Astor Piazzolla war der König des Tango Nuevo. Mit Elementen aus Jazz und Barock sowie elektronischen und perkussiven Klängen verlieh er dem Tango Wildheit und Angriffslust. Anlässlich der 100. Wiederkehr seines Geburtstages am 11. März 2021 feiern Musiker den experimentellen Tango-Avantgardisten mit neuen Aufnahmen.

Das Bandoneon zu spielen, sei, wie einen Hai zu fangen, erklärt Astor Piazzolla seinem Sohn Daniel in dem Dokumentarfilm Piazzolla – the Years of the Shark von Daniel Rosenfeld. Mit neu entdecktem Material lässt der Film in rasch aufeinander folgenden Sequenzen die entscheidenden Begegnungen und Wendungen im Leben Astor Piazzollas Revue passieren. Deutlich wird dabei, wie sehr dieser anfangs hin- und hergerissen war zwischen dem Tango und seinen Ambitionen als klassischer westlicher Pianist und Komponist.

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Trailer zu dem Dokumentarfilm „Piazzolla – The Years of the Shark” von Daniel Rosenfeld
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COVER: Daniel Rosenfeld: „Piazzolla – The Years of the Shark” (EuroArts)
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Als Piazzolla acht Jahre alt war, schenkte ihm der Vater ein Bandoneon. Die Familie lebte damals in New York, wo der Vater einen Friseursalon führte und zur Bewältigung seines Heimwehs von früh bis spät Tangos hörte. Piazzolla aber wollte klassischer Pianist werden. Bach, Mozart und Chopin waren seine Lieblingskomponisten, und er spielte ihre Werke auf dem Bandoneon. Insbesondere Bach und der barocke Kompositionsstil hinterließen nachhaltigen Einfluss auf ihn und schlugen sich später in seinen Kompositionen nieder.

Bach & Piazzolla“ betitelt der Akkordeonist Nijkola Djoric sein Album. Das Bandoneonkonzert Aconcagua, benannt nach dem Berg in den Anden und in der Tat ein Gipfelwerk Piazzollas, stellt er neben Bachs Cellokonzerte, und der Hörer kann die reizvolle Herausforderung annehmen, Übereinstimmungen zu entdecken.

Cover, Bach und Piazzolla

CD: „Bach & Piazzolla“, Nikola Djoric, Kurpfälzisches Kammerorchester (Berlin Classics)
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1936 kehrte die Familie nach Argentinien zurück, und da erwachte in Piazzolla erneut die Lust, Tango-Musiker zu werden. Während er sein Klavierstudium fortsetzte und bei Alberto Ginastera Komposition studierte, wirkte er im Orchester des Bandoneonspielers Aníbal Troilo als Arrangeur, ehe er 1946 sein eigenes Bandoneon-Orchester gründete. Zu Beginn der 1960er-Jahre aber siegte der Wunsch, sinfonische Musik zu komponieren, und er kehrte dem Tango den Rücken. Für seine dreisätzige sinfonische Komposition Buenos Aires erhielt er ein Stipendium, das ihm ein einjähriges Kompositionsstudium bei der legendären Nadia Boulanger in Paris ermöglichte. Und bei ihr erfolgte die entscheidende Wende in seinem musikalischen Leben.

Astor Piazzolla bei Nadia Boulanger
Die entscheidende Begegnung: Madame Boulanger in Paris lehrte Astor Piazzolla, an Astor Piazzolla zu glauben.

Er habe Madame Boulanger seine Sonaten und Sonatinen gezeigt, erinnerte sich Piazzolla kurz vor seinem Tod. „Sehr gut geschrieben“, habe sie geurteilt. „Hier klingt es wie Strawinsky, dort wie Bartók, da wie Ravel. Nur Piazzolla kann ich nirgendwo finden.“ Es begann eine peinliche Befragung. Piazzolla schämte sich, ihr zu erzählen, dass er Tango-Musiker sei. Auch dass er Bandoneon spiele, wollte er nicht sagen. Aber Madame Boulanger war nicht zu belügen. „Sie sind kein Pianist. Was ist ihr Instrument?“, habe sie gefragt, und er habe gestehen müssen. Daraufhin ließ sie ihn Tangos spielen. „Sie Idiot! Das ist Piazzolla!“, habe sie ausgerufen. 18 Monate nahm Piazzolla bei ihr Unterricht, und es sei gewesen wie 18 Jahre. Denn sie habe ihn gelehrt, an Astor Piazzolla zu glauben: „Es war die Befreiung vom verschämten Tangospieler zu einem selbstbewussten Komponisten.“

Das Album „Teach Me“ des Boulanger Trios versammelt eine Reihe der Berühmtheiten, die bei der Namensgeberin des Trios Unterricht nahmen und Rat suchten wie etwa Leonard Bernstein oder Aaron Copland. Von Piazzolla ist der Zyklus Las Cuatro Estaciones Porteñas (Die Vier Jahreszeiten von Buenos Aires) zu hören.

Astor Piazzolla, Cover

CD: „Teach Me! The Students of Nadia Boulanger”, Boulanger Trio (Berlin Classics)
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Nach Argentinien zurückgekehrt, konzentrierte sich Piazzolla allein auf die Individualisierung seines Tangostils. Er revolutionierte den Tango und wurde zum bedeutendsten Vertreter des Tango Nuevo. 1960 stellte er sein Quartett zusammen: Bandoneon, Geige, Klavier, E‑Gitarre und Kontrabass. Die Akkordeonistin Ksenija Sidorova feiert auf ihrem Album „Piazzolla Reflections“ mit Musikerfreunden den Erneuerer des Tangos. „Piazzollas Musik spiegelt die Einsamkeit, das Leiden und das Drama des Lebens wider“, betont sie, „aber sie öffnet auch eine Tür in eine Welt der Hoffnung und des Lichts.“ Im Booklet erzählt Sidorova ausführlich über ihre intensive Begegnung mit Piazzollas Musik.

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Ksenija Sidorova: „Piazzolla Reflections“ (Alpha)
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Von argentinischen Traditionalisten wurde Piazzolla angefeindet und boykottiert. Die internationale Musikwelt aber war begeistert. Von Ella Fitzgerald bis Friedrich Gulda kamen alle, um ihn spielen zu hören. In den 1960er-Jahren bezog Piazzolla das gesungene Wort in seine Kompositionen ein und arbeitete mit den Dichtern Jorge Luis Borges und Ernesto Sabato zusammen. „Trüb schafft der Tango eine irreale Vergangenheit, die irgendwie gewiss ist: unmögliche Erinnerung, gestorben zu sein, im Kampf an einer Vorstadtecke“, schrieb Borges in seiner Geschichte des Tango.

Piazzolla Stories“ überschreibt die Trompeter Lucienne Renaudin Vary ihr Album. Mit dem Philharmonischen Orchester von Monte Carlo begibt sie sich auf eine Reise durch Piazzollas musikalische Welt. Von Bach und Ginastera bis zu Carlos Gardels berühmtem Volver spannt sich der Bogen.

Piazzolla, Cover

Piazzolla Stories“, Lucienne Renaudin Vary, Orchestre Philharmonique de Monte Carlo, Sascha Goetzel (Warner)
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Als Piazzolla am 4. Juli 1992 in Buenos Aires starb, hinterließ er ein gewaltiges Werk. Zusammengefasst in Zyklen und Serien, enthielt es konzertante Kompositionen, die Tango-Operíta Maria de Buenos Aires und Filmmusik. „Complete Tango!” lautet der Ausruf, mit dem das Isabelle van Keulen Ensemble sich über drei Jahrzehnten der Tango-Leidenschaft hingibt. Die Drei-CDs-Box vereint die Erfolge.

Isabelle van Keulen, Cover

Ástor Piazzolla: „Complete Tango!”, Isabelle van Keulen Ensemble (Challenge Classics)
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Die Brüder Claudio und Oscar Bohórquez spielen mit Gustavo Beytelmann die Schauspielmusik La Muerte del Angel (Der Tod des Engels) von Astor Piazzolla aus dem Jahr 1962.

Die Musikerbrüder Bohórquez, der Cellist Claudio und der Geiger Oscar, haben für ihr Album einen musikalischen Zeitzeugen eingeladen: den Pianisten und Komponisten Gustavo Beytelmann, der Piazzolla 1977 auf seiner Europatournee begleitete. Mit ihm bringen sie Piazzolla zum 100. Geburtstag eine wunderbare Hommage dar.

Patagonia Express Trio, Cover

Patagonia Express Trio: „Piazzolla. Ruta 100” (Berlin Classics)
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Ruth Renée Reif
Das „flüchtige Ereignis“ in crescendo anzukündigen, ist die Aufgabe von Dr. Ruth Renée Reif: Als Erleben-Redakteurin spürt sie mit detektivischem Eifer packende, hören- und sehenswerte Veranstaltungen für uns auf. Dr. Ruth Renée Reif studierte in Wien Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte und ist seit ihrer Promotion 1987 in München als freie Journalistin und Publizistin tätig. Zu ihren Veröffentlichungen zählen eine Biografie über die Sängerin Karan Armstrong, ein historisches Porträt der Stuttgarter Philharmoniker sowie zahlreiche Gespräche mit Musikern, Schriftstellern und Philosophen.

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