Dr. Goeths Kuriosa An die „Unsterbliche Geliebte“

Ludwig van Beethoven: das große Mysterium

Viel­leicht nur ein ein­zi­ges Mal war Beet­ho­ven der gro­ßen Lie­be nahe, was sein Brief an die „Unsterb­li­che Gelieb­te“ belegt. Wer aber war sie (oder er)? War­um wur­de der Brief im Geheim­fach von Beet­ho­vens Klei­der­schrank gefun­den? Wur­de er abge­schickt? War es ein Ent­wurf? Bis heu­te rau­fen sich For­scher die Haa­re, sam­meln akri­bisch Indi­zi­en. Nur um den Brief zu datie­ren, wur­den mas­sen­wei­se Wet­ter­da­ten aus­ge­wer­tet: Der beschrie­be­ne Fahr­zeug­scha­den deu­tet auf Schlecht­wet­ter hin. Dank des Tage­buchs von Johann Wolf­gang von Goe­the lässt sich sol­ches für den frag­wür­di­gen Tag im Jahr 1812 nach­wei­sen.

Eine Was­ser­zei­chen­ana­ly­se des Papiers bestä­tigt das. Min­des­tens 13 Adres­sa­tin­nen und Adres­sa­ten für Beet­ho­vens gro­ße Lei­den­schaft wur­den dis­ku­tiert, dar­un­ter die unga­ri­sche Grä­fin Jose­phi­ne von Bruns­vik und Anto­nie Bren­ta­no, Schwä­ge­rin von Cle­mens Bren­ta­no und Bet­ti­na von Arnim. Für wen auch immer der Brief bestimmt war: Beet­ho­ven blieb bis zu sei­nem Tode Jung­ge­sel­le.

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Mein Engel, mein Alles, mein Ich!
Nur eini­ge Wor­te heu­te. (…) Erst bis mor­gen ist mei­ne Woh­nung sicher bestimmt: wel­cher nichts­wür­di­ge Zeit­ver­derb in der­glei­chen! War­um die­ser tie­fe Gram, wo die Not­wen­dig­keit spricht? – Kann Lie­be anders bestehn als durch Auf­op­fe­run­gen, durch Nicht-alles-ver­lan­gen? Kannst Du es ändern, dass Du nicht ganz mein, ich nicht ganz Dein bin? (…) Die Lie­be for­dert alles und ganz mit Recht; so ist es mir mit Dir, Dir mit mir – Nur ver­gisst Du so leicht, dass ich für mich und für Dich leben muss – Wären wir ganz ver­ei­nigt, Du wür­dest dies Schmerz­li­che eben­so wenig als ich emp­fin­den. –

Mei­ne Rei­se war schreck­lich – ich kam erst mor­gens vier Uhr ges­tern hier an. Da es an Pfer­den man­gel­te, wähl­te die Post eine ande­re Rei­se­rou­te, aber welch schreck­li­cher Weg! Auf der vor­letz­ten Sta­ti­on warn­te man mich, bei Nacht zu fah­ren, mach­te mich einen Wald fürch­ten, aber das reiz­te mich nur – und ich hat­te unrecht. Der Wagen muss­te bei dem schreck­li­chen Wege bre­chen, grund­los, blo­ßer Land­weg. Ohne vier sol­cher Pos­til­lio­ne, wie ich hat­te, wäre ich lie­gen geblie­ben unter­wegs. Ester­házy hat­te auf dem andern gewöhn­li­chen Wege hier­hin das­sel­be Schick­sal mit acht Pfer­den, was ich mit vier. – Jedoch hat­te ich zum Teil wie­der Ver­gnü­gen; wie immer, wenn ich was glück­lich über­ste­he. – Nun geschwind zum Innern vom Äußern! Wir wer­den uns wohl bald sehen. Auch heu­te kann ich Dir mei­ne Bemer­kun­gen nicht mit­tei­len, wel­che ich wäh­rend die­ser eini­gen Tage über mein Leben mach­te. – Wären uns­re Her­zen immer dicht anein­an­der, ich mach­te wohl kei­ne der­glei­chen. Die Brust ist voll, Dir viel zu sagen. – Ach, es gibt Momen­te, wo ich fin­de, dass die Spra­che noch gar nichts ist. – Erhei­te­re Dich – blei­be mein treu­er, ein­zi­ger Schatz, mein Alles wie ich Dir. Das Übri­ge müs­sen die Göt­ter schi­cken, was für uns sein muss und sein soll.
Dein treu­er Lud­wig

6. Juli (ver­mut­lich des Jah­res 1812 in Bad Teplitz)

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Maria Goeth
Sie ist eine "eierlegende Wollmilchsau" des Opern- und Konzertbetriebs: Maria Goeth wirkte als Dramaturgin, Regisseurin und Kuratorin, aber auch als Moderatorin, Gastspielleiterin und Inspizientin. Festanstellungen führten sie u.a. ins Orchestermanagement der Bayerischen Staatsoper, als Konzertdramaturgin ans Theater Heidelberg und ins Projektmanagement von „Jugend musiziert“. Darüber hinaus übernimmt die promovierte Musikwissenschaftlerin immer wieder Lehraufträge an der LMU München. Seit 2016 arbeitet Maria Goeth bei CRESCENDO, seit 2017 ist sie Leitende Redakteurin.

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