Willkommen in der neuen Klassik-Woche,

heu­te mit einer exklu­si­ven Geschich­te über den Zoff bei den Salz­bur­ger Oster­fest­spie­len, mit einem Kirill Petren­ko im Ely­si­um und einem Pia­nis­ten im bedroh­ten tür­ki­schen Wald.  

WAS IST 

Antritts­kon­zert von Kirill Petren­ko als Event in Ber­lin. Der­weil kämpft Chris­ti­an Thie­le­mann in Salz­burg um sei­ne Zukunft.

SHOWDOWN: THIELEMANN VS. BACHLER

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Das The­ma der Woche braucht etwas Raum – zu ver­trackt und ver­fah­ren ist die Situa­ti­on bei den Salz­bur­ger Oster­fest­spie­len der­zeit. Nach­dem Chris­ti­an Thie­le­mann erklärt hat­te, dass er nicht bereit sei, mit dem desi­gnier­ten Geschäfts­füh­rer der Oster­fest­spie­le und der­zei­ti­gen Inten­dan­ten der Baye­ri­schen Staats­oper, Niko­laus Bach­ler, zusam­men­zu­ar­bei­ten (wir haben berich­tet), leg­te er nun nach. Und wie­der wähl­te er dafür den Jour­na­lis­ten Jür­gen Kes­ting von der FAZ als Sprach­rohr. Kes­ting schlägt sich dabei ziem­lich distanz­los auf Thie­le­manns Sei­te und nennt die Salz­bur­ger Poli­tik-Prot­ago­nis­ten eine „Polit­ban­di­ten­ge­sell­schaft”, was BR-Klas­sik-News-Chef Bern­hard Neu­hoff auf Twit­ter her­aus­ge­for­dert hat, über eine „unnö­ti­ge ver­ba­le Ver­ro­hung” zu spre­chen. Kri­ti­ker Manu­el Brug legt eine „Instru­men­ta­li­sie­rung (Kes­tings) von der Ruzi­cka-Frak­ti­on” nahe (Peter Ruzi­cka ist der­zei­ti­ger Geschäfts­füh­rer und Ver­bün­de­ter Thie­le­manns). Aber das ist noch nicht alles. Thie­le­mann hat inzwi­schen auch den Anwalt Peter Raue ein­ge­schal­tet, um sei­ne Posi­ti­on zu ver­tre­ten.

Fakt ist: Bis 2022 ist Bach­ler ledig­lich als Geschäfts­füh­rer ver­pflich­tet. Thie­le­manns Ver­trag läuft 2023 aus (wenn er nicht ver­län­gert wird). Von 2022 an ist Bach­ler als künst­le­ri­scher Gesamt­ver­ant­wort­li­cher ver­pflich­tet – bis vor­erst 2025. Klar, dass er sich in die­ser Rol­le von Thie­le­mann nicht vor­schrei­ben las­sen will, was von 2023 an auf dem Pro­gramm ste­hen soll. Um so merk­wür­di­ger, dass Thie­le­manns Plä­ne nun in den Salz­bur­ger Nach­rich­ten gele­akt wur­den (auf Anfra­ge, ob der Diri­gent aus­schlie­ßen kön­ne, die Inter­na sel­ber wei­ter­ge­ge­ben zu haben, beka­men wir bis heu­te kei­ne Ant­wort). Der Diri­gent plant 2022 auf jeden Fall einen Lohen­grin mit Pio­tr Bec­zała und 2023 eine Elek­tra in der Insze­nie­rung von Katha­ri­na Wag­ner. Bei­de Plä­ne gefal­len Bach­ler angeb­lich nicht, und – hier wird es span­nend – auch das Orches­ter, die Säch­si­sche Staats­ka­pel­le, soll bei einem Tref­fen im Bay­reu­ther Restau­rant Bür­ger­reuth im Juli Beden­ken geäu­ßert haben. Das ist beson­ders span­nend, da sich hier ers­te Brü­che zwi­schen Orches­ter und Diri­gent zei­gen – bei­de sind unab­hän­gig von­ein­an­der bei den Oster­fest­spie­len enga­giert.

Knack­punkt der Debat­te aber scheint ein ande­res Detail: Wäh­rend Thie­le­mann behaup­tet, dass Bach­ler ihm unge­fragt von der Poli­tik vor die Nase gesetzt wor­den sei, hört man aus dem Auf­sichts­rat, dass Thie­le­mann nach einem ers­ten Tref­fen mit Bach­ler der Per­so­na­lie zunächst zuge­stimmt haben soll – und sich erst spä­ter, in einer Auf­sichts­rats­sit­zung, gegen den Mann aus Mün­chen aus­ge­spro­chen habe. Die Wahr­heit in die­ser Fra­ge wird ent­schei­dend über den Fort­gang der Ver­hand­lun­gen wer­den.

Lan­des­haupt­mann Wil­fried Has­lau­er hat bereits unter­schied­li­che Per­sön­lich­kei­ten ange­fragt, um zu ver­mit­teln, unter ihnen wohl auch Ex-Staats­opern-Inten­dant Ioan Holen­der. Am Ende wird der Ball aber wie­der bei der Poli­tik lan­den. Die Schlüs­sel­fra­ge wird sein, ob Bach­ler ab 2023 nicht längst eine voll­kom­men neue Auf­stel­lung der Oster­fest­spie­le plant: Ohne fes­tes Orches­ter und Diri­gen­ten, statt­des­sen mit inten­si­ven Gast­spie­len von jähr­lich wech­seln­den Orches­tern. Ist die eigent­li­che Aus­schrei­bung etwa längst obso­let, in der es hieß: Der neue Geschäfts­füh­rer soll „an der Sei­te des Künst­le­ri­schen Lei­ters Chris­ti­an Thie­le­mann und der Säch­si­schen Staats­ka­pel­le Dres­den als Resi­denz­or­ches­ter das Fes­ti­val in die nächs­te Deka­de füh­ren und wei­ter ent­wi­ckeln.“ Nicht undenk­bar, dass Bach­ler und Has­lau­er längst einen ande­ren Plan ver­fol­gen und die Oster­fest­spie­le nicht län­ger als Diri­gen­ten-Fest­spie­le wie einst unter Her­bert von Kara­jan, son­dern als klug kura­tier­te Leis­tungs­show der welt­bes­ten Orches­ter und Diri­gen­ten fort­füh­ren wol­len. Dafür gäbe es vie­le gute Grün­de – aber sie müss­ten auf den Tisch. 

Der Salz­bur­ger Lan­des­haupt­mann ist der­zeit im Urlaub, die nächs­te Auf­sichts­rats­sit­zung ist für den 17. Sep­tem­ber anbe­raumt. Es ist frag­lich, ob sich die Salz­bur­ger Poli­tik bis dahin gefal­len lässt, eine „Ban­di­ten­ge­sell­schaft” genannt zu wer­den, dass inter­ne Plä­ne an die Öffent­lich­keit gelan­gen und ein Musik­di­rek­tor die Öffent­lich­keit sucht, um den Lan­des­haupt­mann vor sich her­zu­trei­ben – viel­leicht ist der Rubi­kon längst über­schrit­ten, ohne dass Thie­le­mann es ahnt.                    

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Ein überwältigendes Erlebnis auf der Bregenzer Seebühne

Die­se Neu­pro­duk­ti­on von Ver­dis Rigo­let­to eröff­ne­te die Bre­gen­zer Fest­spie­le 2019. Der Regis­seur und Büh­nen­bild­ner Phil­ipp Stölzl erschuf ein Opern­spek­ta­kel der ganz beson­de­ren Art. Jetzt erhält­lich auf DVD und Blu-ray.

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PETRENKOS GRUSS DER GANZEN WELT

Wir wis­sen nicht, ob Chris­ti­an Thie­le­mann dem Antritts­kon­zert von Kirill Petren­ko bei den Ber­li­ner Phil­har­mo­ni­kern am Radio gelauscht hat (der noch abruf­ba­re Audio-Mit­schnitt ist dabei wesent­lich hörens­wer­ter als die Video-Über­tra­gung vom Bran­den­bur­ger Tor). Wenn, dann hat er gehört, was die­sen Diri­gen­ten so beson­ders macht. Gera­de in Beet­ho­vens Neun­ter Sin­fo­nie liegt Petren­kos Stär­ke dar­in, nichts bewusst anders machen zu wol­len. Er ist kei­ner die­ser Mode-Diri­gen­ten, der die Musik für das eige­ne Ego gegen den Strich bürs­tet, kei­ner, der auf lee­re Affek­te setzt, son­dern jemand, der im Urver­trau­en auf die Noten eine unmit­tel­ba­re Tie­fe fin­det. Und vor allen Din­gen: Petren­ko scheint sein Orches­ter durch unend­li­ches Ver­trau­en zu neu­en Höhen anzu­spor­nen. Schon lan­ge hat man die Ber­li­ner Phil­har­mo­ni­ker nicht mehr als der­art vir­tuo­ses Solis­ten-Ensem­ble und gleich­sam als unwi­der­steh­li­ches Team gehört: sinn­lich und exis­ten­zi­ell in jeder Nuan­ce. Man hört, war­um jeder ein­zel­ne Musi­ker sich auf den neu­en Diri­gen­ten freut! Dazu eine groß­ar­ti­ge Sän­ger-Beset­zung mit Mar­lis Peter­sen, Eli­sa­beth Kul­man, Ben­ja­min Bruns und Kwang­chul Youn. Die Mess­lat­te für das Beet­ho­ven-Jahr 2020 liegt auf jeden Fall schon mal so hoch wie das Ely­si­um selbst. 

WAS WAR

Soli­da­risch: Anna Netreb­ko stellt sich hin­ter Pláci­do Dom­in­go.

DOMINGO-INVESTIGATION HAT BEGONNEN 

Nach den Sex-Vor­wür­fen gegen Pláci­do Dom­in­go wur­de nun die Juris­tin Debra Wong Yang ein­ge­setzt, um die Unter­su­chun­gen an der LA-Ope­ra zu lei­ten. Debra Wong war Rich­te­rin in Los Ange­les und lei­te­te bereits eine Unter­su­chung an einer Medi­zin­hoch­schu­le. Sie ende­te damals mit dem frei­wil­li­gen (und aus­be­zahl­ten) Rück­tritt des Lei­ters. Über eine ähn­li­che Lösung wird auch im Fall Dom­in­go bereits getu­schelt. Der­weil ste­hen die USA wei­te­ren Dom­in­go-Auf­trit­ten fast schon ver­bohrt kri­tisch gegen­über, und Euro­pa beweist Augen­maß: Gera­de hat sich Anna Netreb­ko via Face­book mit Dom­in­go soli­da­ri­siert, und selbst enga­gier­te #metoo-Kämp­fe­rin­nen wie die Sän­ge­rin Eli­sa­beth Kul­man erklä­ren, dass der Fall Dom­in­go sich nicht mit dem Fall Gus­tav Kuhn ver­glei­chen las­se, auch, weil Dom­in­go glaub­haft Erkennt­nis zei­ge – die Absa­gen sei­ner Kon­zer­te hält Kul­man für über­trie­ben.   

TRAUTMANN HAKT NACH

Vor zwei Wochen haben wir an die­ser Stel­le berich­tet, dass Naxos-Grün­der Klaus Hey­mann nicht ver­steht, dass Ama­zons Smart-Laut­spre­cher Ale­xa in ers­ter Linie Musik der Deut­schen Gram­mo­phon und des­sen Uni­ver­sal-Kos­mos inklu­si­ve der DECCA spielt. DG-Chef Cle­mens Traut­mann hak­te auf unse­ren Bericht hin bei Hey­mann per­sön­lich nach. Der schick­te dem DG-Kol­le­gen prompt eine Lis­te mit Titeln, die sei­ne Ale­xa aus­spuckt, wenn er sie bit­tet, „klas­si­sche Musik“ zu spie­len. Der DG-Schwer­punkt der Stü­cke ließ den Naxos-Chef fra­gen „Alles nur Zufall oder Algo­rith­mus?“. Hier die Top 14 von Hey­manns „Alexa“-Klassik: 1. Yiru­ma, 2. Ein­audi (DECCA), 3. Mozart Cla­ri­net Con­cer­to (from a „Din­ner“ com­pi­la­ti­on), 4. Ein­audi (DECCA), 5. Bach (DG), 6. Beet­ho­ven (DG), 7. Ein­audi, 8. Mozart Kla­vier­kon­zert Bren­del (Dec­ca), 9. Mozart Vio­lin­kon­zert (DG), 10. Bach Oboe (DG), 11. Bach, Hil­ary Hahn (DG), 12. Bach, Mut­ter (DG), 13. Cho­pin (DG), 14. Mozart (DG).   

AUF UNSEREN BÜHNEN 

Bereits letz­te Woche haben wir über ers­te Ergeb­nis­se der MDR-Thea­ter­um­fra­ge berich­tet. Nun geht es wei­ter: Die Büh­nen in Sach­sen, Sach­sen-Anhalt und Thü­rin­gen wol­len gesell­schafts­po­li­ti­sche Ver­än­de­run­gen aktiv beglei­ten und sich ein­mi­schen: 31 von 32 Inten­dan­ten spra­chen sich für einen Aktua­li­täts­be­zug gegen­über Rechts­po­pu­lis­mus oder digi­ta­len Medi­en aus. +++ Im letz­ten News­let­ter haben wir auch über die Umwand­lung des Kul­tur­sen­ders des Hes­si­schen Rund­funks berich­tet – Jür­gen Kau­be von der FAZ ord­net die aktu­el­le Lage nun in einem bis­si­gen Text ein: Das Vor­ge­hen des hr zeu­ge von Ver­ach­tung – „für die Kul­tur, die Mit­ar­bei­ter und die Bei­trags­zah­ler“.  

PERSONALIEN DER WOCHE

Jonas Kauf­mann fand sich die­se Woche unter dem Feh­ler­teu­fel­chen der Süd­deut­schen Zei­tung wie­der. Die hat­te näm­lich behaup­tet, es sei all­ge­mein bekannt, dass Rolan­do Vil­la­zón und Kauf­mann sich einer Stimm­band-OP unter­zo­gen hät­ten. Dem sei nicht so, ließ der Münch­ner Tenor die SZ und ihre Leser nun per Gegen­dar­stel­lung wis­sen. +++ Auck­land in Neu­see­land hat sein Musik­thea­ter in das Kiri Te Kana­wa Thea­ter umbe­nannt – und setzt der bekann­tes­ten Sän­ge­rin des Lan­des damit ein Denk­mal. +++ Der tür­ki­sche Pia­nist Fazıl Say hat in einem Wald der Pro­vinz Can­a­k­ka­le im Nord­wes­ten der Tür­kei mit einem Kon­zert gegen die Abhol­zung des Wald­ge­biets demons­triert. Er spiel­te ein eigens für den bedroh­ten Wald kom­po­nier­tes Werk.  +++ Die frist­lo­se Ent­las­sung der Lei­te­rin des Tanz­thea­ters Wup­per­tal Pina Bausch, Adol­phe Bin­der, war unrecht – das befand nun das Arbeits­ge­richt in Düs­sel­dorf. Bin­der ist damit offi­zi­ell noch immer künst­le­ri­sche Lei­te­rin des Ensem­bles. +++ Der Erbau­er der neu­en Orgel der Frau­en­kir­che, Dani­el Kern, ist über­ra­schend mit 69 Jah­ren gestor­ben. +++ Im Alter von 85 Jah­ren ver­starb der Diri­gent und Chor­spe­zia­list Hel­muth Froschau­er. Er war Mit­ar­bei­ter Her­bert von Kara­jans und Chef­di­ri­gent des WDR Rund­funk­or­ches­ters Köln.  

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WAS LOHNT

Die Twio­lins laden zum vier­ten Mal zum Pro­gres­si­ve Clas­si­cal Music Award.

Ich habe Marie-Lui­se und Chris­toph Ding­ler, die „Twio­lins“, bei einem Dreh über die musi­ka­li­sche Land­schaft des Rheins in Mann­heim ken­nen­ge­lernt. Was die bei­den neben ihren Gei­gen-Duo-Auf­trit­ten an den Start brin­gen, ist fas­zi­nie­rend. Inzwi­schen orga­ni­sie­ren sie bereits den vier­ten „Pro­gres­si­ve Clas­si­cal Music Award“, in dem sich 344 neue, maxi­mal fünf­mi­nü­ti­ge Kom­po­si­tio­nen aus 50 Natio­nen für zwei Gei­gen dem Wett­be­werb stel­len. Die Ding­lers suchen neue, span­nen­de und „ande­re“ Musik für zwei Gei­gen – zeit­ge­mä­ße Kom­po­si­tio­nen. Eine Fach­ju­ry aus Juli­an Rach­lin, Alek­sey Igu­des­man und Bene­dikt Bry­dern hat sechs Fina­lis­ten aus­ge­wählt, und ab sofort liegt es in der Hand des Publi­kums, wer den Preis und die Preis­gel­der in Höhe von 11 000 Euro am 28. Sep­tem­ber in Mann­heim gewinnt. Die Ver­an­stal­tung aus dem Muse­um Welt­kul­tu­ren Mann­heim wird ab 20 Uhr gegen eine Gebühr auch live im Inter­net gestreamt. Ein Online-Voting ist aller­dings nicht mög­lich.

In die­sem Sin­ne, stim­men Sie ab, und hal­ten Sie die Ohren steif

Ihr

Axel Brüg­ge­mann

brueggemann@crescendo.de

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Axel Brüggemann
Axel Brüggemann glaubt, dass Musik das Leben verändern kann. Darüber hat er zunächst bei der WELT am SONNTAG geschrieben, bei der er auch Textchef war. Später schrieb er für die FAS und die Jüdische Allgemeine. Heute ist der ehemalige crescendo-Chefredakteur hauptsächlich fürs Fernsehen tätig: für arte, ZDF und SKY. Für seine Bayreuth-Moderationen wurde er für den Grimme-Preis nominiert. Brüggemanns Dokumentarfilme suchen stets nach dem Zusammenhang von Musik und Mensch.

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