringt den Ruf des Kri­ti­kers in Ver­ruf. Ihr des­avou­iert das Gewer­be und macht es lächer­lich, ja über­flüs­sig! Scha­de.“ Abge­se­hen von den lesens­wer­ten Kom­men­ta­ren unter Scholz’ Post fin­de ich, dass die­ses ein The­ma für einen grö­ße­ren Rah­men sein könn­te: Wie unab­hän­gig ist die Musik­kri­tik wirk­lich? War­um wird sie so schlecht bezahlt, dass ein Gei­ger aus Chi­ca­go dafür nicht Mal eine lee­re A‑Saite spie­len wür­de? Und fehlt der Klas­sik am Ende gar die vier­te Gewalt? 

In die­sem Sin­ne

strei­ten Sie mit und hal­ten Sie die Ohren steif,

Ihr 

Axel Brüg­ge­mann

brueggemann@crescendo.de

Artikel kommentieren

Please enter your comment!
Please enter your name here