Aus Musik ent­steht Stil­le, und zuwei­len wird die Stil­le selbst zur Musik. Eine sol­che Stil­le zu errei­chen, ist mein Traum“, for­mu­lier­te der geor­gi­sche Kom­po­nist Giya Kan­che­li (Foto oben: © Mar­ty­nas Siru­s­as /ECM Records) sein künst­le­ri­sches Cre­do. Die Stil­le wur­de zum tra­gen­den Moment in Kan­che­lis Werk. Aus der Stil­le erhebt sich der Klang, lang­sam fast sta­tisch, gleich­sam einem geheim­nis­vol­len Ritu­al fol­gend. Es ist das Klang­bild der Welt, das aus der Stil­le gebo­ren wird. „Kan­che­lis Sin­fo­ni­en las­sen uns in rela­tiv kur­zer Zeit ein gan­zes Leben, ja eine gan­ze Geschichts­epo­che durch­le­ben“, erklär­te der rus­si­sche Kom­po­nist Alfred Schnitt­ke.

1935 in Tbi­lis­si gebo­ren, wand­te sich Kan­che­li zunächst der Geo­lo­gie zu, ehe er von 1959 bis 1963 am Kon­ser­va­to­ri­um unter Ilja Tus­ki­ja Kom­po­si­ti­on stu­dier­te. Er sam­mel­te Erfah­run­gen als Film­mu­si­ker und schloss sich moder­nen Thea­ter­künst­lern an. Ab 1966 arbei­te­te er mit Robert Sturua, dem Chef­re­gis­seur am Rusta­we­li-Thea­ter, in Tbi­lis­si zusam­men, zu des­sen berühm­ten Shake­speare-Insze­nie­run­gen er die Büh­nen­mu­sik schrieb. Vor dem Hin­ter­grund von Chruscht­schows Tau­wet­ter­pe­ri­ode, wäh­rend der sich ein all­ge­mei­ner Auf­schwung des kul­tu­rel­len Lebens voll­zog, taten sich Sturua und Kan­che­li als Neue­rer her­vor. Mit Ele­men­ten unter­schied­li­cher Sti­le, Gat­tun­gen und Epo­chen, die inner­halb eines Werks nicht ver­ein­bar schie­nen, such­ten sie den Zuschau­er zu einer neu­en Sicht auf die Rea­li­tät zu bewe­gen. Sie gal­ten als Ver­tre­ter der geor­gi­schen Künst­ler­be­we­gung der „Sech­zi­ger“, die von dem Schrift­stel­ler Nodar Dum­bad­se als „Klei­ne Renais­sance“ gefei­ert wur­de. Ihr gehör­te auch der Diri­gent Djan­sug Kak­hid­ze an, der in Geor­gi­en alle Kom­po­si­tio­nen Kan­che­lis, ein­schließ­lich sei­ner Oper Musik für die Leben­den aus dem Jahr 1984, diri­gier­te.

ANZEIGE



Giya Kancheli mit dem Geiger Gidon Kremer 
(Foto: © Universal Music)

In die­sen Kom­po­si­tio­nen, deren Zen­trum die von 1967 bis 1986 ent­stan­de­nen sie­ben Sin­fo­ni­en bil­den, ver­band Kan­che­li die jahr­hun­der­te­al­ten Tra­di­tio­nen der geor­gi­schen Volks­mu­sik mit Ele­men­ten moder­ner west­li­cher Kunst­mu­sik, was ihm von der sowje­ti­schen Kul­tur­kri­tik die Beschimp­fung als „eklek­ti­scher Alles­ver­wer­ter“ ein­trug. Tat­säch­lich ent­wi­ckel­te Kan­che­li aus der Kol­li­si­on von Sti­len der Ver­gan­gen­heit und Gegen­wart ein indi­vi­du­el­les, eigen­stän­di­ges Kon­zept. Die Beson­der­heit der mehr­stim­mi­gen Gesän­ge Geor­gi­ens, deren „geheim­nis­vol­ler Geist“ Kan­che­li fas­zi­nier­te, liegt dar­in, dass zwei gegen­sätz­li­che musi­ka­li­sche Prin­zi­pi­en mit­ein­an­der ver­bun­den sind, die Ent­fal­tung moda­ler Melo­di­en in der hori­zon­ta­len Ebe­ne und die Koor­di­na­ti­on meh­re­rer Stim­men in der ver­ti­ka­len Ebe­ne. Auf die­ser Kom­ple­xi­tät bau­te Kan­che­li sein kom­po­si­to­ri­sches Kon­zept auf, das im Lau­fe der Jah­re zu immer grö­ße­rer Ein­fach­heit führ­te. „Von Werk zu Werk“, so erläu­ter­te er, „wird mei­ne Musik­spra­che ein­fa­cher.“

Giya Kancheli mit der Geigerin Patricia 
Kopatchinskaja und dem Geiger Gidon Kremer
(Foto: © Martynas Sirusas / ECM Records)

1991 wur­de Kan­che­li vom Deut­schen Aka­de­mi­schen Aus­tausch­dienst für ein Jahr nach Ber­lin ein­ge­la­den, wo er bis 1995 blieb. Anschlie­ßend ging er nach Ant­wer­pen. Dass er sei­ne Hei­mat aus­ge­rech­net in jener Zeit ver­ließ, als sie von eth­ni­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen zer­ris­sen wur­de und in einen hoff­nungs­lo­sen Bür­ger­krieg ver­sank, blieb als bio­gra­fi­scher Riss unheil­bar. „Die Gedan­ken an mein Land ver­las­sen mich nicht“, schrieb er 1994 in einem Brief an Alfred Schnitt­ke. „Es ist sehr schlecht, wenn die Lie­be zum Vater­land zum Beruf wird.“ Mit einem neu­en Typus von Werk, den er zunächst als „Gebe­te“ bezeich­ne­te, such­te er das Exil zu bewäl­ti­gen und die Ver­bin­dun­gen zu sei­ner Hei­mat auf­recht­zu­er­hal­ten. Trau­er­far­be­nes Land, der Titel sei­nes Werks aus dem Jahr 1994, erin­ner­te an Alex­an­der Pusch­kins ahnungs­voll-medi­ta­ti­ves Gedicht Auf den Hügeln Geor­gi­ens liegt nächt­li­ches Dun­kel: „Schmerz um Ver­gan­ge­nes und Gegen­wär­ti­ges, Schmerz um Dahin­ge­gan­ge­ne und Leben­de, Schmerz um Lei­den­de und Unglück­li­che“ – in die­sen Qua­len such­te Kan­che­li „den Weg zur Hoff­nung und zu erha­be­ner Schön­heit“. 1995 folg­te der Vokal­zy­klus Exil für Sopran, Instru­men­te und Ton­band, aber­mals eine Aus­ein­an­der­set­zung mit den Erfah­run­gen der Ent­wur­ze­lung und der Fremd­heit.

Am 2. Okto­ber 2019 starb Giya Kan­che­li im Alter von 84 Jah­ren in Tbi­lis­si.

Zu den CD-Auf­nah­men mit Giya Kan­che­lis Musik: www.ecmrecords.com

Vorheriger ArtikelLeidenschaftliche Improvisationskunst
Nächster ArtikelDarstellung des Menschlichen
Ruth Renée Reif
Das „flüchtige Ereignis“ in crescendo anzukündigen, ist die Aufgabe von Ruth Renée Reif: Als Erleben-Redakteurin spürt sie mit detektivischem Eifer packende, hören- und sehenswerte Veranstaltungen für uns auf. Ruth Renée Reif studierte in Wien Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte und ist seit 1987 in München als freie Journalistin und Publizistin tätig. Zu ihren Veröffentlichungen zählen eine Biografie über die Sängerin Karan Armstrong, ein historisches Porträt der Stuttgarter Philharmoniker sowie zahlreiche Gespräche mit Musikern, Schriftstellern und Philosophen.

Artikel kommentieren

Please enter your comment!
Please enter your name here