Weltmusik: Multikulturelle Klangvisionen oder durchkommerzialisierte, zusammengepanschte Pseudofolklore?

Ich has­se Welt­mu­sik.“ So brach­te es David Byr­ne in der New York Times 1999 auf dem Punkt. Ent­täuscht war der Musi­ker, den man wegen sei­ner Eth­no-Pro­jek­te und sei­nes Labels Lua­ka Bop „Mis­ter Welt­mu­sik“ nann­te, nicht von sei­nen Künst­lern, son­dern vom Gen­re selbst, das ihm wie eine Mogel­pa­ckung erschien. Ein Cross­over der Tra­di­tio­nen, ein musi­ka­li­scher Aller­welts­brei ohne Gesicht, der aller­dings einen Nerv traf: die Sehn­sucht nach Exo­tis­mus, Spi­ri­tua­li­tät und para­die­si­scher Unbe­rührt­heit. „Man glaub­te, in der Welt­mu­sik eine Welt zu ent­de­cken, die viel bun­ter, krea­ti­ver und kul­tur­ver­bun­de­ner ist als die uns­ri­ge west­li­che, kapi­ta­lis­ti­sche Gesell­schaft“, sag­te Jay Rut­ledge vom Label Outhe­re Records. Und saß der ers­ten Selbst­täu­schung auf. Denn mit die­sem „biss­chen Urlaub“ las­sen sich bes­te Geschäf­te machen. Kapi­ta­lis­mus pur.

Alles begann in den 1980ern: Paul Simon pro­du­zier­te in Süd­afri­ka mit loka­len Musi­kern sein Pop-Eth­no-Fusi­on Album „Grace­land“, und Peter Gabri­el nahm den sene­ga­le­si­schen Sän­ger Yous­sou N’Dour mit auf Tour. Exo­ti­sche Klän­ge kamen da zusam­men, die, ein­ge­bet­tet in moder­ner Ambi­ent-Elek­tro­nik oder auf­ge­motzt mit Club-Beats, her­un­ter­ge­dimmt wur­den auf den west­li­chen Geschmack. Und mit Kitsch-Polit-Bot­schaf­ten wie der der „völ­ker­ver­bin­den­den Kraft der Musik“ ver­mark­tet wur­den. Hier­zu­lan­de woll­te man dar­an glau­ben, und es mach­te auch nichts aus, wenn man die gesun­ge­ne Spra­che nicht ver­stand. Anders als in Eng­land, wo sich der kuba­ni­sche Buena Vis­ta Soci­al Club – übri­gens eine der bes­ten Pro­duk­tio­nen des Gen­res – nicht gut ver­kauf­te. Eupho­ri­siert von dem Gefühl, in ent­fern­te Kul­tur­krei­se schwei­fen zu dür­fen, über­hör­te man die oft gerin­ge künst­le­ri­sche Sub­stanz. Jede Kri­tik an die­ser Pseu­do­folk­lo­re wäre in Deutsch­land ohne­hin reflex­haft als „frem­den­feind­lich“ zurück­ge­wie­sen wor­den, da man mit der eige­nen Iden­ti­tät hader­te und sich noch nicht von der Bür­de der xeno­pho­ben NS-Dik­ta­tur befreit hat­te – inklu­si­ve schlech­ten Gewis­sens. Die Stam­mes­ge­sän­ge der Sioux oder kreo­li­sche Klän­ge haben mehr gesell­schaft­li­che Akzep­tanz als die Blä­ser-Marsch­rhyth­men einer Dort­mun­der Berg­manns­ka­pel­le, die Opa so lieb­te. Über die Qua­li­tät der Musik sagt dies nichts aus.

Der musi­ka­li­sche Aller­welts­brei traf den Nerv: die Sehn­sucht nach Exo­tis­mus, Spi­ri­tua­li­tät und para­die­si­scher ­Unbe­rührt­heit“

2000 grün­de­te Yo-Yo Ma das Silk Road Pro­ject mit Musi­kern aus Asi­en, Afri­ka und Euro­pa. „Tra­di­tio­nen aus aller Welt“ wol­le er ver­ei­nen, „auf der Suche nach einer Spra­che, wie sie der glo­ba­len Gesell­schaft unse­res 21. Jahr­hun­derts ent­spricht“. Vage Sät­ze, wie sie viel­fach über Pro­jek­ten die­ser Art ste­hen. Wie bei den Reli­gio­nen geht es auch hier wie im Super­markt zu. Man bedie­ne sich aus jedem Regal und mixe sich ein Menü aus dem „Musik­mu­se­um der Erde“ (Karl­heinz Stock­hau­sen). „Was ihr da mit unse­rer Musik macht, das ist nicht rein, das ist nicht echt. Kul­tu­rel­ler Tou­ris­mus ist das!“ warf man Yo-Yo Ma vor. Zu Recht.

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Ja, die Musik­ge­schich­te ist vol­ler mul­ti­kul­tu­rel­ler Expe­ri­men­te: Mozart moch­te tür­ki­sche Jani­tscha­ren­mu­sik, Debus­sy Game­lan-Klän­ge, Szy­ma­now­ski per­si­sche Mys­ti­ker. Johann Sebas­ti­an Bach kom­po­nier­te im ita­lie­ni­schen, eng­li­schen und fran­zö­si­schen Stil. Doch es ging ihnen nicht um Befind­lich­kei­ten oder Frie­dens­bot­schaf­ten, son­dern um Klang­vi­sio­nen, ein­ge­bun­den in stren­ge kom­po­si­to­ri­sche Struk­tu­ren.

Inter­es­sant, wenn in Deutsch­land die Saz, die tür­ki­sche Lang­hals­lau­te, zum „Instru­ment des Jah­res“ wird und Kin­der das Spiel der afri­ka­ni­schen Djem­bé-Trom­mel erler­nen. In mei­ner kolum­bia­ni­schen Hei­mat ras­sel­ten wir aller­dings nicht mit den Mara­cas, son­dern san­gen die Zigeu­ner­lie­der op. 103 von Brahms, die die­ser wohl heu­te umbe­nen­nen müss­te. Doch das soll hier nicht das The­ma sein.

Und was soll’s? Schließ­lich pro­fi­tier­ten alle von der Welt­mu­sik. Die Labels mit ihren Künst­lern, die in ihrer Hei­mat – sei es in Mali, Maze­do­ni­en oder auf den Kap­ver­den – nie­mals so vie­le CDs ver­kauft hät­ten. Wäh­rend ihre Fans, die „wur­zel­lo­sen Kos­mo­po­li­ten der Mit­tel­klas­se in der überentwickelten Welt“, wie Joe Boyd von Han­ni­bal Records es ana­ly­sier­te, ein Refu­gi­um in ihrer Musik such­ten, fan­den vie­le Welt­mu­si­ker aus­ge­rech­net in Deutsch­land ihre Hei­mat. Sie wer­den wis­sen, war­um.

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Teresa Pieschacón Raphael
„Bis zum Lorbeer versteig' ich mich nicht. G'fallen sollen meine Sachen!“ (J. N. Nestroy) findet Teresa Pieschacón Raphael. Sie hält es mit J. Pulitzers Devise: „Schreibe kurz – und sie werden es lesen. Schreibe klar – und sie werden es verstehen. Schreibe bildhaft – und sie werden es im Gedächtnis behalten.“ In Bogotá wuchs sie auf, in Tübingen und Wien studierte die Enkelin des Komponisten Günter Raphael (1903–1960) Musikwissenschaft und Philosophie und verfiel dem Journalismus. Sie lebt heute als freie Musik- und Kulturpublizistin in München. Ihre Reportagen, Interviews und Konzertprogrammhefte erscheinen in unterschiedlichsten Medien: vom ARTE Magazin bis zur Vogue, von Brigitte bis zur Wirtschaftswoche, vom Dortmunder Konzerthaus bis zu den Salzburger Festspielen… und seit über zehn Jahren bei crescendo.

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