Klassik-Woche 16/2019Osterduell der Orchester, Ungarns Rechte und Big P. im Kino

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Willkommen in der neuen Klassik-Woche,

heute mit dem Osterfestspiele-Duell der Giganten, dem gefährlichen Nationalismus an Ungarns Oper, einem Kommentar zum Ballett-Skandal in Wien, einem neuen Buch von Nikolaus Harnoncourt – und allem, was sonst noch passierte.

WAS IST

Brachte den Ballett-Skandal an die Öffentlichkeit: der österreichische Falter.

VON BALLERINEN UND KASTRATEN

Sexuelle Übergriffe, Body-Shaming, fehlende Ernährungspläne und brutale Erziehungsmethoden: Tritte, Kneifen, an den Haaren ziehen. All diese Missstände wirft die österreichische Wochenzeitung Falter der Ballettakademie der Wiener Staatsoper vor. Ein Horror-Szenario, das auch Operndirektor Dominique Meyer schockierte. Eine der Lehrerinnen wurde bereits entlassen, in anderen Fällen sollen Beschwerden der BallettschülerInnen ohne Konsequenz geblieben sein. Der Falter betont, dass die Opern-Intendanz bei der Recherche vorbildlich kooperiert hätte, und in der ZIB2 des ORF beteuerte Meyer, dass er die Vorfälle Stück für Stück aufarbeiten werde – Strafverfahren seien bereits eingeleitet, dennoch hält der Intendant an der Leiterin der Akademie, an Simona Noja, fest. Mir stellen sich derweil viel grundsätzlichere Fragen: Kann sich die internationale Ballett-Szene vor derartigen Machenschaften wirklich schützen? Oder wird das Problem am Ende nur exportiert? Werden die zukünftigen Tänzerinnen und Tänzer von Opernball und Neujahrskonzert in ihrer Kindheit dann eben nicht in Wien, sondern in Moskau oder Peking gequält? Und noch eine Frage: Welche Eltern geben ihre Kinder eigentlich freiwillig in einer derartige Kaderschmiede? Na klar, die aktuellen Skandale müssen aufgearbeitet, die Straftaten verfolgt und den Opfern muss geholfen werden. Aber ist es nicht an der Zeit, ernsthaft zu fragen, ob unsere Welt ohne diese Hochleistungs-Zirkus-Kultur des Balletts wirklich ärmer wäre? Es gibt haute schließlich auch niemanden mehr, der echte Kastraten auf unseren Bühnen vermisst! Vielleicht hören wir in Zukunft ja mehr von Projekten wie der Mission Schwanensee von Sabrina Sadowska in Chemnitz, in der kühne Ideen und Multikulti mehr zählen als der perfekte Tanz.  

ORBANS WEISSE WERDEN SCHWARZ

Nachdem wir letzte Woche noch über Beethovens afrikanische Wurzeln gewitzelt haben, wird es diese Woche ernster. An der Ungarischen Staatsoper wird seit Jahren Porgy and Bess gespielt. Intendant Szilveszter Okovacs, ein Freund Viktor Orbans, hielt sich dabei nie an die Auflage Gershwins, die Oper mit afroamerikanischen Sängern zu besetzen. Jetzt, da die Rechteinhaber gegen seine Besetzungspolitik vorgehen wollen, reagierte Okovacs, indem er sein Ensemble unter Druck setzte. 15 der 28 Sänger sollen ein Bekenntnis unterschrieben haben, in dem sie behaupten, gefühlt afro-amerikanische Wurzeln zu haben. Mit anderen Worten: die Braunen lassen die Weißen kurzerhand schwarz werden. Wie absurd ist das bitte? Nur eine weitere, rechtspopulistische Absurdität, nachdem die Budapester Oper kürzlich das Musical Billy Elliot vom Spielplan nahm, weil reaktionäre Gruppen befürchteten, dass das Thema Homosexualität auf das Publikum übergreifen könnte. 

SPORTLICHE KÜNSTLER

Nachdem ich neulich den Halbmarathon in Wien gelaufen bin, war ich über die Fülle der Reaktionen im Netz erstaunt. Spannend, wie viele Klassik-Künstler Sport aus Leidenschaft betreiben. Wir wissen das von Schlagzeuger Martin Grubinger, Klarinettist Andreas Ottensamer kickt mit vollem Einsatz für das Team der Berliner Philharmoniker, Cameron Carpenter und Yannick Nézet-Séguin lieben den Muskelaufbau im Gym, und Komponist Moritz Eggert hat gerade an der Hyrox-WM teilgenommen. Die Wiener Künstler-Agentur Raab & Böhm war gleich mit acht Mitarbeitern beim Wien-Marathon dabei. Wollen wir nicht Mal einen Klassik-Lauf organisieren, in dem die Teilnehmer über 10 Kilometer dauernd durch aufspielende Orchester rennen? Wer wäre dabei? 


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WAS WAR

Prügerlszene der Salzburger Meistersinger mit der Staatskapelle Dresden.

DRESDEN VS. BERLIN – DIE FESTSPIEL-BATTLE

Oster-Showdown zwischen Baden-Baden und Salzburg. Während die Berliner Philharmoniker Verdis Otello gaben, spielte die Staatskapelle Dresden Wagners Meistersinger. Am Ende tobte das Publikum an beiden Festspielorten. Etwas differenzierter sind die Kritiken. Robert Wilsons Licht-und-Raum Otello wirkte altbacken und nichtssagendend, das Dirigat von Zubin Mehta schleppend und gelangweilt, berichtet Musik Heute. Gefeiert dagegen Stuart Skelton in der Titelpartie. In Salzburg hielt sich Regisseur Jens-Daniel Herzog vornehm zurück, inszenierte brav, bis er Hans Sachs am Ende ins Abseits katapultierte. Hans Zeppenfelds Sachs-Debüt wurde vom BR als intellektuell gefeiert, von der dpa als überfordert kritisiert. Abwesend soll der Stolzing von Klaus-Florian Vogt gewirkt haben. Christian Thielemann dirigierte mit den Manierismen eines Dirigenten, der sich in jedem Winkel der Partitur auskennt: Zum Teil provozierend weihevoll und schleppend, dann wieder – zur Festwiese – mit allerhand Schmackes. Nach Lektüre der ersten Kritiken glaube ich, dass Salzburg am Ende die wohl schöneren Ostereier versteckt hat. Aber vielleicht sind die Meistersinger an der Staatsoper Berlin eine wirkliche Alternative. Hier stehen als Meister die großen alten Haudegen des Wagner-Gesangs noch einmal gemeinsam auf der Bühne (mit Video!): Graham Clark, Siegfried Jerusalem, Reiner Goldberg, Franz Mazura und Olaf Bär. Eine Art Ocean’s five des Wagnergesangs. Eine geniale Idee.

BIG P IM KINO 

Frack, weißes Taschentuch und eine Stimme zum Dahinschmelzen. Er ist zurück! Luciano Pavarotti feiert sein Comeback auf der Kino-Leinwand. Vom 7. Juni an wird das neue Film-Porträt von Regisseur Ron Howard in den Kinos zu sehen sein mit bislang unveröffentlichte Bildern und Kommentaren von Weggefährten. Nun gibt es einen ersten Trailer – und, na klar, der Film wird von einer neuen CD begleitet werden. 

ALAGNAS WUNDERBARE WIDERWORTE

Gab es je einen Musiker oder Kollegen, mit dem Musikjournalist Norman Lebrecht nicht über Kreuz war? Nun zog er über eine Absage von Roberto Alagna in der Pariser Carmen-Produktion von Calixto Bieito her. Prompt schrieb der Tenor dem Kritiker zurück: „Danke Norman, dass Du mich zuweilen an meine größten Momente erinnerst, etwa als ich in Wien einmal keinen Schlips getragen habe, oder jetzt, bei einer Absage in Paris. Aber mach Dir keine Sorge: Es war nur eine zutiefst menschliche Bronchitis. Vielleicht würden einige Leser auch Mal gute Nachrichten würdigen. Gruß Rob

AKUSTIKER FÜR MÜNCHEN UND KOSTENEXPLOSION IN ZÜRICH

Akustiker Tateo Nakajima soll das neue Konzerthaus in München entwerfen. Er hat sich damit gegen den Elbphilharmonie Star-Akustiker Yasuhisa Toyota durchgesetzt, der auch von Mariss Jansons favorisiert wurde. Nakajima ist unter anderem für die großartige Akustik im neuen Breslauer Konzertsaal verantwortlich. Anders als Toyota baut er lieber schlichte „Schuhschachteln“ als spektakuläre „Weinberge“. Derweil wird die Renovierung von Kongresshaus und Tonhalle in Zürich immer teurer. Einst sollten sie für 40 Millionen Franken umgebaut werden, heute werden mindestens 80 Millionen veranschlagt – 13 Millionen mehr als bei der letzten Kalkulation. Der Bau wird sich mindestens um sechs Monate, bis März 2021 verzögern. Schuld sei die schlechte Bausubstanz. Roger Diener, Teil der verantwortlichen Architektengruppe, kommentierte die Mehrkosten lakonisch mit: „Das ganze ist einfach auch Pech.“ Gleichzeitig fordert Intendantin Ilona Schmiel 3,7 Millionen Extra-Franken, um den Einnahmeverlust durch den Umbau zu kompensieren. 


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AUF UNSEREN BÜHNEN

Die Turbulenzen am Theater Halle (wir haben berichtet) gehen weiter. Nun haben sich die Mitarbeiter in einem offenen Brief gegen die „Betriebsklima-Katastrophe“ an ihrem Haus gewendet. Geschäftsführer Stefan Rosinski soll trotzdem bleiben –  eine Farce! +++ Pünktlich zum Beethoven-Jahr wird die Stadt Bonn 700 Skulpturen des Komponisten vom Künstler Ottmar Hörl aufstellen. +++ Der Spiegel berichtet vom Relaunch des „schlechtesten Orchesters der Welt“. In der Portsmouth Sinfonia spielt jeder Musiker ein Instrument, das er nicht beherrscht – gerade wurde auf diese Art Beethovens 5. Symphonie „notgeschlachtet“ (mit Video!). +++ Barrie Kosky hat den Spielplan der Komischen Oper in Berlin vorgestellt, unter anderem hofft er auf die endgültige Freilassung des russischen Regisseurs Kirill Serebrennikow, der am Haus inszenieren soll. Außerdem will die Komische Oper in der fünfjährigen Sanierungszeit von 2022 an in der ganzen Stadt präsent sein. +++ Auf der IAMA, der Konferenz der Klassik-Veranstalter wurde in der Tonhalle in Düsseldorf die Macht der Regisseure debattiert, aber auch Möglichkeiten zur „Selbstoptimierung“ von Orchestern. +++ Michael Ernst bejubelt in der FAZ die Platée-Inszenierung von Rolando Villazón an der Semperoper in Dresden: „Stillstand gibt es hier nicht.“ +++  

PERSONALIEN DER WOCHE

Es war nicht selbstverständlich, dass Thomas Angyan seinen Nachfolger als Chef des Wiener Musikvereins, Stephan Pauly, der Presse persönlich vorstellte. Die beiden wollten Eintracht signalisieren. Während Pauly sich, was seine Pläne betrifft, bedeckt hielt, war es Angyan, der das Haus mit viel Menschlichkeit und Fingerspitzengefühl führt, wichtig, zu erklären, dass er aus freien Stücken gegangen sei – auch, wenn seine Körperhaltung etwas anderes signalisierte. Man hört von einer bewussten Demontage durch das führende Gremium der Mitglieder der Gesellschaft der Musikfreunde. +++ Der Geschäftsführer der Donaueschinger Musiktage, Björn Gottstein, hat seinen Vertrag bis 2025 verlängert. +++ Der Kulturjournalist von Spiegel Online, Werner Theurich, der immer auch wieder über Klassik berichtet hat, ist verstorben – seine Redaktion ruft ihm traurig und bewegend nach. +++ Ebenfalls verstorben, im Alter von 87 Jahren, ist der oberösterreichische Komponist Balduin Sulzer.  

WAS LOHNT

Nikolaus Harnoncourts Briefe an die Familie veröffentlicht.

DAS BUCH DER WOCHE

Es gibt nur wenige Klassik-Künstler, mit denen man so gut sprechen konnte wie mit Nikolaus Harnoncourt – und, ja, auch streiten. Wie oft haben wir uns getroffen, sind gemeinsam in Japan Wandern gegangen, wie euphorisch hat er an meinem Jugend-Buch Wie Krach zu Musik wird mitgewirkt? Und wie schwierig wurde es, als mir seine Salzburger Zauberflöte zu akademisch daherkam? Und trotzdem: Kaum ein anderer Klassik-Künstler hat meinen Blick auf die Musik derart geprägt und herausgefordert wie Nikolaus Harnoncourt. Nun hat seine wunderbare Frau Alice Harnoncourt ein Buch im Residenz Verlag herausgegeben, in dem sie Schriften versammelt, die der Dirigent ins Familienbuch notierte – private, intime und nachdenkliche Betrachtungen über Musik und Leben und das Menschsein. In Meine Familie erzählt Harnoncourt von seinem Zwiespalt als Adeliger, über die persönliche Befreiungsbewegung, die bei ihm mit dem Concentus Musicus begann – besonders spannend wird das Buch, wo es die Familiengeschichte in den logischen Weg der Musik und in die Menschwerdung des Dirigenten verfolgt, wenn Harnoncourt etwa von Onkel Gerhard und Tante Renata berichtet, von einer Welt der Wut, der Ungewissheit, der Treue, von Liebe und Unzulänglichkeiten. Ein Satz, den Harnoncourt mir einmal sagte, beschreibt dieses Buch vielleicht am besten: „Wissen Sie, für mich war Mozart der politischste Komponist. Denn die wahre Politik sehen wir im all zu Menschlichen: Wie der Graf mit dem Zimmermädchen umgeht, sagt mehr über die Politik aus als jedes Wahlprogramm.“ Unbedingt lesen!

Und ein bisschen Werbung in eigener Sache: Diese Woche beginnt auf SKY meine neue Doku-Serie Porn Culture, in der ich in sechs Folgen den Zusammenhang von Erotik und Gesellschaft von den 50er Jahren bis in die Gegenwart verfolge. Wie hat unsere Lust die Welt verändert? Wie hat die Welt mit ihren Kriegen, Revolutionen, mit Krankheiten oder der Netzkultur unsere Liebe verändert? All das hat nichts mit Klassik zu tun, sagen Sie? Oh doch! Unter anderem treffe ich auch die ehemalige Opernsängerin Adrineh Simonian, die heute als emanzipierte Porno-Produzentin tätig ist. Und nächste Woche geht es an dieser Stelle dann auch um die Erotik-Oper Powder her Face von Thomas Adès an der Volksoper in Wien.

In diesem Sinne, bleiben Sie lustvoll und halten Sie die Ohren steif.

Ihr

Axel Brüggemann
[email protected]

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