Eine vom Deut­schen Musik­rat, der Kon­fe­renz der Lan­des­mu­sik­rä­te sowie der Ber­tels­mann Stif­tung gemein­sam in Auf­trag gege­be­ne bun­des­wei­te Stu­die ana­ly­siert die aktu­el­le und zukünf­ti­ge Situa­ti­on der Ver­sor­gung mit Musik­un­ter­richt in der Grund­schu­le.

Mit Erstau­nen und Bewun­de­rung schrieb der eng­li­sche Musik­his­to­ri­ker Charles Bur­ney in sei­nem musi­ka­li­schen Rei­se­ta­ge­buch vom Musik­un­ter­richt in den Län­dern des Habs­bur­ger­reichs. Von 1770 bis 1772 reis­te er durch Euro­pa, um sich einen Über­blick zu ver­schaf­fen. Was er beob­ach­te­te, war eine Musik­pfle­ge, die noch die ein­fachs­ten Lebens­ver­hält­nis­se durch­drang. An jeder klei­nen Dorf­schu­le gel­te die Musik­aus­bil­dung als eben­so wich­tig wie das Lesen und Schrei­ben.

Bundesweite Erhebung

Folgt man einer vom Deut­schen Musik­rat, der Kon­fe­renz der Lan­des­mu­sik­rä­te sowie der Ber­tels­mann Stif­tung gemein­sam in Auf­trag gege­be­nen bun­des­wei­ten Erhe­bung, sieht die Lage in deut­schen Lan­den heu­te anders aus. Ent­stan­den ist sie im Rah­men der Zusam­men­ar­beit zwi­schen der Ber­tels­mann Stif­tung und dem Insti­tut für musik­päd­ago­gi­sche For­schung der Hoch­schu­le für Musik, Thea­ter und Medi­en Han­no­ver. Dar­an mit­ge­ar­bei­tet haben der Direk­tor des Insti­tuts Pro­fes­sor Dr. Andre­as Leh­mann-Werm­ser und sei­ne wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­bei­te­rin im Bereich der empi­ri­schen fach­di­dak­ti­schen For­schung Ute Kon­rad sowie Pro­fes­sor Dr. Horst Weis­haupt, der seit 2016 Ehren­mit­glied der Deut­schen Gesell­schaft für Erzie­hungs­wis­sen­schaft ist.

Die aktuelle Situation und die Zukunft

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Zwei Fra­gen ana­ly­siert die Stu­die: Zum einen, wie die aktu­el­le Situa­ti­on in der Grund­schu­le zur Ver­sor­gung aller Klas­sen mit Musik­un­ter­richt in den Län­dern aus­se­he. Und zum ande­ren, wie sich die Situa­ti­on in der Grund­schu­le zur Ver­sor­gung aller Klas­sen mit Musik­un­ter­richt in den Län­dern bis zum Jahr 2028 ent­wi­ckeln wer­de.

Die Situationsanalyse

Als Aus­gangs­punkt der „Situa­ti­ons­ana­ly­se“ dien­ten „sta­tis­ti­sche Daten des soge­nann­ten Kern­da­ten­sat­zes“, auf des­sen regel­mä­ßi­ge Erfas­sung sich die Län­der im Rah­men der Kul­tus­mi­nis­ter­kon­fe­renz geei­nigt hät­ten. Unbe­rück­sich­tigt geblie­ben sei­en die den Pflicht­un­ter­richt ergän­zen­den Pro­gram­me, Arbeits­ge­mein­schaf­ten, Ange­bo­te im Rah­men der Ganz­tags­be­treu­ung oder Koope­ra­ti­ons­pro­jek­te zur musi­ka­li­schen Bil­dung.

Keine Daten aus Bayern, Niedersachsen und Saarland

Alle 16 Bun­des­län­der wur­den ab Juni 2018 um die Lie­fe­rung der „zum dama­li­gen Zeit­punkt aktu­el­len Daten des Schul­jah­res 2016/17“ gebe­ten. Die Rück­mel­dun­gen hät­ten teil­wei­se nicht der Abfra­ge ent­spro­chen und sei­en lücken­haft gewe­sen. Auch hät­ten die drei Bun­des­län­der Bay­ern, Nie­der­sach­sen und Saar­land kei­ne Daten gelie­fert.

Bundesweite Studie analysiert die aktuelle und zukünftige Situation der Versorgung mit Musikunterricht an deutschen Grundschulen.

Vor­ge­se­he­ne Musik­un­ter­richts­stun­den in den ein­zel­nen Län­dern

BW (Baden-Württemberg), BY (Bayern), BE (Berlin), BB (Brandenburg), HB (Bremen), HH (Hamburg), HE (Hessen), MV (Mecklenburg-Vorpommern), NI (Niedersachsen), NW (Nordrhein-Westfalen), RP (Rheinland-Pfalz), SL (Saarland), SN (Sachsen), ST (Sachsen-Anhalt), SH (Schleswig-Holstein), TH (Thüringen).

Bay­ern habe für die Stu­die nur Daten zur Alters­struk­tur der Lehr­kräf­te zur Ver­fü­gung gestellt. Der Frei­staat erhe­be nach eige­nen Anga­ben kei­ne Daten zum Musik­un­ter­richt in der Grund­schu­le gemäß den KMK-Ver­ein­ba­run­gen. Habe es gehei­ßen. „Das Saar­land erhebt im Primar­be­reich und der Sekun­dar­stu­fe I ledig­lich Fremd­spra­chen und kei­ne ande­ren Fächer. Die erho­be­nen Leh­rer­da­ten geben kei­ne Aus­kunft dar­über, ob eine Lehr­kraft die Lehr­be­fä­hi­gung Musik erlangt hat“, habe das Saar­land gemel­det. Und das Nie­der­säch­si­sche Kul­tus­mi­nis­te­ri­um habe kei­ne über die ver­öf­fent­lich­ten Infor­ma­tio­nen hin­aus­ge­hen­den Daten für eine fach­spe­zi­fi­sche Ana­ly­se zur Ver­fü­gung gestellt. Es habe ange­ge­ben, sie wür­den „nicht bzw. nicht in der gewünsch­ten Detail­stu­fe“ vor­lie­gen bzw. könn­ten nicht zusam­men­ge­stellt wer­den.

Sehr unterschiedliche Vorgaben der Länder

Bundesweite Studie analysiert die aktuelle und zukünftige Situation der Versorgung mit Musikunterricht an deutschen Grundschulen.

Vor­ge­se­he­ne und tat­säch­lich erteil­te Musik­un­ter­richts­stun­den

BW (Baden-Württemberg), BY (Bayern), BE (Berlin), BB (Brandenburg), HB (Bremen), HH (Hamburg), HE (Hessen), MV (Mecklenburg-Vorpommern), NI (Niedersachsen), NW (Nordrhein-Westfalen), RP (Rheinland-Pfalz), SL (Saarland), SN (Sachsen), ST (Sachsen-Anhalt), SH (Schleswig-Holstein), TH (Thüringen).

Die zusam­men­ge­fass­ten Ergeb­nis­se wür­den auf den Daten von 14 Bun­des­län­dern beru­hen. Dabei beto­nen die Wis­sen­schaft­ler, dass die Situa­ti­on des Musik­un­ter­richts in der Grund­schu­le in den ein­zel­nen Län­dern „sehr unter­schied­lich“ sei. Bereits die Vor­ga­ben der Län­der zum Umfang des Musik­un­ter­richts für die ers­ten vier Schul­jah­re wür­den laut Stun­den­ta­feln zwi­schen vier und acht Stun­den vari­ie­ren. Zusätz­lich hät­ten die Wis­sen­schaft­ler „wei­te­re zur Ver­fü­gung ste­hen­de Quel­len zusam­men­ge­tra­gen und ana­ly­siert“.

Ergebnis der Situationsanalyse

Bundesweite Studie analysiert die aktuelle und zukünftige Situation der Versorgung mit Musikunterricht an deutschen Grundschulen.

Schu­len ohne Musik­lehr­kräf­te und Schü­le­rIn­nen ohne Musik­un­ter­richt

BW (Baden-Württemberg), BY (Bayern), BE (Berlin), BB (Brandenburg), HB (Bremen), HH (Hamburg), HE (Hessen), MV (Mecklenburg-Vorpommern), NI (Niedersachsen), NW (Nordrhein-Westfalen), RP (Rheinland-Pfalz), SL (Saarland), SN (Sachsen), ST (Sachsen-Anhalt), SH (Schleswig-Holstein), TH (Thüringen).

Die Erhe­bung nimmt an, dass bun­des­weit 40.437 Musik­lehr­kräf­te benö­tigt wür­den. Aktu­ell sei­en 17.290 aus­ge­bil­de­te Musik­lehr­kräf­te in den Grund­schu­len tätig. Es fehl­ten somit 23.147. Auch stell­ten die Wis­sen­schaft­ler fest, dass „ledig­lich 42,8 Pro­zent“ der vor­ge­se­he­nen Unter­richts­stun­den von aus­ge­bil­de­ten Musik­lehr­kräf­ten erteilt wer­den. Der Anteil fach­fremd erteil­ten Unter­richts vari­ie­re stark zwi­schen den Län­dern und lie­ge zwi­schen 11,4 Pro­zent und 72,5 Pro­zent.

Modellrechnung für 2028

Auf­grund ihrer Erhe­bung erstell­ten die Wis­sen­schaft­ler eine Modell­rech­nung für 2028. Der Man­gel wer­de auf 25.280 Musik­lehr­kräf­te stei­gen, und der Anteil des fach­ge­recht erteil­ten Musik­un­ter­richts wer­de im Bun­des­durch­schnitt auf 39 Pro­zent fal­len. Ursa­che für die Stei­ge­rung des Man­gels lie­ge dar­an, dass mehr Musik­lehr­kräf­te alters­be­dingt den Schul­dienst ver­las­sen als Nach­wuchs­kräf­te nach­rü­cken wür­den. Zudem wer­de durch bun­des­weit stei­gen­de Schü­ler­zah­len der Bedarf zuneh­men.

Mehr zur Stu­die: www.bertelsmann-stiftung.de

Mehr zum Insti­tut für musik­päd­ago­gi­sche For­schung der Hoch­schu­le für Musik, Thea­ter und Medi­en Han­no­ver: www.ifmpf.hmtm-hannover.de

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Ruth Renée Reif
Das „flüchtige Ereignis“ in crescendo anzukündigen, ist die Aufgabe von Ruth Renée Reif: Als Erleben-Redakteurin spürt sie mit detektivischem Eifer packende, hören- und sehenswerte Veranstaltungen für uns auf. Ruth Renée Reif studierte in Wien Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte und ist seit ihrer Promotion 1987 in München als freie Journalistin und Publizistin tätig. Zu ihren Veröffentlichungen zählen eine Biografie über die Sängerin Karan Armstrong, ein historisches Porträt der Stuttgarter Philharmoniker sowie zahlreiche Gespräche mit Musikern, Schriftstellern und Philosophen.

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