Willkommen in der neuen KlassikWoche,

Sommerpause? Von wegen! Es ist noch immer etwas los in der Welt der Klassik. Und für alle, die noch nicht auf Urlaub sind, unternehmen wir heute eine kleine Städte-Reise: von Salzburg über Florenz bis nach Düsseldorf!

TRANSPARENZ IN SALZBURG

Der gesamte Betrieb schaut dieser Tage nach Salzburg – die Salzburger Festspiele sind die große Hoffnung für Theater und Konzerthäuser. Wenn sie gut über die Bühne gehen, gibt es Aufwind für alle, geht was schief, wird es schwer. An dieser Stelle hat Markus Hinterhäuser schon vor zwei Wochen gesagt, dass all das „ein Gang auf einem ziemlich dünnen Eis“ sei. Nun gab es im Mitarbeiterstab eine erste Infektion. Und die Festspiele haben vorbildlich gehandelt: komplette Transparenz, Einsicht in das Mitarbeiter-Tagebuch, weitere Tests mit Kontaktpersonen. So geht glaubwürdiges und gutes Krisen-Management! Der Schwäbischen Zeitung hat Markus Hinterhäuser inzwischen erklärt: „Vor ein paar Wochen habe ich mit anderen 100 Konzertbesuchern einen Klavierabend von Daniel Barenboim im Wiener Musikverein gehört. Ich war sehr melancholisch gestimmt, als ich in den fast leeren Saal ging. Während des Konzertes war es ganz still. Niemand hat es gewagt zu husten, jeder hatte viel Raum um sich. Ich möchte das wirklich nicht als Dauerzustand, aber ich konnte besonders intensiv zuhören.“ 

Salzburg ist auch Hoffnung für den Tourismus und die Politik. Österreichs Präsident, Alexander van der Bellen, kommt zu drei Vorstellungen der Festspiele: Gemeinsam mit seiner Frau Doris Schmidauer besucht er am 1. August Richard Strauss´ Oper „Elektra“. Am 22. August sitzt das Paar für den „Jedermann“ am Domplatz – exakt 100 Jahre nach der Festspiel-Premiere des Stücks. Und: Auch Peter Handkes „Zdeněk Adamec“ am 2. August im Landestheater lassen sich die beiden nicht entgehen. So sehr wir den Festspielen in Salzburg für ihre Verantwortung und Transparenz danken, so sehr wundern wir uns über Wladimir Putin, der das Ganze – trotz katastrophaler Corona-Zahlen – etwas entspannter zu sehen scheint: Pianist Denis Matsuev soll am 1. August die Vorstellungen in Moskau wieder eröffnen – alle mit 50 Prozent Auslastung. Hoffentlich geht das gut!

ALTE MÄNNER IN FLORENZ

Was soll man dazu noch sagen? Dirigent James Levine wird zum ersten Mal, nachdem die MET ihn wegen angeblichen Missbrauchs entlassen hatte, wieder dirigieren. Der von Parkinson gezeichnete Dirigent wurde zum Maggio Musicale nach Florenz eingeladen – ausgerechnet für Berlioz’ Oper „La damnation de Faust“ mit großem Kinderchor-Finale. Ebenso dabei: Dirigent Daniele Gatti, vom Amsterdamer Concertgebouworekst wegen sexueller Übergriffe entlassen, und Plácido Domingo, der Übergriffe öffentlich bereits eingestanden hat. Wer plant so etwas? Ein anderer alter Mann, Intendant Alexander Pereira, oder doch eher der alte Weggefährte, der in Florenz noch immer die Strippen zieht, Dirigent Zubin Mehta? Die Zukunft der Klassik auf jeden Fall sieht anders aus. In einer Umfrage, die ich in meiner Instagram-Story gemacht habe, haben sich 85 Prozent gegen derartige Auftritte ausgesprochen.    

HILFERUF IN WIEN

Bevor Wiens Ex-Staatsopern-Intendant Dominique Meyer an die Mailänder wechselte, bekam er noch die Ehrenmitgliedschaft der Wiener Staatsoper verliehen. Das pikante Detail: Diese Ehrenmitgliedschaft wird in der Regel vom Staatsopern-Intendanten persönlich vergeben. Meyer ehrte an diesem Abend also Meyer! Und so richtig Abschied nehmen wollte er wohl auch nicht: Nachfolger Bogdan Roščić begegnete dem „Alten“ an seinen ersten offiziellen Diensttagen fast täglich – dabei hatte er doch bereits den vorletzten Intendanten der Wiener Staatsoper, Ioan Holender, als beratenden „Übervater“ auserkoren.

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Ganz andere Sorgen hat das Wiener Konzerthaus. Intendant Matthias Naske schrieb in einem Beitrag für den „Standard“ eine eindringliche Warnung: „Langsam geht uns im Wiener Konzerthaus die Luft aus: Den Betrieb ab Herbst aus eigener Kraft zu sichern, ist trotz allen Einsatzes eine beinahe unmögliche Herausforderung. Nach den Wochen der Angst und des Stillstands folgen die Wochen der schrittweisen Lockerungen, die bei den kulturellen Betrieben nur mit besonders gravierender Verzögerung ankommen. Eine Folge dieser Einschränkungen werden weitreichende negative betriebswirtschaftliche Konsequenzen sein.“     

KULTURLOSES FRANKREICH

Neue Regierung, ein beachtlicher Zugewinn für die Grünen – so weit die aktuelle Lage in Frankreich. Interessant war der Blick der FAZ in die französische Tageszeitung „Libération“, die sich nach den Siegen der Grünen noch einmal das Wahlprogramm der Partei angeschaut hat und zu dem Ergebnis gekommen ist: Es geht um alles, außer um die Kultur: „In der Rubrik ‚Kleine Partei, große Ideen‘ geht es um die Tiere und die Natur. Um die Frauen, den Frieden, Europa und die soziale Gerechtigkeit. Nicht um Kultur. Bei der Präsidentenwahl von 2017 präsentierten die Grünen eine Liste der Prioritäten, auf der sie erst an dreißigster Stelle auftauchte: ‚Kultur für alle. Ein Prozent des Staatshaushalts für die Kultur.’ Dieses ‚Kulturprozent‘ war von den Sozialisten vor einem halben Jahrhundert eingeführt worden. Es stand für das utopische Versprechen einer ‚Kultur für alle‘.“ All das, so Libération, sei aus dem aktuellen Programm der Grünen verschwunden.

BRATWURST IN BAYREUTH

Die Vorbereitungen zum Tag der fränkischen Bratwurst am 25. Juli laufen auf Hochtouren. Was die Bayreuther Festspiele treiben – das versteht wohl niemand mehr. Erhellender ist da schon das Interview, das der Regisseur des geplanten 2020er „RingesValentin Schwarz Frederik Hanssen im „Tagesspiegel“ gegeben hat. Unter anderem spricht Schwarz über die Frage, ob er sein Konzept für 2022 überarbeiten müsse: „Hier tritt der große Vorteil eines so universellen und vielschichtigen Werkes zutage: Wo ohnehin ein ganzes Kaleidoskop von Themen und Emotionen abgehandelt wird, wäre es im Gegenteil total überstürzt, wollte man jetzt auf Biegen und Brechen seine Corona-Erfahrungen darin einpflegen oder krampfhaft der Tagespolitik hinterherlaufen. Und da wir in der ‚Werkstatt Bayreuth‘ ja jeden Festspielsommer weiter arbeiten, gibt es genügend Möglichkeiten, bei Bedarf szenisch ‚up to date‘ zu bleiben.

SUCHE IN MÜNCHEN

Vom lieben SZ-Kollegen Reinhard J. Brembeck ist man gewohnt, dass er gern Partei ergreift – am liebsten für Dirigenten, die schon länger in seiner Heimat München arbeiten. Am Ende war Brembeck wahrscheinlich der einzige, der Kent Nagano wirklich in jedem Text bedingungslos gefeiert hat. Nun legt sich der Journalist schon vor einer Entscheidung des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks über einen neuen Chefdirigenten auf einen Favoriten fest und fordert unverhohlen: „Holt Daniel Harding!“ Der aber will offensichtlich lieber als Pilot und Freier durch die Welt cruisen. Hinter den Kulissen tobt es offensichtlich schon seit längerer Zeit zwischen Orchester und Manager Nikolaus Pont – bereits vor dem Tod von Mariss Jansons soll es hier zur Gretchenfrage gekommen sein. Nun muss irgendwann eine Entscheidung über die Nachfolge getroffen werden, wenn das Schiff BRSO nicht schlingern soll: In den letzten Konzerten hat das Orchester offensichtlich Nähe zu Sir Simon Rattle und Franz Welser-Möst gesucht – durchaus ernsthafte und würdige Kandidaten. Franz Welser-Möst, der letzte Woche noch mit einem erstaunlich offenherzigen Bashing von Ex Staatsopern-Chef Dominique Meyer auf sich aufmerksam gemacht hat, gab dem sehr geschätzten Kollegen Markus Thiel vom Merkur nun ein spannendes Interview, in dem er feststellte, dass die Klassik auf einem „viel zu hohen Ross“ sitze. Brisanz gewinnt die Situation in München auch dadurch, dass BR-Intendant Ulrich Wilhelm keine weitere Amtszeit mehr anstrebt, erklärt Robert Braunmüller in der Abendzeitung. Wilhelm hatte sich immer hinter das Orchester gestellt. Wenn er geht, muss wohl auch gespart werden: Der NDR macht vor, wie es geht, und auch beim SWR wurde eine knallharte Fusion zweier Klangkörper hinter dem Namen Teodor Currentzis versteckt. Das BRSO braucht also einen neuen, klugen Leiter.

KOHLE IN DÜSSELDORF 

Mich haben immer wieder Mails erreicht, in denen Käufer von Karten über die schlechte Abwicklung von Corona-Ausfällen lamentiert haben. Besonders an Häusern wie der Wiener Staatsoper sei der Umtausch Karte gegen Geld langwierig – und zuweilen zermürbend. Aber es gibt auch andere Beispiele, etwa bei der Düsseldorfer Tonhalle: Seit Beginn der Corona-Pandemie hat das Publikum rund 170.000 Euro für die Musik gespendet. Mehr als 1.800 Kunden ausgefallener Konzerte hätten ihr Eintrittsgeld nicht zurückverlangt, teilte das Haus mit. Sie konnten auswählen, wem ihre Spende zugutekommen soll, dabei gingen 100.000 Euro an die Tonhalle und 70.000 Euro an freischaffende Musiker.

PERSONALIEN DER WOCHE

Bevor wir zu den Personen kommen, noch ein kleiner Exkurs nach Potsdam: Hier wurden Bänke aufgestellt, und wenn man sich niederlässt und einen QR-Code scannt, kann man kostenlos eine Aufführung des Nikolaisaals hören – unter freiem Himmel. Schöne Idee. +++ Der Gustav-Mahler-Dirigentenwettbewerb nur Schiebung? Das behauptet Norman Lebrecht in seinem Blog und unterstellt, dass die Jury Eigeninteressen hatte. Aber hatte auch Lebrecht eigene Interessen? Zeitungen wie die SZ und andere waren auf jeden Fall begeistert. +++ Rufus Wainwright empfindet die Opernwelt als „brutal“ und schwärmt davon, gemeinsam mit seinem Partner Vater von Leonard Cohens Enkel zu sein: „Ich verspürte das Bedürfnis, der Opernwelt etwas zurückzugeben für all die Inspiration, die sie mir gab. So legte ich los, schrieb ein paar Opern und ließ sie inszenieren. Es war eine tolle Zeit, aber es war auch ziemlich brutal … Ich musste mit Klauen und Zähnen kämpfen, um mir Respekt zu verschaffen.“ +++ Äußerst amüsant geht Thomas Schmoll in seiner ntv-Kolumne mit dem Auftritt der Hornistin Sarah Willis beim RBB-Radio ins Gericht: Gemeinsam mit der Moderatorin wurden, passend zu Willis neuer CD „Mozart y Mambo“ – erstklassige Kuba-Klischees bedient: „‚Mozart wäre ein guter Kubaner gewesen“, behauptete Frau Willis bei RBB Kultur. ‚Der war ein Ladies Man und die Kubaner denken eben auch so: Hey, Chica!‘“ Schmoll fragt: „Was wäre, wenn Annette Widmann-Mauz, die Vorsitzende der Frauen-Union, über männliche Besucher des Münchner Oktoberfestes sagen würde: Mozart war ein Ladies Man und ich kenne einige Deutsche, die denken eben auch: Servus, Mädel!‘ „.  +++  Die Veranstaltung „Staatsoper für alle“ der Staatsoper Berlin soll auch diesen Sommer stattfinden, am 6. September – unter den dann geltenden Sicherheitsvorkehrungen: Auf dem Programm, das in diesem Jahr das 450-jährige Jubiläum der Staatskapelle Berlin feiert, stehen Beethovens Klavierkonzert Nr. zwei mit Lang Lang sowie die Ode an die Freude mit Julia Kleiter, Waltraud Meier, Andreas Schager und René Pape als Gesangssolisten.  +++ Die Corona-Zeit war für Pianist Igor Levit hauptsächlich eine große Sause, wie er dem BR erklärte: „Plötzlich konnte ich spielen, was ich wollte, wie ich wollte, wo ich wollte. Und von meinem Publikum kam mir ein enormes Vertrauen entgegen, für das ich auf ewig dankbar sein werde. Im Nachhinein betrachtet, war es eine wirklich einzigartige Zeit für mich!“ Mal wieder eines dieser „Ich, Ich, Ich“-Interviews. Fast schon süß, wenn Levit fordert „Löst die musikalischen Hierarchien auf“, nachdem er ein Konzert vor 100 ausgewählten Menschen in München gespielt hat. +++ Einen wichtigen Beitrag hat die SZ zum Tod von Ex-Papst-Bruder und Domspatzen-Chef Georg Ratzinger geschrieben und daran erinnert, dass über 500 Jungen in Regensburg körperliche Gewalt erlitten haben und 67 Opfer sexueller Gewalt wurden – ebenfalls dabei: Georg Ratzinger.  

In diesem Sinne: Halten Sie die Ohren steif!

Ihr

Axel Brüggemann

brueggemann@crescendo.de

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