Wenn Stimmen uns wieder berühren – und nicht die Hände!

Klassikwoche 40/2019

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Willkommen in der neuen Klassik-Woche,

dieses Mal leider schon wieder mit fehlgeleiteten Künstler-Händen, aber auch mit vokalen Berührungen! Dazu einige großartige Premieren und spannende Debatten. 

WAS IST

Sagen Sie jetzt nichts, und genießen Sie einfach den Anzug, den Yannick Nézet-Séguin auf seinem Instagram-Profil ausführt! 

DER ANZUG SITZT! 

Verweilen Sie einfach einen Moment auf diesem Bild, bevor es gleich wieder hässlich wird, genießen Sie den Anzug, bevor es gleich wieder unter die Gürtellinie geht! Auch im Sinne der Gleichberechtigung ist es doch mal ganz schön, wenn Männer auf dem roten Teppich auffallen – so wie hier MET-Chefdirigent Yannick Nézet-Séguin. Ein Hingucker auf Instagram!

WANN HÖRT DAS ENDLICH AUF? 

Anfang letzter Woche verkündete MET-Intendant Peter Gelb noch: „Warum ich an der Seite von Domingo stehe.“ Doch die Woche wurde turbulent: Plácido Domingo erschien zwar zu den Macbeth-Proben mit Anna Netrebko, und die drückte ihm ihre Solidarität aus (ebenso wie Olga Borodina: „Lieber Plácido! Die Welt wird verrückt!“). Aber Protest kam dieses Mal (wir haben berichtet) aus dem Opernchor. Schließlich fand man in New York eine Lösung, die Beobachter nun auch für Los Angeles erwarten: Domingo selber hat seinen Auftritt und alle weiteren Vorstellungen an der MET abgesagt, die Vorwürfe aber erneut zurückgewiesen. Aus der MET hat derweil jemand den inoffiziellen Abschied Domingos auf YouTube gestellt: einen Mitschnitt seiner Macbeth-Probe

Wer dachte, dass es das nun war, hat sich allerdings geirrt. Mitten im Domingo-Hick-Hack berichtete das britische Boulevardblatt Sun, dass der italienische Tenor Vittorio Grigòlo von einem Japan-Gastspiel des Opernhauses Covent Garden suspendiert wurde. Grigòlo soll eine Chorsängerin auf offener Bühne unsittlich berührt haben. Absurd, dass Grigòlo sich vor einiger Zeit in einem Interview noch spaßeshalber als sexsüchtig beschrieb, und aus den aktuellen Debatten offensichtlich nichts gelernt hat. Auf seinem Instagram-Account dankte er noch einige Tage lang dem Publikum in Tokio. Erst viel später erklärte er, dass er lediglich den als Kostüm umgebundenen, schwangeren Bauch einer Chorsängerin berührt habe. Dieses Mal reagierte aber Peter Gelb im fernen Amerika sofort und gab bekannt, dass Grigòlo nicht länger an der MET auftreten werde – bis die Untersuchungen in London abgeschlossen seien. Kein Wunder, dass Gelb mit diesem Hin und Her, das bereits mit der stillschweigenden Einigung mit James Levine begonnen hatte, nun selber unter Beschuss steht. Aber was ist eigentlich mit Daniel Barenboim und den Neuigkeiten der letzten Woche, mit der Aussage einer Mitarbeiterin, die erklärte, wie der Dirigent sie geschüttelt und beschimpft habe? – Ach ja: Barenboim wurde mit dem Konrad-Adenauer-Preis der Stadt Köln ausgezeichnet. Das alles verstehe, wer wolle!

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Sharon Kams Debütalbum bei ORFEO 

Die gefeierte Klarinettistin Sharon Kam präsentiert gemeinsam mit ihrem Bruder Ori Kam und dem Pianisten Matan Porat ein kontrastreiches Programm mit Bartók, Schumann, Mozart, Brahms und Rechtmann.

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ECHTE STIMM-EROTIK

Wie schön ist bei all diesen Nachrichten die Erkenntnis, dass man als Sänger die Hände eigentlich vollkommen bei sich lassen kann, da die Stimme mindestens so berührend sein kann! So jedenfalls steht es im sehr lesenswerten Text über die Macht der Stimme von Andrea Köhler in der NZZ: „Denn die Erotik der Stimme ist immer auch an ihre Materialität gebunden. Selbst wenn sie wie etwa beim Telefonieren vom Körper abgelöst scheint, haftet ihr etwas Physisches an: Wir hören den Atem des andern direkt am Ohr. Die geliebte Stimme im Telefonhörer – das war vor der Karriere des Sexting noch der Inbegriff von erotischer Intimität.

MEHR FRAUEN, BITTE!

Kommunale Opernhäuser sind in ihrer jetzigen Form nicht zukunftsfähig – und benachteiligen weibliche Komponistinnen. Das war das Ergebnis einer WDR 3-Diskussion in der Oper Wuppertal. Nun ist die Veranstaltung mit Anna Chernomordik, Muchtar Al Ghusain, Nele Freudenberger, Elena Mendoza, Moritz Eggert und Berthold Schneider nachzuhören. Eggert glaubt, dass die Frauenfrage bereits offener wäre, wenn mehr Neue Musik gespielt werde, und auch seine Kollegin Elena Mendoza plädiert für eine Quote für Uraufführungen. 

WAS WAR

Wagners „Ring“ in Minden – ein großer Erfolg im kleinen Haus

CLEVELAND ORCHESTRA RECHNET AB

Das Cleveland Orchestra von Franz Welser-Möst hat nachrechnen lassen – vielleicht auch, weil die Kultur im Trump-Land nicht mehr als gesellschaftliche Größe geläufig ist. Doch eine Wirtschafts-Firma hat vorgerechnet, dass allein wegen des Orchesters 135,4 Millionen Dollar im Nordosten von Ohio umgesetzt werden – ganz abgesehen davon, dass 1.292 Jobs um das Orchester herum entstanden sind, Einkommen von über 60,8 Millionen Dollar jährlich, die besonders in der Hotel‑, Restaurant- und Reise-Branche erwirtschaftet werden. Ich finde, wir brauchen viel mehr dieser Rechnungen! 

GUNDULA JANOWITZ ERHÄLT HUGO-WOLF-MEDAILLE

Die achte Preisträgerin der Hugo-Wolf-Medaille steht fest. Es ist die österreichische Stimm-Legende Gundula Janowitz. Die Verleihung findet am Sonntag, den 6. Oktober, um 11:00 Uhr in der Stuttgarter Oper statt. Dabei treten Juliane Banse (Sopran), Benjamin Appl (Bariton) sowie der Träger der Hugo-Wolf-Medaille 2017, Wolfram Rieger, am Klavier auf.

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AUF UNSEREN BÜHNEN

Das Theater Hof hat Philip Glass‘ Oper In der Strafkolonie aufgeführt – und die nmz ist begeistert: „Verstörungspotenzial enthält diese Arbeit des Regisseurs Lothar Krause und des Dirigenten Clemens Mohr reichlich: Die Positionen des seine Impulse zum affektiven Eingreifen unterdrückenden Besucher aus Europa, des sich selbst den Torturen der Tötungsmaschine ausliefernden Offiziers und des hier nicht stummen überlebenden Verurteilten werden in schlichter Konkretheit sinnfällig.“ +++ Minden spielt den kompletten Ring des Nibelungen  – und Josef Oehrlein fragt in der FAZ, was auch wir schon beim grandiosen Oldenburger Ring gefragt haben: „Geht das?“ Seine Antwort fällt klar aus: „Der Regisseur Gerd Heinz hat die schwierigen räumlichen Verhältnisse als Chance begriffen, besonders tief in das Innere der einzelnen Werke der Tetralogie vorzudringen.“ +++ Wagner gab es auch in Köln: Patrick Kinmonth zeige Tristan und Isolde „als Parallelaktion. Der treue Gesandte König Markes und die dem König gewaltsam bestimmte Braut kreuzen gemeinsam die Irische See, aber ihre Lebensschicksalslinien werden sich erst im Unendlichen schneiden“, schreibt Patrick Bahners und ist eher fasziniert von François-Xavier Roths Dirigat.  +++ An dieser Stelle haben wir schon öfter auf die Debatte hingewiesen, was klassische Musik gegen den Klimawandel tun kann – nun stellt auch der European Music Council diese Frage.   

PERSONALIEN DER WOCHE

Der Jazz-Klarinettist Rolf Kühn ist 90 Jahre alt geworden – im Tagesspiegel gratuliert ihm Gregor Dotzauer. +++ Der „Hüter der Wiener Musiziertradition“, Paul Badura-Skoda, ist im Alter von 91 Jahren in Wien gestorben – die Presse ruft ihm nach. +++ Interviews gibt Martha Argerich eigentlich nie – und auch das, was Hans Jörg Jans zu Papier gebracht hat, ist kein Interview im klassischen Sinne – aber der lesenswerte Bericht seines Austausches mit dieser Ausnahmepianistin. 

WAS LOHNT

Am 17. Oktober in der CRESCENDO-Redaktion: Vernissage mit Rafael Schölermann

Was lohnt, findet dieses Mal am 17. Oktober um 19:00 in den Räumen von CRESCENDO statt – wir laden zum After-Work-Apéro mit den Bildern von Rafael Schölermann. Sie wollen dabei sein? Dann melden Sie sich einfach hier an. Schölermann stammt aus der kanadischen Künstlerfamilie de Grandmaison, sein Großvater Nicholas war ein bekannter Porträtmaler. Schölermann studierte zunächst Musik und arbeitete als freischaffender Musiker und Komponist. In seiner Serie „Waterworks“ zeigt er Fotografien, bei denen die Realität der Auslöser für die Bildfindung ist. Indem er mit der traditionellen Erwartung an Fotografie, der Abbildtreue, bricht, öffnen sich Freiräume für eine malerische Auffassung. 

In diesem Sinne, halten Sie die Ohren steif

Ihr

Axel Brüggemann

[email protected]

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Axel Brüggemann
Axel Brüggemann glaubt, dass Musik das Leben verändern kann. Darüber hat er zunächst bei der WELT am SONNTAG geschrieben, bei der er auch Textchef war. Später schrieb er für die FAS und die Jüdische Allgemeine. Heute ist der ehemalige crescendo-Chefredakteur hauptsächlich fürs Fernsehen tätig: für arte, ZDF und SKY. Für seine Bayreuth-Moderationen wurde er für den Grimme-Preis nominiert. Brüggemanns Dokumentarfilme suchen stets nach dem Zusammenhang von Musik und Mensch.

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