Willkommen in der neuen Klassik-Woche,

heu­te mit aller­hand Duel­len: Mont­re­al gegen Schiff, Tages­spie­gel gegen Levit, Oper gegen Musi­cal und Bonn gegen Wien. Und mit der Fra­ge: Kann Teo­dor Cur­r­ent­zis gleich an vier Orten als Mes­si­as wir­ken?  

WAS IST

Soll nun auch noch Luzern ret­ten: Teo­dor Cur­r­ent­zis

ACHTUNG CURRENTZITIS!

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Schon wahn­sin­nig, wo der Diri­gent Teo­dor Cur­r­ent­zis über­all die Welt ret­ten soll. Sei­ne Ein­stel­lung als Chef­di­ri­gent beim eher bie­de­ren SWR Sym­pho­nie­or­ches­ter war mutig – und lenk­te geni­al vom Spar­kurs und der Fusi­on der zwei Ensem­bles ab. Dann hol­te Mar­kus Hin­ter­häu­ser den Grie­chen zu den Salz­bur­ger Fest­spie­len, wo er als eige­ne Mar­ke die Mozart-Eröff­nun­gen diri­giert, und Bog­dan Roščić will Cur­r­ent­zis‘ Gesicht mit der Wie­ner Staats­oper ver­bin­den. Nun soll eine neue Zusam­men­ar­beit mit Cur­r­ent­zis auch beim Lucer­ne Fes­ti­val dar­über hin­weg­täu­schen, dass hier Oster- und Kla­vier­fes­ti­val gestri­chen wur­den. Wenn Inten­dant Micha­el Hae­f­li­ger da mal nicht zu viel vom Diri­gen­ten-Mes­si­as erwar­tet: „Zen­tral ist die Idee, mit einem Künst­ler ein Pro­gramm zu ent­wi­ckeln und zu kura­tie­ren. Cur­r­ent­zis ist dafür ein Glücks­fall, weil er mit sei­ner Strahl­kraft das Publi­kum stark ein­bin­det.“     

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Beethoven WIRKLICH komplett!

Dem enzy­klo­pä­di­schen Ansatz des Labels NAXOS fol­gend, wur­den für die­se 90CD-Box auch sämt­li­che unvoll­endet geblie­be­ne Wer­ke Lud­wig van Beet­ho­vens ein­ge­spielt sowie alter­na­ti­ve Fas­sun­gen und Tran­skrip­tio­nen.

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REAKTIONÄR ODER NICHT?

Sel­ten gab es so vie­le unter­schied­li­che Reak­tio­nen auf einen Text wie auf die Fra­ge, ob es Denk­ver­bo­te in der Musik gebe oder nicht. Die 14-jäh­ri­ge Alma Deut­scher hat­te die Debat­te bei der Ver­lei­hung des Euro­päi­schen Kul­tur­prei­ses Tau­rus in Wien begon­nen und gehofft, dass wir nun „in ein tole­ran­te­res Zeit­al­ter kom­men“. Ich hat­te ihre Wor­te als reak­tio­när kri­ti­siert. Neben Für­spra­che gab es auch Kri­tik, weil ich ein Kind kri­ti­siert habe. Inzwi­schen hat Alma Deut­scher das, was sie auf der Büh­ne im Gespräch gesagt hat, offi­zi­ell als Rede auf ihre Home­page gestellt – und damit auch den Gegen­warts­kom­po­nis­ten und Musik­pro­fes­sor Moritz Eggert auf den Plan geru­fen. In einem aus­ge­ruh­ten und lesens­wer­ten Text debat­tiert er die Geschich­te der Neu­en Musik und ihrer ver­meint­li­chen Ver­bo­te: „Ja, es gab eine Zeit, in der eine Art Tona­li­täts­ver­bot die aka­de­mi­sche Norm war, und die­se Zeit lässt sich auf ca. 1955–1975 datie­ren, aber auch nur in einer bestimm­ten euro­päi­schen Regi­on. Wäh­rend näm­lich die Avant­gar­de-Sit­ten­wäch­ter um Bou­lez und Stock­hau­sen z.B. durch­aus Kom­po­nis­ten mar­gi­na­li­sier­ten, die sich wei­ter­hin tona­ler Struk­tu­ren bedien­ten, fei­er­ten zeit­gleich heu­te hoch­an­ge­se­he­ne Kom­po­nis­ten wie Ben­ja­min Brit­ten oder Schosta­ko­witsch noch Welt­erfol­ge.“      

BONN VS. WIEN: BEETHOVEN 2020

In Bonn rollt alles auf das Beet­ho­ven-Jahr zu! Und nun hat auch die zwei­te Beet­ho­ven-Stadt, Wien, ihre Beet­ho­ven-Cam­pa­gne ver­öf­fent­licht. „All Ears on: Vien­na“ ist das Mot­to. War­um aus­ge­rech­net Bil­ly Joel, Hans Zim­mer, Yuja Wang und Joshua Bell in Video­bot­schaf­ten zu sehen sind, das weiß wahr­schein­lich nur die Wie­ner Frem­den­ver­kehrs­be­hör­de. Eine Sei­te, die aber alle­mal zum Stö­bern ein­lädt. 

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7./8.11: Der Kongress für Kultur-Entscheider!
Exklusiv für Klassik-Woche-Leser:
Kongress-Ticket für 490 statt 650 EUR*!

Inkl. Ope­ning Par­ty am 6. Novem­ber, ein Zwei­ta­ges­ti­cket für den Kon­gress am 7. und 8. Novem­ber sowie die Preis­ver­lei­hung der Euro­päi­schen Kul­tur­mar­ken-Awards am 7. Novem­ber ent­hal­ten.
Bestel­lung tele­fo­nisch unter +49 (0)30–53-214–391 oder per Mail

*zzgl. Mwst.

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WAS WAR

Authen­tisch oder zu sehr mit sich sel­ber beschäf­tigt – Igor Levit

LEVITS WOLLDECKE

Es ist schon auf­fäl­lig, wenn das Ber­li­ner Feuil­le­ton auf ein­mal einen kri­ti­schen Ton gegen den Pia­nis­ten Igor Levit anschlägt. Nor­ma­ler­wei­se ist er einer der Lieb­lin­ge des Feuil­le­tons, und man­che Feuil­le­ton-Chefs schmü­cken sich gern mit ihm. Um so deut­li­cher fällt Fre­de­rik Hans­sens Bericht im Tages­spie­gel über Levits Kon­zert in Ber­lin mit dem Pitts­burgh Sym­pho­ny Orches­tra aus. Levit, der gera­de in Han­no­ver sei­ne Pro­fes­sur antritt, fällt immer wie­der mit rela­tiv simp­len (wenn auch poli­tisch wich­ti­gen) Polit-Bot­schaf­ten auf. Für Hans­sen wird er immer mehr zu einer Kari­ka­tur, deren Habi­tus vom eigent­li­chen Spiel ablenkt: „Ziem­lich befremd­lich fällt bei sei­nem Auf­tritt im Rah­men des Ber­lin-Gast­spiel des Pitts­burgh Sym­pho­ny Orches­tra bei­spiels­wei­se der Umgang mit dem Publi­kum aus. Levit tut näm­lich so, als wären die Phil­har­mo­nie-Rän­ge völ­lig leer. Ja, er scheint gera­de­zu eine ima­gi­nä­re Woll­de­cke über sich und sei­nen Flü­gel gedeckt zu haben, so intro­ver­tiert, so welt­ent­rückt wirkt sein Spiel. (…) War­um aber ver­schanzt sich der Inter­pret der­art im Elfen­bein­turm, war­um mag er par­tout kei­nen Kon­takt zum Publi­kum auf­neh­men, war­um drängt es ihn nicht, sei­ne Erkennt­nis­se über das Werk nach­voll­zieh­bar zu ver­mit­teln? Die­se Fra­gen lässt Levit unbe­ant­wor­tet.

MONTREAL GEGEN SCHIFF

Die Pro­ben von Sir András Schiff mit dem Mont­re­al Sym­pho­ny Orches­tra sind ziem­lich in die Hose gegan­gen – inklu­si­ve Wut­aus­bruch. Nun hat das Orches­ter eine Stel­lung­nah­me ver­öf­fent­licht, in der es Schiffs Stil hef­tig kri­ti­siert: „Es gab Unstim­mig­kei­ten zwi­schen den Musi­kern und dem Gast­di­ri­gen­ten. (…) Die Situa­ti­on ent­stand in ers­ter Linie auf Grund der unnö­tig respekt­lo­sen und angriffs­lus­ti­gen Art von Herrn Schiff gegen­über eini­gen Musi­kern, wodurch eine Atmo­sphä­re von gegen­sei­ti­gem Respekt unmög­lich gemacht wur­de. (…) Die­se Art ent­spricht nicht den heu­ti­gen Rea­li­tä­ten (…) das Orches­ter bevor­zugt, gemein­sam an einem Ziel zu arbei­ten, statt Men­schen durch Ein­schüch­te­rung und Auto­ri­tät zu ent­zwei­en.“   

PERSONALIEN DER WOCHE

Gene­ral­mu­sik­di­rek­tor Micha­el Hof­stet­ter ver­lässt das Stadt­thea­ter Gie­ßen vor­zei­tig und wird Inten­dant der Gluck-Fest­spie­le. +++ Der Regis­seur Johan­nes Schaaf ist mit 86 Jah­ren in Murnau gestor­ben. 

AUF UNSEREN BÜHNEN

Die Wie­ner Phil­har­mo­ni­ker und Andris Nel­sons haben das Pro­gramm für das Neu­jahrs­kon­zert vor­ge­stellt: Im Zen­trum steht Beet­ho­ven, und es gibt neun Pre­mie­ren. +++ Eli­sa­beth Rich­ter lobt im Deutsch­land­funk die Don-Car­los-Insze­nie­rung von Lot­te de Beer und fei­ert beson­ders den GMD: Cor­ne­li­us Meis­ter ver­sorg­te die fast fünf­stün­di­ge Auf­füh­rung am Pult des exzel­lent dis­po­nier­ten Staats­or­ches­ters Stutt­gart mit einer nie nach­las­sen­den Ener­gie, Prä­zi­si­on und einem fei­nen Gespür für Ver­dis so rei­che Orches­ter­far­ben.“ +++ Axel Zibul­ski berich­tet in der FAZ von einer umstrit­te­nen Fide­lio-Insze­nie­rung in Darm­stadt: „Mit neu kom­po­nier­tem Schluss pola­ri­siert Paul-Georg Ditt­richs Insze­nie­rung von Beet­ho­vens Fide­lio in Darm­stadt das Pre­mie­ren­pu­bli­kum. Und die Zuschau­er wer­den zur Fest­ge­sell­schaft.“ +++ Eine Geschich­te noch aus einer ande­ren Welt: Wäh­rend Ex-DSDS-Star Alex­an­der Klaws, der heu­te ein ech­ter Musi­cal-Star ist, mit sei­nem Gen­re abrech­net („Publi­kum wird für dumm ver­kauft.“), erklärt die Che­fin der aus­tra­li­schen Oper, Lyn­don Ter­ac­ci­ni, dass eini­ge Musi­cals bes­ser sei­en als vie­le Opern. Sie bezieht sich auf South Paci­fic, My Fair Lady oder die West Side Sto­ry

Musi­cal oder Oper – Haupt­sa­che Musik! In die­sem Sin­ne, hal­ten Sie die Ohren steif.

Ihr

Axel Brüg­ge­mann

brueggemann@crescendo.de 

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Axel Brüggemann
Axel Brüggemann glaubt, dass Musik das Leben verändern kann. Darüber hat er zunächst bei der WELT am SONNTAG geschrieben, bei der er auch Textchef war. Später schrieb er für die FAS und die Jüdische Allgemeine. Heute ist der ehemalige crescendo-Chefredakteur hauptsächlich fürs Fernsehen tätig: für arte, ZDF und SKY. Für seine Bayreuth-Moderationen wurde er für den Grimme-Preis nominiert. Brüggemanns Dokumentarfilme suchen stets nach dem Zusammenhang von Musik und Mensch.

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