Herz­lich will­kom­men in einer neu­en Klas­sik-Woche! 

Ich freue mich, dass Sie den ers­ten News­let­ter „Brüg­ge­manns Klas­sik-Woche“ von CRESCENDO bekom­men: Neu­ig­kei­ten aus der Musik­welt, alle sie­ben Tage! Ant­wor­ten auf die Fra­gen „Was ist?“, „Was war?“ und „Was lohnt?“

Was ist?

Franz Wel­ser-Möst: Hat er Ambi­tio­nen auf den Wie­ner Musik­ver­ein?

Ste­cken wir denn bereits im Beet­ho­ven-Jahr? Über­all wird der 250. Geburts­tag des Kom­po­nis­ten geplant: Eine Fide­lio-Insze­nie­rung von Chris­toph Waltz in Wien, ein Spiel­film im ZDF, Mul­ti­me­dia-Expe­ri­men­te in Bonn, jedes Orches­ter und jeder Künst­ler schei­nen ein eige­nes, ganz beson­de­res Ständ­chen für 2020 zu pla­nen. Eine Flut von Beet­ho­ven-Büchern ist bereits geschrie­ben. Zu viel! In den USA haben die New York Phil­har­mo­nics ihr Beet­ho­ven-Pro­gramm gera­de auf drei Sym­pho­ni­en zusam­men­ge­stri­chen, um nicht in den zwei Sym­pho­nie-Zyklen der Car­ne­gie Hall unter­zu­ge­hen (hier wur­de just der Pos­ten des Prä­si­den­ten mit Hen­ry Timms neu besetzt). Ein biss­chen scheint es, dass wir bei all dem Ta-ta-ta-taaa bereits Anfang 2020 Beet­ho­ven-taub sein könn­ten.

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In der Beet­ho­ven-Stadt Bonn spielt sich der­weil ein absur­der Ver­tei­lungs­kampf ab: Der loka­le Sport­ver­band greift Beet­ho­ven-Orches­ter-Chef Dirk Kaf­tan an und for­dert weni­ger Sub­ven­tio­nen für die Musik. Für unse­ren neu­en, monat­li­chen CRESCENDO Pod­cast habe ich mich mit dem Diri­gen­ten über die­se Pos­se unter­hal­ten. Kaf­tan will wei­ter für „Tie­fen­kul­tur“ statt für „Hoch­kul­tur“ kämp­fen.

Bei „BTHVN2020“, so der ver­un­glück­te Name der Bon­ner Fes­ti­vi­tä­ten, geht es um Mil­lio­nen För­der­gel­der, die zwi­schen Nike Wag­ners Beet­ho­ven­fest und ande­ren Kul­tur­in­sti­tu­tio­nen ver­teilt wer­den. Die Prot­ago­nis­ten lie­gen sich in den Haa­ren und Poli­ti­ker schei­nen über­for­dert. Manu­el Brug hat sich das für die WELT ein­mal kri­tisch ange­schaut.

Auch in der Beet­ho­ven-Stadt Wien tobt ein Kul­tur­kampf – es geht um die Nach­fol­ge von Tho­mas Angyan, der 2020 sei­nen Job als Chef des Musik­ver­eins ver­lässt (oder ver­las­sen muss!). Elb­phil­har­mo­nie-Inten­dant Chris­toph Lie­ben-Seut­ter hat bereits abge­sagt. Gehan­delt wer­den Niko­laus Pont vom Baye­ri­schen Rund­funk und Ste­phan Geh­ma­cher (einst eben­falls beim BR und heu­te Chef der Phil­har­mo­nie Luxem­burg). Hin­ter vor­ge­hal­te­ner Hand kur­siert noch ein ande­rer Name: der Diri­gent Franz Wel­ser-Möst. Doch der demen­tiert nun gegen­über der Klas­sik-Woche. Er sei von „Bach­ler, Rabl-Stad­ler, Holen­der, und, und“ drauf ange­spro­chen wor­den, erklärt aber: „Ich habe mich nicht bewor­ben und habe kein Inter­es­se , das Pult gegen einen Schreib­tisch ein­zu­tau­schen. Das Gerücht wur­de sehr stark im Restau­rant SOLE von des­sen Besit­zer ver­brei­tet. Echt Wien halt.…-:)“ (Der Bei­trag wur­de am 20.2.2019 geän­dert. In einer vori­gen Ver­si­on hat­ten wir noch spe­ku­liert, dass auch Wel­ser-Möst im Ren­nen sei.)  

Der größ­te Kra­cher der Woche hat eben­falls mit einem Diri­gen­ten zu tun: Das Van-Maga­zin wirft Dani­el Baren­bo­im auto­kra­ti­sche Wut­aus­brü­che und dik­ta­to­ri­sche Metho­den an der Staats­ka­pel­le Ber­lin vor. Mir wür­den da min­des­tens 10 wei­te­re Diri­gen­ten ein­fal­len, eben­so wie 10 Chef­re­dak­teu­re oder Chef­ärz­te! War­um sind Orches­ter, Betriebs­rä­te und Poli­ti­ker nicht stark genug, um der­ar­ti­ge Aus­fäl­le zu sank­tio­nie­ren? Es ist das Sys­tem, das Macht und Will­kür noch immer Hand in Hand gehen lässt. Des­halb ein wich­ti­ger Text, der zu Umstruk­tu­rie­run­gen ein­lädt.

Was war?

Peaches mit den „Sie­ben Tod­sün­den“ in Stutt­gart.

Auf­re­gen­de Woche an der Wie­ner Staats­oper: Zunächst gelang dem Diri­gen­ten Axel Kober ganz ohne Pro­be (wie kann man so pla­nen?) eine groß­ar­ti­ge Wie­der­auf­nah­me von Strauss‘ Ara­bel­la (mit Emi­ly Magee, Chen Reiss, Tho­mas Konie­cz­ny, Dani­el Beh­le u. a.), dann gab Pio­tr Becza­la sein gefei­er­tes Rol­len­de­büt als Cava­ra­dos­si. Allein die Pre­mie­re von Lucia di Lam­mer­moor flopp­te am Sams­tag. Peter Jaro­lin schreibt in sei­ner „Kurier“-Nachtkritik, dass die alt­ba­cke­ne Regie von Lau­rent Pel­ly lang­weil­te, Olga Peret­yat­ko Mühe mit der Titel­rol­le hat­te und Diri­gent Eve­li­no Pidò „bra­chi­al“ und „laut“ war. Ein­zig Juan Die­go Fló­r­ez konn­te über­zeu­gen. So klingt ein Total­ver­riss!

Gespal­ten wur­de Bar­rie Kos­kys La Bohè­me in Ber­lin auf­ge­nom­men: Eine „ver­stö­ren­de Insze­nie­rung“, die Mimis Leben als extre­me Selbstent­äu­ße­rung zeigt, schreibt Vol­ker Blech in der Mor­gen­post, und Niko­laus Hab­lüt­zel fin­det in der taz: „Kos­ky hat Puc­ci­ni wört­lich genom­men“ (Must-Read die­ser Woche das Kos­ky-Inter­view mit Det­lef Bran­den­burg in der Deut­schen Büh­ne). In Stutt­gart hat sich die Elec­tro-Clash Künst­le­rin Peaches die Sie­ben Tod­sün­den vor­ge­nom­men. Eine eklek­ti­zis­ti­sche Revue, die das Publi­kum begeis­ter­te, fin­det Andrea Kachel­rieß in der Stutt­gar­ter Zei­tung, für Wieb­ke Hüs­ter von der FAZ eine eher pro­vin­zi­el­le Vor­stel­lung: „Ein Thea­ter­b­art bleibt ein Bart, auch wenn er vor der Muschi hängt und nicht im Gesicht.“ Zu wenig Geis­ter­bahn steck­te für Peter von Becker in der Oper Elfi, einer Mord­ge­schich­te nach einem Text von Tank­red Dorst, den Wolf­gang Böh­mer nun in Musik gegos­sen und Regis­seur Mar­tin G.Berger auf die Büh­ne der Neu­köll­ner Oper geholt hat. Mit­hil­fe von künst­li­cher Intel­li­genz hat der Han­dy-Her­stel­ler Hua­wei Schu­berts Unvoll­ende­te in Lon­don voll­endet – mit, nun ja: küh­lem Fina­le.

An der Münch­ner Musik­hoch­schu­le geriet ein Auf­tritt des Cel­lis­ten und AfD-Mit­glieds  Mat­thi­as Moos­dorf aus den Fugen, als Kom­po­nist Moritz Eggert mit sei­nen Freun­den gegen das Gast­spiel demons­trier­te (Zwi­schen­ru­fe: „Applaus von rechts!“). Seit­her tobt der Krieg um Deu­tungs­ho­heit: Eggert nimmt für sich nicht weni­ger als die abso­lu­te Wahr­heit in Anspruch und Moos­dorf das Gekränkt­sein – wie­so soll­ten Debat­ten in der Musik anders ver­lau­fen als in der Poli­tik?    

Eine Anti-Baren­bo­im, die mit purer Lei­den­schaft ver­bun­den wird, ist die Diri­gen­tin Alon­dra de la Par­ra. So wie ande­re Diri­gen­ten bringt sie eben­falls gern einen Assis­ten­ten mit zu Pro­ben – der aller­dings küm­mert sich nicht um die Musik, son­dern um den Soci­al-Media-Account der Diri­gen­tin. In Orches­tern heißt es, dass eben­so viel Zeit für Insta­gram wie für die musi­ka­li­sche Arbeit anfällt. Auf Hoch­glanz poliert war auch die den­noch sehr sehens­wer­te Doku über La Maes­tro von Chris­ti­an Ber­ger, die nun in der arte-Media­thek zu sehen ist.

Wäh­rend Simon Ratt­le die Wal­kü­re in Mün­chen kon­zer­tant und eher atem­los rup­pig auf­führ­te, gin­gen die Bay­reu­ther Fest­spie­le mit der Wal­kü­re auf Gast­spiel­rei­se nach Abu Dha­bi – Oper als Kul­tur­ex­port. Für mich eine Fra­ge der Tole­ranz, für Jan Brach­mann von der FAZ eine der Eman­zi­pa­ti­on

Was lohnt?

Sil­ke Aich­horn legt mit „Lebens­läng­lich froh­lo­cken“ ein amü­san­tes Buch vor.

So eine Har­fe kann ein zicki­ges Instru­ment sein – aber lan­ge nicht so zickig wie jene Men­schen, die eine Har­fe­nis­tin buchen: auf­ge­don­ner­te Unter­neh­me­rin­nen, gockel­haf­te Medi­zi­ner, ver­peil­te Hotel­mit­ar­bei­ter, latei­nisch spre­chen­de Haus­meis­ter, trau­ri­ge Hoch­zeits­ge­sell­schaf­ten und schal­lend lachen­de Trau­er­ge­mein­den – und natür­lich der Papst. Durch die­ses Publi­kums-Pan­op­ti­kum rollt Sil­ke Aich­horn ihre Har­fe, und dar­über hat sie nun das amü­san­te Buch „Lebens­läng­lich froh­lo­cken“ geschrie­ben (aus dem sie in unse­rem Pod­cast exklu­siv liest). Wer Aich­horns Geschich­ten liest, lernt viel über den All­tag eines selbst­stän­di­gen Musi­kers, über Musik­lieb­ha­ber, vor allen Din­gen aber dar­über, wie aben­teu­er­lich das Leben sein kann, wenn man ohne Dün­kel musi­ziert. Ein Muss nicht nur für Har­fen-Freaks, son­dern für jeden, der an die Mensch­lich­keit der Musik glau­ben will.

Ansons­ten lohnt sich ein Blick auf das neue Video, das mein Kol­le­ge Mario Vogt mit dem Pia­nis­ten Alex­an­der Kri­chel geführt hat. Es geht nicht um Beet­ho­ven, son­dern um sein neu­es Album, um Mozart, Rach­ma­ni­now und sei­ne Groß­mutter.

Ich hof­fe, der neue News­let­ter hat Sie gut infor­miert? Dann emp­feh­len Sie ihn gern wei­ter, eben­so wie unse­ren neu­en monat­li­chen Pod­cast. Ansons­ten: Hal­ten Sie die Ohren steif.  

Ihr

Axel Brüg­ge­mann

PS: Ich freue mich über Ihre Kri­tik und Ihre Mei­nung und lade Sie gern ein, Ihre High­lights mit mir zu tei­len. Schrei­ben Sie mir unter: brueggemann@crescendo.de

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Axel Brüggemann
Axel Brüggemann glaubt, dass Musik das Leben verändern kann. Darüber hat er zunächst bei der WELT am SONNTAG geschrieben, bei der er auch Textchef war. Später schrieb er für die FAS und die Jüdische Allgemeine. Heute ist der ehemalige crescendo-Chefredakteur hauptsächlich fürs Fernsehen tätig: für arte, ZDF und SKY. Für seine Bayreuth-Moderationen wurde er für den Grimme-Preis nominiert. Brüggemanns Dokumentarfilme suchen stets nach dem Zusammenhang von Musik und Mensch.

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