Willkommen in der neuen Klassik-Woche,

heu­te dreht sich vie­les um Diri­gen­ten – und um Diri­gen­tIN­NEN, um die Eman­zi­pa­ti­on am Pult und um bekann­te Alpha­tie­re, um Feind­schaf­ten und Freund­schaf­ten und um die Gefahr der Giga-Gagen. Außer­dem: Wie der Musik­schu­len-Ver­band jun­ge Kom­po­nis­ten abzockt und ein klei­ner Rekurs zu den gro­ßen Opern­skan­da­len.

WAS IST

Anna Skryle­va ist nur eine der neu­en Shoo­ting-Stars unter den Diri­gen­tin­nen.

ETWAS ÜBER DIRIGENTINNEN

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Wan­del in der Klas­sik“ – so ist der Text von Fre­de­rik Hans­sen im Tages­spie­gel über­schrie­ben, der sich mit dem Phä­no­men weib­li­cher Chef­di­ri­gen­tin­nen aus­ein­an­der­setzt und dar­über staunt, dass aus­ge­rech­net in Sach­sen-Anhalt an der Quo­te gear­bei­tet wird. Mit Anna Skryle­va in Mag­de­burg und Aria­ne Matiakh in Hal­le kom­men hier gleich zwei Frau­en in Füh­rungs­po­si­tio­nen – in Des­sau ist Eli­sa Gogou bereits 1. Kapell­meis­te­rin. Aber wirk­lich geschafft ist die Eman­zi­pa­ti­on wohl erst, wenn wir nicht mehr dar­über stau­nen, dass der Diri­gent eine Frau ist. 

UND ETWAS ÜBER DIRIGENTEN

Die Abend­zei­tung lis­tet den Som­mer-Plan von Diri­gent Vale­ry Ger­giev auf: Neben dem Tann­häu­ser in Bay­reuth jet­tet der Rus­se wäh­rend der Pro­ben und zwi­schen den Auf­füh­run­gen durch die gan­ze Welt – von Öster­reich bis Asi­en. Sein Pen­sum ist atem­be­rau­bend! Dass er zu spät zu den Pro­ben erscheint – ein­kal­ku­liert. All das wirft die Fra­ge auf, ob das Wort „Wor­k­a­ho­lic“ an sich schon ein guter Grund sein kann, Ger­giev zu ver­pflich­ten – einen Groß­teil sei­ner Auf­füh­run­gen stu­die­ren schließ­lich sei­ne Assis­ten­ten ein. Robert Braun­mül­ler kommt zum Schluss, dass Ger­giev sei­ne Wag­ner-Begeis­te­rung und sei­ne Freu­de auf Bay­reuth durch­aus abzu­neh­men sei, schreibt aber auch: „…war­um die Salz­bur­ger Fest­spie­le ihrem Publi­kum eine wohl über­wie­gend von Assis­ten­ten ein­stu­dier­te Pre­mie­re antun und dem Klas­sik-Jun­kie Ger­giev auf die­se Wei­se mit zusätz­li­chem Speed ver­sor­gen, das darf man sich schon fra­gen.“ 

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Der­weil parkt Chris­ti­an Thie­le­manns Por­sche wie­der in Bay­reuth. Einer der weni­gen Orte, an denen der Diri­gent der­zeit etwas ent­span­nen kann. Ansons­ten kämpft er gera­de an vie­len Fron­ten: Die Abwan­de­rungs­wel­le in Dres­den reißt nicht ab, nach Jan Nast gehen nun auch der Chor­di­rek­tor, die Per­so­nal­che­fin, der Lei­ter der Büh­nen­mu­sik und der Kon­zert-Pro­gramm-Redak­teur. Die Kapel­le zer­fällt in ihre Ein­zel­tei­le. Außer­dem ist die Bau­stel­le mit Niko­laus Bach­ler bei den Salz­bur­ger Oster­fest­spie­len noch immer nicht beackert, und das ZDF scheint sich eben­falls von Thie­le­mann abzu­wen­den. Mein Kom­men­tar dazu: hier. Gleich­zei­tig wer­den ver­söhn­li­che Töne ange­stimmt: Andris Nel­sons sagt in einem Inter­view mit Mar­co Frei in der NZZ, dass die alte Feind­schaft mit Thie­le­mann been­det sei – die bei­den hat­ten sich 2016 in Bay­reuth über­wor­fen. „Ich respek­tie­re Chris­ti­an Thie­le­mann enorm“, sagt Nel­sons nun, „wir haben eine sehr gute, kol­le­gia­le Bezie­hung.“ Angeb­lich pla­nen die bei­den, beim Orches­ter des jeweils ande­ren auf­zu­tre­ten. Etwas offe­ner bleibt Katha­ri­na Wag­ner. Ob sie mit Thie­le­mann als Musik­di­rek­tor in Bay­reuth wei­ter­pla­ne, will die dpa von ihr wis­sen. Ihre diplo­ma­ti­sche Ant­wort: „Ich gehe fest davon aus, dass er wei­ter­hin hier diri­gie­ren wird. Wir sind in inten­si­ven Gesprä­chen über das nächs­te Pro­jekt.“ Und dann ist da noch Kirill Petren­ko – der gro­ße Schwei­ger. Julia Spi­no­la kommt ihm in einem gro­ßen und groß­ar­ti­gen Por­trät für die NZZ näher, spricht mit Ber­li­ner Phil­har­mo­ni­kern, die sei­nen Humor und sei­ne ernst­haf­te Arbeits­wei­se schät­zen – aber sie fragt auch, ob die gro­ßen Erwar­tun­gen vor dem offi­zi­el­len Amts­an­tritt über­haupt ein­ge­löst wer­den kön­nen.

MUSIKSCHULEN-VERBAND IN DER KRITIK

Auf der Sei­te Bad Blog of Musick kri­ti­siert Alex­an­der Strauch einen Kom­po­si­ti­ons­wett­be­werb, den der Ver­band deut­scher Musik­schu­len unter dem Mot­to „Beet­ho­ven – zurück in die Zukunft“ aus­ge­schrie­ben hat. In einem ers­ten Wut­aus­bruch hat Strauch die Art der Aus­schrei­bung kri­ti­siert (inzwi­schen aber sei­nen Kom­men­tar über­ar­bei­tet) : Die ein­ge­reich­ten Wer­ke wer­den nicht nur mit einem bloß unge­fähr ange­ge­be­nen Preis­geld bedacht und müs­sen in ver­schie­de­nen Aus­fer­ti­gun­gen gelie­fert wer­den, son­dern dar­über hin­aus fal­len alle Rech­te auto­ma­tisch dem Ver­band zu. Das sei ein Buy-Out nach US-Manier, schimpft Strauch, und dem Musik­schu­len-Ver­band unwür­dig! Dabei hat er nicht unrecht: Unter dem Deck­män­tel­chen, Kom­po­nis­ten zu för­dern, beu­tet der Musik­schu­len-Ver­band ihre Arbeit aus. Strauch for­dert den Ver­band nun auf, die Aus­schrei­bung in die Ton­ne zu tre­ten und noch ein­mal nach­zu­den­ken.

WAGNER SIEHT ROT

Die Bay­reu­ther wol­len neue Ampel­männ­chen: das Por­trät Richard Wag­ners soll in Zukunft den Ver­kehr in der Fest­spiel­stadt regeln. Der Antrag ist bereits unter­wegs, muss nur noch durch die Ver­wal­tung gehen. Was wird Ange­la Mer­kel den­ken, wenn Wag­ner in Rot-Grün den Ver­kehr in ihrer Som­mer­pau­sen­stadt regelt? Für sie und vie­le ande­re Wag­ner-Pil­ger steht Bay­reuth schließ­lich noch immer für einen Spie­gel der Nati­on. Den ver­or­tet Andre­as Mai­er in einem span­nen­den Text für die FAZ inzwi­schen aller­dings nicht mehr in der Oper, son­dern in der Musik der Grup­pe Ramm­stein. Sie spie­ge­le den „deut­schen Klang der Mer­kel-Jah­re“. Lesens­wert!  

WAS WAR

Hin­gu­cken UND hin­hö­ren – Musik erreicht das Auge, wie hier in der Elb­phil­har­mo­nie.

MUSIK FÜR DAS AUGE?

In der NZZ beschäf­tigt sich Han­ne­lo­re Schlaf­fer in einem span­nen­den Essay mit dem neu­en Trend, dass Musik nicht mehr nur gehört wird, son­dern immer öfter auch das Auge zum Ohr erhebt. Egal, ob in den show­haf­ten Bewe­gun­gen des Diri­gen­ten Teo­dor Cur­r­ent­zis, in  opu­len­ten Kon­zert­häu­sern wie der Elb­phil­har­mo­nie oder auf den Bild­schir­men. Das Kon­zert wür­de immer mehr zur Per­for­mance, schreibt Schlaf­fer und resü­miert über­ra­schend posi­tiv, dass die­ser neue Trend auch gute Sei­ten habe: „Musik macht man für das Auge, das, viel­be­schäf­tigt, heu­te so demo­kra­tisch ist, wie das Ohr es nie war.“ 

PERSONALIEN DER WOCHE

Der Gie­ße­ner Gene­ral­mu­sik­di­rek­tor Micha­el Hof­stet­ter ver­lässt das Haus vor­zei­tig im Dezem­ber. Wohin, ist noch unklar. +++ „Clau­dio Abba­do woll­te über­zeu­gen, nicht befeh­len“ – das ist der Schlüs­sel­satz einer neu­en Bio­gra­fie über den Diri­gen­ten, die Wolf­gang Schrei­ber nun im C.H. Beck Ver­lag vor­ge­legt hat – sie trägt den Titel: „Der stil­le Revo­lu­tio­när“. +++ Die Sem­per­oper trau­ert um den Tenor Tom Mart­in­sen, der über­ra­schend ver­stor­ben ist. 

AUF UNSEREN BÜHNEN

Wäh­rend die meis­ten Kri­ti­ker Phil­ipp StölzlsRigo­let­to“-Insze­nie­rung bei den Bre­gen­zer Fest­spie­len als Zir­kus ver­ris­sen haben, der dem Ernst der Oper nicht gerecht wer­de, jubelt Wer­ner M. Grim­mel in der FAZ über „Ein tol­les Spek­ta­kel, ganz ohne Kitsch“. +++ Lan­ge war die Schlüs­sel­fra­ge in Ulm: Schul­sa­nie­rung oder Thea­te­r­an­bau – nun hat der Stadt­rat den Anbau für 27 Mil­lio­nen Euro beschlos­sen. +++ Lesens­wert das Musik­pro­gramm, das der Autor Haru­ki Mura­ka­mi zu sei­nem 30. Buch­ju­bi­lä­um auf die Bei­ne gestellt hat. Mura­ka­mis Lite­ra­tur ist voll von musi­ka­li­schen Anspie­lun­gen: Von Ros­si­ni-Opern bis zum Jazz. Nun hat­te er eine Car­te blan­che und Shinya Machi­da war begeis­tert über den musi­ka­li­schen Swing der Ver­an­stal­tung. Eine Play­list mit Titeln, die in Mura­ka­mi-Büchern vor­kom­men, gibt es übri­gens hier. +++  Vol­ker Blech spricht mit Georg Quan­der über des­sen Insze­nie­rung von Dome­ni­co Cima­ro­s­as „Gli Ora­zi e i Curia­zi“ im Schloss Rheins­berg. 

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WAS LOHNT

Wag­ners Urauf­füh­rung des Tann­häu­ser war ein Skan­dal am Pari­ser Opern­haus.

Gro­ße Skan­da­le zeich­nen sich die­sen Fest­spiel­som­mer nicht ab. Tobi­as Krat­zersTann­häu­ser“ in Bay­reuth wird die Wag­ner-Pil­ger sicher­lich ein biss­chen her­aus­for­dern, auch, weil bereits durch­ge­si­ckert ist, dass ein Teil der Auf­füh­rung jen­seits des Fest­spiel­hau­ses statt­fin­den wird – aber ein Skan­dal à la Chris­toph Schlin­gen­sief wird es wohl nicht geben. Und auch in Salz­burg zeich­nen sich eher Rou­ti­ne-Vor­stel­lun­gen ab. Um so schö­ner, Mal wie­der Deutsch­land­ra­dio zu hören. „Eine Lange Nacht über Opern­skan­da­le“ von Robert Sol­lich ist in der Media­thek noch immer online. Im Zen­trum: Die Opern­skan­da­le rund um Richard Wag­ner und die Bay­reu­ther Fest­spie­le.

Und dann ist da noch die Nach­le­se zum letz­ten News­let­ter. Heinz Pel­ler hat mir geschrie­ben und erklärt, dass er den von mir beschrie­be­nen Ein­bruch der Klas­sik im öffent­lich-recht­li­chen Fern­se­hen nicht beob­ach­ten kön­ne: „Einen signi­fi­kan­ten Ein­bruch der Klas­sik­sen­dun­gen im öffent­lich-recht­li­chen TV kann ich nicht fest­stel­len. Es gibt Schwan­kun­gen, auch bei den Sen­dern. Im Schnitt sind es in den letz­ten Mona­ten um die 20 Sen­dun­gen pro Woche. Soll nicht hei­ßen, dass es nicht mehr sein könn­te.“ Herr Pel­ler orga­ni­siert die Sei­te klassikkalender.de, auf der er alle frei emp­fäng­li­chen Musik­sen­dun­gen auf­lis­tet – außer­dem ver­sen­det er einen News­let­ter, eine sehr hilf­rei­che Dienst­leis­tung, um die Musik ins Wohn­zim­mer zu holen.

In die­sem Sin­ne, hal­ten Sie die Ohren steif

Ihr

Axel Brüg­ge­mann

brueggemann@crescendo.de

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Axel Brüggemann
Axel Brüggemann glaubt, dass Musik das Leben verändern kann. Darüber hat er zunächst bei der WELT am SONNTAG geschrieben, bei der er auch Textchef war. Später schrieb er für die FAS und die Jüdische Allgemeine. Heute ist der ehemalige crescendo-Chefredakteur hauptsächlich fürs Fernsehen tätig: für arte, ZDF und SKY. Für seine Bayreuth-Moderationen wurde er für den Grimme-Preis nominiert. Brüggemanns Dokumentarfilme suchen stets nach dem Zusammenhang von Musik und Mensch.

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