Willkommen in der neuen Klassik-Woche,

heu­te mit einem Aus­blick auf die Fest­spie­le in Salz­burg und Bay­reuth – und mit der Fra­ge, ob lee­re Thea­ter-Rän­ge ein Tabu sein müs­sen.

WAS IST

Eine unend­li­che, 100-jäh­ri­ge Geschich­te: Die Salz­bur­ger Fest­spie­le fei­ern Jubi­lä­um.

100 JAHRE FESTSPIELEHINTERHÄUSERS TRADITION

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Mar­kus Hin­ter­häu­sers Pro­gramm der 100. Salz­bur­ger Fest­spie­le wirkt fast schon rou­ti­niert. Der Inten­dant, der als ket­ten­rau­chen­des und genia­li­sches Enfant ter­ri­ble gestar­tet ist, erkennt, dass der Salz­bur­ger Wider­stand am gerings­ten ist, wenn man das Bewähr­te pflegt. In die­sem Fal­le: Anna Netreb­ko für das Volk, Pláci­do Dom­in­go für Hel­ga Rabl-Stad­ler und Teo­dor Cur­r­ent­zis mit sei­nem Mozart-Zyklus („Don Gio­van­ni“) als Revo­luz­zer-Kon­stan­te. Franz-Wel­ser Möst darf sei­nen Strauss-Zyklus mit „Elek­tra“ wei­ter­füh­ren (die­ses Mal spielt die gro­ße Asmik Gri­go­ri­an eine etwas klei­ne­re Rol­le). Igor Levit (der die­se Woche bei May­brit Ill­ner Men­schen der AfD noch attes­tier­te, ihr Mensch­sein ver­wirkt zu haben) betas­tet Beet­ho­vens Huma­nis­mus in den 32 Kla­vier­so­na­ten – das hat sonst eher Rudolf Buch­bin­der über­nom­men, der die­sen Som­mer aber mit einem viel span­nen­de­ren Pro­jekt, den Dia­bel­li-Varia­tio­nen für Gegen­warts­kom­po­nis­ten, unter­wegs ist. Das Netz fragt bereits, war­um man in Salz­burg Visio­nen pre­digt und neben Nest­lé auch auf Gaz­prom als Spon­sor setzt. Wie auch immer: Cur­r­ent­zis, Levit, Wel­ser-Möst – die Salz­bur­ger Visio­nen von Mar­kus Hin­ter­häu­ser sind eigent­lich längst schon die Pfle­ge sei­ner eige­nen Tra­di­ti­on.

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Fanny & Felix Mendelssohn: Zwei Leben für die Musik!

Die­se leben­dig erzähl­te Hör­bio­gra­fie mit zahl­rei­chen Musik­bei­spie­len ver­knüpft die Lebens­ge­schich­ten der bei­den Geschwis­ter Men­dels­sohn. Zu den Erzäh­lern gehö­ren u.a. Mar­ti­na Gedeck und Udo Wacht­veitl.

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WEITER FÜR WAGNER

Bereits in den letz­ten Wochen war an die­ser Stel­le zu lesen, dass die Ver­trags­ver­län­ge­rung von Katha­ri­na Wag­ner als Lei­te­rin der Bay­reu­ther Fest­spie­le über wei­te­re fünf Jah­re nur eine Fra­ge der Zeit war. Nun haben die Gre­mi­en der Bay­reu­ther Fest­spie­le GmbH ihre Ent­schei­dung bekannt gege­ben. Dass es am Ende so lan­ge dau­er­te, scheint dar­an gele­gen zu haben, dass der Ver­trag bei Kul­tur­staats­mi­nis­te­rin Moni­ka Grüt­ters hän­gen geblie­ben ist. Bay­erns Kul­tur­staats­mi­nis­ter Bernd Sibler erklär­te: „In den ver­gan­ge­nen elf Jah­ren hat Katha­ri­na Wag­ner als Fest­spiel­lei­te­rin die Richard-Wag­ner-Fest­spie­le kon­se­quent und künst­le­risch wei­ter­ent­wi­ckelt.“ Der Ver­trag mit der Gesell­schaft soll in den kom­men­den Tagen unter­schrie­ben wer­den. Auch die­se Woche gibt es noch kei­ne Anzei­chen dafür, dass der Ver­trag von Chris­ti­an Thie­le­mann als Musik­di­rek­tor der Fest­spie­le eben­falls ver­län­gert wird – es bleibt span­nend. Thie­le­mann wird in sei­nem wohl letz­ten Sil­ves­ter-Kon­zert im ZDF übri­gens Aus­schnit­te aus Lehárs „Land des Lächelns“ diri­gie­ren.

KLANGEXPERIMENT WUNDERHARFE

Über ein span­nen­des For­schungs­pro­jekt berich­tet die NZZ: Der Musik­wis­sen­schaft­ler Micha­el Hei­ne­mann will her­aus­fin­den, wie ein typi­scher Orches­ter­klang ent­steht. Als For­schungs­ob­jekt hat er Wag­ners „Wun­der­har­fe“, die Staats­ka­pel­le Dres­den aus­ge­sucht. „‚Wir wol­len Klang­for­schung in his­to­ri­schem Sin­ne betrei­ben‘, sagt Hei­ne­mann. Alle Welt rede vom Klang der Staats­ka­pel­le Dres­den, der Diri­gent Her­bert von Kara­jan habe ihn mit ‚Glanz von altem Gold‘ ver­gli­chen. ‚Vie­le behaup­ten, dass sich die­ser Klang über die Jahr­hun­der­te nicht ver­än­dert habe. Aber kann das über­haupt sein, wenn sich Spiel­wei­sen und auch die Instru­men­te ändern?’, fragt der Pro­fes­sor. Das Pro­blem bestehe nicht zuletzt dar­in, dass es Ton­do­ku­men­te in Form von Schall­plat­ten erst seit etwa 130 Jah­ren gibt. Der grös­se­re Teil der Kapell­his­to­rie blei­be aber den­noch nicht ‚unge­hört‘.“

EHRE FÜR JESSYE NORMAN

Das gab es bis­her nur für Gia­co­mo Puc­ci­ni, Enri­co Caru­so, Lucia­no Pava­rot­ti und Bever­ly Sills – nun wird es auch für Jes­sye Nor­man eine Gedenk­ver­an­stal­tung an der MET in New York geben. Die Sän­ge­rin, die am 30. Sep­tem­ber gestor­ben ist, wird am 24. Novem­ber mit musi­ka­li­schen Ein­la­gen, Vide­os und Reden geehrt. Noch scheint kei­ne Kino-Über­tra­gung geplant zu sein. 

WAS WAR

Mal vol­ler und mal lee­rer – so wie über­all. In die­sem Fall: das Thea­ter Hal­le

WO IST DAS PUBLIKUM?

Ges­tern bin ich über einen Face­book-Post der Kol­le­gin Bet­ti­na Volks­dorf gestol­pert – sie war in einer Reper­toire-Vor­füh­rung der Oper Hal­le. Gege­ben wur­de die durch­aus anstän­di­ge Auf­füh­rung der „Ari­ad­ne auf Naxos“ in der Regie von Paul-Georg Ditt­rich. Volks­dorf zähl­te maxi­mal 70 Zuschau­er (!) und frag­te nach dem „War­um?“ (mit den aktu­el­len anti­se­mi­ti­schen Aus­fäl­len eines Stadt­rats im Auf­sichts­rat des Thea­ters hat das hier nichts zu tun). Was Volks­dorf beschreibt, ist kein Ein­zel­fall. Wer in deut­sche Stadt­thea­ter geht, kennt das Bild. In mei­ner Hei­mat­stadt Bre­men kommt es eben­falls vor, dass in Reper­toire-Opern-Auf­füh­run­gen zuwei­len weni­ger als 100 Leu­te sit­zen. Und – das sagt auch Volks­dorf – es liegt nicht immer an der Qua­li­tät der jewei­li­gen Insze­nie­run­gen. Trotz­dem sind lee­re Rän­ge ein Tabu: Dar­über spricht man nicht. Die­se Aben­de wer­den ver­tuscht. Inten­dan­ten rech­nen ihre Bilan­zen schön, indem sie Rän­ge schlie­ßen und dadurch die Aus­las­tungs-Pro­zen­te stei­gern. War­um wer­den wir nicht wie­der ehr­li­cher: Fakt ist, Oper begeis­tert offen­sicht­lich nicht jeden Tag an jedem Ort glei­cher­ma­ßen. Sie steht in andau­ern­der Kon­kur­renz zu ande­ren (neu­en) Ange­bo­ten. Und manch­mal gelingt es ihr eben nicht, Publi­kum zu locken. Mal, weil die Häu­ser sich elfen­bein­haft der Publi­kums­rea­li­tät ver­wei­gern, manch­mal aber auch nur, weil es gera­de ein blö­der Abend ist. Ein lee­res Thea­ter soll­te grund­sätz­lich kei­ne Schan­de sein, wohl aber Anlass für Debat­ten – auf kei­nen Fall soll­te es tot­ge­schwie­gen wer­den.

PROBLEME BEI DER SANIERUNG IN KÖLN

Im Köl­ner Stadt­an­zei­ger berich­tet Tim Atten­ber­ger über wei­te­re Pro­ble­me bei der Sanie­rung der Köl­ner Oper: „Die Sanie­rung des Opern­hau­ses am Offen­bach­platz wird sich nach der­zei­ti­gem Stand um ins­ge­samt zehn Wochen ver­zö­gern. Wie die städ­ti­schen Büh­nen am Don­ners­tag mit­teil­ten, gibt es erneut Pro­ble­me mit der Pla­nung der Haus­tech­nik. Die Ursa­che sei das „unge­wöhn­lich hohe Aus­maß der pla­ne­ri­schen Nach­ar­bei­ten“. Das Inge­nieur­bü­ro Inni­us RR, das die Haus­tech­nik seit Ende 2017 neu plant, hat offen­bar noch nicht für alle Pro­ble­me eine Lösung gefun­den.

MUSIK-QUALITÄTSSIEGEL DEUTSCHLAND

Im Rah­men der ARD-The­men­wo­che war ein span­nen­der Text über die aus­län­di­schen Stu­die­ren­den an deut­schen Musik­hoch­schu­len bei der Deut­schen Wel­le zu lesen: „Jeder zwei­te Stu­die­ren­de an einer deut­schen Musik­hoch­schu­le kommt aus dem Aus­land. Wer hier sein Kon­zert­ex­amen macht, hat auf dem inter­na­tio­na­len Markt gute Chan­cen. Doch der Weg dahin ist nicht ein­fach.“ 

PERSONALIEN DER WOCHE

Den­nis Rus­sell Davies wird 2020 Chef­di­ri­gent des MDR-Sin­fo­nie­or­ches­ters. Der Sen­der stellt den Neu­en vor und erklärt, war­um mit Davies viel neu­es Reper­toire zu erwar­ten ist. +++ Hei­del­bergs GMD, Eli­as Gran­dy, ver­län­gert sei­nen Ver­trag bis 2024. +++ Vol­ker Blech schreibt in der Mor­gen­post ein schö­nes Por­trät über die Kul­tur­ma­na­ge­rin und Lei­te­rin der Musik­hoch­schu­le Hanns Eis­ler in Ber­lin, Sarah Wedl-Wil­son, und über ihre Rol­le als „Königs­ma­che­rin“: „Sie war in Lon­don, bei der Came­ra­ta Salz­burg, an der Köl­ner Phil­har­mo­nie oder künst­le­ri­sche Lei­te­rin auf Schloss Elmau. Zuletzt war sie Vize­rek­to­rin am Mozar­te­um Salz­burg und dann Inte­rims­lei­te­rin. Seit Ende 2018 ist sie als Head­hun­terin unter­wegs gewe­sen – eine Königs­ma­che­rin im inter­na­tio­na­len Kul­tur­be­trieb. Wor­über sie nicht wei­ter redet, sie ist von freund­li­cher Dis­kre­ti­on.“ +++ Lust auf ein aus­ge­ruh­tes und klu­ges Inter­view, dann emp­feh­le ich heu­te die Kol­le­gen von van, die sich mit René Jacobs dar­über unter­hal­ten haben, war­um Wag­ner ein­fach an allem Schuld ist. +++ Der Fall Sieg­fried Mau­ser hat uns hier schon eini­ge Wochen beglei­tet – nun fin­det Kia Vah­land in der SZ so etwas wie ein Schluss-Resü­mee: Kul­tur­schaf­fen­de, die Mau­ser auch wei­ter­hin unter­stüt­zen, füh­ren die Mecha­nis­men des kol­lek­ti­ven Täter­schut­zes vor.

AUF UNSEREN BÜHNEN

Ute Schalz-Lau­ren­ze fei­ert Mary­sol Scha­lits Bre­mer Alci­na und den Regis­seur Micha­el Tal­ke: „… da zeigt Hän­del uns unser gan­zes Leben mit fas­zi­nie­rend psy­cho­lo­gi­scher Genau­ig­keit. Und damit ist Tal­ke ein wun­der­ba­rer Coup gelun­gen, die krau­se Geschich­te aus ihrer unwirk­li­chen Fan­tas­tik her­aus­zu­ho­len und den rea­len Ver­fall einer altern­den Frau in ihrer gan­zen Tra­gik zu zei­gen.“ +++ Uwe Fried­rich berich­tet im BR über „Heart Cham­ber“, ein Auf­trags­werk der Deut­schen Oper Ber­lin an die ame­ri­ka­nisch-israe­li­sche Kom­po­nis­tin Cha­ya Czer­no­win: „Seit ihrem Opern­de­büt bei der Mün­che­ner Bien­na­le im Jahr 2000 arbei­tet die in Hai­fa gebo­re­ne Czer­no­win mit dem Regis­seur Claus Guth zusam­men, der ihren intel­lek­tu­ell durch­drun­ge­nen, sehr abs­trak­ten Kom­po­si­tio­nen ein rea­lis­ti­sches Büh­nen­ge­sche­hen ent­ge­gen­setzt.“ +++ Als Insze­nie­rung für die Kas­sen ver­steht Robert Braun­mül­ler in der „Abend­zei­tung“ die „Tos­ca“ am Münch­ner Gärt­ner­platz­thea­ter mit Antho­ny Bra­mall am Pult und in der Regie von Ste­fa­no Poda. +++ Ich sel­ber war die­se Woche unter ande­rem bei der Pre­mie­re von Spon­ti­nis „Ves­ta­lin“ am Thea­ter an der Wien. Ein Tri­umpf für die Sopra­nis­tin Elza van den Hee­ver als jun­ge Ves­ta­lin Julia, etwas lang­wei­lig geschla­gen von Bert­rand de Bil­ly. Zu den Gäs­ten gehör­ten neben Pio­tr Bec­zała (der in der nächs­ten Pre­mie­re am 15. Dezem­ber in der pol­ni­schen Opern-Trou­vail­le „Hal­ka“ zu hören sein wird) auch der desi­gnier­te Staats­opern-Inten­dant Bog­dan Roščić.  

In die­sem Sin­ne: hal­ten Sie die Ohren steif.

Ihr

Axel Brüg­ge­mann

brueggemann@crescendo.de

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Axel Brüggemann
Axel Brüggemann glaubt, dass Musik das Leben verändern kann. Darüber hat er zunächst bei der WELT am SONNTAG geschrieben, bei der er auch Textchef war. Später schrieb er für die FAS und die Jüdische Allgemeine. Heute ist der ehemalige crescendo-Chefredakteur hauptsächlich fürs Fernsehen tätig: für arte, ZDF und SKY. Für seine Bayreuth-Moderationen wurde er für den Grimme-Preis nominiert. Brüggemanns Dokumentarfilme suchen stets nach dem Zusammenhang von Musik und Mensch.

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