TrautoniumSo was haben Sie noch nie gehört!

Peter Pichler am Mixturtrautonium
Foto: Dietmar Zwick

Gäbe es einen Verein zum Schutze aussterbender Musikinstrumente, das Trautonium wäre garantiert auf der Roten Liste. Liegt das am Klang? Überhaupt nicht! Das Trautonium ist wohl einer der größten Pechvögel der Musikgeschichte. Vom Instrument, das aus einer Glühlampe entstand.

Es klingt wie eine extra­va­gan­te Mischung aus E‑Orgel, frü­hem Syn­the­si­zer und kurio­sem Akkor­de­on. Es sieht aus wie eine Kreu­zung aus Juke­box, groß dimen­sio­nier­tem Ver­stär­ker und Heim­or­gel. Ein Besuch bei Peter Pich­ler, einem der welt­weit ein­zi­gen Spie­ler des Trau­to­ni­ums. Im Münch­ner Nor­den ver­steckt sich sein Stu­dio – bis unter die Decke voll mit Musik­in­stru­men­ten-Rari­tä­ten und Elek­tro-Anti­qui­tä­ten, etwa einer Samm­lung von Super-8-Kame­ras. Das Herz­stück des Rau­mes bil­det ein soge­nann­tes Mix­tur­trau­to­ni­um, ein Nach­bau spe­zi­ell für Pich­ler. Aber was hat es mit die­sem eigen­ar­ti­gen Instru­ment auf sich? Sei­ne Geschich­te ist min­des­tens so ver­wun­der­lich wie sein Klang. Es ist eine Geschich­te des fort­wäh­ren­den, ful­mi­nan­ten Schei­terns.

Alles begann in den 1920er-Jah­ren mit dem ver­rück­ten Erfin­der und Visio­när Fried­rich Traut­wein. In Ber­lin, damals Kul­tur­haupt­stadt der musi­ka­li­schen Avant­gar­de, tüf­tel­te er an Laut­spre­chern und den ers­ten elek­tro­ni­schen Musik­in­stru­men­ten. 1930 stell­te Traut­wein auf dem Ber­li­ner Fest „Neue Musik“ sein nach ihm benann­tes „Trau­to­ni­um“ vor, eine Art Vor­läu­fer des heu­ti­gen Syn­the­si­zers. Grund­prin­zip: Über eine lan­ge Metall­schie­ne wird ein Draht gespannt, der – für den Spie­ler unmerk­lich – unter elek­tri­scher Span­nung steht. Wird die­ser nie­der­ge­drückt, ent­ste­hen Töne – und zwar nach dem Prin­zip der Kipp­schwin­gung, das man eigent­lich von Glimm­lam­pen her kennt. So las­sen sich stu­fen­los Töne in ver­schie­dens­ten Fre­quen­zen inner­halb eines immensen Ton- und Laut­stär­ke­um­fangs erzeu­gen. Ein Klang­fil­ter ermög­licht ein reich­hal­ti­ges Spek­trum an Far­ben von „weich“ bis „scharf“. Spä­ter erlaub­te ein sub­har­mo­ni­scher Gene­ra­tor dar­über hin­aus das Zuschal­ten ver­schie­de­ner „Unter­tö­ne“, also dem Gegen­stück der natür­li­chen Ober­ton­rei­he. Und vor allem: Die Töne lie­ßen sich unmit­tel­bar ins Radio ein­spei­sen, eine gran­dio­se Lösung für das Pro­blem schlech­ter Auf­nah­me­qua­li­tät zu die­ser Zeit.

Eine Geschich­te des fort­wäh­ren­den, ful­mi­nan­ten Schei­terns“

Kein Wun­der, dass sofort reges Inter­es­se am Trau­to­ni­um auf­kam. So wur­de eine Instru­men­ten­schu­le ver­fasst und trotz des hohen Prei­ses für den Bau eine seri­en­mä­ßi­ge Pro­duk­ti­on begon­nen. Tat­säch­lich war das Trau­to­ni­um das ers­te Musik­in­stru­ment, für das es Lea­sing­ver­trä­ge gab, die es auch für Nor­mal­bür­ger finan­zier­bar mach­ten. Sofort begeis­ter­te sich der Kom­po­nist Paul Hin­de­mith dafür und kom­po­nier­te 1930 mit Des klei­nen Elek­tro­mu­si­kers Lieb­lin­ge die ers­ten ernst zu neh­men­den Wer­ke für den „Frisch­ling“ auf dem Instru­men­ten­markt. Sein Schü­ler Oskar Sala war ohne­hin an der Ent­wick­lung des Trau­to­ni­ums betei­ligt gewe­sen und avan­cier­te dar­auf schnell zum Vir­tuo­sen schlecht­hin. Auch Film­kom­po­nis­ten waren vom aus­drucks­ge­wal­ti­gen Klang des Trau­to­ni­ums ent­zückt – es ent­stan­den rund 300 Film­mu­si­ken mit ihm, dar­un­ter Hitch­cocks „Die Vögel“, wo ein Rausch­ge­ne­ra­tor im Instru­ment für das Vogel­flat­tern sorgt.

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Doch mit der Macht­er­grei­fung der Natio­nal­so­zia­lis­ten schwand das Inter­es­se am Trau­to­ni­um schlag­ar­tig dahin. Hin­de­mith wan­der­te aus, etli­che Trau­to­ni­um-Wer­ke des Hin­de­mith-Schü­lers Harald Genz­mer gin­gen in den Wir­ren des Zwei­ten Welt­kriegs ver­lo­ren, und die seri­en­mä­ßi­ge Pro­duk­ti­on wur­de ein­ge­stellt. Eine zwei­te Chan­ce hät­te das Instru­ment unter Umstän­den nach dem Krieg bekom­men kön­nen, doch die „neue“ Avant­gar­de – etwa um Karl­heinz Stock­hau­sen – hat­te sich längst ande­ren Arten des Klang­ar­ran­ge­ments zuge­wandt. Und die weni­gen „Trau­to­nio­ni­ten“ hiel­ten nicht zusam­men: Oskar Sala über­warf sich mit Traut­wein und Genz­mer – es kam sogar zu einem Rechts­streit bezüg­lich der Namens­rech­te am Instru­ment –, und es war kein pro­mi­nen­ter Leh­rer vor­han­den, der das kom­ple­xe Gerät in grö­ße­rem Stil hät­te wei­ter­ver­mit­teln kön­nen oder wol­len.

Eine wei­te­re Chan­ce, das Trau­to­ni­um aus sei­nem Schat­ten­da­sein zu befrei­en, ver­pass­te Sala, als sich in den 1970er-Jah­ren die jun­gen Musi­ker der Band Kraft­werk an ihn wand­ten. Die Künst­ler waren begeis­tert von elek­tro­akus­ti­schen Phä­no­me­nen und woll­ten unbe­dingt mehr über das Trau­to­ni­um erfah­ren – doch Sala ver­stand deren Musik nicht und hielt sich distan­ziert – nicht ahnend, dass Kraft­werk als Pio­nie­re des Elek­tro-Pop berühmt wer­den soll­ten und heu­te als Erfin­der des Tech­no gel­ten.

Wird ihm die spä­te Renais­sance des Trau­to­ni­ums gelin­gen?“

1988 ent­deck­te dann der jun­ge Peter Pich­ler, damals Stu­dent der klas­si­schen Gitar­re und Renais­sance-Lau­te am Salz­bur­ger Mozar­te­um, den Klang des Trau­to­ni­ums. Etwas Der­ar­ti­ges hat­te er noch nie gehört, doch es soll­te wei­te­re 21 Jah­re dau­ern, bis Kapi­tal, Zeit und Gele­gen­heit eine inten­si­ve­re Beschäf­ti­gung mit dem Instru­ment zulie­ßen: 2009 ver­fass­te er ein Thea­ter­stück über die Geschich­te des Trau­to­ni­ums, forscht seit­dem inten­siv über des­sen His­to­rie, Tech­nik und Lite­ra­tur, ließ ver­schie­de­ne Ver­sio­nen davon nach­bau­en, expe­ri­men­tiert und übt und übt und übt. In der Baye­ri­schen Staats­bi­blio­thek hat er eini­ge Hand­schrif­ten von ver­lo­ren geglaub­ten Trau­to­ni­um-Kom­po­si­tio­nen Genz­mers aus­ge­gra­ben und ein­ge­spielt. Soeben sind sie auf CD erschie­nen. Pich­ler gibt (stets aus­ver­kauf­te) Kon­zer­te, tritt bei Fes­ti­vals auf, wirkt in Kin­der­stü­cken mit, kom­mu­ni­ziert mit Stif­tun­gen und Muse­en.

Weil es sich aber (noch) nicht leben lässt vom Trau­to­ni­um, arbei­tet der Mul­ti-Instru­men­ta­list auch mit Musi­kern wie Hans Söll­ner oder Fun­ny van Dan­nen und unter­rich­tet an einer Musik­schu­le in Erding bei Mün­chen. Wird ihm die spä­te Renais­sance des Trau­to­ni­ums gelin­gen? Frag­lich, denn ein­mal mehr hat das ori­gi­nel­le Instru­ment Pech: Wäh­rend ande­re kurio­se Klang­er­fin­dun­gen aus den1920er-Jah­ren, wie etwa das There­min in Russ­land und die Ondes Mar­te­not in Frank­reich, staat­li­che För­de­rung erfuh­ren und teils bis heu­te erfah­ren, hat sich Pich­ler mühe­voll die Unter­stüt­zung eini­ger weni­ger Insti­tu­tio­nen – etwa der Harald Genz­mer und der Hin­de­mith Stif­tung – erkämpft. Und fast alle ori­gi­na­len Instru­men­te ste­hen in Muse­en und sind für das akti­ve Spiel ver­lo­ren, dür­fen weder ver­än­dert noch repro­du­ziert wer­den. Ein Trau­to­ni­um des 2002 ver­stor­be­nen Oskar Sala, das über einen spe­zi­el­len Fre­quenz­tei­ler für Glo­cken­klän­ge ver­fügt, steht im Deut­schen Muse­um in Mün­chen, darf absur­der­wei­se aber weder ange­schal­tet noch für einen Nach­bau ver­mes­sen wer­den. So bleibt die­ser aus­ge­fal­le­ne, eigen­tüm­li­che Klang vor­erst einem klei­nen Publi­kum vor­be­hal­ten – eine ver­lo­re­ne und noch nicht ganz wie­der­ent­deck­te Musik des 20. Jahr­hun­derts!

Das Trautonium

Das Trau­to­ni­um ist ein elek­tro­ni­sches Musik­in­stru­ment und Vor­läu­fer des heu­ti­gen Syn­the­si­zer. Ent­wi­ckelt haben es 1930 der deut­sche Erfin­der und Elek­tro-Pio­nier Fried­rich Traut­wein (1888–1956), nach dem es auch benannt ist, und der Kom­po­nist und Musi­ker Oskar Sala (1910–2002). Erst­mals öffent­lich prä­sen­tiert wur­de das Trau­to­ni­um im Rah­men des Ber­li­ner Fests „Neue Musik“ 1930. Seit dem Tod Oskar Salas gibt es nur noch sehr weni­ge Men­schen, die das aus­ge­fal­le­ne Instru­ment beherr­schen.

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Maria Goeth
Sie ist eine "eierlegende Wollmilchsau" des Opern- und Konzertbetriebs: Maria Goeth wirkte als Dramaturgin, Regisseurin und Kuratorin, aber auch als Moderatorin, Gastspielleiterin und Inspizientin. Festanstellungen führten sie u.a. ins Orchestermanagement der Bayerischen Staatsoper, als Konzertdramaturgin ans Theater Heidelberg und ins Projektmanagement von „Jugend musiziert“. Darüber hinaus übernimmt die promovierte Musikwissenschaftlerin immer wieder Lehraufträge an der LMU München. Seit 2016 arbeitet Maria Goeth bei CRESCENDO, seit 2017 ist sie Leitende Redakteurin.

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