Wahre Seelenabgründe

Teodor Currentzis

Unter den jün­ge­ren Diri­gen­ten ist der Grie­che Teo­dor Cur­r­ent­zis der­zeit der mit Abstand auf­re­gends­te: In kur­zer Zeit mach­te er das im fer­nen Ural lie­gen­de Opern­haus von Perm zu einem neu­en Zen­trum visio­nä­rer Thea­ter­ar­beit, und sei­ne Stu­dio­pro­duk­tio­nen der drei Da-Pon­te-Opern Mozarts wur­den welt­weit als neue Refe­ren­zen gefei­ert. Jetzt greift der desi­gnier­te neue Chef des SWR Sym­pho­nie­or­ches­ters auch nach sin­fo­ni­schen Ehren. Mit sei­nem Musi­cAe­ter­na Orches­ter hat er sich gleich das größ­te Juwel rus­si­scher Sin­fo­nik vor­ge­nom­men, Tschai­kow­skys genia­li­sche, von Todes­ah­nun­gen durch­wirk­te Sechs­te Sin­fo­nie, von der es unzäh­li­ge gute Ein­spie­lun­gen gibt. Den­noch schafft es der 45-jäh­ri­ge Exzen­tri­ker, die­ses natio­na­le Hei­lig­tum kom­plett neu zu ver­mes­sen und ihm sei­ne wah­re erschüt­tern­de Grö­ße zurück­zu­ge­ben, indem er mit rigo­ro­ser Detail­ge­nau­ig­keit und extre­mer Dyna­mik des­sen wah­re See­len­ab­grün­de frei­legt, jen­seits allen vor­der­grün­di­gen Pathos. Allein sei­ne wun­der­bar pul­sie­ren­de Pia­no- und Pia­nis­si­mo­kul­tur zu Beginn der Sin­fo­nie ist bei­spiel­los, und die Zusam­men­brü­che in der Durch­füh­rung ent­la­den ein uner­hör­tes Ver­zweif­lungs­po­ten­zi­al. Die­se tie­fe inne­re Tra­gik des Werks fin­det ihren bit­te­ren Aus­gang im düs­te­ren Schluss-Ada­gio, das Cur­r­ent­zis als ver­geb­li­chen Todes­kampf deu­tet. Nach die­sem scho­nungs­lo­sen Selbst­be­kennt­nis ver­steht jeder, war­um Tschai­kow­sky nur weni­ge Tage nach der Urauf­füh­rung die Welt ver­ließ.

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Attila Csampai
Attila Csampai ist Chefrezensent bei crescendo. Als gebürtiger Budapester lebt er seit 1957 in München, und studierte hier Musikwissenschaft. Seit 1974 schreibt er Schallplattenkritiken in allen wichtigen Fachzeitschriften. Seine Essays, seine Werkkommentare und vor allem sein zahlreichen Musikbücher sind legendär. 32 Jahre lang war er Musikredakteur und Live-Moderator beim Bayerischen Rundfunk. Seine CD-Sammlung umfasst mehr als 30.000 Alben.

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