BağlamaWie aus Tausendundeiner Nacht

Bağlama

In einem Studio in Berlin Kreuzberg arbeitet Taner Akyol. Auf seinem Schoß ruht eine Bağlama, die typische anatolische Langhalslaute. Taner Akyol ist nicht nur einer der besten Bağlamaspieler, sondern auch mehrfach ausgezeichneter Komponist, dessen Kinderoper Ali Baba und die vierzig Räuber 2012 mit großem Erfolg an der Komischen Oper Berlin uraufgeführt wurde. 2017 spielte er in der Berliner Philharmonie mit seinem Trio zusammen mit dem legendären türkischen Pianisten Fazıl Say, der mit der Sängerin Serenad Bağcan seine Vertonungen türkischer Gedichte aufführte. Der Klang von Taner Akyols Instrument evoziert unvermeidlich orientalische Bilder aus Tausendundeiner Nacht. Dabei ist die Bağlama das wichtigste Begleitinstrument in der klassischen Musik des osmanischen Hofes und der türkischen und zentralasiatischen Volksmusik von Anatolien über Armenien und Aserbaidschan bis in den Iran.

Für die Turkvölker, deren identitätsstiftende Traditionen mündlich überliefert und weitergegeben werden, ist die Bağlama vom Begleitinstrument, zu dem die traditionellen Geschichten und Gedichte gesungen werden, selbst zum Symbol für ihre Identität geworden. Der Klang der Bağlama ist im gesellschaftlichen Leben vieler Menschen bis heute präsent. Vor allem für die Aleviten, bei denen die Feier des Gottesdienstes nicht in der Moschee, sondern im Kreis der Familie vollzogen wird, ist die Bağlama als zentrales Element des Gottesdienstes und anderer Rituale selbst Teil der Familie. In Taner Akyols Studio hängt ein fast lebensgroßes Foto zweier Männer aus dem Jahr 1938. Sie halten sich an der Hand, Vater und Sohn. Kurz nach der Aufnahme verschwanden sie im Massaker von Dersim, getötet oder vertrieben. Solche Geschichten gibt es in vielen alevitischen Familien, und sie werden durch die traditionellen Lieder lebendig gehalten. Gerade in Deutschland, dem wichtigsten Exilland für viele Anatolier, hat deren Volksmusik eine besondere Aktualität. Der Klang der Bağlama steht somit auch für eine Parallelkultur. Viele Aleviten anatolischer Abstammung, die in Deutschland aufgewachsen sind, haben die Heimat und Kultur ihrer Eltern und Großeltern aus den alten Liedern kennengelernt.

Wie bei vielen Volksmusiken gibt es auch für die Volksmusik der Turkvölker so gut wie keine schriftlichen Quellen. Erst in den letzten 30 bis 40 Jahren haben einige Musiker und Wissenschaftler begonnen, die Lieder aufzuschreiben und dazu Notationen entwickelt, die die Besonderheiten der Musik und der Spielweise der Bağlama wiedergeben und auch für Musiker nachvollziehbar machen, die nicht mit dieser Musiktradition vertraut sind.

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Bağlama
Foto: Taner Akyol

Die Bağlama ist die mittelgroße einer Gruppe 
von als Saz bezeichneten Langhalslauten, 
die vom Balkan bis nach Afghanistan verbreitet 
sind, insbesondere in der Türkei und in 
der armenischen, iranischen, kurdischen, 
aserbaidschanischen und afghanischen Musik. 
Die Bağlama hat sechs bis sieben Saiten, 
die in drei „Chöre“ zusammengefasst sind.

Die Lieder stammen von sogenannten Âşık, die je nach sozialer Lage verschiedene Aufgaben haben. Sie fungieren als Bewahrer und Übermittler der Tradition, Unterhalter und politische oder religiöse Führer. In der Ausübung all dieser Funktionen ist der Klang der Bağlama gegenwärtig, was dem Instrument eine Reihe von Beinamen eingebracht hat: Weggefährte, Waffe, Koran mit Saiten. Die Wichtigkeit des Instruments zeigt sich besonders in seiner Bezeichnung als Saz, was im Persischen einfach Instrument bedeutet. In der alevitischen Denkweise enthält Musik viele Elemente aus der Zahlenmystik und der religiösen Symbolik. Das zeigt sich zum einen in der Anzahl der Saiten: Viele Bağlama sind mit drei Chören zu je vier Saiten bespannt, ein Symbol für die zwölf Nachfahren des Propheten Ali, der wichtigsten religiösen Autorität der Schiiten und Aleviten. Die Symbolik reicht so weit, dass die Bağlama den Propheten Ali selbst verkörpert, wobei der Resonanzkörper ihn selbst und der Hals sein Schwert darstellt. Bereits in vorislamischer Zeit war die Kopuz, der Vorläufer der Bağlama, ein herausragendes Instrument der Turkvölker. Vorläufer der Kopuz verbreiteten sich im vierten Jahrhundert vor Christus aus dem damaligen Turkestan über China in weitere von Turkvölkern besiedelte Gebiete. Aus diesem Instrument, das einen Korpus aus Leder hatte, mit Darmsaiten bespannt war und ohne Bünde gespielt wurde, entwickelte sich im 17. Jahrhundert die Bağlama. Der Name, der „gebunden“ bedeutet, leitet sich wahrscheinlich davon ab, dass das Instrument mit der Einführung von Stahlsaiten und einem Holzkorpus auch mit durch Angelschnur befestigten Bünden versehen wurde. Die Bağlama besteht aus einem halbbirnenförmigen Korpus, einem langen Hals und dem Wirbelkasten. Sie wird in verschiedenen Größen hergestellt, die jeweils einen eigenen Namen haben: die kleine Cura, die Standardform Bağlama und die große Meydan Sazı. In neuerer Zeit werden auch Bassbağlamas gebaut, um Ensemblemusik nach westlichem Vorbild spielen zu können. Die Bağlama ist meistens mit dreichörigen Stahlsaiten bezogen. Die Anzahl der Saiten variiert dabei je nach Stimmung und Größe des Instruments. Sie wird entweder mit einem Plektrum gespielt oder mit den Fingern nach der Şelpe-Spielweise gezupft.

Der besondere Klangcharakter des Instruments und der damit gespielten Musik kommt neben der Bauart und Spielweise der Bağlama vor allem von den besonderen Tonskalen, auf denen diese Musik beruht. Die zur Verfügung stehenden Intervalle dieser Skalen sind feiner unterteilt als das Tonmaterial der westlichen Musik, sie entsprechen ungefähr Vierteltönen. Die klassische osmanische Kunstmusik, die an den Höfen entstand, kennt 600 dieser sogenannten Maqam-Skalen. In der Volksmusik kommen nur sechs solcher Skalen zum Einsatz.

Heute nimmt sich eine Generation jüngerer Komponisten, teilweise türkischstämmig, aber auch immer mehr westliche, der Bağlama an und komponiert für dieses Instrument. Die Bedingung eines Kompositionswettbewerbs, der 2008 von der Zeitgenössischen Musikstiftung Brandenburg ausgeschrieben wurde, war die Verwendung der Bağlama als Soloinstrument. Seit 2015 ist eine Teilnahme bei „Jugend musiziert“ mit diesem Instrument möglich, und seit 2016 gibt es die Möglichkeit zum Studium der Bağlama als Hauptinstrument für Lehramt an der Universität der Künste Berlin.

Alexander Rapp
Er ist ein Multitalent. Im ersten Werdegang Physiker, spielt Alexander Rapp leidenschaftlich gerne Blockflöte, fotografiert, filmt, schreibt und pendelt dafür zwischen München, Berlin und Rotterdam. Berufsbegleitend schloss er sein Musikwissenschaftsstudium ab.

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