Axel Brüggemann über seine Sammlung Was ist eine CD noch wert?

Unser Autor überlegt, ob er seine CD-Sammlung verkaufen soll und stellt dabei fest, dass nur Aufnahmen mit Mut wahre Werte schaffen. Eine Analyse, die auch für die Plattenindustrie interessant sein könnte.

Mei­ne ers­te CD habe ich mit 13 oder 14 Jah­ren gekauft, davor hat­te ich nur Schall­plat­ten. Es war eine Gesamt­auf­nah­me von „Nabuc­co“, erschie­nen bei der Deut­schen Gram­mo­phon. In der Zwi­schen­zeit sind tau­sen­de von CDs dazu gekom­men –gehegt, gepflegt, sor­tiert und immer wie­der ange­hört. Eine Samm­lung, die auch viel über mein Leben mit der Musik erzählt, über die jewei­li­gen Sta­di­en mei­nes Inter­es­ses: Zunächst viel Ver­di und Puc­ci­ni, dann Wag­ner und Strauss, im Stu­di­um beson­ders die soge­nann­ten „Ent­ar­te­ten“ und Neue Musik, spä­ter vie­les aus dem Barock, viel Alte Musik.

Vor zwei Jah­ren habe ich beschlos­sen, dass die gro­ße CD-Wand im Weg steht, dass sie ein­fach zu raum­grei­fend ist, dass ich mei­ne Woh­nung redu­zie­ren will, Klar­heit schaf­fen. Ich habe mei­ne Samm­lung in Kar­tons ver­packt und sie auf dem Dach­bo­den gela­gert – so rich­tig ver­misst habe ich sie seit­her nicht. Irgend­wann ist der Ent­schluss gereift, dass ich mich – wenigs­tens von einem Teil – tren­nen könn­te. Doch das Unter­fan­gen ist gar nicht so leicht. Wer hört heu­te noch CDs? Und wer will sie kau­fen? Es gibt groß­ar­ti­ge Strea­ming-Diens­te, die so ziem­lich alles bie­ten, was es gibt – immer und über­all auf jedem Gerät, und das zu einer Flat­rate. Außer­dem geht der Trend zurück zur Schall­plat­te. Übri­gens auch bei mir: von mei­nen LPs wür­de ich mich nie tren­nen. Zuwei­len ist es wie ein Ritu­al, sie aus­zu­pa­cken, auf­zu­le­gen, nach 20 Minu­ten die Sei­te zu wen­den, mich durch die Begleit­hef­te zu lesen. Und, natür­lich – die Akus­tik!

Wer hört heu­te noch CDs? Und wer will sie kau­fen?“

An mei­ner CD-Samm­lung hat­te kaum jemand Inter­es­se. Zu viel. Zu viel Klas­sik! „Das wer­den wir nie los, das müs­sen wir ja alles zwi­schen­la­gern“ – das war die Ant­wort, die ich von vie­len Fach­ge­schäf­ten gehört habe. Aber es gibt im Netz ja eini­ge Zwi­schen­händ­ler, die genau sagen, wel­chen Preis ich mit wel­cher Auf­nah­me erwar­ten kann. Und so habe ich mich ein biss­chen durch mei­ne Samm­lung gewühlt und eini­ge Titel ein­ge­ge­ben. Nur aus Inter­es­se. Mit der Fra­ge: Was ist eine CD heu­te über­haupt noch wert?

ANZEIGE



Um es vor­weg zu neh­men: Sehr vie­le Auf­nah­men sind sehr wenig wert. 12 Cent, 30 Cent, mehr kann man kaum erwar­ten. Aber dann gibt es eben auch Schei­ben, für die fünf Euro, 10, ja sogar 20 oder 25 Euro gebo­ten wer­den. Und an die­ser Stel­le wird es nun span­nend. Zum einen für mich, zum ande­ren aber auch für die Schall­plat­ten­in­dus­trie. Die scheint gera­de in den letz­ten Jah­ren auf zwei Stra­te­gi­en zu set­zen: Zum einen ver­öf­fent­licht sie Alben mit Stars, die sie sel­ber auf­ge­baut hat – in der Regel Ari­en-Com­pi­la­ti­ons, The­men-CDs oder immer wie­der die glei­chen gro­ßen alten Wer­ke in neu­er Inter­pre­ta­ti­on. Der ande­re Geschäfts­zweig ist es, das eige­ne Archiv zu durch­wüh­len und Best-Of-Plat­ten her­aus­zu­ge­ben: Gro­ße Opern­ari­en, Diri­gen­ten- oder Künst­ler­por­träts, Seri­en mit auf­wän­di­gen Book­lets – stil­vol­les Recy­cling.

Mei­ne Recher­che zeigt, dass genau die­se bei­den Stra­te­gi­en viel­leicht gut für das aktu­el­le Geschäft sind, dass sie aber kei­ne Wert­stei­ge­rung für die Zukunft erwar­ten las­sen.

Zu viel. Zu viel Klas­sik!“

CDs, für die mir noch immer gute Prei­se gebo­ten wer­den, sind in der Regel muti­ge Pro­jek­te gewe­sen: Die gro­ßen, alten Gesamt­auf­nah­men von Opern, der Mut, aus­ge­fal­le­nes Reper­toire durch Exper­ten ein­spie­len zu las­sen – über­haupt: wert­voll bleibt alles, was inhalt­lich gedacht ist, was nicht für den Mas­sen­markt pro­du­ziert wird. Es sind beson­ders die Auf­nah­men der klei­nen Labels wie „carus“, „MDG“ oder „har­mo­nia mun­di“, die Lang­zeit­wer­te schaf­fen. Klar, da sind die spek­ta­ku­lä­ren High­lights wie „Gould meets Menu­hin“, aber auch das Absei­ti­ge wie geist­li­che Chor­wer­ke von Tschai­kow­sky oder Opern-Ein­spie­lun­gen, die etwas sper­rig wir­ken, beim rich­ti­gen Hören aber Erwe­ckungs­er­leb­nis­se sind: „Moses und Aaron“, Ros­si­nis „Eli­sa­bet­ta“ oder „Semi­ra­mi­de“, eben­so wie Trou­vail­len der fran­zö­si­schen Oper wie „Le Roi d’Ys“. Fast schon Wert­an­la­gen sind die Auf­nah­men der Beet­ho­ven-Sym­pho­ni­en unter Micha­el Gie­len oder Streif­zü­ge durch das Orgel­werk von Hein­rich Schütz.

Ich habe mich noch nicht ent­schlos­sen, was ich mit mei­ner Samm­lung anstel­len wer­de. Sicher aber ist: allein das Stö­bern in den Preis­lis­ten ist eine Akti­vi­tät, die auch unse­re Labels Mal unter­neh­men soll­ten. Die Klas­sik war seit jeher so etwas wie der Gold­preis der Musik – etwas Sta­bi­les, etwas das blei­ben­de Wer­te schafft, dass – anders als ein gro­ßer Teil der Pop-Musik – auf Lang­fris­tig­keit ange­legt. Die Idee, einen Klas­sik-Künst­ler als ober­flä­chi­ge Mode-Iko­ne auf­zu­bau­en, mag eine kurz­fris­ti­ge Stra­te­gie sein – am Ende, nach 10 oder 20 Jah­ren aber, ent­schei­det etwas Ande­res über den Wert eines Labels: sei­ne Inhalt­li­che Arbeit und die Fra­ge, ob es geschafft wur­de, das Ein­ma­li­ge, das Beson­de­re auf­zu­neh­men – jenes Werk, das blei­ben wird, das Refe­renz ist, das eine Lücke schließt. Es ist ein Wert an sich, den rich­ti­gen Künst­ler (und der muss kein Welt­star sein, son­dern idea­ler Wei­se ein Exper­te in sei­nem Bereich) mit dem rich­ti­gen Werk zusam­men­zu­brin­gen.

Der CD-Markt ist mehr oder weni­ger am Ende“

Mei­ne klei­ne Rei­se in die Ver­gan­gen­heit ist damit auch zu einem Weck­ruf gewor­den, aus dem her­aus sich eine Mög­lich­keit für den dau­er­kri­seln­den Auf­nah­me­markt ablei­ten lie­ße: Wer mutig ist, wer vom Inhalt her denkt, von der Qua­li­tät und von der Wahr­haf­tig­keit der Musik, wer hin­ab­steigt in unbe­kann­te Wel­ten, wer Spaß am Ent­de­cken hat, wer sein Publi­kum for­dert und kei­ne Angst hat, ihm Neu­es nahe­zu­bri­gen, wer in auf­re­gen­de Kon­stel­la­tio­nen und per­fek­te Auf­nah­me­tech­nik inves­tiert – der ist es, der am Ende Wer­te schafft und der schließ­lich auch vom Wert sei­nes eige­nen Archivs leben kann.

Der CD-Markt ist mehr oder weni­ger am Ende, die Erkennt­nis­se mei­nes CD-Ver­kaufs aber gel­ten auch für die neue Zeit des Strea­mings und der MP3: Wis­sen, Lei­den­schaft, Mut und Qua­li­tät schaf­fen Wer­te. Am Ende geht es um die Rech­te an der Musik, die gehört wird, die gesucht wird, um Nach­fra­ge und Ange­bot – und genau die­ses Ver­hält­nis scheint bei eini­gen gro­ßen Labels der­zeit aus der Balan­ce zu sein. Schafft Gro­ßes, Leu­te – denn das wird nie schrump­fen!

Vorheriger ArtikelMozart auf Malle
Nächster ArtikelZur Wiedereröffnung
Axel Brüggemann
Axel Brüggemann glaubt, dass Musik das Leben verändern kann. Darüber hat er zunächst bei der WELT am SONNTAG geschrieben, bei der er auch Textchef war. Später schrieb er für die FAS und die Jüdische Allgemeine. Heute ist der ehemalige crescendo-Chefredakteur hauptsächlich fürs Fernsehen tätig: für arte, ZDF und SKY. Für seine Bayreuth-Moderationen wurde er für den Grimme-Preis nominiert. Brüggemanns Dokumentarfilme suchen stets nach dem Zusammenhang von Musik und Mensch.

3 Kommentare

  1. Der CD-Markt ist mehr oder weni­ger am Ende“–Das ist schon mal fak­tisch falsch—siehe die gera­de erst her­aus­ge­kom­me­ne Mozart Gesamt­auf­nah­me von Dec­ca! Man sie­he auch das rela­ti­ve neue Bril­li­ant Clas­sics Label, das trotz nied­ri­ger Prei­se jede Men­ge inter­es­san­tes Reper­toire her­aus­bring, zuletzt Frober­gers gesam­te Wer­ke für Tas­ten­in­stru­ment. Natür­lich habe auch ich mei­ne gesam­te CD Samm­lung inzwi­schen digi­tal gespei­chert, schon um jeder­zeit Zugriff neh­men zu kön­nen. Den­noch möch­te ich auf mei­ne CD Wän­de nicht ver­zich­ten, denn nichts ist schö­ner, als am Regal ent­lang zu spa­zie­ren, Din­ge (wider) zu ent­de­cken, und sich an schö­ne Momen­te zu erin­nern. Mei­ne digi­ta­li­sier­ten CDs am Com­pu­ter durch­zu­ge­hen ist nicht das­sel­be.

  2. Ich digi­ta­li­sie­re nicht mal mei­ne CD-Samm­lung ! Strea­ming ist für mich nichts. Wenn man den Strea­ming-Ser­vice zu Ende denkt, dann kann man auf alle Live-Ver­an­stal­tun­gen ver­zich­ten. Schwups Net­flix ange­klickt und mal schnell die Oper X oder schnell das Kla­vier­quin­tett Y hören/ansehen. Ist ja alles so sim­pel und eben schnell, schnell …

    Ich glau­be wir müs­sen lang­sam mal wie­der ler­nen, dass Musik mit Räum­lich­kei­ten zu tun hat. Musik an die­sem Orte, und nur an die­sem Orte, schafft für das mensch­li­che Gehirn einen nach­hal­ti­ge­ren Ein­druck als das Ewig­ver­füg­ba­re in allen Umge­bun­gen. Kei­ner kann mir den Moment erset­zen, wenn ich nach meh­re­ren Tagen wie­der nach Hau­se kom­me, wobei ich in der Frem­de kei­ne mir lie­be Musik hören konn­te und vol­ler Sehn­sucht einer mei­ner CDs aus dem Regal her­aus­su­che – das ist ein Wie­der­se­hen, wie­der­hö­ren. Hal­lo, da bist Du ja mein gelieb­ter Brit­ten, mein Scar­lat­ti und, und, ich habe dich so ver­misst … Da wo mei­ne Musik ist, da ist mein zu Hau­se! Es gibt CDs im Regal, die ste­hen auf griff­be­rei­ter Höhe, ande­re ent­fer­nen sich etwas, wie­der ande­re ste­hen recht weit weg und war­ten gedul­dig, dass man sie mal wie­der von oben run­ter­holt – Musik ist Raum, und zwar kein vir­tu­el­ler.

    Die Musik ist groß gewor­den als die Basi­li­ka in der frü­hen Chris­ten­heit als Andachts­ort gedacht und geplant wur­de. Kurz dar­auf war jedem klar, dass die Musik in die­sen Andachts­or­ten klingt als hät­te sie Gott gemacht. Und dann ging es los mit den groß­ar­ti­gen Wer­ken – Auf­füh­rung stets im Raum und nicht auf frei­em Fel­de. Heu­te, ist Musik raum­los gewor­den, sie droht damit klei­ner zu wer­den. Da kann man die Kopf­hö­rer und Boxen für das gewöhn­li­che Ohr noch so hoch­schrau­ben – der Mensch will die Musik mit dem Raum, mit einem ver­trau­ten oder andachts­ar­ti­gen Raum hören. Mit mei­nen CDs schaf­fe ich eine mys­ti­sche Ver­bin­dung zu mei­nen häus­li­chen Raum und der mir lieb gewon­ne­nen Musik.

    Ach ja, im übri­gen, soll­ten Sie Ihre CD-Samm­lung tat­säch­lich auf­lö­sen und das all­ge­mei­ne Mas­sen-Cre­do der Cloud-Eupho­rie frö­nen (Indi­vi­dua­li­sie­rung durch CD-sam­meln ist sehr leicht), so mel­den Sie sich bei mir ;-) Gruß Hop­pe

  3. Hal­lo,
    Nach dem Tod mei­nes Vaters moech­te mei­ne Mut­ter sei­ne umfang­rei­che Samm­lung klas­si­scher und Jazz- CDs ver­kau­fen. Es han­delt sich um teil­wei­se sehr sel­te­ne Auf­nah­men, eine Bewer­tung ist fuer uns unmög­lich. Wer kann uns hier hel­fen? Wir sind dank­bar fuer jeden Tip.
    Vie­le Gru­es­se
    EK

Artikel kommentieren

Please enter your comment!
Please enter your name here