Dirigenten-Legenden Fünf Großmeister des 20. Jahrhunderts

Historische Ausgrabungen von den Legenden Celibidache und Végh über die Altmeister Rosbaud und Munch bis zum unbekannten Giganten Frank Merrick.

War­ner Clas­sics prä­sen­tiert eine 13-CD-Box mit dem elsäs­si­schen Maes­tro Charles Munch, die per­fekt die Pracht­box sei­ner kom­plet­ten RCA-Auf­nah­men mit dem Bos­ton Sym­pho­ny Orches­tra ergänzt: fran­zö­si­sche Auf­nah­men 1935 – 49 und 1965 – 68, also vor und nach sei­ner Bostoner Zeit, vor­wie­gend fran­zö­si­sches Reper­toire, dar­un­ter Rari­tä­ten eins­ti­ger Grö­ßen wie der ver­ges­se­nen Kom­po­nis­ten Sama­zeuilh, Lou­is Aubert oder Del­an­noy oder mit Pia­nis­ten wie Mar­gue­ri­te Long, Jac­ques Févri­er, Jean Doy­en oder Joseph Ben­ve­nuti, dem Cel­lis­ten André Navar­ra und Gei­gern wie Jac­ques Thi­baud, Deni­se Soria­no oder Hen­ry Merckel. Beson­ders fes­selnd sind die bril­lan­ten Auf­füh­run­gen von Hen­ri Dutil­leux, Albert Rous­sel, André Joli­vet und Arthur Hon­eg­ger sowie das Bloch-Vio­lin­kon­zert mit Joseph Szi­ge­ti.

Bei SWR Clas­sic schrei­tet die Hans-Ros­baud-Edi­ti­on kon­se­quent vor­an und erreicht mit einer Mozart-Box (aus den Jah­ren 1951 – 62 auf neun CDs) ihren bis­he­ri­gen Höhe­punkt: hell­wa­ches, inspi­rier­tes und hoch­kul­ti­vier­tes Musi­zie­ren, an dem auch Solis­ten wie Maria Berg­mann, Moni­que Haas, Robert Casa­desus, Fried­rich Gul­da, Géza Anda, Den­nis Brain oder Kim Borg betei­ligt sind. Zeit­los maß­stab­set­zend.

Wand­lungs­fä­hig­keit und Fähig­keit zusam­men­hän­gen­der Gestal­tung “

Der Bri­te Frank Mer­rick (1886 – 1981) war nicht nur einer der intel­li­gen­tes­ten und mutigs­ten Musi­ker des 20. Jahr­hun­derts, son­dern auch einer der feins­ten und bezau­bernds­ten Pia­nis­ten, der in unbe­kann­tem Gelän­de mit eben­so kla­rer Visi­on agier­te wie in Wer­ken von Mozart, Beet­ho­ven, Schu­bert oder Debus­sy. Frank Mer­ricks sechs Alben umfas­sen­de A Recor­ded Lega­cy bei Nim­bus bie­tet nur einen Bruch­teil der in spä­ten Jah­ren ent­stan­de­nen Auf­nah­men und ist eine der unauf­fäl­li­gen Sen­sa­tio­nen der Musik­welt. Flan­kiert von einem exzel­len­ten Book­let-Essay, wird die­ser über­ra­gen­de Meis­ter, der 1918 als kom­pro­miss­lo­ser Pazi­fist für zwei Jah­re ins Zucht­haus ging, auch mit sol­chen unbe­kann­ten Groß­wer­ken wie Max Regers Bach-Varia­tio­nen, den vier Sona­ten von Arnold Bax oder St­ücken von John Field, Alan Raws­thorne und sei­ner Lebens­ge­fähr­tin Hope Squi­re vor­ge­stellt, die er mit voll­ende­ter Schön­heit, Klar­heit und Innig­keit dar­bot. Und mit sei­ner eige­nen Musik, die in dis­tin­gu­ier­ter Eigen­stän­dig­keit Espe­ran­to-Lie­der, Kla­vier­stü­cke und den lang­sa­men Satz sei­nes Zwei­ten Kla­vier­kon­zerts zele­briert sowie die bis heu­te unüber­trof­fe­ne Voll­endung von Schu­berts Unvoll­ende­ter, mit der Mer­rick 1928 vor­über­ge­hend welt­be­kannt wur­de. Eine ganz gro­ße Ent­de­ckung!

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Groß­ar­ti­ges bie­tet auch die Sán­dor-Végh-Edi­ti­on des Buda­pest Music Cen­ter (BMC Records). Nach den ers­ten vier Schu­bert-Sin­fo­ni­en mit der Salz­bur­ger Came­ra­ta (die ers­te habe ich nir­gends so gut gehört) und einer wei­te­ren Dop­pel-CD mit Beet­ho­vens Corio­lan-Ouver­tü­re, Mozarts Haff­ner- und Haydns 103. Sin­fo­nie sowie Schu­berts gro­ßer C-Dur Sin­fo­nie sind nun auch die Dop­pel­al­ben „Végh – The Cham­ber Musi­ci­an“ (Beet­ho­vens letz­te Vio­lin­so­na­te op. 96 und das Drit­te Rasu­mow­sky-Quar­tett, Schön­bergs Pier­rot lun­aire und Schu­berts Streich­quin­tett) sowie, als Exem­pel höchs­ter Streich­quar­tett-Kunst, „Végh and His Quar­tet“ (mit Beet­ho­ven, Bar­ber, Alban Bergs Lyri­scher Sui­te und den Zwei­ten Quar­tet­ten von Bloch, Hon­eg­ger und Jeli­nek) erhält­lich. 1912, im glei­chen Jahr wie Végh, ist auch Ser­giu Celi­bi­da­che gebo­ren, und die Münch­ner Phil­har­mo­ni­ker haben mit ihm nun nicht nur ein hin­rei­ßen­des Ravel-Album ver­öf­fent­licht (dar­un­ter erst­mals die bei­den Daph­nis-et-Chloë-Sui­ten), son­dern auch in ihrer reprä­sen­ta­tiv auf­ge­mach­ten 125-Jah­re-Jubi­lä­ums­box (auf wel­cher die ande­ren gro­ßen Chef­di­ri­gen­ten Hau­seg­ger, Kabas­ta und Kem­pe feh­len) eine Pro­kof­jew-Schau, die mit der radi­ka­len Sky­thi­schen Sui­te und einer sie­ben­sät­zi­gen Sui­te aus dem gro­ßen See­len­dra­ma Romeo und Julia (fina­ler Höhe­punkt: Tybalts Tod) die unglaub­li­che Stil­si­cher­heit, Wand­lungs­fä­hig­keit und Fähig­keit zusam­men­hän­gen­der Gestal­tung Celi­bi­da­ches unter­streicht. Das allein ist die Anschaf­fung der Box wert.

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