Tjaša Kastelic und Jerzy Chwastyk haben auf Geige und Gitarre mit Liedern und Tänzen aus Argentinien, Spanien, Frankreich und Rumänien ihr Debüt-Album „Romance“ eingespielt.

Geige mit Gitarre – das funktoniert? Und wie! Coole Kombi, liegt einem auf der Zunge, wenn man diese beiden jungen Musiker spielen hört – und brennen spürt. Und  tatsächlich liegt man gar nicht so falsch mit der neudeutschen Verortung des Duos. Denn zum einen sind Tjaša Kastelic und Jerzy Chwastyk noch sehr jung, zum anderen hätten sie sich ohne Social Media gar nicht kennengelernt. Vom Anfang einer so hoffnungsvollen wie unkonventionellen Karriere…

Glückliche Schicksalsfügung

Tjaša Kastelic und Jerzy Chwastyk
(Alle Fotos dieses Beitrages: © Uwe Arens)

Man könnte diese Geschichte als pure Erfolgsstory erzählen. Eine Violinistin und ein Gitarrist lernen einander über Facebook kennen. Es funkt musikalisch sofort zwischen ihnen, und schon nach wenigen Treffen beschließen sie, nicht nur zusammen aufzutreten, sondern auch ein Album aufzunehmen – mit dem sie dann auf eine Europa-Tour gehen – komplett selbst organisiert und finanziert. Gefeiert von Presse und Publikum. Glückliche Schicksalsfügung?

Die Geschichte hinter dem Album

Nichts davon wäre gelogen. Aber tatsächlich ist die wahre Geschichte hinter dem Album „Romance“ von Tjaša Kastelic und Jerzy Chwastyk ein bisschen komplexer. Und ein wenig steiniger war der Weg zum Erfolg auch. Wobei, das merkt man im Gespräch mit den beiden schnell, die Dinge natürlich auch erst dort wirklich interessant werden, wo sich die Schattierungen und Nuancen ins Schwarzweiß der bruchlosen Erzählung mischen.

Gitarre und Geige

Tjaša Kastelic und Jerzy Chwastyk

Es beginnt schon damit, dass Chwastyk – der aus Wrocław stammt, in Weimar Gitarre studiert hat und seit einigen Jahren in Berlin lebt – nach ein paar Minuten verschmitzt einräumt: „Offen gestanden war ich zunächst auf der Suche nach einem anderen Instrument. Ich dachte, die Violine sei zu dominant und würde die Gitarre mit ihrem scharfen Klang überschatten.“ Nur um gleich – noch bevor Kastelic lachend protestieren kann – hinterherzuschieben: „Moment, jetzt kommt ein Kompliment: Tjaša hat einen sehr warmen Klang! Als wir zum ersten Mal geprobt haben, wusste ich gleich, dass es funktionieren wird.“ Woraufhin Kastelic, Geigerin aus Slowenien und ebenfalls Wahlberlinerin, nur trocken bemerkt: „Jurek meinte, ich könnte doch einfach leise spielen.“

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Argentinien, Spanien, Frankreich und Rumänien

Tjaša Kastelic und Jerzy Chwastyk

Es ist tatsächlich ein Glück, dass die beiden einander gefunden haben. Ihr Debütalbum „Romance – Canciones y Danzas“ ist eine staunenswert harmonische Werbung für die noch immer unkonventionelle Kombination von Gitarre und Violine. Versammelt sind darauf Stücke von Béla Bartók, Claude Debussy, Manuel de Falla, Astor Piazzolla und Gabriel Fauré. Der CD-Titel ist nicht nur dem gleichnamigen Lied von Debussy mit seinem sehnsüchtig schmelzenden Text von Paul Bourget entlehnt („Die flüchtige, die leidende Seele…“), er spielt auch auf die romanischen Sprachen jener Länder an, durch die Kastelic und Chwastyk ihre musikalische Reise unternehmen: Argentinien, Spanien, Frankreich und Rumänien.

Vertraut und verspielt

Tjaša Kastelic und Jerzy Chwastyk

Freilich, wenn man das Cover des Albums sieht – Kastelic im wehenden roten Carmen-Kleid, Chwastyk schwarz gekleidet, dandyesk daneben, beide vertraut und verspielt wirkend – werden die Liebesassoziationen recht offensiv getriggert. „Ein bisschen provokativ, so soll es auch sein“, sagt Chwastyk. Und dass gerade die Musikjournalisten daraus gern schließen, die Violinistin und der Gitarrist seien auch abseits der Bühne ein Paar, nehmen sie gern in Kauf.

Weit mehr Farben, als nur das Liebesrot

Tatsächlich aber hat „Romance“ gerade auf der emotionalen Partitur weit mehr Farben zu bieten, als nur das Liebesrot. „De Fallas Song Nana ist ein Schlaflied, das eine Mutter ihrer Tochter singt. Das habe ich am Anfang unserer Tournee noch gar nicht so erfasst“, beschreibt Kastelic. Aber nach einiger Zeit habe sie sich, obwohl selbst noch nicht Mutter, in diese Rolle voll einfühlen können. Oder Piazzollas Adiós Nonino: „Ein Lied, das der Komponist geschrieben hat, nachdem er seinen Vater verloren hatte.“ Das erwischt sie auf der Bühne noch immer mit voller Wucht.

Nicht zu bremsen

Tjaša Kastelic und Jerzy Chwastyk

Dabei war die Musikerin, auch das gehört zur Wahrheit, durchaus skeptisch, als Chwastyk zum ersten Treffen im Café mit einem Stapel ausgedruckter Noten kam. „Tjaša hat 50 Prozent abgelehnt“, erzählt er lächelnd. „Ich habe ihm gesagt, ich sei schlecht in moderner Musik. De Falla konnte ich mir erst überhaupt nicht vorstellen“, sagt sie. Aber Chwastyk, der durch Videos im Netz auf Kastelic aufmerksam geworden war und sie über Facebook kontaktiert hatte, ließ sich in seinem Elan nicht bremsen.

CD-Aufnahme und Europa-Tour

Noch vor der ersten gemeinsamen Probe hatte er schon drei Konzerttermine organisiert. Und bereits vor dem ersten Konzert kam die Idee auf, ein Album einzuspielen. Warum Zeit verlieren, wenn man sich seiner Sache sicher ist? Leider wurde dann gleich der erste Auftritt abgesagt, es gab Streit mit einem Co-Organisator. Und für die geplante CD hatten sie zunächst einen Tonmeister engagiert, mit dem die Chemie nicht stimmte. Wofür sie im wahrsten Sinne Lehrgeld zahlen mussten. „Das sind einfach Fehler, Erfahrungen, die dazu gehören“, sagt Chwastyk im Rückblick. Kastelic jedenfalls kamen nach diesem holprigen Beginn Zweifel. Sie schlug vor: „Jurek, lassen wir uns ein bisschen Zeit. Wir genießen erst mal den Sommer, du fährst nach Polen, ich nach Slowenien – und danach schauen wir weiter“. Aber dann war sie am Meer und dachte: Nein, wir müssen das unbedingt durchziehen. „Ende Juli kamen wir beide zurück und waren ‚on fire’“. Und alles nahm seinen Lauf: CD-Aufnahme, Europa-Tour…

Ein kleiner Einblick in die Aufnahmen in der in der Jesus-Christus-Kirche in Berlin-Dahlem.

Zwei Tage für die Aufnahmen

Tjaša Kastelic und Jerzy Chwastyk

Zwei Tage hatten sie Zeit, um „Romance“ in der Jesus-Christus-Kirche in Berlin-Dahlem einzuspielen – dieser weltweit berühmten Kapelle für Klassik-Aufnahmen, wo etwa ein Karajan in den 1970er-Jahren La Bohème mit Luciano Pavarotti aufgenommen hat. Anne-Sophie Mutter, Gidon Kremer, auch der Geiger Nigel Kennedy standen hier schon vor den Mikrofonen, die Akustik ist legendär. Kastelic und Chwastyk hatten Glück, überhaupt einen kurzen Zeit-Slot zu ergattern. Wann immer ein Flugzeug über die Kirche flog – und das geschah nicht selten –, mussten sie unterbrechen. Bis ein, zwei Uhr nachts arbeiteten sie hellwach an Piazzolla und de Falla. Und danach ging die Arbeit erst richtig los.

17 Städte in zehn Ländern

Tjaša Kastelic und Jerzy Chwastyk

Kastelic, daran erinnern sich beide lachend, schlug bei Chwastyk mit einer Europakarte auf. „Wir suchen uns die Städte aus, in denen wir spielen wollen“, schlug sie vor, „und schicken Emails an alle denkbaren Auftrittsorte.“ Sie verfassten ein Anschreiben in fünf Sprachen, verschickten hunderte Mails, kassierten hunderte Absagen, schliefen nie mehr als sechs Stunden – und schließlich stand die Tournee. 17 Städte in zehn Ländern, mit Auftritten in Sälen vor 50 bis 200 Zuschauern. „Wir möchten unverstärkt spielen“, sagt Chwastyk, „unsere Musik ist nichts fürs Stadion.“

Alle Hürden gemeistert

Sicher, die beiden hatten auch Hilfe. „Meine Mutter, die Familie von Tjaša, Freunde in den verschiedenen Ländern haben uns unterstützt“, erzählt der Gitarrist. Sonst wäre die Logistik nicht zu stemmen gewesen. Umso erstaunlicher, dass dann alles reibungslos lief – mal abgesehen davon, dass vor dem Auftritt in Slowenien die Koffer in Paris geblieben waren, mit allen Kleidern von Kastelic. Aber da hatten sie schon größere Hürden gemeistert.

Liebe zur Musik

Tjaša Kastelic und Jerzy Chwastyk

Sowohl Kastelic als auch Chwastyk besitzen ein Kämpfer-Naturell. Das braucht man auch, wenn man es als Musiker in Berlin schaffen will, wo ja, wie der Gitarrist sagt, „gefühlt tausend Konzerte pro Tag stattfinden.“ Auch die Violinistin musste sich hier erst einmal durchbeißen. Aus dem erhofften Studium an der Hochschule für Musik Hanns Eisler wurde nichts, in ihrem ersten Berliner Jahr hat sie bei einer Familie geputzt, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Ausbilden ließ sie sich dann unter anderem in Brüssel und Dresden. Heute betreibt sie als Gründerin und Direktorin die „Kastelic Music Academy“ in Berlin, wo sie junge Musiker auf ihre Aufnahmeprüfungen vorbereitet und auch Masterclasses plant. „Noch 20 Minuten vor unseren Auftritten hat Tjaša manchmal Videos für ihre Akademie aufgenommen“, erzählt Chwastyk. „Das muss echte Liebe sein!“

Nicht immer nur das gleiche Repertoire

Tjaša Kastelic und Jerzy Chwastyk

Dass auf der Suche nach einem Label und einer Agentur trotzdem auch Absagen der Art kommen, „vielen Dank für Ihre Bewerbung, aber Sie sind leider keine Lisa Batiashvili und kein Andrés Segovia“, wie sie kopfschüttelnd zitieren, überhaupt sei die Kombination Gitarre und Violine zu selten und daher unverkäuflich – geschenkt. Nikolaus Harnoncourt habe in seinem Buch Musik als Klangrede schon vor Jahrzehnten beklagt, dass die Klassikwelt uninteressant werde, wenn immer nur das gleiche Repertoire auf dem Programm stünde, meint Chwastyk.

Ausblick auf das nächste Projekt

Die beiden arbeiten unterdessen an ihrem nächsten Projekt: Piazzollas „Vier Jahreszeiten“. Sobald die Zeiten es wieder zulassen, wollen sie nach Argentinien fliegen, sich dort mit Musikern austauschen und die Begegnung auch filmisch dokumentieren. Klingt doch nach einem guten Weg. 

Romance-Cover
150

Romance – Canciones y danzas“. Béla Bartók: „Romanian Folk Dances“, Claude Debussy: „Romance“, Manuel de Falla: „Suite populaire espagnol“, Astor Piazzolla: „Histoire du Tango“, Gabriel Fauré: „Après un rêve“ u.a., Tjaša Kastelic, Jerzy Chwastyk (Qbk)
Zu beziehen u.a. bei: www.amazon.de

Mehr zur Geigerin Tjaša Kastelic und ihre Auftrittstermine unter: www.tjasakastelic.com

Mehr zum Gitarristen Jerzy Chwastyk und seine Auftrittstermine unter: www.jerzychwastyk.com

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