Christian Thielemann leitet Solisten, zwei Chöre und 150 Orchestermusiker bei der Aufnahme von Arnold Schönbergs Gurre-Liedern. 

Man muss sich das Datum dieses Mitschnitts der Gurre-Lieder des 27-jährigen Arnold Schönberg, die einen achtstimmigen gemischten Chor, drei vierstimmige Männerchöre und 150 Orchestermusiker erfordern, auf der Zunge zergehen lassen: 10. März 2020. Allen Beteiligten ist anzuhören, dass sie die Tragweite und das rare Glück des vorläufig letzten Konzerts dieser Größenordnung erahnten. So wird der Zwitter aus Liederzyklus und Oratorium, der von der Liebe eines Königs zu einem Mädchen, ihrem gewaltsamen Tod, seiner Auflehnung gegen Gott und dem gespenstischen Ritt mit seinen Mannen als Untoter handelt und in einer Apotheose der Natur kulminiert, zum denkwürdigen Dokument, das zunächst nur zu Archiv-Zwecken mitgeschnitten wurde. 

Mezzosopranistin Christa Mayer
Singt das Lied der Waldtaube: Mezzosopranistin Christa Mayer
(Foto: © Matthias Creutzinger)

Leider trübt der trotz Stimmgewalt immer leicht heiser und schwerfällig klingende Heldentenor Stephen Gould als Waldemar die hohe Qualität dieser 100 Minuten etwas. Camilla Nylund und Christa Mayer, die das berühmte Lied der Waldtaube zur Perle macht, gebührt dafür umso größerer Dank wie auch dem schillernden Charaktertenor Wolfgang Ablinger-Sperrhacke und dem 83-jährigen Franz Grundheber als expressiv artikulierenden „Sprecher“. MDR-Rundfunkchor, Sächsischer Staatsopernchor und die fulminant aufspielende Sächsische Staatskapelle Dresden mit Mitgliedern des Gustav Mahler Jugendorchesters lassen das Werk unter Christian Thielemann in allen Facetten leuchten, das der nun zehn Jahre ältere Schönberg am Ende weitaus moderner und durchsichtiger instrumentiert als die erste Hälfte.

Arnold Schönberg: „Gurre-Lieder“, Sächsische Staatskapelle Dresden, Christian Thielemann (Hänssler)