Mit dem charismatischen Chefdirigenten Teodor Currentzis am Pult des SWR Symphonieorchesters wird Musik zu einer Abenteuerreise in seelische Tiefen.

Plötzlich ist er da, dieser kostbare Augenblick. Der Funke entzündet sich, und die Musik enthebt uns dem Hier und Jetzt. Sie lässt uns teilhaben an jenem göttlichen Klang, von dem die heiligen Schriften der Welt erzählen, aus dem heraus alles geboren ist und der uns unmittelbar in unserem Sein erfasst. Teodor Currentzis ist der Mystiker am Pult. Seine Dirigate, an denen er sich verzehrt und die die Musikerinnen und Musiker zu absoluter Hingabe an die Musik fordern, ergreifen das Publikum mit unwiderstehlicher spiritueller Kraft. Vor diesem Hintergrund ist auch sein Bekenntnis zu einer Mission zu verstehen: „Wenn ich dirigiere, erfüllt sich meine Bestimmung.“

Seit Beginn der Spielzeit 2018/19 ist Teodor Currentzis der erste Chefdirigent des SWR Symphonieorchesters in Stuttgart. Und schon sein Antrittskonzert im Beethovensaal der Liederhalle mit Gustav Mahlers riesenhafter Dritter Sinfonie hat die Verantwortlichen in ihrer Wahl mehr als bestätigt. Er habe dieses Orchester noch nie in dieser künstlerischen Hochspannung erlebt, schwärmte Peter Boudgoust, Intendant des Südwestrundfunks. „Ein Dirigent, der eins zu sein scheint mit diesem Orchester.“ Und Johannes Bultmann, der künstlerische Leiter des Klangkörpers, erzählt im Gespräch, wie inspiriert und begeistert er die Musiker bereits seit den ersten Proben erlebt habe: „Wenn ich sehe, mit wie viel Enthusiasmus und Empathie die Musikerinnen und Musiker des Symphonierochesters Teodor Currentzis begegnen, macht auch mich das sehr glücklich.“ Die Empathie war beim Publikum. ebenfalls zu spüren. Konzentriert folgte es Mahlers Musik durch alle Stationen der Welt. Als in der Schlussapotheose nach vierfachem vergeblichen Ansetzen sich endlich die befreiende Erlösung in der Liebe vollzog, verharrte es in ergriffenem Schweigen, ehe Beifallsstürme losbrachen.

„Ein Dirigent, der eins zu sein scheint mit diesem Orchester“

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Mit den Worten „Was mir die Liebe erzählt“, wie Mahler den letzten Satz ursprünglich betitelte, hat Currentzis auch seine erste Spielzeit überschrieben. „Liebe und Hingabe an die Musik“ sollen den Musikern und ihm Ansporn sein. „Das ist seine Lebensphilosophie“, bekräftigt Bultmann. „Das Anliegen, Menschen zu bewegen, kann man als roten Faden in seiner Arbeit ausmachen. Er möchte dem Publikum Zugänge eröffnen zu dem, was in der Komposition angelegt ist.“ Und Bultmann erinnert sich an die bewegende erste Veranstaltung von „Currentzis Lab“. Über die Informationsreihe sucht Currentzis das Gespräch mit dem Publikum, um mit ihm in ein Werk einzutauchen und herauszufinden, welche Hoffnungen, Wünsche und Enttäuschungen der Komponist hineingelegt hat und was die Musik erzählt. Zu Mahler fühlt Currentzis sich auf besondere Weise hingezogen. Er empfindet sich seelenverwandt mit ihm. Aufführungen seiner Musik werden für ihn zu intimen Zwiegesprächen mit dem Wiener Meister. Im Februar wendet er sich Mahlers beglückender Vierter Sinfonie zu.

Doch bereits davor im Dezember kehrt er ans Stuttgarter Pult zurück, im Gepäck abermals ein klangmächtiges Werk: Tschaikowskys triumphale Fünfte Sinfonie. „Das russische Repertoire mit ihm zu erarbeiten, ist für das Orchester besonders interessant“, betont Bultmann, „da Currentzis sich seit 20 Jahren zur russischen Kultur hingezogen fühlt.“ Currentzis wurde 1972 in Athen geboren, wo er 1987 bei George Hadjinikos ein Dirigierstudium begann, ehe er 1994 ans St. Petersburger Konservatorium wechselte. Er wurde Schüler des bereits 90-jährigen Ilja Mussin, von dem auch Semjon Bytschkow und Valery Gergiev ihre Ausbildung erhielten. 2004 zog er in den hohen Norden und wirkte bis 2012 als Chefdirigent am Opernhaus in Nowosibirsk. Er rief das Ensemble Music­Aeterna ins Leben, dem er sich, einer Bruderschaft gleich, verbunden fühlt und das ihn in den Ural begleitete, als er 2011 Musik­direktor des Opern- und Balletttheaters Perm wurde.

„Currentzis will noch weiter. Er will die Unmittelbarkeit zurückgewinnen“

„Ein ideelles Russland“ habe Currentzis sich aus der Musik heraus aufgebaut, befindet der Komponist Sergej Newski. Er begrüßt seinen Einsatz für zeitgenössische Musik. Currentzis wiederum sucht auch in der zeitgenössischen Musik das Rituelle und Spirituelle. Aus dieser Perspektive folgt er Newskis Versuchen, die Wurzeln des Klangs aufzuspüren. Er schätzt Newskis Œuvre als „facettenreiches Projekt der Klangrecherche“. Im Mai gestaltet er im Auftrag des Festivals Acht Brücken und der Philharmonie Köln ein Programm aus Werken Rachmaninows und Dmitri Kourliandskis sowie einer neuen Komposition von Newski. Neue Musik gehört ebenso zum Profil des Orchesters wie die ­historisch informierte Aufführungspraxis. Beides findet über das große sinfonische Repertoire hinaus seine Fortsetzung in Currentzis, der auf Norringtons einst so gerühmtem „Stuttgart Sound“ aufbauen will. Sir Roger Norrington war von 1998 bis 2011 Chef­dirigent des Radio-Sinfonieorchesters Stuttgart. Er propagierte die Rückkehr „zu dem, was der Komponist schrieb“ und verfolgte damit das Ziel, die Musik „schön und aufregend“ klingen zu lassen. Currentzis will noch weiter. Er will die Unmittelbarkeit zurückgewinnen, den Zeitgeist auferstehen lassen und vorstoßen zur inneren Botschaft der Musik. Seine Interpretationen verwirklichen keine vorgefertigten Ideen. Sie erwachsen aus dem energetischen Strom, der ihn mit den Musikern verbindet.

„Vor zwei Jahren haben wir die Reise begonnen“, resümiert Johannes Bultmann. Im September 2016 wurden das Radio-Sinfonieorchester Stuttgart und das SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg zum SWR Symphonieorchester zusammengeführt. „Mit Teodor Currentzis schlagen wir ein neues Kapitel auf in der jungen Geschichte des Orchesters, und wir blicken mit Lust und Bereitschaft auf Neues in die Zukunft.“

Das SWR Symphonieorchester ­unter Teodor Currentzis
Spielzeit 2018/19
Informationen und Kartenservice:
www.swrclassicservice.de

Ruth Renée Reif
Das „flüchtige Ereignis“ in crescendo anzukündigen, ist die Aufgabe von Ruth Renée Reif: Als Erleben-Redakteurin spürt sie mit detektivischem Eifer packende, hören- und sehenswerte Veranstaltungen für uns auf. Ruth Renée Reif studierte in Wien Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte und ist seit 1987 in München als freie Journalistin und Publizistin tätig. Zu ihren Veröffentlichungen zählen eine Biografie über die Sängerin Karan Armstrong, ein historisches Porträt der Stuttgarter Philharmoniker sowie zahlreiche Gespräche mit Musikern, Schriftstellern und Philosophen.

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