Axelrods Weinlese Beethoven als Bacchus

Wein rein, Musik raus: Die zwei „großen B“, Beethoven und Brahms, waren alles andere als Trunkverächter – bis zum gesundheitlichen Supergau.

Musik ist der Wein, der zu neu­en Erzeu­gun­gen begeis­tert, und ich bin der Bac­chus, der für die Men­schen die­sen herr­li­chen Wein kel­tert und sie geis­tes­trun­ken macht“, schreibt Lud­wig van Beet­ho­ven. Ein rot­wan­gi­ger, pum­me­li­ger und gesel­li­ger Beet­ho­ven ent­spricht nicht unse­rer Vor­stel­lung vom gro­ßen deut­schen Roman­ti­ker, den wir uns lie­ber als Tra­gi­ker mit zer­furch­ter Stirn denn als Komi­ker vor­stel­len. Beet­ho­vens Fami­li­en­er­fah­rung mit dem Trin­ken war tat­säch­lich eher tra­gisch: Die meis­ten His­to­ri­ker gehen davon aus, dass sein Vater schwe­rer Alko­ho­li­ker war. Nach dem Tod sei­ner Mut­ter – Beet­ho­ven war 17 – begann er selbst, gro­ße Men­gen Wein zu trin­ken. Dann setz­ten die ers­ten Sym­pto­me sei­nes Gehör­ver­lusts ein und wur­den immer schlim­mer, mit 27 war sein Zustand bereits dra­ma­tisch. Man sagt, dass er den Schmerz jede Nacht mit drei Fla­schen Fran­ken­wein betäub­te. Kein Wun­der, dass sei­ne Manu­skrip­te kaum les­bar sind.

Außer­dem traf er sich regel­mä­ßig zum Trin­ken mit Freun­den im Wirts­haus „Zum Wei­ßen Schwan“ in Wien. An den Cel­lis­ten Niko­laus Zmen­kall schreibt er: „Lass uns heu­te Abend um sie­ben im Schwan tref­fen und mehr von deren gräss­li­chem Rot­wein trin­ken.“ Dort gab es offen­bar einen sehr säu­re­hal­ti­gen, bil­li­gen Wein aus regio­na­len Trau­ben vom Fuße des Wie­ner Kah­len­bergs. Heu­te wer­den dort auschließ­lich inter­na­tio­na­le Sor­ten (Pinot Noir, Caber­net Sau­vi­gnon) und Hybri­de wie Blau­er Zwei­gelt, Blau­bur­gun­der und St. Lau­rent ange­baut.

Bei Beet­ho­ven fragt man sich schon, wel­chen Ein­fluss der Alko­hol auf sei­ne Musik hat­te“

Bei Beet­ho­ven fragt man sich schon, wel­chen Ein­fluss der Alko­hol auf sei­ne Musik hat­te, sei­ne Gesund­heit beein­träch­tig­te er in jedem Fall mas­siv. „Scha­de, scha­de, zu spät!“, sol­len sei­ne letz­ten Wor­te auf dem Ster­be­bett gewe­sen sein – gera­de woll­te man ihm zwölf Fla­schen exzel­len­ten Wein kre­den­zen! For­scher des Argon­ne Natio­nal Labo­ra­to­ry in Illi­nois konn­ten nach­wei­sen, dass es der Wein war, der den Kom­po­nis­ten am 26. März 1827 nie­der­streck­te: Vor drei Jah­ren bewies eine umfang­rei­che Ana­ly­se von Haar­pro­ben und der Rönt­gen­auf­nah­men von Beet­ho­vens Schä­del, dass der Kom­po­nis­ten­gi­gant an einer Blei­ver­gif­tung gestor­ben ist. Das Kil­ler-Blei kam sicher nicht vom Kau­en auf Blei­stif­ten, son­dern von der Tas­se, aus der Beet­ho­ven trank, und vom Wein selbst, der damals oft mit Blei gesüßt wur­de. Wie groß der Scha­den war, den das anrich­ten konn­te, war noch unbe­kannt.

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Beet­ho­ven war nicht der ers­te Wein­lieb­ha­ber der Musik­ge­schich­te. Auch Brahms hat­te ein aus­ge­präg­tes Trink­ver­hal­ten. Sei­ne Jugend­jah­re ver­brach­te er in Ham­burgs Hafen­bor­del­len, was sicher Ein­fluss auf sei­ne spä­te­ren Trink­ge­wohn­hei­ten nahm.

Ein­mal wur­de Brahms zum Abend­essen ein­ge­la­den, und der Gast­ge­ber, ein Wein­ken­ner, ent­kork­te eine sei­ner bes­ten Fla­schen mit den Wor­ten: „Das ist der Brahms unter mei­nen Wei­nen!“ Nach­dem der Genann­te einen Schluck pro­biert hat­te, gab er zurück: „Dann wür­de ich jetzt gern den Beet­ho­ven pro­bie­ren.“

Auch Brahms hat­te ein aus­ge­präg­tes Trink­ver­hal­ten“

Ganz im Sin­ne die­ser bei­den Säu­fer-Tita­nen wür­de ich Ihnen ger­ne den „Beet­ho­ven“ aus mei­nem Wein­kel­ler vor­stel­len, der alles musi­ka­li­sche und kuli­na­ri­sche Eli­te­den­ken mit einem Schluck weg­fegt. Schon das Eti­kett wird Sie zum Lachen brin­gen: „The Fat bas­tard“, ein preis­ge­krön­ter Caber­net Sau­vi­gnon aus dem fran­zö­si­schen Langue­doc-Rouss­il­lon. Er ist reich und kom­plex mit vie­len Gewürz­no­ten und deut­lich tan­nin­reich – per­fekt zum Gulasch in einer Wie­ner Kel­ler­schen­ke oder mit einem zünf­ti­gen Würst­chen à la Brahms.

Der Name des Weins ist angeb­lich so ent­stan­den: Als Win­zer Thier­ry Bou­dinaud das Ergeb­nis sei­nes neus­ten Expe­ri­ments degus­tier­te, soll er aus­ge­ru­fen haben: „Was für ein fet­ter Bas­tard!“ Eben ein außer­ge­wöhn­lich reich­hal­ti­ger und vol­ler Wein. Der Bac­chus unter den Wei­nen. Ja, viel­leicht der Beet­ho­ven unter den Wei­nen!

John Axel­rod ist Musi­cal Direc­tor des Real Orques­ta Sin­fó­ni­ca de Sevil­la und ers­ter Gast­di­ri­gent des Orches­tra Sin­fo­ni­ca di Mila­no „Giu­sep­pe Ver­di“. Neben­bei schreibt er Bücher und sorgt sich um das Wohl des cre­scen­do-Leser­gau­mens. Gera­de hat er einen neu­en eng­lisch­spra­chi­gen Blog zum The­ma Wein und Musik begon­nen: www.IamBacchus.com.
Den Wein „Fat bas­tard“ kön­nen Sie bei ver­schie­de­nen fran­zö­si­schen und bri­ti­schen Händ­lern bestel­len oder direkt unter: www.fatbastard.com.

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John Axelrod
John Axelrod ist Generalmusikdirektor und Geschäftsführer des Real Orquesta Sinfónica de Sevilla und erster Gastdirigent des Orchestra Sinfonica di Milano „Giuseppe Verdi“. Nebenbei schreibt er Bücher und sorgt sich um das Wohl des crescendo-Lesergaumens. Außerdem schreibt er einen englischsprachigen Blog zum Thema Wein und Musik: www.IamBacchus.com.

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