Axel Brüggemann über „visual casting“ Wie schön muss Mimi sein?

Unser Leser Stefan Kaminski hat uns auf eine Debatte aufmerksam gemacht, die derzeit in den USA ausgefochten wird: es geht um das „visual casting“. Anlass war die Stellenausschreibung einer amerikanischen Bühne. Dort suchte man „altersgerechte und attraktive Sänger, die für die kommende Operninszenierung vorsingen wollen.“ Die öffentliche Debatte war gigantisch: Können, dürfen und sollen Opernhäuser ihre Rollen auch nach Aussehen besetzen? Oder fällt eine Ausschreibung wie diese bereits unter „Diskriminierung“?

Nun, eigentlich muss man über derartige Dinge gar nicht lange streiten, oder? Ich erinnere mich an ein Gespräch, das ich mit Thomas Quasthoff geführt habe, als er die Rolle des Amfortas an der Wiener Staatsoper angenommen hatte. „Das Tolle an der Stimme“, erklärte er mir damals, „ist, dass sie wie eine Verkleidung wirken kann, dass sie im Wahrheit zum Körper wird, dass sie den Charakter, der da gesungen wird, bestimmt.“ Damals überlegte Quasthoff sogar, ob er nicht auch den Don Giovanni singen sollte. Ich finde, dass diese Erklärung eigentlich alle Antworten gibt. Schließlich ist die Kunst der Oper ein andauerndes Vexierspiel zwischen Auge und Ohr. Eine Kunst, in der Wahrhaftigkeit nicht durch das entsteht, was wir sehen oder hören – sondern durch jenem Zauber, der passiert, wenn unsere Phantasie, unser Unterbewusstsein und unsere Wahrnehmung die Absurdität dieser Kunst zu ordnen beginnen.

„Die Kunst der Oper ein andauerndes Vexierspiel zwischen Auge und Ohr“

Denn, mit Verlaub: die Lüge und das Unechte ist der Oper per se eingeschrieben. Allein, dass da Menschen auf der Bühne stehen und singen, ist vom ersten Ton an ein Bekenntnis, dass es im Theater nicht um das geht, was wir Wirklichkeit nennen, sondern um ihre Erhöhung, um die Erkenntnisse jenseits der Oberflächen. Das Gleiche gilt für mich auch für Sänger: Niemanden stört, dass ein französischer Komponist eine angeblich spanische Oper geschrieben hat, deren Titelrolle von einer russischen Mezzosopranistin interpretiert wird. Am Abend ist sie Carmen! Punkt. Ja, und wenn ein „Rosenkavalier“ gut gemacht ist, besteht kein Zweifel daran, dass Octavian ein stürmischer Jungspund ist und keine Frau in Hosen. Abgesehen davon: Wer Luciano Pavarotti abspricht, ein glaubhafter Cavaradossi gewesen zu sein, wer Montserrat Caballé die Margarethe nicht abgenommen hat – der muss den Fehler begangen haben, Oper nur zu sehen, statt sie zu hören.

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Als Europäer schmunzeln wir vielleicht über die Debatte, wie sie in den USA geführt wird. Und dennoch: Auch wir sind natürlich, wenn wir ehrlich sind, nicht wirklich weit entfernt davon, Musik mit den Augen zu hören: Wir mögen öffentlich die Nase über das „visual casting“ rümpfen, aber der Klassik-Markt spricht eine andere Sprache: Wir akzeptieren den Hochglanz auf CD-Covern, bewerten die Fernsehtauglichkeit von Sängerinnen und Sängern, ja auch von Instrumentalisten, nach ihrem Aussehen. Und, mit Verlaub – manchmal wird einem schlecht, wenn man Kritiken über den „schönsten Tenor aller Zeiten“ und seine “phantastischen Locken” liest, wenn man in den Buchstaben einer Opernkritikerin ihre Erregung mitliest, die sie allein beim Anblick von Jonas Kaufmann hat, oder wenn, wie früher bei Anna Netrebko, von der „schönen Anna“ geschrieben wurde, die da gerade Mozart gesungen hat. Heute ist Anna Netrebko Mutter, 10 Jahre älter – und: singt noch besser! Aber natürlich gibt es „visual casting“ längst auch an europäischen Opernhäusern – sie sind nur  nicht so doof, ihre Rollen mit diesem Anspruch auszuschreiben. Aber es ist nicht selten, dass Opernregisseure denken wie Hollywood-Filmemacher und sich nicht vorstellen können, dass Melissa McCarthy und nicht Kate Winslet die Rose in „Titanic“ spielen könnte. Und wenn wir ganz, ganz ehrlich sind, fällt uns das nun auch ein bisschen schwer.

„In Wahrheit lebt der Klassikmarkt längst vom Auge“

In Wahrheit lebt der Klassikmarkt längst vom Auge. Regisseure, Intendanten, CD-Produzenten und Fernsehsender glauben nicht mehr an die wundervolle Kunst des Ohres, den Körper durch Klänge zu verändern. Es gibt genügend Beispiele dafür, dass auch große Klassik-Stars sich dem heimlichen Gesetz längst unterwerfen: Etwa die Sängerin Deborah Voigt, die sich den Magen verkleinern ließ, aber auch zahlreiche Sängerinnen und Sänger, deren Photoshop-PR-Fotos nichts, aber auch gar nichts mit ihrem realen Aussehen mehr zu tun haben. Und vielleicht ist es genau das, was aus dieser Nicht-Debatte am Ende eben doch eine Diskussion macht. Niemand, der je eine Oper gehört hat, zweifelt daran, dass das Aussehen der Protagonisten zweitranging ist – aber der Markt scheint dem Einverständnis zu widersprechen. Er glaubt, dass die Oper erfolgreicher ist, wenn sie auf Hochglanz macht, wenn man von „Traumpaaren der Oper“ schreiben kann, wenn Tenöre wie Boy-Group-Sänger beschrieben werden und Klassik-Stars zu Pin-Ups werden. Da ist der Pop schon wieder weiter als wir Klassik-Fuzzis. Beth Ditto oder Adele sind trotz einiger Kilos Weltstars!

Um so wichtiger, dass gerade Opernhäuser diesen medialen Hype nicht als Bestandsaufnahme des Publikumswunsches verstehen. Am Ende ist der dicke Tenor mit genialer Stimme immer der schönere Don José als der Body-Builder ohne hohes C. Wenn beides zusammenkommt (und das ist heute nicht selten der Fall): um so besser – aber nicht der Rede Wert.

Axel Brüggemann
Axel Brüggemann glaubt, dass Musik das Leben verändern kann. Darüber hat er zunächst bei der WELT am SONNTAG geschrieben, bei der er auch Textchef war. Später schrieb er für die FAS und die Jüdische Allgemeine. Heute ist der ehemalige crescendo-Chefredakteur hauptsächlich fürs Fernsehen tätig: für arte, ZDF und SKY. Für seine Bayreuth-Moderationen wurde er für den Grimme-Preis nominiert. Brüggemanns Dokumentarfilme suchen stets nach dem Zusammenhang von Musik und Mensch.

1 Kommentar

  1. Lieber Herr Brüggemann,
    Sie sprechen mir aus der Seele und ich gehe sogar einen Schritt weiter und behaupte, auch jeder Instrumentalist wird heutzutage unter der Schönheitslupe angeschaut. Da werden die Kleider kürzer, die Haare gegelter und die Anzüge noch akkurater. Da ist es wichtig, die richtige Pose einzunehmen, Mimik und Gestik etwa der Pianisten werden immer affektierter und exaltierter. Da wird lieber über den jugendlichen Charme eines David Garretts sinniert als über die Frage, ob er in der Lage ist, ein klassisches, anspruchsvolles Werk mit dem entsprechend langen Atem und geistiger Durchdringung zu spielen, und in ihm wird eine Art Messias der Klassik gesehen, der es schaffen wird, “die Jugend” für Klassik zu begeistern.
    Lang Lang hat lange gebraucht und schafft es immer noch nicht so ganz, sich vom Image des virtuosesten Virtuosen zu befreien und entsprechend vermarktet zu werden.
    Dies zeigt sich auch an der sich wandelnden Plattencovergestaltung. Stand früher ganz groß Beethoven drauf, war ein neutrales Bild zu sehen und unten klein das Orchester oder der Instrumentalist, blicken heute die Interpreten den Käufer an, der Interpretenname steht groß auf dem Cover, nach dem Komponisten schaut man manchmal vergeblich (ich sage nur: “Best of CD’s”. Die Komponisten findet man auf der Rückseite).
    [Sänger standen diesbezüglich auch im 18. und 19. Jahrhundert unter besonderer Beobachtung, war der Körper, die Ausstrahlung und das Aussehen Gegenstand zahlreicher Diskussionen (wobei das Schönheitsideal des 19. Jahrhunderts ein anderes war als heutzutage), vor allem Frauen – wie bis heute auch. Nur traten die Sänger und v.a. die Sängerinnen früher von der Bühne ab und wollten nicht noch mit 100 den jugendlichen Danilo geben.]

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