Festival Printemps des Arts de Monte-CarloVive la Musique!

Die Oper
Foto: Alain Hanel

Schon auf dem Papier ver­heißt der musi­ka­li­sche Spei­se­plan der letz­ten Fes­ti­val­wo­che in Mona­co einen viel­sei­ti­gen Ohren­schmaus und nach der Ankunft am Flug­ha­fen in Niz­za und einer Fahrt über die pit­to­resk geschwun­ge­ne Küs­ten­stra­ße geht es auch gleich los mit den ers­ten kam­mer­mu­si­ka­li­schen Kaprio­len, die in den fol­gen­den vier Tagen um vie­le wei­te­re Ein­drü­cke aus unzäh­li­gen Epo­chen in ganz ver­schie­de­nen Beset­zun­gen ergänzt wer­den sol­len.

Aber von vor­ne. Schau­platz Num­mer Eins ist das ozea­no­gra­phi­sche Muse­um, das mit sei­ner prunk­vol­len Fas­sa­de hoch auf dem Fel­sen direkt über dem Meer thront. Die Gei­ge­rin Lia­na Gourdjia und der Pia­nist Matan Porat prä­sen­tie­ren sich mit Sona­ten von Charles Ives auf der Büh­ne als ein­ge­spiel­tes Team. Nach dem ers­ten Stück erhebt sich das Publi­kum und Prinz Albert von Mona­co spa­ziert in den Saal, grüßt hier und da mit Hand­schlag und nimmt in der ers­ten Rei­he Platz. Für die Mone­gas­sen eine all­täg­li­che Situa­ti­on, die dem klei­nen Fürs­ten­tum zwi­schen Oper, Casi­no und Yacht­club eine zusätz­li­che Pri­se Gla­mour ver­leiht. Im Rah­men des Fes­ti­vals gerät der all­ge­gen­wär­ti­ge Luxus jedoch zur Neben­sa­che, denn zum Glück steht die Musik ganz im Mit­tel­punkt. Abwechs­lungs­reich und inno­va­tiv, so prä­sen­tiert sich das Früh­lings­fest der Küns­te in Mona­co vor allem mit sei­ner krea­ti­ven Pro­gramm­aus­wahl und den außer­ge­wöhn­li­chen Auf­füh­rungs­or­ten.

Der all­ge­gen­wär­ti­ge Luxus gerät zur Neben­sa­che, denn die Musik steht ganz im Mit­tel­punkt.

Als sich die Früh­lings­son­ne am nächs­ten Abend im Yacht­ha­fen von Mona­co über die Cote d’Azur senkt, ver­wan­delt sich die tra­di­ti­ons­rei­che Boots­werk­statt der Mona­co Boat Ser­vice Group im Riva Tun­nel wie von Zau­ber­hand in einen Kon­zert­saal und Came­ron Croz­mans Stra­di­va­ri Cel­lo “Bon­jour” aus dem Jahr 1692 glänzt mit den aus­ge­stell­ten Riva-Boo­ten um die Wet­te. Came­ron Croz­man ist ein ech­ter Büh­nen­mensch und nimmt das Publi­kum mit mun­te­ren Geschich­ten zu den Stü­cken und einer über­zeu­gen­den und blitz­saube­ren musi­ka­li­schen Dar­bie­tung auf dem berüh­rend klang­schö­nen Cel­lo schnell für sich ein. Als Zuga­be hat der kana­di­sche Rot­schopf den Schwan aus dem Kar­ne­val der Tie­re von Camil­le Saint Saens aus­ge­wählt – aus gutem Grund, denn 1905 wur­de auf sei­nem Cel­lo die ers­te Auf­nah­me des char­man­ten klei­nen Stücks ein­ge­spielt.

Die Sin­ne für neue Erfah­run­gen schär­fen

ANZEIGE



Came­ron Croz­man ist ein gutes Bei­spiel für die Rie­ge der auf­stre­ben­den Nach­wuchs­mu­si­ker aus aller Welt, die der Inten­dant Marc Mon­net in die­sem Jahr zu sei­nem Fes­ti­val ein­ge­la­den hat: Jung, erfolg­reich, selbst­be­wusst – und mit einer gro­ßen Auf­ge­schlos­sen­heit für zeit­ge­nös­si­sche Musik. Der musi­ka­li­sche Lei­ter ist selbst Kom­po­nist und gestal­tet das “Fes­ti­val Prin­temps des Arts de Mon­te-Car­lo” bereits seit 15 Jah­ren. In die­sem Jahr hat er den Fokus unter ande­rem auf Wer­ke von Lucia­no Berio und Charles Ives gelegt. Er möch­te dem Publi­kum im Rah­men des Fes­ti­vals nicht nur das kon­ven­tio­nel­le Pro­gramm ser­vie­ren son­dern die Ohren auch für neue Hör­erleb­nis­se öff­nen. “Wenn man an einem Ort wie Mona­co nur spielt, was jeder bereits kennt, wird man sofort den­ken, die Musik ist nur eine hüb­sche Gar­ni­tur für das Drum­her­um”, betont er. “Des­halb ist es gera­de hier so wich­tig, auch unbe­kann­te und zeit­ge­nös­si­sche Wer­ke auf­zu­füh­ren, um das Publi­kum neu­gie­rig zu machen und zu über­ra­schen und die Sin­ne für neue Erfah­run­gen zu schär­fen.”

Wie ein sur­rea­ler Traum…

Mit der Oper “Les quat­re jeu­nes fil­les” von Edi­son Den­i­sov aus dem Jahr 1986 gelingt das alle­mal. Das kom­ple­xe Werk basiert auf einem Thea­ter­stück von Pablo Picas­so – es wirkt wie ein sur­rea­ler Traum und stellt die vier Sän­ge­rin­nen des Opern­stu­di­os der Opé­ra de Lyon, den Chor “Musi­ca­t­rei­ze” und die Musi­ker des Ensem­ble Orches­tral Con­tem­porain in der kur­zen inten­si­ven Pro­ben­zeit vor vie­le Her­aus­for­de­run­gen. Beim Tref­fen in der Hotel­lob­by ver­sprüht der Diri­gent Dani­el Kaw­ka eine anste­cken­de per­sön­li­che Begeis­te­rung für Den­i­sovs Musik und zieht spon­tan die groß­for­ma­ti­ge Par­ti­tur aus dem Kof­fer – blät­tert, zeigt, singt und summt – um die Rei­ze der Kom­po­si­ti­on noch anschau­li­cher zu ver­mit­teln. “In Den­i­sovs Musik hört man die rus­si­sche See­le und spürt zugleich sei­ne tie­fe Bewun­de­rung für Mau­rice Ravel. Das ist eine unwi­der­steh­li­che Mischung”, ver­rät Dani­el Kaw­ka. Am Abend fügt sich dann auf der Büh­ne des Théât­re des Varié­tés alles zusam­men. Im Publi­kum sitzt dabei auch Eka­te­ri­na Kou­provs­ka­ia, die Frau des 1996 ver­stor­be­nen Kom­po­nis­ten, die beim Applaus Trä­nen der Rüh­rung in den Augen hat.

Neben den Kon­zert­er­leb­nis­sen an den vie­len ver­schie­de­nen Orten, hat man im Rah­men des Fes­ti­vals Gele­gen­heit, auch mal ein biss­chen hin­ter die Kulis­sen bli­cken. In einem Kla­ri­net­ten­meis­ter­kurs bei­spiels­wei­se, den der Kla­ri­net­tist Alain Dami­ens an einem Vor­mit­tag tief unten in einem klei­nen Saal der Musik­aka­de­mie Rai­nier III. gibt. Blut­jun­ge Kla­ri­net­ten-Ele­ven stel­len sich in einer öffent­li­chen Unter­richts­stun­de beim Maes­tro in mit­ge­brach­ten Wer­ken sei­nen kri­ti­schen Bli­cken und Bemer­kun­gen. Die Beob­ach­ter lau­schen gebannt.

Neben den Kon­zert­er­leb­nis­sen an unter­schied­li­chen Orten, gibt es Bli­cke hin­ter die Kulis­sen.

Spä­ter am Tag bekommt das Publi­kum dann noch rich­tig etwas auf die Ohren. 3 ½ Stun­den Kam­mer­mu­sik im Con­seil Natio­nal und ein prall gefüll­ten Kon­zert­abend mit Kom­po­si­tio­nen für Kla­ri­net­te aus ver­schie­de­nen Epo­chen in allen nur erdenk­li­chen Beset­zun­gen im gro­ßen Kon­zert­saal des Audi­to­ri­um Rai­nier III. bie­ten ins­ge­samt fast sie­ben Stun­den Musik – raf­fi­nier­te Tört­chen und herz­haf­te Häpp­chen sor­gen in den Pau­sen dafür, dass das Publi­kum nicht schwä­chelt. Aber die Plät­ze sind alle gut besucht und es herrscht kon­zen­trier­te Stil­le.

Der süd­ko­rea­ni­sche Cel­list Bum­jun Kim ist in bei­den Kon­zer­ten mit vol­lem Ein­satz dabei – neben einem Mozart-Diver­ti­men­to, Mozarts B-Dur Sona­te für Fagott und Cel­lo in einer Bear­bei­tung für Eupho­ni­um und der Sequen­za XIV für Solo­cel­lo von Lucia­no Berio am Nach­mit­tag, ste­hen für ihn abends noch das Kla­ri­net­ten­quar­tett von Pen­der­ecki und Beet­ho­vens “Gassenhauer”-Klaviertrio auf dem Pro­gramm.

Im Shut­tle nach Niz­za zum Flug­ha­fen am nächs­ten Mor­gen reibt sich der Cel­list immer noch etwas ver­schla­fen die Augen und lacht im Rück­blick auf den Tag. “Das war schon ein biss­chen ver­rückt. So einen Kon­zert­ma­ra­thon kann man auch nur ein­mal im Jahr machen.” Bum­jun Kim klet­tert aus dem Auto und nimmt sei­nen Kof­fer. Für ihn ste­hen nach dem Abste­cher nach Mona­co nun bereits die nächs­ten Her­aus­for­de­run­gen vor der Tür: Woh­nungs­su­che in Ber­lin, denn ab Sep­tem­ber spielt er für zwei Jah­re in der Kara­jan-Aka­de­mie der Ber­li­ner Phil­har­mo­ni­ker.

In Kon­zert­saal des Audi­to­ri­ums klin­gen vier tru­beli­ge Fes­ti­val­wo­chen am fol­gen­den Abend mit sin­fo­ni­scher Musik von Charles Ives aus. Chris­ti­an Arming steht zu die­sem Anlass am Pult des Orches­t­re phil­har­mo­ni­que de Mon­te-Car­lo. “In so viel­schich­ti­gen Wer­ken wie “Cen­tral Park in the Dark” oder “Three Pla­ces in New Eng­land” ist man als Diri­gent eigent­lich so etwas wie ein Ver­kehrs­po­li­zist”, erzählt der Wie­ner lachend nach der Gene­ral­pro­be. “Aber es ist wirk­lich toll für das Publi­kum. Mit die­sem Pro­gramm bekommt man eine ech­te Idee davon, was Charles Ives für ein Kom­po­nist war.”

Und dar­auf kommt es an. Das “Fes­ti­val Prin­temps des Arts de Mon­te-Car­lo” prä­sen­tiert die Musik mit authen­ti­scher Begeis­te­rung sei­ner Macher durch die Fül­le an außer­ge­wöhn­li­chen Orten, Beset­zun­gen und Epo­chen aus ganz unter­schied­li­chen Per­spek­ti­ven und ver­schafft den Besu­chern dadurch musi­ka­li­sche Erleb­nis­se, die vor Inten­si­tät nur so über­spru­deln.

Vorheriger ArtikelGemüse-Musik
Nächster ArtikelFliegende Finger und Raritäten
Katherina Knees
Katherina Knees infizierte sich mit sechs Jahren im Kinderchor der Städtischen Bühnen Münster nachhaltig mit einer Leidenschaft für alles, was mit Musik und Theater zu tun hat. Später studierte sie Kontrabass in Köln, wobei sie entdeckte, dass sie eines noch lieber machte, als selbst zu musizieren: mit Musikern sprechen und die Gedanken über Musik aufschreiben. So studierte sie in Düsseldorf noch Musikwissenschaften und Kunstgeschichte, drehte Filme für WDR und Arte, machte Musikreportagen und schreibt seit vielen Jahren mit Begeisterung über alles, was die Musikwelt und ihre Interpreten bewegt.

Artikel kommentieren

Please enter your comment!
Please enter your name here