Kurt Weill Fest Dessau, 23.2.–11.3.18Wach auf, du ­verrotteter Christ!“

Vision String Quartet
Foto: Tim Kloecker

 

 

 

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Hast du eigent­lich die Drei­gro­schen­oper schon gese­hen? Es ist wirk­lich ein schö­nes Stück und sicher das bes­te, was mir bis­her gelun­gen ist“, freu­te sich Kurt Weill über den Rie­sen­er­folg und die Bei­falls­stür­me, die ihm die neu­er­li­che Zusam­men­ar­beit mit Ber­tolt Brecht bescher­te. Unter Hoch­druck hat­ten die bei­den im süd­fran­zö­si­schen Saint-Cyr an dem Werk gefeilt. Weill such­te, zu einer Urform von Oper zu gelan­gen, leicht sang­bar und mit fass­li­cher Melo­dik. Was er schuf, war ein neu­es Gen­re des musi­ka­li­schen Thea­ters.

Ilja Richter
Ilja Rich­ter

Weill auf die Büh­ne!“ lau­tet denn auch das Mot­to des Kurt Weill Fests Des­sau. Anläss­lich der 90. Wie­der­kehr sei­ner Urauf­füh­rung kommt das Stück um die glück­li­che Erret­tung des Lon­do­ner Stra­ßen­räu­bers Macheath, genannt Mackie Mes­ser, den sein Schwie­ger­va­ter, der Bett­ler­kö­nig Peachum, an den Gal­gen brin­gen will, mit dem Anhal­ti­schen Thea­ter zur Auf­füh­rung. Fest­spiel­in­ten­dant Ger­hard Kämp­fe blickt der Insze­nie­rung erwar­tungs­voll ent­ge­gen: „Mit Ezio Toffo­lut­ti, einem Schü­ler von Ben­no Bes­son, konn­ten wir einen exzel­len­ten Regis­seur gewin­nen.“ Als „Gegen­stück“ zeigt das Fest­spiel eine zeit­ge­nös­si­sche Neu­fas­sung jener Beggar’s Ope­ra von John Gay, die Brecht und Weill als Vor­la­ge dien­te. Moritz Eggert schrieb eine Musik mit zahl­rei­chen Anspie­lun­gen an bekann­te Titel aus dem Gre­at Ame­ri­can Song­book wie I Wan­na Be Loved by You von Her­bert Stothart, Har­ry Ruby und Bert Kal­mar, Dia­monds are a Girl’s Best Fri­end von Jule Sty­ne und Leo Robin oder Tea for the Til­ler­man von Cat Ste­vens. Gezeigt wird die ful­mi­nan­te Auf­füh­rung von La Bett­ler­ope­ra in einem Gast­spiel der Köll­ner Oper Ber­lin mit der Tanz­Thea­ter-Kom­pa­gnie Bal­let­to Civi­le, dem Ensem­ble Frei­raum Syn­di­kat und Moritz Eggert.

La Bettleropera
La Bett­ler­ope­ra

Kämp­fe lei­tet das Fest­spiel in die­sem Jahr zum ers­ten Mal. Als „pri­mus inter pares“, wie er es nennt, steht er in einem vier­köp­fi­gen Team. Es sei ein Glücks­fall, schwärmt er. Mit Johan­nes Wei­gand, dem Gene­ral­inten­dan­ten des Anhal­ti­schen Thea­ters und Thea­ter­mann mit gro­ßer Erfah­rung, Mar­kus L. Frank, dem Gene­ral­mu­sik­di­rek­tor des Hau­ses und exzel­len­tem Musi­ker, sowie dem Kurt-Weill-Spe­zia­lis­ten Jür­gen Sche­be­ra kämen vier unter­schied­li­che Qua­li­tä­ten zusam­men. Was Kämp­fe, der in Ber­lin als erfolg­rei­cher Kon­zert­ma­na­ger tätig ist und Kon­tak­te zu viel­fäl­ti­gen Künst­lern unter­hält, bewog, nach Des­sau zu kom­men, ist die Begeis­te­rung für Weill und „die­se unglaub­lich krea­ti­ve Zeit der Ber­li­ner 20er-Jah­re“. Eine kul­tu­rel­le Explo­si­on habe damals statt­ge­fun­den. Sich bei der Pla­nung eines Fes­ti­vals in die­sem Umfeld zu bewe­gen, sei eine groß­ar­ti­ge Her­aus­for­de­rung.

Till Broenner
Till Bro­en­ner

Fas­zi­niert ist Kämp­fe von der bis heu­te unge­bro­che­nen Strahl­kraft, die Weills Musik besitzt. All die Künst­ler, mit denen er quer durch die musi­ka­li­schen Gen­res gespro­chen habe, hät­ten Weill sofort als anre­gen­des The­ma ange­se­hen. „Jeder beschäf­tig­te sich offen­bar irgend­wann mit der Musik von Kurt Weill.“

Im Eröff­nungs­kon­zert spielt der Trom­pe­ter Till Brön­ner, Artist in Resi­dence des Fest­spiels, mit der Anhal­ti­schen Phil­har­mo­nie Des­sau Aus­zü­ge aus der Brecht-Weill-Oper Auf­stieg und Fall der Stadt Maha­gon­ny sowie wei­te­re Meis­ter­wer­ke von der Klas­sik bis zur Gegen­wart. Auch Jan Josef Lie­fers und sei­ne Band Radio Doria bau­en in ihr Song-Pro­gramm Weill-Titel ein. Dag­mar Man­zel erin­nert mit ihrem Hol­la­en­der-Pro­gramm „Men­schens­kind!“ an die Anfän­ge des lite­ra­risch-poli­ti­schen Kaba­retts in Deutsch­land, wäh­rend Jochen Kow­al­ski sich mit dem Salon­or­ches­ter Unter’n Lin­den dem Kaba­rett und dem Film der 20er-Jah­re wid­met.

Dagmar Manzel
Dag­mar Man­zel

48 Ver­an­stal­tun­gen brin­gen Musik in Thea­ter, Sakral­bau­ten, Muse­en und his­to­ri­sche Stät­ten von „Cis-Schwein“, wie Weill sei­ne Geburts­stadt scherz­haft nann­te, Mag­de­burg, Hal­le an der Saa­le, Wör­litz, Gröb­zig und Zerbst. „Wir wol­len auch die Her­kunft Weills als Sohn einer jüdi­schen Fami­lie wie­der in den Fokus rücken“, betont Kämp­fe. Ein Pro­gramm geist­li­cher Musik, das jun­ge Künst­ler ein­bin­det, führt in die Syn­ago­gen von Gröb­zig und Hal­le an der Saa­le. Und ein Sym­po­si­um zum 100. Jah­res­tag der Künst­ler­ver­ei­ni­gung Novem­ber­grup­pe setzt sich mit der Arbeit der Künst­ler und Musi­ker aus­ein­an­der, die nach dem Zusam­men­bruch des Kai­ser­rei­ches mit ihrer Kunst am Auf­bau einer demo­kra­ti­schen Gesell­schaft mit­wir­ken woll­ten. Den krö­nen­den Abschluss der Fest­spie­le bil­det der Auf­tritt von Ute Lem­per. Beglei­tet vom MDR Sin­fo­nie­or­ches­ter, singt sie die gro­ßen Brecht-Weill-Songs aus der Drei­gro­schen­oper und der Oper Auf­stieg und Fall der Stadt Maha­gon­ny sowie J’attends un navi­re, in dem die nach Süd­ame­ri­ka ent­führ­te Marie Galan­te aus der gleich­na­mi­gen Oper ihr Heim­weh beklagt.

KURT WEIL FEST DESSAU
23.3.–11.03.18
Infor­ma­tio­nen und Kar­ten­ser­vice:
Tel.: +49-(0)341–14 990 900
www.kurt-weill.de

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Ruth Renée Reif
Das „flüchtige Ereignis“ in crescendo anzukündigen, ist die Aufgabe von Ruth Renée Reif: Als Erleben-Redakteurin spürt sie mit detektivischem Eifer packende, hören- und sehenswerte Veranstaltungen für uns auf. Ruth Renée Reif studierte in Wien Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte und ist seit 1987 in München als freie Journalistin und Publizistin tätig. Zu ihren Veröffentlichungen zählen eine Biografie über die Sängerin Karan Armstrong, ein historisches Porträt der Stuttgarter Philharmoniker sowie zahlreiche Gespräche mit Musikern, Schriftstellern und Philosophen.

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