Der Schauspieler Robert Stadlober taucht in der Hörbiographie „die Liebe liebt das Wandern“ tief ein in das Leben von Franz Schubert

Was wäre gewesen, wenn? Was war Zufall, was Fügung, was Glück, was Pech? Es gehört zum Faszinierendsten des Menschseins, dass sich die Auswirkungen von Ereignissen und Begegnungen auf das weitere Leben meist erst im Rückblick erschließen lassen. Besonders spannend ist dieses Phänomen bei der Rezeption von Kunst aus längst vergangenen Tagen zu erleben. Heute als Meisterwerk für sich betrachtet, entstand doch auch jedes Stück Musik, jedes Gemälde und jedes Gedicht immer im Kontext seiner Zeit, inspiriert oder herausgefordert durch gesellschaftliche und politische Ereignisse, als Widerhall auf persönliche Schicksalsschläge und eingebettet in die individuelle Lebenssituation und Gefühlslage seines Schöpfers. Die Hörbiografien, die bereits seit etlichen Jahren beim Bayerischen Rundfunk erscheinen, setzen genau hier an. Leben und Wirken eines Komponisten werden in diesem Format als Collage aus Musikwerken, Dokumenten, Tagebuchnotizen oder Briefen aufbereitet, wobei es gerade die Widersprüche, Ambivalenzen und Brüche sind, die im Rückblick aufhorchen lassen. Nach verschiedenen Veröffentlichungen, unter anderem zu Robert Schumann und Fanny und Felix Mendelssohn, ist nun eine Edition zu Franz Schubert mit dem Titel „Die Liebe liebt das Wandern“ erschienen, gestaltet von Jörg Handstein und eingesprochen von Udo Wachtveitl als Erzähler und Robert Stadlober in der Rolle des Schubert.

Ich durchwandere den Text und leuchte ihn aus“

Für Stadlober glich die Erarbeitung des Skripts einer spannenden Entdeckungsreise, mitten hinein in die oft schwierige und raue Lebenswirklichkeit Franz Schuberts auf der stetigen Suche nach Anerkennung, künstlerischer Selbstverwirklichung und gesicherter Existenz. Die Aufnahme fand, coronabedingt, in kleinem Kreis an nur einem Tag in den BR-Studios in München statt. Hinter der Scheibe lauschten der Regisseur und Autor, im komplett abgedunkelten Studio saß Robert Stadlober mit Skript und Leselampe am Mikrophon und füllte den Text mit Leben. „Wir haben intensiv und sehr frei mit dem Text gespielt und gearbeitet und verschiedene Formen des Deklamierens ausprobiert, um den richtigen Rhythmus und die richtige Melodie für den Text finden“, erzählt Stadlober. „Ich durchwandere den Text und leuchte ihn aus“, sagt der Schauspieler. So könne das Publikum mit ihm gleichsam durch eine Textlandschaft gehen und begleitet von ausgewählten Kompositionen eine tiefergehende Vorstellung vom Menschen und Musiker Schubert erlangen.

Schubert war immer auf der Suche nach dem Fest“

Stadlober selbst hat bei seiner Erkundung der Textfragmente und Beschreibungen von Franz Schubert einen Menschen entdeckt, der bei aller Melancholie und Trauer in seiner Musik immer auch eine riesige Sehnsucht hatte „nach Freude und wildem, intensivem Leben. Eigentlich war Schubert immer auf der Suche nach dem Fest“, so Stadlober, und er habe so viele mutige Pläne gehabt, die dann ein ums andere Mal an den Konventionen gescheitert seien. Dieser stetigen Enttäuschung habe Schubert mit starker Kraft getrotzt. „Schubert hat viele Kompromisse verweigert und stattdessen bedingungslos an das geglaubt, was er getan hat“, so Stadlober. Das habe ihn sehr beeindruckt. Der österreichische Schauspieler und Synchronsprecher hat schon sehr früh damit begonnen, parallel zu seiner Arbeit vor der Kamera oder auf der Bühne auch Hörbücher einzulesen. „Diese Verbindung von Musik und Literatur finde ich unglaublich spannend“, sagt Stadlober, und in gewisser Weise seien die konzentrierte Textarbeit und das Vorlesen „die purste Form“ seines Handwerks. „Ich erlebe das Körperspiel immer als sehr anstrengend. Letztlich geht bei mir immer alles erst mal vom Kopf aus, dann setze ich das um“. 

Schubert hat mich bestärkt, dass der Weg jenseits der Konventionen auf lange Sicht der richtige ist“

Mit Schubert hatte sich der 38-Jährige bislang nicht intensiver auseinandergesetzt, die Musik jedoch spielte im Leben von Stadlober spätestens seit seiner Jugend eine wichtige Rolle. Mit 12 bekam er seinen ersten CD-Player, danach hörte er „wie im Rausch“, wie er erzählt, und verbrachte Stunden im Plattenladen. Als Waldorf-Schüler lernte er zudem Geige, schwenkte später um auf Gitarre und brachte sich selbst autodidaktisch das Klavier- und Trompetespielen bei. „Musik ist für mich die barrierefreieste Kunst überhaupt“, sagt Stadlober, und diese beglückende Freiheit zelebriert er bis heute in seinen eigenen Rockbands. Bei Schubert sind es die Lieder, die ihn am meisten berühren. „Wenn Musik mit Text verbunden wird, ist mir das am nächsten. Ich gehe auch lieber in die Oper als ins Konzert und werde gern inhaltlich an der Hand genommen“, sagt Stadlober. Bei seiner Annäherung an Schubert ist der vielseitige Darsteller auf überraschend viel Vertrautes gestoßen. „Schubert war ein großer Zweifler und Haderer – das ist mir sehr nahe“, so Stadlober, und auch das romantische Gedankengut fasziniere ihn sehr. „Ich habe eine große Sehnsucht danach, Texte zu finden, die nicht vom deutschen Übermenschentum berichten und frei sind vom Brustton der absoluten Überzeugung“, sagt der Künstler. Viel eher finde er sich in Werken und Texten wieder, die von „Verletzlichkeit, Nachdenklichkeit und Zweifeln“ geprägt sind. Von eben dieser Größe und Brüchigkeit zugleich zeugen auch die Werke Franz Schuberts, der Zeit seines Lebens hin- und hergerissen war zwischen der Suche nach neuen Wegen und dem Bedienen der konventionellen gesellschaftlichen Erwartungen. „Dieser innere Zwiespalt ist mir sehr vertraut“, sagt Stadlober, und es sei tröstlich gewesen zu sehen, dass sich in mancherlei Hinsicht wenig verändert hat. Die Beschäftigung mit dem Ringen und Wirken Franz Schuberts war für Stadlober dabei nicht zuletzt auch eine inspirierende und Mut machende Arbeit für sein eigenes Leben: „Schubert hat mich darin bestärkt, dass der sture Weg jenseits der Konventionen zwar vielleicht nicht immer der glücklichere, aber auf lange Sicht der richtigere ist. Heute sind alle begeistert von Schuberts Musik. Ich denke, man darf die Menschen nicht unterschätzen. Man kann ihnen viel zumuten. Ein Publikum möchte Neues erfahren und kann wachsen am Inhalt.“

„Schubert – Die Liebe liebt das Wandern“: Hörbiographie von Jörg Handstein (BR)

Foto Titelbild: Guido Werner

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Dorothea Walchshäusl
Dorothea Walchshäusl ist Musikjournalistin und promovierte Politologin. Sie lebt und arbeitet in Passau. Den Mensch im Blick, die Musik im Ohr und das Gefühl in den Fingerspitzen, fasziniert die freie Autorin all das, was die Menschen im Kleinen wie im Großen bewegt und berührt. Für crescendo schreibt sie seit 2014 und erforscht in ihren Porträts und Reportagen mit Leidenschaft, warum sich Menschen mit Haut und Haar der Musik verschreiben.