Claude DebussyTraumentrückter ­Einzelgänger

Claude Debussy
Foto: gemeinfrei

Mit Claude Debussy begann in der abendländischen Musik das 20. Jahrhundert. Er entwarf eine fantastische Klangwelt und ebnete zahlreichen Komponisten nach ihm den Weg. Am 26. März jährt sich sein Todestag zum 100. Mal.

Pierre-Lau­rent Aimard fühl­te sich bereits in frü­her Jugend über­wäl­tigt von Debus­sys Musik. Mar­tha Arge­rich hat­te als Kind sei­nen Namen „Clau­de Achil­le“ über dem Bett hän­gen. Sie nennt Debus­sy ihren Lieb­lings­kom­po­nis­ten. Das gilt auch für Leif Ove Ands­nes. Er bekennt sich zur „Freu­de am Klang“ und zum Expe­ri­ment.

Debus­sy ver­än­der­te die fran­zö­si­sche Musik­spra­che. Er begeis­ter­te sich für alles Neue und Unbe­kann­te. War er anfangs von der Ver­eh­rung für Wag­ners Musik durch­drun­gen, so schlug die­se bereits beim Tris­tan sei­ner zwei­ten Bay­reuth-Rei­se in Ent­täu­schung um. Was ihn statt­des­sen fas­zi­nier­te, waren die Klän­ge der chi­ne­si­schen, japa­ni­schen, java­ni­schen und anna­mi­ti­schen Orches­ter, die er eben­so wie den anda­lu­si­schen Can­te jon­do auf der Pari­ser Welt­aus­stel­lung 1889 hör­te. Die Ursprüng­lich­keit jener Musik­ar­ten beschrieb er als wohl­tu­en­den Gegen­satz zum „auf­trump­fen­den Stil des Bay­reu­thers“.

Prinz der Dun­kel­heit“

Aus Lei­den­schaft für Exo­tik und den Japo­nis­mus, der damals die Kunst­sze­ne beherrsch­te, leg­te er sich eine Samm­lung japa­ni­scher Holz­schnit­te zu. Die inten­si­ven Far­ben und kla­ren Lini­en reg­ten sei­ne musi­ka­li­schen Visio­nen an. Für Diet­rich Fischer-Dies­kau, der über Debus­sy und sei­ne Welt eine Bio­gra­fie ver­fass­te, ist es die „rät­sel­vol­le Fer­tig­keit“, frem­de Musik ohne Bruch in die eige­ne ein­ge­hen zu las­sen, die aus Debus­sy „einen bis heu­te unver­än­dert moder­nen Kom­po­nis­ten“ macht.

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Programmheft zu „L’Après-midi d’un faune“
Pro­gramm­heft zu „L’Après-midi d’un fau­ne“

Obgleich er Zeit sei­nes Lebens ein ein­sa­mer Ein­zel­gän­ger blieb, such­te er die Bekannt­schaft bil­den­der Künst­ler und Dich­ter. Er führ­te das Leben eines Bohe­mi­ens, ver­brach­te vie­le Stun­den in Cafés und gab sich dem Nacht­le­ben hin. „Prinz der Dun­kel­heit“ nann­ten ihn sei­ne Gefähr­ten. „Wir sahen ihn mit düs­te­rer Mie­ne ankom­men, in eine gro­ße, trau­ri­ge Kapu­ze ein­ge­wi­ckelt“, erzähl­te Léon-Paul Far­gue. Unge­wöhn­li­che Men­schen zogen Debus­sy an. So ver­band ihn ein tie­fes, wenn auch für vie­le uner­gründ­li­ches Ver­hält­nis mit Erik Satie. Er half ihm, sei­ne kom­po­si­to­ri­schen Ide­en umzu­set­zen und wid­me­te ihm das Buch der Kan­ta­te La Damo­i­sel­le élue: „Für Erik Satie, den mit­tel­al­ter­li­chen und sanf­ten Musi­ker, der sich in die­ses Jahr­hun­dert ver­irrt hat, zur Freu­de sei­nes ihm herz­lich zuge­ta­nen Clau­de – A. Debus­sy, 27. Okto­ber 1892.“

Das Jahr war bedeut­sam für Debus­sy. Er wur­de 30 Jah­re alt, sah Mau­rice Maeter­lincks Dra­ma Pel­léas et Méli­san­de auf der Büh­ne und begann, Sté­pha­ne Mall­ar­més Gedicht zu ver­to­nen. 1894 erklang in Paris Pré­lude à l’après-midi d’un fau­ne. Es war Debus­sys ers­tes orches­tra­les Meis­ter­werk, und man nann­te es das „Mani­fest des musi­ka­li­schen Impres­sio­nis­mus“. Debus­sy mal­te mit sei­ner Musik die Träu­me und Begier­den, die den Faun in der nach­mit­täg­li­chen Schwü­le heim­su­chen. 1912 inspi­rier­te das Werk Vaslav Nijin­sky zu einem Bal­lett neu­er Tanz­tech­ni­ken.

Mani­fest des musi­ka­li­schen Impres­sio­nis­mus“

1902 erfolg­te an der Opé­ra Comi­que in Paris die Urauf­füh­rung von Pel­léas et Méli­san­de. Sie bescher­te Debus­sy einen Skan­dal und Ruhm. Eine unüber­seh­ba­re Zahl an Musi­kern schar­te sich um ihn und fei­er­te ihn als „Clau­de de Fran­ce“. Der Debus­sys­mus trieb kurio­se Blü­ten. Jun­ge Män­ner klei­de­ten sich wie er, und Mäd­chen ver­such­ten, so dünn und zer­brech­lich aus­zu­se­hen wie Mary Gar­den, die Dar­stel­le­rin der Méli­san­de. Über­all in Euro­pa erreg­ten die Auf­füh­run­gen von Debus­sys Wer­ken hef­ti­ge Dis­kur­se. Sei­ne Klang­welt ver­führ­te zur Nach­ah­mung.

Debus­sy schuf eine Musik traum­ent­rück­ter Stim­mun­gen. In dem sin­fo­ni­schen Tri­pty­chon Noc­turnes, das ihn 1900 bekannt mach­te, oder der sin­fo­ni­schen Dich­tung La mer gestal­tet er mit zar­ten Klän­gen und man­nig­fal­ti­gen Far­ben das Vor­bei­zie­hen der Nacht­wol­ken wie das kräu­seln­de Spiel der sich im Wind auf­bäu­men­den Wel­len nach. Er arbei­te an gewis­sen Din­gen, „die erst von den Enkeln des 20. Jahr­hun­derts begrif­fen wer­den“, schrieb er an den Dich­ter Pierre Louÿs.

Bühnenbild zu „L’Après-midi d’un faune“
Büh­nen­bild zu „L’Après-midi d’un fau­ne“

Sei­ne Klän­ge lie­ßen die seri­el­len Struk­tu­ren Anton Weberns erah­nen und nah­men das Phä­no­men der Klang­far­ben vor­weg. Wie Pierre Bou­lez fest­stell­te, strahl­te Debus­sy „ver­füh­re­ri­sche Kräf­te“ aus. Für Oli­vi­er Mes­sia­en war Pel­léas et Méli­san­de eine Offen­ba­rung. Ernst Kre­nek ent­deck­te im Orches­ter­vor­spiel zum letz­ten Akt der Oper einen Akkord, der ihn tief berühr­te und „einen magi­schen Reiz“ auf ihn aus­üb­te. Er ließ sei­ne Oper Orpheus und Eury­di­ke damit begin­nen und enden und den Klang wäh­rend des gan­zen Stücks immer wie­der auf­tre­ten. Béla Bar­tók fand in Debus­sys Par­ti­tu­ren, die Zol­tán Kodá­ly voll Begeis­te­rung aus Paris brach­te, einen der wich­tigs­ten Anrei­ze zur Her­aus­bil­dung sei­nes neu­en Stils.

Zwang zur Nicht­voll­endung“

Doch die Klän­ge, mit denen Debus­sy sein Publi­kum ver­zau­ber­te, waren einem tra­gi­schen Leben abge­run­gen. Ange­fan­gen von der Kind­heit mit einer Mut­ter, der er eine Last war und die kein Gespür für sein außer­ge­wöhn­li­ches Talent besaß, bis zu sei­nem Tod in Krank­heit und Krieg war er ste­tig beglei­tet von Pro­ble­men und Kri­sen. Da waren die schwie­ri­gen Ver­hält­nis­se zu sei­nen Frau­en und die bestän­di­gen Geld­nö­te, die ihn bedrück­ten. Selbst in sei­ner letz­ten Lebens­pha­se, als er Erfolg hat­te und schein­bar im Wohl­stand leb­te, belas­te­ten ihn so enor­me Schul­den, dass er in Brie­fen von Selbst­mord schrieb.

Hin­zu kamen Depres­sio­nen, Ängs­te und Selbst­zwei­fel. Sie ver­damm­ten ihn immer wie­der zu wochen­lan­ger Untä­tig­keit und ver­hin­der­ten die Fer­tig­stel­lung vie­ler Wer­ke. Der Kom­po­nist Robin Hol­lo­way spricht vom „Zwang zur Nicht­voll­endung“. Das Frag­ment des Opern­ein­ak­ters La chu­te de la mai­son Usher nach Edgar All­an Poe wur­de 1979 von dem Kom­po­nis­ten Juan Allen­de-Blin orches­triert und an der Deut­schen Oper Ber­lin urauf­ge­führt. 2006 „voll­ende­te“ der Musik­wis­sen­schaft­ler Robert Orledge die Oper mit Debus­sys Mate­ri­al. Ein im Zuge der im Ver­lag Durand erschei­nen­den „Œuvres Com­plè­tes de Clau­de Debus­sy“ ent­deck­ter Ent­wurf lie­fer­te das Motiv der „Schwar­zen Flü­gel des Schick­sals“ für den Schluss.

Immer wie­der kommt etwas ans Licht“, bestä­tigt Denis Her­lin, der 2002 François Les­u­re als Her­aus­ge­ber der Aus­ga­be nach­folg­te. Er betont zudem die Sorg­falt, die Debus­sy für sein Werk auf­wand­te: „Sei­ne Manu­skrip­te sind Meis­ter­wer­ke musi­ka­li­scher Gra­fik.“ Debus­sy nahm sie wie­der­holt zur Hand, um bis in den Pro­ben­pro­zess hin­ein zu fei­len und zu ändern. „Er woll­te immer wei­ter­ge­hen in sei­nem Werk und sich nicht wie­der­ho­len.“ 2018 erscheint der 21. Band. 2030 soll die Aus­ga­be voll­stän­dig vor­lie­gen.

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Ruth Renée Reif
Das „flüchtige Ereignis“ in crescendo anzukündigen, ist die Aufgabe von Ruth Renée Reif: Als Erleben-Redakteurin spürt sie mit detektivischem Eifer packende, hören- und sehenswerte Veranstaltungen für uns auf. Ruth Renée Reif studierte in Wien Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte und ist seit 1987 in München als freie Journalistin und Publizistin tätig. Zu ihren Veröffentlichungen zählen eine Biografie über die Sängerin Karan Armstrong, ein historisches Porträt der Stuttgarter Philharmoniker sowie zahlreiche Gespräche mit Musikern, Schriftstellern und Philosophen.

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