Willkommen in der neuen Klassik-Woche,

die­ses Mal lei­der schon wie­der mit fehl­ge­lei­te­ten Künst­ler-Hän­den, aber auch mit voka­len Berüh­run­gen! Dazu eini­ge groß­ar­ti­ge Pre­mie­ren und span­nen­de Debat­ten.

WAS IST

Sagen Sie jetzt nichts, und genie­ßen Sie ein­fach den Anzug, den Yan­nick Nézet-Ségu­in auf sei­nem Insta­gram-Pro­fil aus­führt!

DER ANZUG SITZT

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Ver­wei­len Sie ein­fach einen Moment auf die­sem Bild, bevor es gleich wie­der häss­lich wird, genie­ßen Sie den Anzug, bevor es gleich wie­der unter die Gür­tel­li­nie geht! Auch im Sin­ne der Gleich­be­rech­ti­gung ist es doch mal ganz schön, wenn Män­ner auf dem roten Tep­pich auf­fal­len – so wie hier MET-Chef­di­ri­gent Yan­nick Nézet-Ségu­in. Ein Hin­gu­cker auf Insta­gram!

WANN HÖRT DAS ENDLICH AUF?  

Anfang letz­ter Woche ver­kün­de­te MET-Inten­dant Peter Gelb noch: „War­um ich an der Sei­te von Dom­in­go ste­he.“ Doch die Woche wur­de tur­bu­lent: Pláci­do Dom­in­go erschien zwar zu den Mac­beth-Pro­ben mit Anna Netreb­ko, und die drück­te ihm ihre Soli­da­ri­tät aus (eben­so wie Olga Boro­di­na: „Lie­ber Pláci­do! Die Welt wird ver­rückt!“). Aber Pro­test kam die­ses Mal (wir haben berich­tet) aus dem Opern­chor. Schließ­lich fand man in New York eine Lösung, die Beob­ach­ter nun auch für Los Ange­les erwar­ten: Dom­in­go sel­ber hat sei­nen Auf­tritt und alle wei­te­ren Vor­stel­lun­gen an der MET abge­sagt, die Vor­wür­fe aber erneut zurück­ge­wie­sen. Aus der MET hat der­weil jemand den inof­fi­zi­el­len Abschied Dom­in­gos auf You­Tube gestellt: einen Mit­schnitt sei­ner Mac­beth-Pro­be

Wer dach­te, dass es das nun war, hat sich aller­dings geirrt. Mit­ten im Dom­in­go-Hick-Hack berich­te­te das bri­ti­sche Bou­le­vard­blatt Sun, dass der ita­lie­ni­sche Tenor Vit­to­rio Gri­gò­lo von einem Japan-Gast­spiel des Opern­hau­ses Covent Gar­den sus­pen­diert wur­de. Gri­gò­lo soll eine Chor­sän­ge­rin auf offe­ner Büh­ne unsitt­lich berührt haben. Absurd, dass Gri­gò­lo sich vor eini­ger Zeit in einem Inter­view noch spa­ßes­hal­ber als sex­süch­tig beschrieb, und aus den aktu­el­len Debat­ten offen­sicht­lich nichts gelernt hat. Auf sei­nem Insta­gram-Account dank­te er noch eini­ge Tage lang dem Publi­kum in Tokio. Erst viel spä­ter erklär­te er, dass er ledig­lich den als Kos­tüm umge­bun­de­nen, schwan­ge­ren Bauch einer Chor­sän­ge­rin berührt habe. Die­ses Mal reagier­te aber Peter Gelb im fer­nen Ame­ri­ka sofort und gab bekannt, dass Gri­gò­lo nicht län­ger an der MET auf­tre­ten wer­de – bis die Unter­su­chun­gen in Lon­don abge­schlos­sen sei­en. Kein Wun­der, dass Gelb mit die­sem Hin und Her, das bereits mit der still­schwei­gen­den Eini­gung mit James Levi­ne begon­nen hat­te, nun sel­ber unter Beschuss steht. Aber was ist eigent­lich mit Dani­el Baren­bo­im und den Neu­ig­kei­ten der letz­ten Woche, mit der Aus­sa­ge einer Mit­ar­bei­te­rin, die erklär­te, wie der Diri­gent sie geschüt­telt und beschimpft habe? – Ach ja: Baren­bo­im wur­de mit dem Kon­rad-Ade­nau­er-Preis der Stadt Köln aus­ge­zeich­net. Das alles ver­ste­he, wer wol­le!

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Sharon Kams Debütalbum bei ORFEO

Die gefei­er­te Kla­ri­net­tis­tin Sharon Kam prä­sen­tiert gemein­sam mit ihrem Bru­der Ori Kam und dem Pia­nis­ten Matan Porat ein kon­trast­rei­ches Pro­gramm mit Bar­tók, Schu­mann, Mozart, Brahms und Recht­mann.

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ECHTE STIMM-EROTIK

Wie schön ist bei all die­sen Nach­rich­ten die Erkennt­nis, dass man als Sän­ger die Hän­de eigent­lich voll­kom­men bei sich las­sen kann, da die Stim­me min­des­tens so berüh­rend sein kann! So jeden­falls steht es im sehr lesens­wer­ten Text über die Macht der Stim­me von Andrea Köh­ler in der NZZ: „Denn die Ero­tik der Stim­me ist immer auch an ihre Mate­ria­li­tät gebun­den. Selbst wenn sie wie etwa beim Tele­fo­nie­ren vom Kör­per abge­löst scheint, haf­tet ihr etwas Phy­si­sches an: Wir hören den Atem des andern direkt am Ohr. Die gelieb­te Stim­me im Tele­fon­hö­rer – das war vor der Kar­rie­re des Sex­ting noch der Inbe­griff von ero­ti­scher Inti­mi­tät.

MEHR FRAUEN, BITTE!

Kom­mu­na­le Opern­häu­ser sind in ihrer jet­zi­gen Form nicht zukunfts­fä­hig – und benach­tei­li­gen weib­li­che Kom­po­nis­tin­nen. Das war das Ergeb­nis einer WDR 3-Dis­kus­si­on in der Oper Wup­per­tal. Nun ist die Ver­an­stal­tung mit Anna Cher­no­mor­dik, Muchtar Al Ghu­sain, Nele Freu­den­ber­ger, Ele­na Men­do­za, Moritz Eggert und Bert­hold Schnei­der nach­zu­hö­ren. Eggert glaubt, dass die Frau­en­fra­ge bereits offe­ner wäre, wenn mehr Neue Musik gespielt wer­de, und auch sei­ne Kol­le­gin Ele­na Men­do­za plä­diert für eine Quo­te für Urauf­füh­run­gen.

WAS WAR

Wag­ners „Ring“ in Min­den – ein gro­ßer Erfolg im klei­nen Haus

CLEVELAND ORCHESTRA RECHNET AB

Das Cleve­land Orches­tra von Franz Wel­ser-Möst hat nach­rech­nen las­sen – viel­leicht auch, weil die Kul­tur im Trump-Land nicht mehr als gesell­schaft­li­che Grö­ße geläu­fig ist. Doch eine Wirt­schafts-Fir­ma hat vor­ge­rech­net, dass allein wegen des Orches­ters 135,4 Mil­lio­nen Dol­lar im Nord­os­ten von Ohio umge­setzt wer­den – ganz abge­se­hen davon, dass 1.292 Jobs um das Orches­ter her­um ent­stan­den sind, Ein­kom­men von über 60,8 Mil­lio­nen Dol­lar jähr­lich, die beson­ders in der Hotel‑, Restau­rant- und Rei­se-Bran­che erwirt­schaf­tet wer­den. Ich fin­de, wir brau­chen viel mehr die­ser Rech­nun­gen!    

GUNDULA JANOWITZ ERHÄLT HUGO-WOLF-MEDAILLE

Die ach­te Preis­trä­ge­rin der Hugo-Wolf-Medail­le steht fest. Es ist die öster­rei­chi­sche Stimm-Legen­de Gun­du­la Jano­witz. Die Ver­lei­hung fin­det am Sonn­tag, den 6. Okto­ber, um 11:00 Uhr in der Stutt­gar­ter Oper statt. Dabei tre­ten Julia­ne Ban­se (Sopran), Ben­ja­min Appl (Bari­ton) sowie der Trä­ger der Hugo-Wolf-Medail­le 2017, Wolf­ram Rie­ger, am Kla­vier auf.

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Exklusive Musikreisen mit ZEIT – Immer mit Musikexperten an Ihrer Seite

Hier fin­den Sie alle Rei­sen zu den schöns­ten natio­na­len und inter­na­tio­na­len Opern­häu­sern.

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AUF UNSEREN BÜHNEN

Das Thea­ter Hof hat Phil­ip Glass‘ Oper In der Straf­ko­lo­nie auf­ge­führt – und die nmz ist begeis­tert: „Ver­stö­rungs­po­ten­zi­al ent­hält die­se Arbeit des Regis­seurs Lothar Krau­se und des Diri­gen­ten Cle­mens Mohr reich­lich: Die Posi­tio­nen des sei­ne Impul­se zum affek­ti­ven Ein­grei­fen unter­drü­cken­den Besu­cher aus Euro­pa, des sich selbst den Tor­tu­ren der Tötungs­ma­schi­ne aus­lie­fern­den Offi­ziers und des hier nicht stum­men über­le­ben­den Ver­ur­teil­ten wer­den in schlich­ter Kon­kret­heit sinn­fäl­lig.“ +++ Min­den spielt den kom­plet­ten Ring des Nibe­lun­gen  – und Josef Oehr­lein fragt in der FAZ, was auch wir schon beim gran­dio­sen Olden­bur­ger Ring gefragt haben: „Geht das?“ Sei­ne Ant­wort fällt klar aus: „Der Regis­seur Gerd Heinz hat die schwie­ri­gen räum­li­chen Ver­hält­nis­se als Chan­ce begrif­fen, beson­ders tief in das Inne­re der ein­zel­nen Wer­ke der Tetra­lo­gie vor­zu­drin­gen.“ +++ Wag­ner gab es auch in Köln: Patrick Kin­month zei­ge Tris­tan und Isol­de „als Par­al­lel­ak­ti­on. Der treue Gesand­te König Mar­kes und die dem König gewalt­sam bestimm­te Braut kreu­zen gemein­sam die Iri­sche See, aber ihre Lebens­schick­sals­li­ni­en wer­den sich erst im Unend­li­chen schnei­den“, schreibt Patrick Bahn­ers und ist eher fas­zi­niert von François-Xavier Roths Diri­gat.  +++ An die­ser Stel­le haben wir schon öfter auf die Debat­te hin­ge­wie­sen, was klas­si­sche Musik gegen den Kli­ma­wan­del tun kann – nun stellt auch der European Music Coun­cil die­se Fra­ge.   

PERSONALIEN DER WOCHE

Der Jazz-Kla­ri­net­tist Rolf Kühn ist 90 Jah­re alt gewor­den – im Tages­spie­gel gra­tu­liert ihm Gre­gor Dotzau­er. +++ Der „Hüter der Wie­ner Musi­zier­tra­di­ti­on“, Paul Badu­ra-Sko­da, ist im Alter von 91 Jah­ren in Wien gestor­ben – die Pres­se ruft ihm nach. +++ Inter­views gibt Mar­tha Arge­rich eigent­lich nie – und auch das, was Hans Jörg Jans zu Papier gebracht hat, ist kein Inter­view im klas­si­schen Sin­ne – aber der lesens­wer­te Bericht sei­nes Aus­tau­sches mit die­ser Aus­nahmepia­nis­tin. 

WAS LOHNT

Am 17. Okto­ber in der CRE­SCEN­DO-Redak­ti­on: Ver­nis­sa­ge mit Rafa­el Schöler­mann

Was lohnt, fin­det die­ses Mal am 17. Okto­ber um 19:00 in den Räu­men von CRESCENDO statt – wir laden zum After-Work-Apé­ro mit den Bil­dern von Rafa­el Schöler­mann. Sie wol­len dabei sein? Dann mel­den Sie sich ein­fach hier an. Schöler­mann stammt aus der kana­di­schen Künst­ler­fa­mi­lie de Grand­mai­son, sein Groß­va­ter Nicho­las war ein bekann­ter Por­trät­ma­ler. Schöler­mann stu­dier­te zunächst Musik und arbei­te­te als frei­schaf­fen­der Musi­ker und Kom­po­nist. In sei­ner Serie „Water­works“ zeigt er Foto­gra­fi­en, bei denen die Rea­li­tät der Aus­lö­ser für die Bild­fin­dung ist. Indem er mit der tra­di­tio­nel­len Erwar­tung an Foto­gra­fie, der Abbild­treue, bricht, öff­nen sich Frei­räu­me für eine male­ri­sche Auf­fas­sung.

In die­sem Sin­ne, hal­ten Sie die Ohren steif

Ihr

Axel Brüg­ge­mann

brueggemann@crescendo.de

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Axel Brüggemann
Axel Brüggemann glaubt, dass Musik das Leben verändern kann. Darüber hat er zunächst bei der WELT am SONNTAG geschrieben, bei der er auch Textchef war. Später schrieb er für die FAS und die Jüdische Allgemeine. Heute ist der ehemalige crescendo-Chefredakteur hauptsächlich fürs Fernsehen tätig: für arte, ZDF und SKY. Für seine Bayreuth-Moderationen wurde er für den Grimme-Preis nominiert. Brüggemanns Dokumentarfilme suchen stets nach dem Zusammenhang von Musik und Mensch.

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